Remus John Lupin ist sechs Jahre alt.

Remus grinste schon als er aufwachte.

Er musste nicht einmal auf seinen Kalender an der Wand gegenüber gucken, denn er wusste, dass heute der Tag war, den seine Mutter schon vor Wochen rot markiert hatte.

Heute war der 10. März – sein sechster Geburtstag!

Voller Vorfreude sprang er aus dem Bett und blickte aus dem Fenster.

Draußen herrschte strahlender Sonnenschein und kein einziges Wölkchen war am Himmel zu sehen.

Der perfekte Tag!

Noch im Schlafanzug rannte er polternd die Treppe hinunter.

„Mum! MUM", rief er aufgeregt, als er schlitternd in ihrer kleinen Küche zum stehen kam.

Wie immer war seine Mutter gerade dabei Frühstück zu machen.

Heute duftete es verdächtig nach… Pfannkuchen!

Er strahlte über das ganze Gesicht.

Seine Mutter wandte sich zu ihm um und lächelte ihn an.

„Guten Morgen, Geburtstagskind."

Sie drückte ihn fest an sich.

„Alles Gute zum Geburtstag, mein Liebling."

„Danke, Mum."

Er beugte sich vor und fragte – obwohl er die Antwort schon längst kannte: „Machst du Pfannkuchen zum Frühstück?"

Sie nickte und wandte sich wieder der Pfanne zu.

„Natürlich. Wie jedes Jahr, Liebling. Warum setzt du dich nicht schon an den Küchentisch, ja?"

Er ließ sich auf seinen Platz fallen und griff dann nach der Tasse Kakao, die seine Mutter schon für ihn bereit gestellt hatte.

Suchend sah er sich um.

„Ist Dad schon arbeiten", fragte er enttäuscht.

„Ja, aber er versucht heute Abend früher nach Hause zu kommen."

Remus nickte und versuchte seine Niedergeschlagenheit zu verbergen.

Sein Vater war dauernd arbeiten (so kam es ihm zumindest vor).

Er arbeitete im Zaubereiministerium und Remus wusste, dass das ein wirklich wichtiger Job war und dass (wie seine Mutter so oft sagte) sie das Geld dringend nötig hatten, aber trotzdem… trotzdem hätte er es doch gern gehabt, wenn sein Dad öfter zuhause gewesen wäre – besonders zu seinem Geburtstag.

Seine Mutter reichte ihm einen Teller mit dampfenden Pfannkuchen und strich ihm übers Haar.

„Sei nicht traurig, Remus. Wir zwei werden den Weltbesten Geburtstag verbringen, nicht wahr?"

Er lächelte zu seiner Mutter auf, nickte aber nur.

Sie goss ihm Sirup über die Pfannkuchen.

„Wir könnten in den Garten gehen oder schwimmen, was immer du willst, Liebling", schlug sie vor. „Heute ist schließlich dein Tag."

„Können wir Dad bei der Arbeit besuchen", fragte er bettelnd. „Bitte!"

Sie zögerte, doch dann nickte sie schließlich und versprach: „Sobald du dich angezogen hast."

Dafür, dass seine Mutter nicht zaubern konnte, war sie ziemlich cool, dachte Remus.

Und sie machte die Weltbesten Pfannkuchen!

„Soll ich sie für dich schneiden?"

Seine Mutter deutete auf den Teller vor ihm und wollte schon nach dem Messer greifen als Remus das Gesicht verzog.

„Mu-um! Ich kann das doch selber!"

Sie lachte.

„Natürlich, wie dumm von mir. Ich vergas, du bist ja jetzt sechs Jahre alt."

Remus nickte bestätigend.

„Ganz genau."

Umständlich machte er sich also daran seine Pfannkuchen selbst zu schneiden.

Es dauerte natürlich viel länger als wenn seine Mutter es getan hätte und er machte dabei eine viel größere Sauerei, aber trotzdem war er stolz darauf, dass seine Mutter ihn gewähren ließ und ihn nicht noch einmal fragte.

Zufrieden mit den Aussichten für den Tag beeilte Remus sich nach dem Frühstück ausnahmsweise einmal mit dem Anziehen.

Manchmal kletterte er noch einmal zurück ins Bett, um sich in seine kuschelige Decke einzukuscheln und sich ein Buch anzusehen.

Heute war er allerdings so schnell, dass seine Mutter sich noch einmal vergewisserte, ob er sich auch wirklich sein Unterhemd angezogen hatte und die Socken richtig herum waren.

Als ob so etwas wichtig war.

„Komm schon, Mum! Lass uns gehen, lass uns gehen", rief er aufgeregt.

Seine Mutter seufzte und verdrehte lächelnd die Augen.

„Etwas mehr Geduld, Liebling. Ich bin ja schon fertig."

Zu Remus Entzücken fuhren sie mit dem Bus bis in die Innenstadt von London.

Er mochte Bus fahren.

Es war viel lustiger als Apparieren oder flohen.

Beim Flohnetzwerk bekam er manchmal Angst, dass er verloren gehen könnte und beim Seit-an-Seit-Apparieren mit seinem Dad wurde ihm immer ein bisschen schlecht.

Aber Bus fahren war toll. Man konnte allerlei verschiedene Leute beobachten und er fühlte sich ausgesprochen mysteriös dabei, denn all die Menschen im Bus waren Muggel und wussten nicht, dass er ein Zauberer war!

Er hatte ein Geheimnis und keiner dieser Menschen würde es jemals erraten.

Die Leute waren interessant, wenn er sie beobachtete.

Manche winkten ihm ganz freundlich zu, andere wiederum runzelten die Stirn oder wandten sich rasch ab.

Heute saß ihm im Bus gegenüber ein Mädchen mit wunderschönem dunkelroten Haar und als er sie anstarrte, starrte sie einfach zurück, die ganze Zeit über.

Als sie eine Station vor ihm seiner Mum ausstieg grinste sie ihn an und rief „Wiedersehen!"

Verwundert fragte seine Mutter: „Kanntest du das Mädchen?"

Remus schüttelte den Kopf.

„Darf ich auf den Knopf drücken, Mum", fragte er bevor sie noch weitere Fragen stellen konnte.

„Klar, Liebling."

Er sprang auf und drückte mit ausgestrecktem Zeigefinger langsam aber sicher auf den roten Knopf, auf dem das Wort „Stopp" abgebildet war.

Fasziniert sah er wie direkt im Anschluss ein Licht im vorderen Teil des Busses anging, auf dem „Wagen hält" stand.

Fast wie Magie.

Als seine Mutter und er das Ministerium betraten wurde ihm aber wie schon so oft zuvor klar, dass Muggeltechnik einfach nicht an richtig Magie heran reichte.

Begeistert beobachtete er die umherfliegenden Eulen, den riesigen Springbrunnen mit den magischen Figuren und das goldene Funkeln, dass von der Decke, jeder Wand und jedem Gegenstand auszugehen schien.

Zusammen mit einigen wichtig aussehenden Zauberern und Hexen fuhren sie in den vierten Stock des Ministeriums.

Der vierte Stock beherbergte, wie Remus wusste, ohne das große Schild an der Wand zu lesen, die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe.

Das Büro seines Vaters war das dritte auf der rechten Seite, welches mit der Aufschrift Seuchenberatungsbüro versehen war.

„Erst klopfen", ermahnte seine Mutter ihn bevor er einfach unangekündigt durch die Tür stürzen konnte.

„Oh, klar. Sorry, Mum." Der sechsjährige grinste entschuldigend und klopfte schnell.

Ein gemuffeltes „Herein", erklang von drinnen und seine Mutter öffnete die Tür.

„Dad", rief Remus aufgeregt und lief sofort auf den Schreibtisch seines Vaters zu.

Sein Vater drehte sich um und ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht.

Er stand auf und schloss Remus in seine Arme.

„Hey, mein Junge. Alles Gute zum Geburtstag! Wolltest du mich extra besuchen, damit ich deinen Ehrentag nicht vergesse? Oder nur damit du dein Geschenk früher kriegst?"

Remus grinste.

„Mum hat gesagt es wäre okay. Wir sind mit dem Bus gefahren und heute Morgen gab es Pfannkuchen und ich hab sie selbst geschnitten", erzählte er drauflos.

„Na das klingt ja als hätte ich eine Menge verpasst", sagte sein Dad schmunzelnd und gab dann seiner Frau einen Kuss.

„He, John. Ist heute Besuchstag?"

Ein junger Mann kam durch die Tür und lächelte die kleine Familie an.

„Ah gut, das du kommst, Wendell! Hast du die du-weißt-schon-was dabei", fragte Remus Dad den Fremden.

Der Mann, Wendell, nickte.

„Remus, May, dass hier ist Wendell Wilkins, er arbeitet in der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten. Wendell das sind meine Frau Mary-Jane und mein Sohn Remus. Heute ist Remus sechster Geburtstag", erklärte John Wendell verschwörerisch.

Wendell lächelte und kramte in seiner Jackentasche herum bevor er zwei silbern glänzende Karten herauszog.

Bei ihrem Anblick wurden die Augen des Sechsjährigen groß.

„Dann hab ich hier wohl dein Geburtstagsgeschenk, junger Mann", meinte Wendell und reichte Remus die Karten.

Ungläubig starrte Remus auf die Karten, dann blickte er zu seinem Dad auf.

„Dad, dass sind… dass sind…"

Er war zu aufgeregt um es auszusprechen und fing vor Nervosität an zu hüpfen.

„Zwei Karten für die Quidditsch Weltmeisterschaft, das Spiel England gegen Norwegen. Hat dein Vater schon vor Monaten bei mir bestellt", erklärte Wendell und grinste über die Freude des kleinen Jungen.

„Oh WOW", rief Remus begeistert. „Das ist das weltbeste Geschenk! Danke, Dad! Danke, Mum!"

Er umarmte beide und wandte sich an Wendell. „Und ihnen auch vielen Dank, Mr. Wilkins."
Wendell schüttelte den Kopf. „Einen höflichen Jungen hast du John. Viel Spaß beim Spiel, wir sehen uns dann."

Und mit einem Nicken verabschiedete er sich.

Sie blieben noch eine Weile im Büro, bis es Zeit war für John weiter zu arbeiten.

Remus hätte den Tag durchweg in positiver Stimmung behalten (ja ihn vielleicht sogar zum weltbesten Geburtstag überhaupt erklärt), wäre da nicht ein Vorfall am Ende ihres Besuches im Ministerium gewesen…

John begleitete sie in den Flur und bis zum Fahrstuhl um sich von ihnen zu verabschieden.

Während sie auf den Fahrstuhl warteten kam ein Mann aus der nächstliegenden Tür.

Remus musste nicht einmal versuchen das Schild auf der Tür zu lesen, denn so gruselig wie der Mann aus sah, konnte dies nur das Büro zur Registrierung von Werwölfen sein.

Obwohl es überhaupt kein Vollmond war, sah der Mann trotzdem irgendwie… unmenschlich aus.

Er hatte furchtbar viele Haare, überall, und er starrte Remus mit einem Blick an, der ihn Schaudern ließ.

„Lupin", knurrte der Mann. „Schon drüber nach gedacht?"

Johns Miene verhärtete sich und er legte unwillkürlich eine schützende Hand auf das hellbraune Haar seines Sohnes.

„Wir haben darüber geredet, ich habe Nein gesagt und damit basta."

Der Mann zuckte mit seinen Schultern und warf einen weiteren Blick auf den jungen Remus.

„Vielleicht… überlegst du es dir ja noch einmal", und er grinste diabolisch, bevor er sich abwandte und sich von ihnen entfernte.

„War das…", begann May flüsternd, doch John unterbrach sie mit einem Nicken.

Dann setzte er ein Lächeln auf.

„Nun macht euch beiden noch einen schönen Tag. Ich komme sobald ich kann nach Hause. Wieso geht ihr zwei nicht ein Eis essen, ja?"

Remus runzelte die Stirn.

Auch wenn er nicht wusste wer der Mann war oder was er von seinem Dad wollte, so kam es ihm doch seltsam vor.

Neun wundervolle Tage verschwendete Remus keinen einzigen Gedanken mehr an den gruseligen Mann oder das seltsame, in letzter Zeit sehr besorgte Verhalten seines Vaters.

Neun Tage dachte er nur an das bevorstehende Quidditschspiel, an Spielen im Garten und an die Zahlen, die seine Mutter ihm jeden Tag beibrachte (die Buchstaben konnte er schon).

Am neunten Tag nach seinem Geburtstag änderte sich jedoch schlagartig alles – und für Remus John Lupin sollte es nie mehr so sein wie zuvor.