Severus Snape ist acht Jahre alt.

Es war später Nachmittag an einem besonders schönen Sommertag.

Die strahlende Sonne und der allzu blaue Himmel hatten wahrscheinlich jedes Kind aus der Gegend aus dem Haus gelockt – jedes außer Severus Snape.

Severus saß im Schneidersitz auf dem Dachboden des winzigen Hauses in Spinners End in dem er und seine Eltern schon so lange lebten, wie er denken konnte.

Der Dachboden war so klein, dass selbst er nur in der Mitte stehen konnte.

Außerdem war es furchtbar heiß und stickig, doch dem dünnen Jungen machte dies wenig aus.

Auch die vielen Spinnenweben und den dicken Staub, der auf den verschiedenen Truhen und Pappkartons lagerte, ignorierte er geflissentlich.

Das einzige was den Achtjährigen interessierte war ein kleiner Kessel vor ihm in dem eine gefährlich aussehende grüne Masse herum schwamm.

Fasziniert beobachtete er wie kleine Blasen aufstiegen als er die Flüssigkeit zweimal umrührte.

Er zögerte kurz, dann rührte er seiner Intuition folgend in die andere Richtung.

Die Blasen verschwanden.

Vorsichtig, ohne jedoch die Augen von dem Gebräu ab zu wenden, griff er nach einer Flasche mit der Aufschrift „Heiltrank", das er aus dem Versteck seiner Mutter stibitzt hatte.

Er entkorkte sie und gab es dann nach und nach der Flüssigkeit bei.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete befriedigt wie sich der Trank hellblau färbte.

Er griff wieder nach dem Löffel und begann abwechselnd im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn zu rühren.

Je nachdem wie oft er in welche Richtung rührte veränderte sich die Farbe oder die Konsistenz der Flüssigkeit.

Interessant.

Plötzlich wurden Schritte auf der Leiter laut und eine Stimme die rief: „SEVERUS SNAPE! Wenn ich dich schon wieder auf dem Dachboden erwische, dann kannst du was erleben!"

Erschrocken sprang er auf, stieß dabei aber ausgerechnet gegen den Kessel und kippte ihn um.

Er zuckte zusammen als einige Spritzer seinen Fuß trafen, hielt jedoch den Mund.

Das was ihn erwartete war sowieso schon schlimm genug, da musste er es sich mit seiner Mutter nicht auch noch mehr verderben.

Jetzt streckte sich der Kopf einer schwarzhaarigen, missmutig drein blickenden Frau durch die Luke im Dachboden.

Ihr Blick wanderte von ihm zu dem Kessel und der verschütteten Flüssigkeit, die jetzt langsam einen der nahestehenden Kartons durch tränkte.

„Severus", sagte sie gefährlich leise. „Zaubertränke sind KEIN Spielzeug! Komm sofort hier runter!"

Gedemütigt stieg der Junge in den ersten Stock hinunter.

Sobald er neben seiner Mutter stand packte sie ihn fest am Ohr und zerrte ihn hinter sich her nach unten in die Küche.

„Du bist unverbesserlich, Bursche! Wie kannst du es nur wagen meine Sachen zu stehlen", fauchte sie. „Solche Dinge sind wertvoll! Ich dachte du hättest aus dem letzten Mal besser gelernt, junger Mann!"

Severus zuckte nur bei dem Gedanken daran zusammen.

Erst vor einem Monat hatte sie ihn erwischt, wie er versucht hatte einige ihrer Salben zu einer einzigen zusammen zu fügen.

Das hatte eine ganz schöne Explosion gewesen.

Das Gezeter und die Schläge die darauf gefolgt waren klangen ihm noch bis zum heutigen Tage nach.

Mindestens eine Woche hatte er nicht richtig sitzen können.

Er schluckte unwohl.

„Ich wollte ihn nur verbessern", verteidigte er sich schwach.

„VERBESSERN", spuckte seine Mutter verächtlich aus. „Und du glaubst, DU, Severus Snape, ein kleines Halbblut, noch nicht mal in der Schule könnte einen Zaubertrank VERBESSERN?"

Sie waren in der Küche angelangt und zu seinem Glück ließ sie sein mittlerweile pochendes Ohr los – allerdings nur um im Schrank nach einem Schwamm und einem Eimer zu kramen.

„Du wirst dort oben ALLES sauber machen. Ich will nachher kein einzige Staubkörnchen mehr sehen und WAGE es ja nicht auch nur ein Wort davon zu deinem Vater zu sagen."

Als hätte er überhaupt jemals freiwillig etwas zu seinem Vater gesagt, dachte er verärgert.

Das war so unfair!

Er hatte nur helfen wollen, es war doch nicht seine Schuld, dass sie ihn erschreckt hatte.

Sonst wäre der Trank sicher toll geworden, viel besser als dieses Zeug das sie selbst zusammen braute und das sowieso nur die Hälfte der Zeit funktionierte.

Es war gemein, dass er jetzt alles aufwischen und sauber machen sollte.

Sie hätte es mit einem Schlenker ihres Zauberstabes geschafft, aber er würde STUNDEN dafür brauchen, mal davon abgesehen, dass ihm der Trank wahrscheinlich die Haut verätzen würde – wäre er fertig geworden, hätte der Trank genau das Gegenteil bewirken sollen. Heilen, nicht weh tun.

Ungerührte betrachtete seine Mutter seine trotzige Miene und wollte ihm gerade den Eimer in die Hand drücken, als sie beide ein leises Schlüsselklirren von der Vordertür hörten.

Mutter und Sohn erstarrten.

„Eileen", röhrte eine Männerstimme. „Ist das Essen auf dem Tisch?"

Panisch sah Severus zu seiner Mutter auf.

Mit zitternden Fingern warf Eileen Eimer samt Schwamm zurück in den Schrank.

Sie zog ihren Zauberstab und nur eine Sekunde später stand ein brodelnder Kochtopf auf dem Herd.

Eilig versteckte sie den Stab wieder und schob dann Severus aus der Hintertür.

„Verschwinde bis das Essen fertig ist", zischte sie und schloss die Tür hinter ihm.

Mit pochendem Herzen kauerte Severus sich unter das angelehnte Küchenfenster um sich etwas zu beruhigen.

„Das Essen ist ja noch gar nicht fertig", knurrte Tobias Snape als er die Küche betrat.

„Bin dabei", gab Eileen knapp zurück.

„Sicher wieder mit ein bisschen Hexhex, was? Kannst ja nicht mal richtig kochen", höhnte Tobias.

Er musste sich wohl suchend umsehen, denn als nächstes Fragte er: „Wo ist der Junge? Doch nicht schon wieder auf dem Dachboden, oder?"

Seine Stimme nahm einen bedrohlichen Ton an und Severus war erleichtert als seine Mutter trotzig sagte: „Natürlich nicht. Ich hab ihn raus geschickt, damit er was Vernünftiges macht."

Egal wie oft seine Mutter ihn auch ausschimpfte, verraten tat sie ihn nicht.

Und manchmal, wenn sie gerade in der Stimmung dazu war, erzählte sie ihm abends am Bett fantastische Geschichte.

Geschichten über Zauberer und Hexen und über Hogwarts.

Oh, wäre er doch nur schon alt genug um nach Hogwarts zu gehen!

Als er hörte, wie sein Vater ins Wohnzimmer schlurfte rappelte er sich auf und entfernte sich vom Haus.

Bis zum Abendessen blieb ihm sicher noch eine halbe Stunde Zeit, allerdings war das meistens schwer abzuschätzen, denn wann immer sein Vater nicht hinsah, holte seine Mutter ihren Zauberstab hervor und beschleunigte oder verlangsamte das Gericht, ganz wie es ihr gerade in den Kram passte.

Er schlenderte durch das düster wirkende Dorf, wo alle Häuser irgendwie dicht gedrängt beieinander standen und kickte mit dem Fuß gegen ein paar herum liegende Steine.

Wenn seine Mutter ihn nicht gestört hätte, wäre er sicher fertig geworden mit dem Trank und wenn sie gesehen hätte, was er damit gemacht hätte…

Aber sie hätte es nicht sehen wollen, dachte er seufzend.

Wahrscheinlich hätte sie es gleich weg gekippt und ihn trotzdem ausgescholten, egal ob es funktioniert hätte oder nicht.

Seine Beine trugen ihn wie von selbst zu dem kleinen Spielplatz, der eigentlich schon zum Nachbardorf gehörte.

Wenn niemand dort war setzte er sich ganz gern auf eine der Schaukeln, oder er versteckte sich in dem kleinen Spielhaus.

Er schlich sich an eine der Hecken heran, die den Spielplatz umzäunten und lugte durch die Blätter.

Enttäuscht stellte er fest, dass er nicht leer war.

Zwei Mädchen, ungefähr in seinem Alter, spielten auf der Wippe.

Die kleinere der beiden hatte wunderschönes rotes Haar und sie schien viel fröhlicher als das andere Mädchen zu sein.

Aber das waren Muggel, dachte Severus verächtlich.

Muggel waren nicht wunderschön…

Die Ältere stand jetzt von der Wippe auf und sagte etwas.

Er lehnte sich weiter in den Busch hinein um sie besser zu verstehen.

„…nach Hause…Komm", verstand er lediglich.

Das Mädchen mit dem roten Haar sah sich suchend um, als hätte sie etwas verloren.

Das andere wandte sich schon zum gehen und so sah nur Severus wie plötzlich ein kleines blaues Haargummi vom Boden aufstieg und direkt in die Hand des schönen Mädchens segelte.

Seine Augen wurden groß.

Lächelnd band sie sich ihr Haar damit zusammen und verließ dann beschwingt den Spielplatz.

War sie etwa… konnte sie?

Aber hätte ihm seine Mutter nicht erzählt, wenn es noch mehr magische Kinder in der Gegend gegeben hätte?

Schließlich durfte er mit den Muggelkindern nicht spielen, also…

Aber vielleicht hatte sie es ihm auch aus Absicht nicht verraten.

Oder sie wusste es nicht.

Oder das Mädchen war eine Muggelgeborene und wusste selbst noch nicht, dass sie zaubern konnte.

Oder seine Augen hatten ihm einen Trick gespielt.

Auf dem ganzen nach Hause weg grübelte er darüber nach.

Schließlich fasste er einen Plan.

Er würde ihr nachspionieren und sehen wo sie wohnte und ob ihre Eltern auch Zauberer waren – und wenn nicht, dann würde er es ihr selbst sagen.

Bestimmt würde sie alles über die Zaubererwelt wissen wollen und er könnte ihr Geschichten erzählen und sie würde mit ihm spielen…

Aber zuerst musste er mehr über sie heraus finden!

Morgen schon würde er zum Spielplatz zurück gehen und sehen ob sie auch wieder kam.

Als er das Haus betrat spiegelte sich fast so etwas wie ein Lächeln auf seinen Lippen ab.