Sirius Black ist zwölf Jahre alt. Regulus Arcturus Black ist elf Jahre alt.

Sirius Black beäugte das Schloss kritisch, dann richtete er seinen Zauberstab darauf.

„Alohomora!"

Er rüttelte an der kleinen Tür, die zum Wandschrank führte.

Nichts hatte sich verändert.

Die Tür war noch immer verschlossen.

Das war jetzt schon das dritte Mal, dass er den Spruch angewendet hatte und einfach NICHTS war passiert.

Dabei wusste er sehr gut, dass er den Zauberspruch beherrschte, schließlich hatte er ihn schon oft genug an der verschlossenen Tür seines Bruders ausprobiert.

Sirius spielte mit seinem Zauberstab in der Hand, während er darüber nachdachte, was er als nächstes ausprobieren sollte.

Wenn er die Tür vielleicht aufsprengte?

Mit Expulso?

Aber das würde sicherlich nicht unbemerkt bleiben.

Nur wie sollte er sonst seinen Besen aus diesem verfluchten Wandschrank befreien?

Seit dem ihn der sprechende Hut nach Gryffindor geschickt hatte er seinen Nimbus nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In den Weihnachtsferien war es zu kalt gewesen um überhaupt übers Fliegen nach zu denken – außerdem war er viel zu beschäftigt mit der Flut von Familientreffen gewesen zu der ihn seine Eltern gezwungen hatten.

Aber jetzt waren Sommerferien und nach diesem Sommer würde er in sein zweites Jahr kommen.

Er wollte seinen Besen mit nach Hogwarts nehmen, aber er hatte bisher noch nicht heraus gefunden, wie er um die Schutzsprüche seines Vaters herum kommen konnte.

Alohomora hatte es jedenfalls nicht gebracht.

Verdammt, dachte er und funkelte das silberne Türschloss wütend an.

Sein Besen war ein Nimbus 1000! Der neueste und schnellste auf dem Markt!

Sein Vater hatte ihm den zum 11. Geburtstag geschenkt, damals als er noch alle möglichen Hoffnungen in seinen Erstgeborenen Sohn gelegt hatte…

Er hob erneut seinen Zauberstab und –

„Du darfst das nicht!"

Er wirbelte herum.

Sein jüngerer Bruder Regulus war unbemerkt hinter ihm aufgetaucht.

„Du darfst in den Ferien nicht zaubern", wiederholte Regulus langsam und deutlich, so als würde er mit einem Muggel reden.

„Verschwinde oder ich hole mir DEINEN Besen", knurrte Sirius.

Gar keine schlechte Idee, dachte er nebenbei. Regulus hatte schließlich den gleichen Besen wie er und da er nach dem Sommer in die erste Klasse kommen würde, würde er seinen Besen auch nicht brauchen…

Und sobald der kleine, perfekte Regulus nach Slytherin geschickt worden war, würden ihm ihre Eltern sowieso jeden Wunsch von den Augen ablesen und ihm wahrscheinlich einen neuen Besen beschaffen.

Regulus Augen wurden schmal.

„Das wagst du nicht!"

Sirius lachte.

„Glaubst du? In dein Zimmer zu kommen ist eine meiner leichtesten Übungen. Zum Beispiel weiß ich ganz genau wo du all deine süßen kleinen Kuscheltiere aufbewahrst", spottete der zwölfjährige.

„Sei still!"

Regulus kleines Gesicht verzog sich zu einer wütenden Miene.

„Oh da fällt mir übrigens ein, ich hab da einen neuen Zauberspruch in einem Buch gelesen…"

„Du kannst doch überhaupt nicht lesen", warf sein Bruder ein.

Sirius fuhr unbeirrt fort: „Vielleicht sollte ich den mal an dir ausprobieren, ja? Ich darf schließlich nicht aus der Übung kommen."

Da der ältere der beiden Brüder der einzige mit einem Zauberstab war, trat der Jüngere einen Schritt zurück.

„Locomo-", begann Sirius zu sprechen als ein unüberhörbares KLIRRRR aus dem Erdgeschoss zu ihnen herauf drang.

Klang fast so als hätte jemand eine Teetasse fallen gelassen, fand Sirius, oder vielleicht eher ein ganzes Teeservice.

Er ließ seinen Zauberstab sinken und schlich neugierig die Treppe hinunter, sein Bruder auf seinen Fersen.

Man wusste nie genau was im Haus der Blacks vorging und deshalb war es immer klug erst einmal Vorsicht walten zu lassen, bevor man zum Beispiel in einen Schwarm voller Doxies hineinlief (kein Witz, das war ihm erst letztes Jahr passiert).

„Verschwinde! Du kannst das später fort schaffen", hörte er seine Mutter aus dem Salon rufen.

Wahrscheinlich sprach sie mit Kreacher.

Sirius presste sich an die Tür zum Salon lugte durch den offenen Spalt.

Walpurga Black stand mitten im Raum und blickte mit zusammen gekniffenen Augen an eine Stelle auf der Wand vor sich, die Sirius nicht erkennen konnte.

Allerdings wusste er was sich auf der Wand befand.

Der Jahrhunderte alte Stammbaum der Blacks.

Er war mit goldenem (ja richtigem Gold!) Faden auf einen Wandteppich gestickt.

Immer wenn jemand heiratete oder ein Kind bekam kam seine Mutter hierher und erweiterte den Teppich magisch.

Wie das genau funktionierte war ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, dass nur in der Senior Linie weiter gegeben wurde (deswegen war der Stammbaum auch in ihrem Besitz).

Allerdings konnte er sich nicht daran erinnern, dass einer seiner vielen Verwandten derzeit Schwanger oder Verlobt war…

Verwundert bemerkte er, dass zu den Füßen seiner Mutter einige zerbrochene Teetassen und ein halbverbranntes Stück Pergament lagen.

Warum hatte Kreacher das nicht wegräumen dürfen?

Aus seinen Augenwinkeln registrierte Sirius eine Bewegung.

Regulus, der hinter seinem Bruder stand, verlagerte sein Gewicht etwas um besser sehen zu können und die Holzdiele unter ihm knirschte.

Walpurga drehte sich zu ihnen um und mit einem Schlenker ihres Zauberstabes riss sie die Tür auf.

Sirius ignorierte sie gekonnt, wie sie es auch schon den Rest des Sommers getan hatte.

„Regulus", schnarrte sie. „Komm her!"

Der elfjährige gehorchte und trat zu ihr.

Er bemerkte, dass seine Mutter vor Wut zitterte.

Sie deutete mit ihren dünnen Fingern auf die goldene Linie die von ihrem Bruder Cygnus und seiner Frau Druella zu Regulus drei älteren Cousinen führte.

„Sieh dort hin", befahl sie streng.

Regulus hatte den Stammbaum schon oft betrachtete und sich immer wieder geärgert, dass er der jüngste auf dem ganzen verfluchten Wandteppich war.

Seine Eltern hatten ihn immer für unbedeutend gehalten.

Ein Schatten seines Bruders.

Der Ersatz für den Erstgeborenen sozusagen.

Und selbst jetzt, wo Sirius sie so schwer enttäuscht hatte und ein erbärmlicher Gryffindor geworden war und sie ihn mit Feindseligkeit betrachteten, war er doch noch immer ihr Erbe.

Walpurga richtete ihren Zauberstab bebend auf den goldenen Schriftzug von ‚Andromeda Black *1953'.

Ein Blitz schoss aus dem Stab heraus und dort wo noch eine Sekunde zuvor Andromedas Name gestanden hatte, war nun ein schwarzer, rauchender Brandfleck.

Regulus stand da wie erstarrt.

Seine Mutter hatte seine Cousine so eben vom Stammbaum gesprengt!

Er wusste was das bedeutete.

Sie war enterbt worden.

„Mutter", traute Regulus sich schließlich zögernd zu fragen.

Walpurga blinzelte und wandte sich wieder zu ihrem jüngeren Sohn um.

„Du solltest besser dafür sorgen, dass du nach Slytherin kommst, Sohn", sagte sie mit eiskalter Stimme.

Regulus starrte benommen auf den Brandfleck.

Es war so ungerecht.

Er musste Sirius Fehler wieder gut machen und wurde dafür trotzdem schlecht behandelt.

Sirius beobachtete ebenso erstarrt wie sein Bruder, wie seine Mutter seine Cousine aus der Familie der Blacks verbannte.

Er mochte Andromeda gern.

Sie war seine Lieblingscousine, die einzige die ihn in diesem ganzen Haufen verstand.

Und nun war sie fort.

Die Familientreffen waren nur durch sie halbwegs erträglich gewesen.

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen rauschte Walpurga an ihrem ältesten Sohn vorbei.

Sirius schnaubte.

Wie schnell sich die Prioritäten der älteren Blacks doch ändern konnten…

Noch vor einem Jahr war er ihr auserkorener Liebling gewesen, der wundervolle Erstgeborene, der so viel Talent zum Zaubern zeigte.

Jetzt waren all seine guten Noten vergessen, es zählte nur noch, dass er ein Gryffindor geworden war, ganz im Gegensatz zur Familienehre.

Außerdem hatte er es gewagt sich mit einem Potter anzufreunden, einem Blutsverräter.

Dabei fiel ihm wieder der Brief ein, der oben auf seinem Schreibtisch lag.

James hatte ihn nun schon zum zweiten Mal zu sich nach Hause eingeladen und auch seine Mutter hatte die Einladung ausgesprochen.

Die Winterferien waren zu hektisch gewesen, doch jetzt hatte er noch wahnsinnig lange sieben Wochen Sommerferien vor sich – und die Feindseligkeit im Haus der Blacks wurde mit jedem Tag schlimmer.

In den letzten Tagen hatte er immer wieder darüber nachgedacht, wie er seine Eltern wohl dazu bekommen könnte ihm den Aufenthalt bei den Potters zu gestatten.

Jetzt sah er für eine solche Erlaubnis jedoch keine Möglichkeit mehr.

Sirius machte sich auf den Weg in sein Zimmer.

Zum packen.

Er würde das Fragen einfach überspringen und seinen Eltern einen Zettel da lassen.

Zwei Monate später beobachtete Sirius mit wachsamem Blick wie die Reihe der Erstklässler langsam in die große Halle einzog.

„Hey, Sirius. Der Zwerg da hinten sieht ja genau so aus, wie du", rief Peter aufgeregt über den halben Tisch hinweg.

Sirius warf ihm einen vernichtenden Blick zu und Peter verstummte.

James und Remus beobachteten ihn neugierig.

„Black, Regulus", rief Professor McGonagall einen Moment päter.

„Mein Bruder", murmelte Sirius ohne die Augen von Regulus zu lassen, der jetzt zu dem Stuhl hinüber ging und sich den Hut auf den Kopf setzte.

Keine zwei Sekunden vergingen bevor der Hut laut verkündete: „SLYTHERIN!"

Sirius zuckte unmerklich zusammen.

Er hatte dies erwartet, ja sogar gewusst, aber trotzdem war es wie ein kleiner Schock für ihn, als er seinen jüngeren Bruder nun mit hoch erhobenem Kopf – und sichtlich stolz – zum grün-silbernen Tisch der Slytherins schreiten sah.

Ihr Verhältnis war in den letzten Jahren nie besonders gut gewesen – und jetzt würde es noch viel viel schlimmer werden.

„Auf jeden Fall haben wir jetzt ein neues Streichopfer", meinte James und brachte Sirius damit zum grinsen.

Sie steckten die Köpfe zusammen um zu überlegen wie sie die neuen Slytherins austricksen konnten und übersahen dabei geflissentlich Remus besorgte Miene.