Lily Evans ist 17 Jahre alt.
Lily ließ die Hand über das Geländer gleiten und schwebte nach unten.
„Wie ein Engel", meinte Michael Evans der am unteren Treppenabsatz stand und stolz zu ihr auf sah.
Lily warf ihr rotes Haar über die Schulter und lachte verlegen.
„Hi Dad", begrüßte sie ihren Vater, der gerade erst von der Arbeit gekommen war.
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wo ist deine Mutter, Lilylein", fragte er gut gelaunt.
„Sie ist einkaufen gefahren. Das ist schon das dritte mal heute. Andauernd fällt ihr etwas Neues ein, was sie vergessen hat."
Lily verdrehte die Augen und Michael legte ihr lächelnd einen Arm um die Schulter.
„Deine Mutter ist nur etwas nervös. Schließlich hast du noch NIE einen Jungen mit nach Hause gebracht. Sie will, dass alles vollkommen ist."
„Das weiß ich doch. Aber sie übertreibt es ein bisschen", bemerkte die 17jährige und musterte das seit Tagen perfekt geputzte Haus.
Ihre Mum hatte das Menü für den Abend schon fünfmal umgeschmissen, um sich etwas anderes, viel besseres, auszudenken und sie hatte drei verschiedene Nachtische zubereitet, aus Angst, dass James etwas nicht schmecken könnte.
Langsam fragte Lily sich, ob es wirklich so eine gute Idee war, ihre Mutter eine einwöchige Vorwarnung zu geben.
Sie hätte James einfach spontan mit nach Hause bringen sollen.
„Mich vermisst anscheinend keiner, was", erklang Petunia Evans höhnische Stimme aus der Küche.
Michael wandte sich mit einem verwirrten Ausdruck zu seiner ältesten Tochter um.
„Petunia, ich wusste nicht, dass du auch hier bist."
Er ließ den Arm von Lilys Schulter gleiten und machte einen Schritt auf sie zu.
„Fragt ja auch keiner nach mir", murrte das schlaksige Mädchen und verzog das Gesicht.
„Hör nicht auf sie Dad", warf Lily ein. „Sie hat nur schlechte Laune. Wie immer."
Der Vater der beiden ungleichen Schwestern zuckte hilflos mit den Schultern.
„Ich geh mich umziehen. Fangt nicht wieder an zu streiten", mahnte er sanft und ging nach oben.
Ohne ihrer Schwester eines Blickes zu würdigen drehte Petunia sich um und ging zurück in die Küche.
Lily seufzte.
Wirklich alles wie immer, dachte sie.
Fast war sie froh, dass die Weihnachtsferien in drei Tagen wieder vorbei sein würden.
In Hogwarts musste sie wenigstens nicht dauernd Petunias griesgrämigen Gesichtsausdruck ertragen.
Aber nicht nur deswegen freute sie sich auf die Schule.
Schließlich war es das letzte Mal, dass sie den Hogwarts Express besteigen würde.
Nur noch ein halbes Jahr, dann würde sie nie wieder nach Hogwarts gehen, ihre Freunde nicht mehr regelmäßig sehen können und was aus ihrem Leben werden würde wusste sie auch noch nicht.
Sie und James…
Nun bisher hatten sie noch nicht wirklich darüber gesprochen.
James liebte es einfach in den Tag hinein zu leben, aber ihr wäre ein richtiger Plan irgendwie lieber gewesen.
Sie hoffte, dass sie am heutigen Abend etwas Zeit zum Reden bekommen könnten.
Möglicherweise war dies ihre einzige Chance ihn zu einem ernsten Gespräch zu bekommen, bevor er wieder ausschließlich mit den Rumtreibern unterwegs war.
Aus der Küche erklang ein Scheppern.
Lily folgte dem Geräusch und sah wie Petunia wütend die Bruchstücke der gelben Lieblingsschale ihrer Mutter auffegte.
Ohne darüber nachzudenken griff Lily nach ihrem Zauberstab und murmelte „Reparo."
Die Scherben fügten sich wieder zusammen und Lily ließ die Schale zurück auf die Küchentheke schweben.
Petunia trat unbehaglich einen Schritt zurück und starrte auf Lilys Hände.
Schnell steckte die 17jährige ihren Zauberstab wieder weg.
„Freak", meinte Petunia trotzdem.
„Petunia", rief eine Frauenstimme erschrocken aus der Küchentür.
Rose Evans, die Einkaufstüten noch im Arm, starrte ihre ältere Tochter entsetzt an.
„Wie kannst du nur so etwas zu deiner Schwester sagen! Entschuldige dich auf der Stelle", verlangte sie.
„Ich denke gar nicht daran", murrte Petunia trotzig.
„Du benimmst dich wie ein kleines Kind, Petunia, und das dulde ich nicht in meinem Haus", sagte Rose streng.
Lily ging zu ihrer Mutter und nahm ihr die Einkäufe ab.
„Es stört mich nicht, Mum. Ist schon okay", sagte sie leise und begann die Tüten auszupacken.
Aber ihre Mutter schüttelte energisch den Kopf, so dass sich eine ihrer roten Strähne aus ihrem Zopf löste.
„Wenn du dich nicht entschuldigst, wirst du heute Abend zuhause bleiben müssen, junges Fräulein."
Petunia verzog wütend das Gesicht.
„Du kannst mich nicht einsperren! Ich bin volljährig!"
„Solange du in meinem Haus wohnst, Petunia Evans, benimmst du dich zivilisiert und anständig! Und jetzt geh rauf und ruf Vernon an. Du kannst ihm sagen, dass er heute Abend allein ins Kino gehen muss."
Die 19jährige funkelte ihre Mutter an, doch Rose Blick blieb hart.
Schließlich senkte Petunia den Kopf und machte sich polternd auf den Weg in den ersten Stock.
„Mum", begann Lily, doch die ältere Frau winkte ab.
„Sie muss es irgendwann lernen. Ihr seid Schwestern und deswegen müsst ihr zusammen halten."
Sie lächelte Lily schwach an.
„Komm, ich zeig dir den Kuchen den ich heute Morgen gebacken habe. Dein Freund mag doch Preiselbeeren, oder?"
-
Zwei Stunden später hatte auch Lily sich auf ihr Zimmer zurück gezogen.
Sie stand nun vor dem Spiegel ihres Kleiderschrankes und versuchte sich umständlich ein paar Haarklammern in die Haare zu stecken.
Dummerweise hatte sie keine Bürste, da Petunia sich im Bad eingeschlossen hatte.
Schließlich gab sie den Kampf mit den Klammern auf und benutzte ihren Zauberstab.
Ging sowieso viel schneller.
„Petunia! Liebes, mach doch die Tür auf", hörte sie wie ihr Vater rief.
Sicher stand er wieder vor der Badezimmertür und versuchte Petunia herauszulocken.
Lily betrachtete sich ein letztes Mal nervös im Spiegel, dann machte sie den Schrank zu.
Es war ja nett von ihrer Mutter so hinter ihr zu stehen, aber Petunias Ausgehverbot bedeutete auch, dass sie heute Abend hier sein würde – und das ausgerechnet wo Lily James das erste Mal eingeladen hatte, um ihre Eltern kennen zu lernen.
Das ganze machte sie sowieso schon nervös genug, schließlich war James nur an die magische Welt gewöhnt und hatte wirklich überhaupt keine Ahnung von Muggeln.
Ihre Eltern waren zwar aufgeschlossen, doch die sauertöpfische Petunia würde den Abend auf jeden Fall verschärfen.
Von unten drang ein lautes Klingeln herauf.
Aufgeregt riss Lily ihre Tür auf und lief an ihrem Vater vorbei, die Treppe hinunter.
Zeitgleich mit ihrer Mutter kam sie an der Haustür an.
Rose lachte.
„Nicht so hektisch, Lilylein. Eine Dame rennt doch nicht."
Lily lächelte und öffnete die Haustür.
„James", strahlte sie, musste dann aber doch überrascht Blinzeln.
Vor ihr stand zwar James Potter, doch er trug eine schwarze Hose in die er ein sauberes weißes Hemd gesteckt hatte und in seiner Hand hielt er einen Blumenstrauß und eine einzelne rosafarbene Lilie.
So hatte sie ihn ja noch nie gesehen.
Wenn sie die Augen zusammen kniff konnte sie sogar seinen Versuch erkennen, sich die Haare ordentlich zurück zu kämmen.
Unglaublich.
Spielerisch verbeugte sich der dunkelhaarige Junge und schenkte ihr ein schelmisches lächeln.
Lily lachte und gab ihm einen hauchzarten Kuss auf den Mund.
„Hi, komm doch rein."
„Danke. Und die ist für dich, meine wundervolle Lilie."
Er reichte Lily die Blume und eine leichte Röte stieg in ihre Wangen.
Er war wirklich perfekt.
Vielleicht ein bisschen ungestüm, aber trotzdem perfekt.
„Willkommen James. Ich bin Lilys Mutter, Rose Evans."
„Mrs. Evans, die hier sind für sie", sagte James und gab Rose den bunten Blumenstrauß. „Es ist mir eine Freude sie kennen zu lernen."
„Was für ein höflicher junger Mann", erklang Michaels Stimme vom Treppenabsatz.
James wandte sich um.
Michael reichte ihm die Hand.
„James Potter, Sir."
„Michael Evans. Gib mir deine Jacke, Junge und komm rein. Meine Frau brennt darauf dir ihren berühmten Braten vorzuführen."
Lilys Vater zwinkerte James zu und Rose griff nach James Arm.
„Unsere Lily hat uns ja schon so viel von dir erzählt, mein Lieber."
-
Bis zum Nachtisch ging alles gut.
Sie hielten alle netten Smalltalk miteinander und Petunia war nicht ein Mal herunter gekommen.
Lily war erleichtert, dass ihre Eltern James so gut aufnahmen – aber James benahm sich ausnahmsweise auch wirklich anständig.
Sie unterhielten sich gerade über ihre Freunde in Hogwarts.
„Ich hab übrigens eine Eule von Alice bekommen", fiel Lily ein. „Frank hat sie gefragt ob sie ihn heiraten will und sie hat ja gesagt!"
James sah bei der Neuigkeit ein wenig grün im Gesicht aus, zwang sich aber ein Lächeln aufs Gesicht.
„Toll."
„Ist Alice die mit den kurzen Haaren die uns letzten Sommer besucht hat", wollte Michael wissen.
Lily nickte bestätigend.
Alice war zwar zwei Jahre älter als sie, aber die beiden Mädchen verstanden sich ausgesprochen gut.
„Was ist mit dieser Mary? Die hat uns doch auch mal besucht. Was macht die jetzt", fragte Rose interessiert.
„Mary MacDonald? Sie ist letztes Jahr mit der Schule fertig geworden und arbeitet jetzt im Zaubereiministerium."
„Und dein Freund Severus? Den haben wir ja schon ewig nicht mehr gesehen."
James ballte die Fäuste, doch Lily warf ihm einen vielsagenden Blick zu und er entspannte sich wieder.
Sie wandte sich wieder ihren Eltern zu, die dieses Zwischenspiel fasziniert beobachtet hatten.
„Severus und ich sind nicht mehr befreundet, Dad. Er hat jetzt andere Freunde."
„Wie", begann Michael Evans, wurde jedoch unterbrochen.
„Der ist ja immer noch hier", herrschte Petunia, die von allen unbemerkt ins Esszimmer getreten war. „Hätte nicht gedacht, dass es überhaupt jemanden gibt, der dich aushalten kann, Lily. Aber andererseits ist er ja genauso ein Freak wie du."
James sprang auf und zückte seinen Zauberstab.
„Wage es ja nicht so mit Lily zu sprechen", zischte er.
Petunia trat erschrocken einen Schritt zurück.
„Das ist unsere andere Tochter Petunia", sagte Michael und klang bei diesen Worten plötzlich sehr müde.
Das Telefon klingelte und alle wandten sich überrascht um.
James, weil er keine Ahnung hatte, woher das seltsame Klingelgeräusch kam und die Evans, weil sie zu so einer Uhrzeit nie angerufen wurden.
„Petunia, geh ans Telefon", bat Rose ihre Tochter.
Mürrisch verschwand sie in die Diele, nur um kurz darauf zurück zu kommen.
„Was ist ein Telefon", flüsterte James in der Zwischenzeit an Lily gewandt.
„So was ähnliches wie euer Zweiwegespiegel. Nur ohne das man die andere Person sehen kann", entgegnete Lily ebenso leise.
Petunia räusperte sich und sagte spöttisch: „Irgendein Rimes Upin, oder so. Bescheuerter Name. Er will Lily sprechen."
„Remus", flüsterte Lily überrascht und stand schnell auf.
In James breitete sich ein unwohles Gefühl aus.
Was wollte Remus um diese Uhrzeit von Lily?
War etwas passiert?
Zwei Minuten später war das rothaarige Mädchen mit samt ihrer und James Jacke wieder zurück.
„Wir müssen los. Mum, Dad, tut mir Leid."
Sie blickte zu James und er sah, dass Tränen in ihren Augen schimmerten.
Lily berührte ihn leicht am Arm.
„James", wisperte sie und klang dabei so traurig, dass er sie augenblicklich in den Arm nehmen und vor allem Bösen auf der Welt beschützen wollte.
„Deine Mutter… im St. Mungos…"
