Nymphadora Tonks ist wenige Minuten bzw. elf Jahre alt.

Ein lauter, schmerzerfüllter Schrei drang durch die Tür auf den Flur hinaus und der Mann der vor dieser Tür wachte zuckte zusammen.

Über seine Stirn lief Schweiß und seine Fäuste waren fest zusammen gekniffen.

Jeder konnte ihm ansehen, dass er mit sich selbst rang, um nicht in den Raum zu stürzen.

Doch er hielt sich geduldig zurück und wartete bis endlich, endlich ein Schrei erklang, der so gänzlich anders war als all die anderen zuvor.

Eine lächelnde Heilerin öffnete die Tür.

„Sie dürfen jetzt eintreten, Mr. Tonks."

Ted Tonks sprang auf (ganz im Gegensatz zu seinem sonst so ruhigen Gemüt) und war schneller am Bett seiner Frau als die Heilerin gucken konnte.

Verliebt strich er über die Stirn seiner erschöpften Frau und küsste sie zaghaft auf die Lippen.

„Oh Andy, hättest du mich nur bei dir sein lassen."

Andromeda Tonks, geborene Black, schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf.

„Nein, nein, mein Liebster."

Mehr sagte sie nicht, doch er wusste genau was sie meinte.

Sie war einfach anders erzogen worden – und auch wenn sie unter ihrem Stand geheiratet hatte und schändlich enterbt worden war, waren ihr viele Traditionen und Ideale ihrer Familie teuer geblieben.

„Und jetzt sieh dir deine wunderhübsche Tochter an", bat sie mit einem Strahlen.

Ted war sich nicht so sicher, was er von diesem Kind halten sollte, dass seiner Frau und ihm solchen Kummer bereitet hatte.

Unbedingt hatte Andromeda ein Baby gewollt.

Damit sie eine richtige Familie sein konnten.

Aber es hatte sie zwei Fehlgeburten und eine wirklich schwierige Schwangerschaft gekostet bevor ihr Wunsch sich erfüllt hatte.

Ted hätte sich lieber davon überzeugt, dass es Andromeda gut ging, zu sehr sorgte er sich um ihr in letzter Zeit so angegriffenes Wohl.

Doch dann drückte ihm die Heilerin ein winziges, rosa Bündel in die Arme.

Hilflos schaute er auf das kleine Mädchen, sein Töchterchen, herunter.

Ihre Augen waren geschlossen, doch sie schien das schwarze Haar ihrer Mutter geerbt zu haben.

Er lächelte vorsichtig und verschob seine Arme, um sie besser halten zu können.

Nicht das sie noch herunter fiel.

„Ist sie nicht wundervoll", fragte Andromeda begeistert.

Er konnte nicht anders als zu nicken.

Sie hatten es endlich geschafft.

Ein gesundes Kind.

„Nur gut, dass du kein Black bist", neckte seine Frau, die nie schöner ausgesehen hatte. „Mein Vater hat jedesmal einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn es ein Mädchen gab."

Ted schüttelte entrüstet den Kopf, war aber immer noch unfähig etwas zu sagen.

Wieder blickte er auf sein Kind hinunter – und erschrak fürchterlich.

Hatte sie nicht eben noch Rabenschwarzes Haar gehabt?

„Andy", wisperte er beunruhigt. „Sie … ist ganz … grün."

War das gesund?

Stimmte etwas nicht mit seinem Kind?

„Ist sie krank?"

Die Heilerin warf einen Blick über seine Schulter und runzelte die Stirn.

„Was haben sie denn? Sie hat doch so niedliches blondes Haar."

Die Kleine öffnete ihre leuchtend blauen Augen und fast war ihm als würde sie ihn angrinsen.

Kaum war die Heilerin wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden, wechselte das blond zu braun, Teds eigener Haarfarbe.

Ted blinzelte einige Male und schüttelte dann verwirrt den Kopf.

Irgendetwas sagte ihm, dass diese kleine Hexe sie an der Nase herum führte – und das wahrscheinlich auch noch sehr oft tun würde.

-

„Nymphadora! Wir kommen zu spät!"

Laut polternd kam ein elfjähriges, schlankes Mädchen die Treppe herunter.

Die letzten vier Stufen sprang sie, doch statt sicher auf dem Fußboden zu landen, stolperte sie über den Teppichansatz und flog der Länge nach hin.

„Autsch", muffelte sie und spuckte beim aufrichten Teppichfussel.

„Nichts passiert", fügte sie dann grinsend hinzu und brachte ihre zurzeit blauen Locken wieder in Ordnung.

„Dora", lachte ihr Dad kopfschüttelnd und half ihr auf.

Ihre Mutter verdrehte die Augen und hielt noch immer die Haustür offen.

„Na los, na los. Du willst doch nicht den Express verpassen oder?"

-

„Bist du sicher, dass blau die richtige Farbe für den ersten… Eindruck auf deine Klassenkameraden ist", fragte Andromeda zögerlich.

„Mum", seufzte die Blauhaarige ungeduldig.

Ted, der seiner Tochter komplett ergeben war, legte eine Hand in Andromedas Rücken und sagte: „Lass sie doch, Andy. So wird sie sich wenigstens von der Menge abheben. Ich hab nie verstanden, warum hier immer alle gleich aussehen müssen."

Seine Frau nickte nervös.

„Ich will nur nicht, dass sie unsere Dora ausgrenzen. Weil sie… weil sie anders ist."

„Ich weiß, Liebste", meinte Ted sanft und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

„Falls ihrs vergessen habt, ich bin auch noch da", rief Dora und winkte ihnen von der nahe gelegenen Absperrung zu.

Ihre Eltern, die sich mehr als ein Jahrzehnt größtenteils vor der magischen Welt verborgen hatten, atmeten tief durch und schritten zusammen mit ihrer Tochter durch die Barriere zum Gleis 9¾.

Neugierig sah Dora sich um.

Es wimmelte nur so von Kindern und Eltern mit Gepäckwagen, riesigen Koffern, Eulenkäfigen und allem möglichen anderen Kram.

Obwohl es so viele verschiedene Menschen hier gab, war es doch recht eintönig.

Sowohl die Umhänge der Erwachsenen als auch die der Hogwartsschüler waren schwarz, nur hier und da sah man die farbigen Aufnäher der unterschiedlichen Häuser.

Sie waren fast überall auf dem Bahnsteig verteilt – fast, denn vor dem gesamten vorderen Abteil standen eine Reihe von Schülern ohne jedes Abzeichen, die sich alle etwas verwirrt und nervös umsahen.

Erstklässler, dachte Dora begeistert und steuerte auf sie zu, ihre Eltern im Schlepptau.

Am Rand der großen Gruppe von sich verabschiedenden Eltern, stand eine Familie, die allesamt rothaarige Söhne aufwies – bis auf ein kleines Mädchen, dass sich (ebenso rothaarig) am Umhang einer ihrer Brüder festhielt.

„Nimm mich mit, Bill. Bitte, bitte, bitte! Charlie! Lasst mich nicht allein", bettelte sie herzerweichend.

Sie konnte höchstens drei Jahre alt sein, doch sie brachte all ihre Brüder in arge Bedrängnis.

Einer der Jungen nahm sie auf seinen Arm.

„Wir können dich nicht mitnehmen, Ginnylein. Du bist noch zu klein. Aber ich schick dir tonnenweise Eulen. Genau wie Bill letztes Jahr. Versprochen."

Die Kleine schniefte.

„Aber es ist so langweilig ohne euch", flüsterte sie.

Die beiden ältesten Jungen, der eine mit Gryffindor Aufnäher, der andere anscheinend ein Erstklässler, lachten.

„Aber das stimmt doch gar nicht, Ginny. Zuhause ist doch immer was los. Und wir verlassen uns auf dich. Du musst dafür sorgen, dass die Zwillinge Ron nicht immer ärgern und das Percy kein Stock im Hintern stecken bleibt."

„CHARLIE", ermahnte die Mutter der Schar streng.

„Komm her und verabschiede dich, Dora", schalt Ted, der schon ihren Koffer in den Zug verfrachtet hatte.

Sie wandte sich um und ihre Eltern umarmten sie nacheinander.

„Pass auf dich auf, Dora", sagte ihr Vater.

„Sei brav", sagte ihre Mutter.

„Lass uns nicht zu viele Klagen hören."

„Schreib uns noch heute Abend!"

„Und es ist ganz egal in welches Haus du kommst."

„Wir werden auf jeden Fall stolz auf dich sein, Liebling."

Dora nickte und bejahte alles, küsste ihre Mum auf die Wange und sprang endlich in den Zug, der schon längst am Pfeifen war.

Der Zug rollte an und in letzter Sekunde drängelte sich jemand hinter ihr in die Tür und schubste sie so nach vorn.

Dora stolperte über ihre Füße und landete – schon wieder – auf dem Fußboden.

„Oh je. Tut mir echt leid. War nicht meine Absicht. Musste nur… Hey du hast ja blaue Haare, wie cool!"

Der Junge reichte ihr die Hand und half ihr auf.

Dora klopfte sich umständlich den Staub vom Umhang und blickte dann in das Gesicht des rothaarigen Erstklässlers mit den vielen Geschwistern.

Beide betrachteten sich staunend.

„Ich hab dich am Bahnsteig gesehen. Du hast ja echt viele Geschwister", rief Dora, bevor ihr bewusst wurde, dass das vielleicht nicht gerade höflich gewesen war.

Der Junge tat es mit einem Schulterzucken ab und zupfte stattdessen an Doras Haar.

„Wow. Man wie hast du das gemacht? Hat dein Dad es für dich verzaubert? Meine Mum würde mich umbringen, aber jetzt sieht sie mich eh nicht mehr… kannst du mir zeigen, wie es geht?"

Dora blinzelte und grinste dann.

In der nächsten Sekunde war ihr Haar vom gleichen Orangerot wie das ihres Gegenübers.

Verdattert öffnete der Junge den Mund, doch anscheinend wusste er nicht was er sagen sollte.

Dann besann er sich und grinste ebenso breit wie sie.

Er streckte ihr die Hand entgegen.

„Charlie Weasley. Ich schätze, dass kannst du mir nicht zufälligerweise beibringen oder?"

„Dora Tonks", erwiderte sie und schüttelte seine Hand.

„Suchen wir uns ein Abteil?"

-

Mit aufgerissenen blauen Augen betrachtete Dora die große Halle, von der sie schon so viele Geschichten gehört hatte – allerdings war keine an die Wahrheit heran gekommen.

Es sah alles noch viel fantastischer aus als sie es sich je hätte vorstellen können!

Ein wenig nervös tippte sie vom einen auf den anderen Fuß.

Zum Glück waren die anderen Erstklässler die mit ihr in der Schlange standen und den sprechenden Hut betrachteten genauso aufgeregt und so bemerkte niemand, dass ihr vorher leuchtend orangerotes Haar in den letzten Minuten ganz schön verblasst war.

Und dann, als schon fast alle Schüler sortiert waren und nur noch Charlie und ein anderer Junge hinter ihr standen, rief die etwas gruselig wirkende Professor McGonagal: „Tonks, Nymphadora."

„Nymphadora", wisperte Charlie hinter ihr ungläubig kichernd.

Dora warf ihm einen so bitterbösen Blick zu, dass er sofort verstummte.

Sie straffte ihre Schultern und trat vor.

Ganz darauf bedacht ja nicht zu stolpern schaffte sie es sicher zu dem Schemel und dem alten Hut.

Schnell, bevor ihr noch irgendetwas Peinliches passieren konnte, setzte sie sich und zog sich den Hut über Augen und Ohren.

Jetzt konnte sie nichts mehr sehen und auch das anhaltende Murmeln der anderen Schüler war verstummt.

„Hm, hm, hm", machte es im Innern des Hutes.

Interessiert blinzelte Dora ein paar Mal.

„Wotcher", dachte sie mit einem kleinen Grinsen.

Oh sind wir etwa Vorlaut, kleine Miss? … Eine Menge Black-Blut aber... nein kein Slytherin. Ganz im Gegenteil. Auch kein Ravenclaw, dich langweilen die Bücher, nicht wahr?"

Dora nickte zustimmend und baumelte mit den Füßen.

Hm… Gryffindor? Dort hab ich deine Mutter erfolgreich untergebracht. Aber nein… ich glaube du bist so treu und eifrig, dass es nur eine Möglichkeit gibt ... HUFFLEPUFF!"

Dora sprang überrascht vom Stuhl und machte sich auf um sich zu ihren neuen Klassenkameraden zu setzen.

Mit Hufflepuff hatte sie nun eigentlich nicht gerechnet.

Es war ihr schon klar gewesen, dass sie nicht nach Slytherin oder Ravenclaw passte, doch ihre Eltern hatten ihr so viel von Gryffindor vorgeschwärmt…

Hey, du musst mich absetzen", rief es in ihrem Kopf.

Erschrocken stolperte Dora prompt und realisierte dann, dass sie ganz vergessen hatte den riesigen, sprechenden Hut abzusetzen.

„Ups", machte sie verlegen und brachte ihn schnell zurück.

Natürlich war schon die ganze Halle am Lachen, aber Dora lachte einfach mit und hüpfte unbeschwert an ihren neuen Haustisch.

Ihre Klassenkameraden nickten ihr grinsend zu, wandten sich aber schnell wieder ab um zusehen wo die letzten beiden Schülern hin sollten.

Auch Dora blickte nach oben zum Podest und merkte, dass sie doch ein bisschen enttäuscht war als „Weasley, Charlie" nach „GRYFFINDOR" geschickt wurde.

Doch auf dem Weg zu seinem Platz winkte Charlie ihr fröhlich zu und sie wusste, dass sie vielleicht auch weiterhin Freunde sein konnten.