Verschiedene Sprünge
Der Mittwoch begann ruhig. Ron sah zufrieden, wie Harry mit Ginny zusammen zum Frühstück ging. Hermione gesellte sich kleinlaut zu ihnen, und auch dass passte Ron ganz gut. Er nickte sogar Luna zu, die jedoch nur skeptisch die Augenbrauchen hochzog. Etwas nervös betrachtete Ron das Essen auf dem Tisch. Mit dem gute Laune Pulver hatte er eigentlich kein Problem, da vertraute er Dumbeldore schon mit seinem Urteil. Nein, das schräge Zeugs würde nicht in dem Essen sein. Bloß wo? Er seufzte verhalten. Das würde er frühestens heute Abend rausfinden. Aber dieser Tag versprach erstmals in dieser Woche etwas ruhiger zu werden. Und so machte sich Ron mit einem gesunden Appetit über sein Frühstück her.
Wie konnte dieses Wiesel nur so zufrieden mit sich selbst und der Welt vor sich hinmampfen? Draco betrachtete die trockene Scheibe Toast in seinen Händen. Vor lauter Stress bekam
er nichts runter. Wie absurd- bald würde er ein Margengeschwür bekommen vor lauter Erregung. Und Schlafmangel. Um wenigstens das Gefühl zu haben, wegen seiner Unfähigkeit sich gegen Blaise zu wehr zu setzten, etwas zu tun, hatte er sich gestern Nacht zweieinhalb Stunden mit sich selbst beschäftigt. Doch sogar die Beziehung zu sich selbst hatte unter dem Einfluss von Blaise gelitten, und irgendwie hatte er sich mit der Hand an seinem Glied nicht gefühlt als würde er selbst den Ton angeben. Sondern, wie oft in den letzten Tagen, als wäre auch das von Blaise irgendwie beeinflusst. Verlierte er jetzt den Verstand? Als hätte die Tatsache, dass er einmal beim Sex nicht den Ton angegeben hatte, ihm die Ruder für sein Leben aus der Hand geschlagen.
Reiß dich zusammen und iss was, sagte er sich und biss verbissen in seinen Toast.
„Du warst gestern noch lange wach und hast an mich gedacht", knurrte eine Stimme nah an seinem Ohr. Draco verschluckte sich und hustete um den Toast aus der Luftröhre zu kriegen. Verdammt wie-? Draco fuhr herum, doch Blaise war nicht bei ihm stehen geblieben, sondern hatte sich weiter unten an den Tisch gesetzt. Nicht einen Blick warf der Drecksack ihm noch zu. Es ist zum aus der Haut fahren!
Die Leichtigkeit, mit der sein „Freund" ihn aufschrecken konnte, beschäftige Draco die nächsten Stunden. Er war unbrauchbar in jeglicher Sicht, was Lehrer und Mitschüler merkten und ihn bald in Ruhe ließen. Er suchte fieberhaft nach einem Weg sich dem Einfluss von Blaise zu entziehen. Er war ihm zuwider, nicht Herr seiner Sinne zu sein. Und seine Selbstbeherrschung… hatte sich auch verabschiedet. Draco verstand es nicht und kam auch nicht auf eine Lösung seines Problems.
Irgendwann kam ihm der Gedanke, dass er wohl keine Wahl hatte. Bis jetzt hatte er versucht Blaise aus dem Weg zu gehen. Vielleicht sollte er ihm gegenüber treten. Vielleicht sollte er Blaise verprügeln. Oder zumindest einschüchtern. Das wäre sehr Malfoy-like. Draco war zufrieden mit seinem Einfall, und beschloss ihn sobald wie möglich in die Tat um zu setzten.
Am frühen Nachmittag war es dann soweit- er stand vor Blaises Zimmertür. Draco holte tief Luft, gab sich selbst aber sonst keine Zeit alles noch ein mal zu überdenken. Er wollte jetzt nicht kneifen. Ohne zu Klopfen betrat er das Zimmer und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Erst dann sah er sich im Zimmer um.
Falsche Reihenfolge. Blaise stand da in Boxershorts. Draco schalt sich innerlich einen Idioten.
„Was genau willst du jetzt hier, Dray?", fragte Blaise leicht verstimmt. Er trat vor seinen Schrank und kramte darin rum, wobei er Draco den Rücken zuwandte. Draco schluckte trocken und riss sich dann zusammen. Er machte zwei Schritte auf seinen Kumpel zu und versuchte sein unnahbares Gesicht aufzusetzen.
„So geht das nicht weiter Blaise", begann Draco, stoppte aber als er merkte dass er sich etwas hysterisch anhörte. „Blaise, hör auf mit dem Schwachsinn, sonst kannst du was erleben!", versuchte er es dann, und war einigermaßen zufrieden damit.
Blaise warf ihm über die Schulter hinweg einen undeutbaren Blick zu, zog eine Hose und ein Hemd auf dem Schrank und warf beides aufs Bett. Dann wandte er sich zur Anrichte und öffnete eine Schublade. Der Junge in Boxershorts kramte eine kleine Flasche heraus und genehmigte sich einen Schluck.
Draco verlor langsam die Nerven. „Hast du mir zugehört? Wenn du nicht mit dem Schwachsinn aufhörst wirst du das bereuen!", keifte er und fletschte die Zähne. Erstmals sah Blaise ihn direkt an. Dann machte er zwei schnelle Schritte auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. Dracos Körper versteifte sich.
„Meinst du diese Art von Blödsinn, Dray?", gurrte Blaise an seinem Ohr und biss zärtlich in die weiche Haut an seinem Hals. Eine Hand umschlang seinen Nacken, die andere ruhte mit sanften Druck auf seiner Hüfte. „Nicht… Dray…", stammelte Draco. Seine Gedanken schwirrten im Kreis und er bekam keinen einzelnen zu fassen. „Dray, ich werde dich nennen wie es mir passt", flüsterte Blaise und presste sich gegen Draco, „und du wirst dich daran gewöhnen, nicht wahr?"
Ja, das würde er wohl.
Er war gekommen um Gewalt an zu tun und hier stand er zitternd wie ein Opferlamm an Beltahne! Draco ballte seine Fäuste. Das war ja nicht zum aushalten! Er hatte ja wahnsinnig Eindruck geschindet mit seinen Drohungen und Ansagen und Klarstellungen- Bei Merlins Bart! Du bist ein Malfoy und ein Mann und… und…
„Was machst du mit mir?", presste Draco durch seine mahlenden Kiefer hindurch. Blaise gluckste. „Was ich will!"
Und das war wohl im Moment in den Wahnsinn treiben. Blaise hob seinen Kopf von Draco Schulter und sah diesem in die Augen. Draco hätte ihm am liebsten diesen überheblichen Ausdruck aus dem Gesicht gewischt, aber er konnte sich dem Blick nicht entziehen. Unbewusst beugte er sich nach vorne, und als er Blaises Lippen berührte, hatte sich dessen Kopf nicht einen Millimeter bewegt.
Blaise lachte hinterhältig und biss kräftig in Dracos schon angeschlagene Oberlippe. Draco keuchte auf und knurrte wütend. Blaise, mit dem Geschmack von Blut im Mund, löste sich von Draco und betrachtete ihn abschätzend. Seine Augen funkelten in unbändiger Wut, doch sein Körper sprach eine andere Sprache. „Ich danke dir Dray, für deinen Besuch", säuselte Blaise, ergriff Dracos Arm und bugsierte ihn vor die Tür. „Ich sehe jetzt bestätigt, dass du mir verfallen bist", setzte er wieder an, und Dracos schwachen Protest wischte er mit einer harschen Handbewegung fort. „Und du wirst immer wieder kommen", teilte er Draco mit, während er die Tür öffnete. Und mit den Worten „Gute nacht, Dray!" schob er ihn hinaus und schloss geschwind die Tür.
Dracos Mund klappte auf und zu. Er sah sich rasch im Gang um, und als er niemanden entdecken konnte, gab er sich selbst eine Ohrfeige.
Es dämmerte tatsächlich schon, als wieder etwas erwähnenswertes passierte. Dieses Mal betraf es Hermione. Den ganzen Tag über wandelte sie wie betäubt durch die Gänge von einem Unterricht zum nächsten. Ihr Kopf brummte schon seit gestern Abend. Sie hatte schlecht geschlafen und wenig gegessen und wünschte sich nichts sehnlicher als dass dieser Tag endlich endet.
Auf ihrem Weg durch dass Schloss kam sie an einer Nische im ersten Stock vorbei, die wie ein Erker rund herum aus Fenstern bestand. Kurzentschlossen öffnete sie eines der Fenster. Sie stand auf der dem See zugewandten Seite des Schlosses und sah wie sich ein Rest des Abendrot im Wasser spiegelte. Ein zügiger Wind fegte am Gebäude entlang und Hermione steckte ihren Kopf durch das Fenster in den Wind hinein.
Zum ersten Mal an diesem Tag verstummte das Summen in ihrem Kopf und sie holte tief Luft. Sie ließ den Wind ein paar ihrer Gedanken fort tragen und sonnte sich in dem Gefühl von Unbefangenheit.
„Springst du jetzt endlich?", ertönte es hinter ihr. Hermione zog ein letztes Mal die frische kalte Luft ein und lehnte sich dann zurück ins Schloss. Unwillig wandte sie sich dem Sprecher zu.
„Bitte Malfoy", sagte sie ruhig, „Heute will ich einfach nur noch ins Bett."
Draco musterte sie ausdruckslos. Ihr Haar war zerzaust und ihre Wangen gerötet. Er wandte sich von ihr ab und dem Fenster zu mit den Worten: „Na gut, dann spring ich eben."
Als er an ihr vorbei wollte streckte sie plötzlich den Arm aus. Draco blieb stehen. Sie legte ihre kühle Hand auf seine brennende Wange. Ihre Augen verengten sich fragend, als sie auch die aufgeplatzte Lippe bemerkte. „Malfoy, bist du Masochist?"
Als Antwort lief auch die andere Wange rot an. Verärgert schlug er ihren Arm weg und setzte zum Sprechen an. Aber sie kam ihm zuvor, hob abwehren die Hände und entfernte sich mit den Worten: „Ist klar, ich hab keine Ahnung und du bist auch müde. Ich verzieh mich ja schon."
Verwundert sah Draco ihr hinterher, dann wandte er sich dem Fenster zu und streckte den Kopf in den Wind. Die kühle Luft linderte seine Kopfschmerzen und das Brennen auf seiner Wange. Seine Lungen fühlten sich tief mit dem frischen Wind und er seufzte zufrieden.
Hermione, die wenige Schritte weiter noch einmal stehen geblieben war und zurücksah, schmunzelte.
Ohne die Karte des Rumtreibers war die Nummer mit dem Rausschleichen schwieriger als Ron gedacht hatte. Einige der auf der Karte verzeichneten Geheimgänge hatte er sich zwar gemerkt, aber so musste er langsam und leise vorgehen, um nicht von irgendwem überrascht zu werden. Irgendwie schaffte er es dann aber doch sicher bis in den Keller der „Drei Besen". Es lag vielleicht größtenteils an dem Tarnumhang, den er sich geliehen hatte.
Da unter der Woche wenig Verkehr herrschte schaffte er es ohne große Umwege zur Rückseite des „Eberkopf". Er fand den Schuppen, von dem seine Brüder ihm am Vortag erzählt hatten, verschlossen vor. Aber schon hier draußen konnte er den kräftig würzigen Geruch des Kijartkrauts wahrnehmen. Ron schlich um die morbide Bretterkonstruktion herum, die an einer Seite an die Außenwand der schmutzigen Kneipe gelehnt war.
Fred and George hatten ihm erzählt, dass sie die Pulvervorräte für Hogwarts hierhin lieferten, und sie von hier dann jemand ins Schloss schmuggelte. Sie hatten auch das Aschwinderinpulver für Luna hierhin gebracht. Die hatte es dann mit einem Schlüssel von den Zwillingen heraus geholt. Diesen Schlüssel hatte Ron jetzt. Wenn jemand nur ein wenig des speziellen Pulvern gestohlen und untersucht hatte, wäre es ihm ein leichtes gewesen, die Bestandteile zu ermitteln. Ron glaubte, dass diese Person immer noch hierher kam, und zumindest von dem normalen Pulver zu stehlen, als Grundlage für das spezielle. Denn Aschwinderineier konnte sich jeder mit einem Kamin beschaffen, aber Schlafgras war nicht so unproblematisch.
Zumindest hoffte Ron das, denn langsam gingen ihm die Anhaltspunkte und Verdächtigen aus.
Er schloss den Schuppen auf und hinter sich wieder zu. Im trüben Dämmerlicht, das durch die Spalten und Löcher in den Bretterwänden fiel, sah er die Säcke, die sich an den Wänden stapelten. Er wollte gerade mit seinem Zauberstab Licht machen, als er draußen Schritte hörte. Hastig drängte sich Ron an eine der Wände und stellte sicher, dass der Umhang ihn komplett bedeckte. Mit der unsinnigen Angst, jemand könnte seinen Herzschlag hören, behaftet wartete er gespannt.
Und tatsächlich, jemand machte sich an dem Schloss draußen zu schaffen. Kurz darauf wurde der Schuppen geöffnet und Ron machte eine Gestalt aus, etwa so groß wie er selbst, die in einen dunklen Umhang gehüllt den Schuppen betrat.
Nervös betrachtete Ron, wie die Person die Tür schloss, den Zauberstab zückte und den Raum erhellte. Dann fiel der Umhang, und Ron hätte fast laut gejubelt, weil er den Täter jetzt erwischt hatte. Und er kannte ihn.
