Die erste Begegnung

Es war bereits nachmittags als Alex beim Jugendamt in einem Vorort von Melbourne eintraf. Das rote Backsteingebäude sah nicht gerade einladend aus. Er trat durch eine schwere Holztür ein. Irgendwie hatte man den Eindruck im Wartezimmer eines Krankenhauses zu stehen, nur das auf dem Boden viele Kinder spielten. Einige saßen auch verschüchtert bei ihren Müttern auf dem Schoß. Trostlosigkeit, Armut und Verzweiflung lag in der Luft. Schnell ging er zu dem Empfangstisch am Rande des Raums. „Hallo, mein Name ist Alex Ryan. Ich suche mein Tochter, Samantha Donaldson" „Oh, schön das sie da sind", eine sympathische junge Frau lächelte ihn an. „Nicole Evans.", stellte sie sich vor. „Ich schlage vor, dass wir uns erstmal in Ruhe unterhalten. Kommen Sie mit." Nicole führte ihn durch einen dunklen Gang in ein kleines Büro. An den Wänden hingen Bilder von Kindern gemalt und Fotos, Fotos von Kindern. Sie schien ihren Beruf gerne zu machen. „Setzen Sie sich doch bitte. Es freut mich Sie endlich mal kennen zu lernen. Ich betreue Sam nun schon seit ihrem siebten Lebensjahr." Alex wunderte sich. Samantha wurde schon seit 7 Jahren vom Jugendamt betreut. Wenn sie in Schwierigkeiten waren, wieso hatte sich Yve nie bei ihm gemeldet? Wieso hatten ihre Eltern nicht eingegriffen? Er hatte das ungute Gefühl, dass hier was nicht stimmte. „Was ist denn eigentlich passiert?" fragte er sichtlich verwirrt. „Sams Mutter starb letzte Nacht an einer Überdosis Heroin. Sam hat sie gefunden. Yve war seit Jahren Drogenabhängig, nur durch die Beziehungen ihrer Eltern konnte sie Sam behalten. Wir vom Jugendamt durften die Situation nur beobachten. Aber ich kann sie beruhigen, Sam geht es den Umständen entsprechend gut. Sie ist ein klasse Mädchen, schwierig, aber im Grunde echt lieb und vor allem clever. Sie hat vor 4 Wochen ihren Highschool-Abschluss gemacht, als Jahrgangsbeste. Wurde mit 5 eingeschult und hat 2 Klassen übersprungen, obwohl sie von zu Hause kaum Unterstützung bekommen hat. Allerdings ist sie recht aktiv in der Skater- und Sprayerszene. Leider ist sie auch durch Vandalismus und Beleidigungen aufgefallen, dazu kommen einige Fälle leichter Körperverletzung und Diebstall. Es grenzt an ein Wunder, dass sie noch nicht mit Drogen in Verbindung gebracht wurde, gerade wenn man bedenkt, dass sie durch ihr zu Hause leicht Zugang gehabt hätte. Meiner Meinung nach hat dieses Pferd ihr das Leben gerettet" Alex war geschockt und konsterniert. „Welches Pferd? Sie müssen entschuldigen, ich habe Sam noch nie in meinem Leben gesehen, mit ihrer Mutter hatte ich das letzte Mal kurz nach Sam's Geburt Kontakt. Ich weiß absolut überhaupt nichts." „Das ist mir bewusst. Machen Sie sich keine Sorgen. Sam hat mir erzählt, dass Yve ihr jeden Kontakt zu Ihnen verboten hat. Aber die Sache mit dem Pferd und auch alles weitere erzählt Sam Ihnen am besten selber. Das wichtigste ist, dass sie wissen, dass Sam auf der einen Seite hoch intelligent ist, aber auf der anderen Seite ein richtiger Troublemaker. Ihre Großeltern sind gerade auf Weltreise und nicht zu erreichen, deshalb hat Sam Sie angerufen. Ich hoffe, dass sie vorerst bei Ihnen bleiben kann, ansonsten müssten wie einen Heimplatz für sie suchen." Alex fühlte sich überfordert, trotzdem stellte er schnell klar: „Nein, nein. Kein Problem. Sie kann mit mir kommen." Nicole lächelte ihn an. „Toll. Machen Sie sich kein Sorgen. Sie schaffen das schon. Wir werden auch regelmäßig nach Sam sehen und wenn sie Probleme haben helfen wir wo wir können. Jetzt lassen sie uns erstmal die Formalitäten erledigen, dann bringe ich sie zu Sam." Wie in Trance unterschrieb Alex die Dokumente und ließ sich die Einzelheiten noch mal erklären.

Schließlich stand Nicole auf, führte ihn zu einer Glastür und deutete hinein, „Lassen Sie sich Zeit, wenn sie soweit sind, kommen sie zwei noch mal bei mir vorbei. Ich bin in meinem Büro." „Danke", antwortete Alex. Doch er achtete schon gar nicht mehr auf Nicole, er starrte durch die Tür. Dort saß ein schlankes, 14-jähriges Mädchen. Seine Tochter. Sie hatte das blonde Haar ihrer Mutter, etwa Schulterlang, und zu einem Zopf zusammen gefasst. Einzelne goldene Strähnen fielen in ihr braun gebranntes Gesicht. Ihr blauen Augen, die hatte sie eindeutig von ihm, genauso wie die Mundpartie, schauten bewegungslos auf den Boden. In ihren Ohren steckten die Kopfhörer eines MP3-Players. Eigentlich war sie ein hübsches Mädchen, doch diese Kleidung…. Olive-grüne Baggypants, breite Skaterschuhe und ein bauchfreies Spaghettiträger-Top in dunklen Tarnfarben. Nicht gerade das, was man von den Mädchen auf dem Land gewöhnt war. An ihren Fingern trug sie silberne Ringe und um ihren Hals eine silberne Kette, die Handgelenke wurde von diversen Lederbändchen geschmückt. Ein Skateboard, das seine besten Tage schon hinter sich hatte, lehnte neben ihr an der Wand. Sie sah aus wie aus einem MTV-Spot von Avril Lavigne.

Alex's Hand umschloss zitternd die Türklinke. Langsam trat er ein. „Sam?"

Das Mädchen blickte auf. Vor ihr stand ein großer, gut aussehender Mann. Sie zitterte. Das musste ihr Vater sein. Der Mann, den sie wenige Stunden zuvor angerufen hatte, dessen Stimme sie heute zum ersten Mal gehört hatte. Er sah angespannt aus, erschöpft, vermutlich war er von den Ereignissen genauso erschüttert worden wie sie. Nicht, dass sie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt hätte, aber wie sie so da lag, auf dem Boden ihres Zimmers, und dann dieses Gefühl der Einsamkeit. Auch wenn Mum nicht gerade eine vorbildliche Mutter gewesen war, aber immerhin war sie die einzige Person die sie hatte. Mal abgesehen von den Großeltern, aber zu denen hatte sie noch nie eine gute Verbindung gehabt. Sie hatten ihr immer vorgeworfen das Leben ihrer Mutter zerstört zu haben. Vermutlich machten sie sie auch für ihre Drogensucht verantwortlich. Es war auch egal, jetzt schipperten sie irgendwo in der Welt herum. Zum Glück hatte sie diesen Zettel. Sam griff unwillkürlich in ihre Hosentasche und fasste nach einem Stück Papier. Mum hatte es ihr zu gesteckt, da war sie gerade 5. „Hier Sam. Die Nummer deines Vaters. Benutze sie nur wenn du keine andere Wahl mehr hast. Heb sie gut auf." Mum hatte immer nur negativ von ihrem Vater gesprochen, damals hatte Sam sich gewundert, dass sie ihr diese Nummer gegeben hatte. Jetzt schaute sie zu ihrem Vater auf, und sie wusste warum. Auch wenn er einen etwas verwirrten Eindruck machte, in seine Augen war etwas, was sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sorge. Es machte sich jemand Sorgen um sie. Nein. Das konnte nicht sein. Schnell wischte Sam den Gedanken wieder weg. Das war nicht möglich. Dieser Mann kannte sie doch gar nicht.

„Sam?" Sie stand auf. „Hi!" Ein verlegendes Schweigen lag zwischen ihnen. Keiner wusste was zu sagen war. Schließlich brach Alex die Stille: „Du siehst Müde aus." „War ne lange Nacht." „Hast du Hunger?" Sam nickte nur. Langsam spürte sie die Strapazen der vergangenen Nacht. Sie war gegen 3 nach Hause gekommen. Sie hatte nicht erwartet ihre Mutter in einem ansprechbaren Zustand vorzufinden. Aber der Anblick hatte sie dann doch überfordert. Sie lag einfach nur da, rührte sich nicht, ihr Spritzbesteck lag neben ihr. Sam hatte sofort den Notarzt gerufen, aber innerlich wusste sie, dass es zu spät war. Im Krankenhaus, hatte sie dann mit Nicole telefoniert. Die hatte ihr erstmal ein Frühstück vorgesetzt. Seit dem hatte sie nichts mehr gegessen. Nicole wollte sie zwar dazu überreden, aber Sam war einfach nicht danach. Auch schlafen ging nicht. „Na, dann komm!" Sie verabschiedeten sich von Nicole und gingen in ein Cafe um die Ecke. Vater und Tochter aßen schweigend, beiden war nicht nach reden zu Mute, obwohl sie soviel nachzuholen hatten. Aber das hatte Zeit.