Hurricane

Nachdem Essen fuhren sie in Sam und Yves Wohnung.

Das Appartement war nicht sonderlich groß. Das Wohnzimmer hatte allem Anschein nach, auch als Yves Schlafzimmer gedient. Genau wie die Küche war es ziemlich verkommen, überall lagen Klamotten und Essenreste rum, dreckiges Geschirr stapelte sich auf Tischen und in der Spüle. Der Fernseher lief. „Am besten du packst deine Sachen, und dann suchen wir uns ein Hotel." Sam nickte und verschwand in ihrem Zimmer. Sie war froh die Nacht nicht hier verbringen zu müssen. Sie fing an Kleidungsstücke in eine Sporttasche zu stopfen. Alex war hinter ihr in das Zimmer getreten. Er staunte. Hier sah es komplett anders aus als in der restlichen Wohnung. Es war ordentlich und sauber. An der Wand hingen Poster von Musikstars und bekannten Sportlern. Von den meisten hatte er noch nie was gehört. 50 Cent, Linkin Park, Staind, vielleicht hatte Jodi sie mal erwähnt. Bei den Sportlern sah es schon besser aus. Michael Johnson, Didier Drogba, Pete Sampras.

Auf dem Schreibtisch entdeckte er ein Foto von einer jungen Frau, die ein vielleicht 4-jähriges Kind an der Hand hält. Offensichtlich Yve und Sam. Und mehrer Bilder von einem jungen, schwarzen Pferd. „Ist das dein Pferd?" „Ja", er sah Sam zum ersten Mal lächeln, sie packte gerade diverse CDs in einen Karton. „Das ist Hurricane. Wenn du willst zeig ich ihn dir nachher, ich wollte sowieso noch nach ihm schauen." Als sie Sams Sachen auf die Ladefläche des schwarzen Fords gepackt hatten fuhren sie los. Sam blickte sich nicht um. Sie würde dieses Drecksloch nicht vermissen.

Nach wenigen Minuten hielten sie vor einem schicken Stallgebäude. Alex hatte so etwas Vornehmes in dieser Gegend nicht erwartet. Ein Mann in den 70ern, mit einem Sonnengegerbten Gesicht und grauen Haaren, begrüßte sie. „Hallo Sam. Wen hast du denn da mitgebracht?" „Hi Tom. Das ist mein Vater. Mum ist letzte Nacht gestorben. Ich komm jetzt erstmal zu ihm. Wir wollen Hurricane morgen abholen." Mit diesen Worten verschwand sie in einer Box. Ein leises Wiehern war zu hören. „Alex Ryan. Freut mich sie kennen zu lernen. Dann ist das wohl Hurricane." Er deutete auf den schwarzen Hengst, dessen Kopf aus der Box schaute in der das Mädchen verschwunden war. „Ja, das ist Hurricane. Ich bin übrigens Tom Simpson, der Besitzer dieser Stallungen." Die beiden Männer schauten zu dem riesigen Pferd und dem Teenager. Zwischen den beiden bestand augenscheinlich eine innige Beziehung. Sam stand ganz nahe bei Hurricane, streichelte ihn zwischen den Ohren und flüsterte ihm sanft etwas ins Ohr. Der Hengst stand ganz still, hatte die Ohren gespitzt und schien dem Mädchen zuzuhören.

Tom bedeutete Alex ihm zu folgen. In etwas Entfernung fing er an zu erzählen: „Vor 5 Jahren, verlor eine meiner Stuten bei der Geburt ihres Fohlen das Leben. Der Tierarzt bescheinigte dem kleinen Hengstfohlen keinerlei Überlebenschancen. Als Sam das hörte fing sie an zu weinen, das erste und einzige Mal, dass ich sie hab weinen gesehen. Sie muss damals so um die 9 gewesen sein. Wir machten dann einen Deal, wenn sie sich um das Fohlen kümmere und es überlebe, dürfe sie es behalten. Ich rechnete natürlich nicht damit, dass das Fohlen lange durchhalten würde. Aber da hatte ich die beiden unterschätzt. Natürlich wusste ich, dass Sam gut mit Pferden konnte. Sie kam schließlich seit Jahren, half bei der Stallarbeit im Austausch für Reitstunden. Aber das grenzte an ein Wunder. Inzwischen sind die beiden unzertrennlich. Niemand kann sich dem Hengst nähern ohne, dass Sammy dabei ist. Er ist unheimlich wild, aber sobald Sam bei ihm ist, benimmt er sich wie ein Lamm." Alex betrachtete das Tier, eine mächtige Hinterhand und eine starke Brust zeugten von der Stärke des Hengstes. Sein schön gerundeter Hals und sein wohl geformter Kopf gaben ihm ein elegantes Aussehen. Ein prachtvolles Tier.

Sam redete sanft auf den Hengst ein. „Mein Kleiner, wenn du wüsstest…morgen machen wir eine kleine Reise. Keine Ahnung was uns erwartet. Aber egal was passiert, ich bleib bei dir, zusammen schaffen wir alles. Hörst du, Hurricane, solange wir zwei zusammenhalten kann uns nichts passieren. Es tut mit leid, dass du heute nicht auf die Koppel konntest. Es war ein ziemlich stressiger Tag. Aber sobald wir morgen angekommen sind, kommst du raus, versprochen."

Tom bot ihnen an, die über Nacht bei ihm zu bleiben, dankend nahmen sie seine Einladung an. Während Sam noch eine Weile bei Hurricane blieb, bat Alex Tom einen Anruf machen zu dürfen. „Drover's Run. Claire am Apparat." „Hallo Claire. Hier ist Alex." „Hi Alex. Alles klar bei dir? Wo bist du? Harry hat nur gesagt, dass du heute Morgen plötzlich weg musstest." „Ich bin in Melbourne….Ist ne lange Geschichte. Ich hab ne Bitte, eine ziemlich große sogar….Kann ich für die nächste Zeit ein 14-jähriges Mädchen bei dir unterbringen?" „Hm, Alex, alles in Ordnung? Du klingst müde. Was ist los?" „Jaja, ich bin ok. Ich erklär es dir wenn ich wieder da bin. Kann die Kleine bei dir wohnen?" „Ja, natürlich. Ich räume die eine Abstellkammer aus. Die können wir ihr dann einrichten." „Super. Du bist ein Schatz. Wir kommen morgen, so später Nachmittag, früher Abend." „In Ordnung, bis dann". Alex fiel ein Stein vom Herzen. Auf Claire war einfach Verlass. Sie fragte nicht genauer nach, sie wusste einfach, dass es wichtig war. Ihr konnte er hundertprozentig vertrauen.