Der Aufbruch

Sie gingen früh zu Bett. Doch weder Sam noch Alex konnten einschlafen. Gegen Mitternacht hörte Alex ein Geräusch. Jemand schlich den Flur entlang, dann schnappte die Haustür zu. Er wühlte sich unter der Bettdecke hervor und schaute aus dem Fenster. Sam verschwand gerade hinter einer Ecke, einen Rucksack hatte sie über die Schulter geworfen, in der Hand hielt sie ihr Skateboard. Sie wollte doch nicht etwa…nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Wenn sie abhauen wollte, hätte sie mehr Sachen mitgenommen. Er ging rüber in ihr Zimmer und setzte sich auf ihr Bett.

Als das Licht anging schreckte er hoch, er musste eingeschlafen sein. Sam stand mit funkelnden Augen vor ihm, „Was machst du hier?" „Dasselbe könnte ich dich fragen. Wo bist du gewesen?" Verstohlen schaute er auf die Uhr. Halb Vier. „Das geht dich überhaupt nichts an! Und in meinem Zimmer hast du auch nichts zu suchen!" Alex seufzte „Samantha, so geht das nicht, und das weißt du! Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt uns zu streiten. Wir brauchen beide noch eine Portion Schlaf. Wir reden morgen darüber!"

Sie frühstückten spät. Tom war schon längst bei der Arbeit. Alex wollte Sam gerade auf letzte Nacht ansprechen, als Nicole herein trat. „Guten Morgen, ich dachte mir schon, dass ich euch hier finde." „Guten Morgen, Nicole. Ich hätte nicht erwartet sie so schnell wieder zu sehn!" Alex ahnte nichts Gutes. Und Nicole wandte sich auch gleich an Sam. „Kannst du mir hierüber etwas erzählen, junge Dame?" Sie warf ein Foto von einem Graffiti auf den Tisch. „Sollte ich? Sieht gut aus. Da hat jemand eine vorzügliche Arbeit abgeliefert" antwortete Sam, ohne die Miene zu verziehen. „Mhm, ganz dein Stil! Du hast heute Nacht, nicht zufällig einen Ausflug gemacht?" „Sam war die ganze Nacht hier. War ja doch recht anstrengend gestern, und heute haben wir eine lange Reise vor uns. Da brauchten wir dringend unseren Schlaf." Alex schaute Sam fest in die Augen. „Ja, ich hab geschlafen wie ein Murmeltier!" Es war Nicole anzusehen, dass sie den beiden nicht glaubte, aber schließlich gab sie auf und wünschte ihnen eine gute Reise.

Nachdem Nicole gegangen war, blickte Alex auf Sam „Nun, willst du was sagen?" Sam war verlegen. Wieso hatte er sie gedeckt? Sie war froh drum, das hätte nur wieder Ärger gegeben. „Ich wollte nur noch mal eine letzte Nacht mit meinen Freunden verbringen, und ein kleines Andenken hinterlassen.", „Das mit den Freunden kann ich verstehen, aber die Sache mit dem Andenken war keine gute Idee. Nun gut, lassen wir das. Laden wir Hurricane ein." Alex schaute gedankenverloren zu, wie Sam liebevoll den Hengst transportfähig machte. Konnte dieses hübsche Mädchen, das so gut zu ihrem Pferd war, wirklich so verdorben sein. So langsam wurde ihm bewusst, dass es vermutlich noch schwerer werden würde als er sich es sowieso schon vorgestellt hatte. Sam schien ein richtiges Problemkind zu sein. Würde er mit ihr fertig werden, bis ihre Großeltern wieder da waren? Konnte er es Claire zumuten Sam bei sich aufzunehmen? Aber hatte er denn eine Wahl? Mit nach Killarney konnte er sie nicht nehmen, Harry würde durchdrehen. Und nach Wilgul zu Nick…das war ebenfalls keine so gute Idee. Nick musste arbeiten und konnte nicht Babysitter spielen. Auf Drover's war Sam immer unter Leuten, und Meg hatte ja schon Jodi und Claire großgezogen. Ein bisschen Erfahrung konnte jedenfalls nicht schaden, auch oder gerade weil Sam allem Anschein nach ein besonderer Fall war. Vielleicht konnte Sam sich ja ein bisschen nützlich machen. Arbeit hatte noch niemandem geschadet.

Sam verabschiedete sich herzlich von Tom. Ihn verlassen zu müssen tat weh. Er war für sie wie eine Art Vaterersatz gewesen, hatte immer an sie geglaubt. Es schmerzte ihn zurückzulassen. Heimlich wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Aber sie konnte ihn ja besuchen. Und die Aussicht auf ein neues Leben, fand sie gar nicht so schlecht. Also, auf zu neuen Ufern. Sie lächelte Alex an und stieg ins Auto.