Angekommen
Sie kamen nur langsam voran, da sie mir Hurricane nur sehr langsam fahren konnten. Den größten Teil der Strecke legten sie schweigend zurück. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Als sie sich gegen Abend Gungellan näherten fing Alex an Sam die Gegend zu erklären. Sie war noch nie im Outback gewesen. Natürlich gab es Bilder im Internet oder in Büchern, auch hatte sie Berichte im Fernsehen gesehen. Aber das hier war etwas anderes. Sie hat noch etwas so schönes, etwas so faszinierendes gesehen. Diese Landschaft war einfach einmalig. Es musste herrlich sein über die Wiesen und Felder zu galoppieren. Ja, hier konnten sie und Hurricane sich Wohl fühlen.
„Hier ist gleich die Abfahrt zur Ranch Apollonaris der McNeill's, die reichsten Leute der Gegend", berichtete Alex. „Mit ihnen wirst du vermutlich nicht so viel zu tun haben, sind etwas arrogant und geben sich nicht mit unsereins ab. Danach kommen wir an der Farm deines Onkels Nick, Wilgul, vorbei. Unser Ziel ist aber Drover's Run von Claire McLeod und ihrer Halbschwester Tess. Bei ihnen wirst du die erste Zeit wohnen. Es wird dir gefallen. Eine reine Frauenfarm, und alle schwer in Ordnung. Claire ist echt klasse, von ihr wirst du viel lernen können. Hinter Drover's liegt Killarney, dort wohne ich. Ist nur ein Katzensprung von Drover's. Wenn du also was brauchst bin ich immer in der Nähe." „Wieso kann ich nicht bei dir wohnen?" wunderte sich Sam. „Hm, das ist erstmal keine so gute Idee. Harry würde das gar nicht gefallen." „Wer ist Harry?", „Dein Großvater. Lass ihm ein bisschen Zeit, damit er sich an dich gewöhnen kann. Später kannst du dann bestimmt auch nach Killarney ziehen. Wenn du das dann noch willst. Drover's wird dir gefallen!" Er hoffte es zumindest. Schließlich musste es für Sam eine komplett neue Welt sein in die er sie brachte. Und er war sich nicht sicher, wie sie sich einfügen würde. Naja, immerhin war Claire mit Becky zu Recht gekommen, also wieso nicht auch mit Sam?
Wenig später fuhren sie vor dem Hauptgebäude auf Drover's vor. Es war gerade Essenszeit und man schien beim Grillen zu sein. Gut, so würde Sam gleich die ganze Mannschaft kennen lernen. Als sie ausstiegen kam Claire ihnen entgegen. „Hallo, ihr. Gute Fahrt gehabt?" „Ja, alles kein Problem. Claire, das hier ist Sam." Claire begrüßte Sam freundlich. Sam wollte als erste Hurricane ausladen, und bekam von Claire den Weg Richtung Stall und Koppeln gewiesen. Während Sam zu ihrem Pferd in den Hänger schlüpfte sprach Claire Alex direkt an: „Sie sieht dir ähnlich." „Sie ist ja auch meine Tochter!" Claire schaute überrascht, sodass Alex noch eine kurze Erklärung folgen ließ: „Erinnerst du dich noch an Yve? Ich war 14, und sehr naiv. Es ist nur einmal passiert, aber das reichte. Als sie feststellte, dass sie schwanger war. Ist sie mit ihren Eltern nach Melbourne gezogen. Harry hat ihnen wohl genügend Geld gegeben. Ich hab sie nie wieder gesehen. Nur einen Brief ohne Absender und ein Foto, habe ich einen Monat nach Sams Geburt erhalten. Und gestern diesen Anruf." Claire konnte nichts gegen diesen Stich in ihrem Herzen tun. Warum hatte er ihr nie etwas davon erzählt? „Wow, davon hab ich gar nichts mitbekommen." „Das hat niemand."
Sie unterbrachen ihre Unterhaltung als Sam Hurricane aus dem Hänger führte. Hurricane war froh endlich nicht mehr eingesperrt zu sein, tänzelte aufgeregt um her. Sein schrilles Wiehern konnte man kilometerweit hören. Nun wurden auch die anderen Bewohner von Drover's auf die kleine Gruppe aufmerksam. Becky stieß einen anerkennenden Pfiff aus, „Ein Wahnsinns Pferd." Sam brachte Hurricane erstmal auf eine Koppel, damit er sich austoben konnte. Nacheinander wurde sie dann auch von den anderen begrüßt. Nach dem Essen zeigte Claire Sam ihr Zimmer, „Steht noch nicht wirklich viel drin. Aber das Bett und der Schrank dürften bis morgen erstmal reichen. Dann kann Alex noch ein paar Sachen von Killarney bringen." Sie wusste noch nicht so recht was sie von dem Mädchen halten sollte. Beim Grillen hatte sie kaum was gesagt, hatte sich dann recht zügig Richtung Hurricane verabschiedet. Aber sie war Alex Tochter, es sollte ihr hier an nichts fehlen. Dennoch war Claire irgendwie nicht wohl bei der Sache, was wollte Sam überhaupt hier, sie konnte doch nicht einfach alles durcheinander bringen.
Später blieben nur noch Alex und Claire auf der Terrasse zurück. Alex erzählte Claire die ganze Geschichte noch mal von vorne, wie Yve schwanger geworden war, der Telefonanruf gestern Morgen, Melbourne, Sam… Alles was ihm durch den Kopf ging. Es tat ihm gut alles rauslassen zu können, das klärte seine Gedanken und beruhigte ihn. Claire hörte ihm aufmerksam zu, sie sah seine Verwirrtheit, seine Unsicherheit. „Claire, was soll ich nur machen? Wie geht es weiter? Ich weiß doch gar nicht was ein 14-jähriges Mädchen so alles braucht. Ich kenne sie noch nicht mal, wie soll ich ihr da helfen Erwachsen zu werden? Sie hat bisher kaum mit mir geredet." „Immer mit der Ruhe," Claire nahm seine Hand und schaute ihm in die Augen. „Das bekommen wir schon hin! Jetzt ist sie erstmal hier, und wir schlafen alle eine Nacht darüber, und morgen überlegen wir uns wie es weitergehen soll. Und sie wird dich bestimmt gern haben, du musst das verstehen. Sie hat gerade ihre Mutter verloren. Und dich kennt sie nur aus Erzählungen, und die scheinen mir nicht gerade positiv gewesen zu sein. Gib ihr eine Chance sich an die neue Situation, and Dich zu gewöhnen." Sie drückte seine Hand. „Das wird schon. Jetzt fahr erstmal nach Hause und schlaf dich aus! Morgen reden wir weiter!"
Als Alex davon fuhr schaute sie ihm besorgt nach, hoffentlich hatte sie recht gehabt, und alles würde sich finden. Sie hatte wieder dieses merkwürdige Gefühl im Magen, dass sie erst einmal zuvor gespürt hatte. Damals als Tess gekommen war und sie dachte, dass Tess ihr Drover's wegnehmen wolle. Die Angst Drover's zu verlieren hatte in ihr dieses fauler Empfindung im Magen hervorgerufen, ein Ziehen, krampfartig, sodass einem fast die Luft wegblieb. Und genau dieses Gefühl stellte sich jetzt wieder ein. Claire wollte es eigentlich nicht haben, vor allem bestand kein Anlass dazu. Nur ging ihr der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass Sam ihr Alex wegnahm. Aber konnte sie das denn, sie und Alex waren ja nur Freunde. Und außerdem wusste Alex noch gar nicht was er Sam gegenüber empfinden sollte. Und selbst wenn er Sam liebte, das ist doch sein gutes Recht, sie ist ja schließlich seine Tochter. Trotzdem war Claire irgendwie wütend, wütend über dieses Gefühl der Unmacht.
