Am folgenden Tag trafen Alex, Claire und Sam eine Abmachung. Da Sam die Schule ja schon abgeschlossen hatte und noch nicht so recht wusste wie es mit ihrer Ausbildung weitergehen sollte und zudem die Sorgerechtsfrage erst geklärt werden konnte wenn ihre Großeltern wieder zurück waren, sollte sie erstmal auf Drover's für Unterkunft und Essen, sowohl für sich als auch für Hurricane, arbeiten. Ein kleines Taschengeld würde sie auch bekommen. Alex war zuerst überhaupt nicht von dieser Idee begeistert, er fand, dass Sam zum Arbeiten auf einer Farm noch zu jung war. Aber nachdem Claire ihn darauf hingewiesen hatte, dass sie selber auch erst 15 gewesen war, als sie die Schule für die Farm geschmissen hatte und er selber auch schon sein ganzes Leben auf Killarney arbeitet, gab er nach. Schließlich würde Claire schon ein Auge auf Sam haben, und im Notfall konnte er immer noch eingreifen. Vielleicht war nach den Ereignissen ein bisschen Arbeit als Ablenkung auch nicht schlecht! Sam war von diesem Deal total begeistert, so konnte sie viel mehr Zeit mir Hurricane verbringen als bisher. Nur für die Abende musste sie sich noch etwas einfallen lassen!
Da sie die ersten Tage noch frei hatte um sich einzugewöhnen, nutzte Sam die Gelegenheit und fuhr mit Becky nach Gungellan zum einkaufen. Claire hatte ihnen aufgetragen auch ein paar Jeans zum Arbeiten für Sam zu kaufen. Becky erweiterte den Auftrag um ein paar schicke Schlagjeans zum weggehen. „Mit deinen Baggys wirst du hier nicht weit kommen." Sie lächelte Sam an. Irgendwie mochte sie die Kleine. Nachdem sie die Einkäufe erledigt hatten, trennten sie sich für eine Weile, da Becky nach Seany schauen wollte. Sam schnappte sich ihr Skateboard und fuhr durch den Ort. Vor dem Pub traf sie auf eine Gruppe Jugendlicher, die ungefähr in ihrem Alter waren, vielleicht auch ein – zwei Jahre älter. Die Teenager hockten auf einem Zaun und tranken Dosenbier, einige rauchten auch.
Einer der Jungs sprang vom Zaun, und kam breitbeinige auf sie zu: „Na, wen haben wir denn da?" Sam hielt an und nahm ihr Skateboard in eine Hand. Der Junge baute sich vor ihr auf: „Ist das etwa das neue Schätzchen von Drover's Run?" Die anderen johlten und feuerten ihn mit „Todd, Todd, Todd" rufen an. „Neuigkeiten verbreiten sich hier anscheinend recht schnell." Sam schluckte, das roch irgendwie nach Ärger. Sie würde sich von diesen Landeiern nichts bieten lassen. „Na gut Schätzchen. Dann werde ich dich mal aufklären. Hier läuft es nicht so wie in der Stadt bei deiner Mami, Stadtkind!" Er fasste sie an der Hüfte und zog sie zu sich ran. Sam reagierte schnell und hart. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihr Knie ruckartig hoch zwischen seine Beine, drehte seinen Arm auf den Rücken und kickte ihm die Füße weg. Mit versteinerter Miene kniete sie sich mit einem Bein auf seinen Rücken und nahm seinen Kopf in die eine Hand, während sie mit der anderen den Arm auf seinem Rücken festhielt. „Wir sollten uns wohl mal unterhalten. Erstens, ich bin nicht dein Schätzchen. Und zweitens lass ich mir von niemanden etwas sagen. Haben wir uns da verstanden?" Sie drückte den Arm etwas nach oben. Todd keuchte, „Okay, okay, ich hab verstanden." Sam drückte weiter. Ihre Augen waren eiskalt. Todd stöhnte, „Es tut mir leid, kommt nicht wieder vor!" Sam besann sich und ließ ihn wieder los. Die anderen Kids schauten sie verblüfft an. Sie schaute sie nur provozierend an, „Kann ich nen Bier haben?" Jemand warf ihr eine Dose rüber. Sam fing sie geschickt auf, als sie ein Lachen hinter ihr hörte.
Sie drehte sich um und schaute in das freche Gesicht eines gut aussehenden Jungen. Sie öffnete das Bier mit einem Zischen. Der Junge war ungefähr 16, hatte helles Haar, blau-grüne Augen und ein unverschämtes Grinsen. „Da hast du dir tolle Freunde ausgesucht, Baby. Lass dich gewarnt sein, du befindest dich nicht gerade in bester Gesellschaft." Sam starrte ihn wütend an. „Hast du nicht gerade gesehen, was ich mit Arschlöchern wie dir mache?" Ihre Augen funkelten. „Beruhig dich Kleines. Mit so was wie dir, geb ich mich sowieso nicht ab." Er grinste sie noch mal an, drehte sich um stieg in einen dunkelblauen Jeep und brause davon. In Sam kochte es. Was bildete der sich überhaupt ein! Todd kam zu ihr rüber und schlug ihr auf die Schulter, „Mach dir nichts draus. Das war Eli McNeill, der behandelt alle so. Nimm erstmal ein Schluck Bier!" Sam schaute ihn verdattert an, sie hatte ihn doch gerade ganz schön blamiert, wieso war er so nett zu ihr. Das kühle Bier rann wohltuend ihr Kehle herunter. „Freunde?" fragte Todd und hielt ihr die Hand hin. Sie schlug ein.
Als Becky sie kurze Zeit später mit dem Pickup abholte, erzählte sie ihr was passiert war. Die Prügelei mit Todd erwähnte sie allerdings wohlweislich nicht. „Na, das hast du ja gleich die Prachtexemplare in unsere Gegend kennen gelernt", meinte Becky kopfschüttelnd, „Todd und seine Leute fallen immer nur durch Probleme auf. Und Eli ist einfach nur arrogant." Abends im Bett dachte Sam noch mal über die Geschehnisse des Tages nach. Eigentlich schien dieser Todd gar nicht verkehrt zu sein, und schlecht aussehen tat er auch nicht, groß, dunkle Haare, rehbraune Augen. Außerdem schien er nicht so langweilig zu sein, mit ihm und seinen Leuten konnte man bestimmt gut abhängen. Als ihr Gedanken zu Eli wanderten, kam die Wut wieder in ihr hoch, so ein Mistkerl. Sie hoffte ihm nie wieder zu begegnen.
