Peters Abschied

Sam hatte sich schnell an das Leben auf Drover's gewöhnt. Die Arbeit gefiel ihr. Und da sie gut zupacken konnte und auch einiges von Autos verstand, woher wollte sie niemandem erzählen, war Claire recht zufrieden mit ihr. Allerdings war Sam immer noch sehr zurückhaltend, sie verstand sich zwar mit allen gut, aber so richtig auftauen tat sie nicht. Recht blad sollten sich jedoch die Ereignisse überschlagen, die auch dies zumindest zum Teil änderten.

Es fing damit an, dass Becky Claire erzählte, dass Peter verheiratet ist. Diese Information hatte sie von Harry Ryan erhalten, der sich feigerweise nicht traute es Claire zu sagen, sodass Becky sich ein paar Tage mit diesem Wissen rumschlagen musste, bis sie den Mut aufbrachte zu Claire zu gehen. Für Claire brach eine Welt zusammen, es war als hätte Peter sie betrogen und nicht seine Frau. Es war demütigend und verletzend. Claire wollte niemanden mehr um sich haben. Sie ließ niemanden an sich ran, reagierte wie ein verletztes Tier. Still schweigend nahmen die anderen die auf sie niederprasselten Anordnungen hin. Jedem tat Claire leid, alle konnten verstehen was sie durchmachte, aber wirklich nachfühlen konnte man das vermutlich nicht. Es war einfach unfassbar. Als Peter an dem Nachmittag nach Drover's kam, wurde er von einer wütenden Claire empfangen. Und es dauerte nicht lange bis er mit eingekniffenem Schwanz den Hof verlies. Das letzte was er sah, als er sich noch mal umdrehte war Claire wie sie schnell zurück ins Haus ging, und Sam die ihn von einer Ecke aus sauer anstarrte. Sie hatte Peter zwar nur kurz gekannt, aber gemocht hatte sie ihn noch nie. Er war ihr viel zu glatt, hatte einfach keinen Charakter.

Claire war verzweifelt. Sie lief in ihr Zimmer und schmiss sich weinend aufs Bett. Wie konnte er ihr das nur antun. Nach einer Weile hatte sie sich beruhigt und starrte Löcher in die Decke. Sie konnte mit niemanden darüber reden, noch nicht mal mit Tess. Sonst konnte sie mit Tess über alles reden, aber das hier tat viel zu sehr weh, sie wollte nie wieder daran erinnert werden. Einfach alles vergessen. Sie stand auf, wusch sich das Gesicht und ging wieder an die Arbeit als wäre nichts gewesen. Die anderen machten sich große Sorgen um sie. Es war typisch Claire, dass sie nicht reden wollte. Vor allem Tess versuchte sie zu überreden sich bei ihr auszuheulen. „Claire, es tut gut darüber zu reden. Jedem Menschen passiert mal was, dass er einfach rauslassen muss. Du kannst nicht alles in dich hineinfressen. Das hilft nicht! Claire, rede mit mir!" „Ach, lass mich doch in Ruhe mit deinem Psychokram. Mir geht es gut. Es gibt Arbeit zu tun. Ich hab keine Zeit mich wie eine Memme aufzuführen!" Tess schaute ihr besorgt nach, wie sie in Richtung Stallungen davon stapfte. Sie kannte ihre Schwester inzwischen gut genug um zu wissen, dass da einfach ihre Art war. Aber sie war trotzdem davon überzeugt, dass es falsch war, nicht darüber zu reden.

Niemand achtete an diesem Tag auf Sam. Sie tat ihre Arbeit und sprach nicht. Nick war nachmittags mit Alex nach Killarney gefahren. Er hatte sein Mottorad da gelassen und wollte es erst am nächsten Tag wieder abholen. Als alle ins Bett gegangen waren und es ruhig auf Drover's geworden war. Schnappte sich Sam ihren Rucksack mit den Spaydosen, schlich aus dem Haus und schob Nick's Geländemaschine außer Hörweite. Diese Chance konnte sie sich nicht entgehen lassen! In Gungallen angekommen. Traf sie Todd und seine Freunde. Sie waren überrascht Sam hier anzutreffen. „Was machst du denn hier?" „Brauch nen bisschen Abwechslung. Ist ein bisschen langweilig bei euch aufm Land!" Sam grinste Todd an. „Komm, lass uns euer Dorf ein bisschen aufpeppen!" Todd lächelte, er freute sich Sam wieder zu sehen. Sam erklärte ihnen wie man am besten mit Spraydosen umging. Sie waren überrascht über ihre Professionalität. Als erstes nahmen sie sich die Einkaufstrasse vor. Sam zauberte kunstvolle Bilder auf die Wände. Die anderen versuchten sich erstmal an einzelnen Schriftzügen die mehr wie Schmierereien aussahen. Aber jeder fing mal klein an. Sam war guter Dinge, dass sie es noch lernen würde. Anschließend war der Pub dran. Sam dachte nach, man würde relativ schnell raus finden wer hierfür verantwortlich war, der Landjugend traute man so was nicht zu. Außerdem wusste Alex von ihrer Vergangenheit. Also konnte sie auch noch ihr Markenzeichen hinterlassen. Sie sprühte ein prachtvolles, schwarzes Pferd neben die Eingangstür….

Der nächste Tag begann auf Drover's wie der alte aufgehört hatte. Claire weigerte sich mit irgendjemanden über Peter zu sprechen und ließ die Arbeitsanweisungen auf die anderen nur so runterprasseln. Die Schafe mussten gedrenscht, die Rinder von der Südweide zusammengetrieben, die Tränken geputzt und der Zaun auf der Nordweide repariert werden. Zu allem Überfluss stimmte auch mal wieder etwas mit dem Pickup nicht. Becky und Sam übernahmen die Rinder. Tess lief hinter Claire her um sie noch mal auf Peter anzusprechen, nachdem sie erfolglos aufgegeben hatte, schloss sie sich Jodi und Claire beim drenschen an.

Am frühen Abend fuhr Alex zusammen mit einem Polizeiwagen auf Drover's vor. Sam tat so als würde es sie nichts angehen, aber es half nichts. Schließlich gestand sie Alex, Claire und Frank, dass sie die Graffitis zu verantworten hatte. Von Todd und seinen Freunden sagte sie nichts. Zum Glück wollte Frank nicht wissen wie sie in die Stadt gekommen war, sonst wäre noch was wegen fahren ohne fahrelaubnis dazugekommen. Alex konnte Frank dazu überreden von einer Strafe abzusehen, wenn Sam die Graffitis wieder entfernte. Frank versprach mit den Besitzern zu reden. In Sam kochte es, jede Strafe hätte sie akzeptiert, das war sie gewohnt. Aber, dass man sie zwingen wollte ihre eigenen Kunstwerke zu zerstören, das gefiel ihr gar nicht! In Alex kochte es auch, er war stink sauer, wie konnte Sam das ausgerechnet jetzt tun, wo es Claire sowieso nicht so gut ging. Als Frank weg war, nahm er sich sie vor: „Sag mal, geht's dir noch gut? Musste das sein? Ist dass der Dank dafür, dass ich dich aus Melbourne geholt habe und das Claire dich hier aufgenommen hat?" Sam schaute ihn kalt an, bevor sie plötzlich los schrie: „Du hast mir gar nichts zu sagen. Die ganze Zeit warst du nicht da. 14 Jahre hast du mich allein gelassen. Mich und Mum. Und jetzt bildest du dir auf einmal ein mein Vater spielen zu können. Aber für mich bist du nicht mein Dad!" Sie blickte ihm zornig in die Augen, drehte sich um und ging hinaus.

Alex stockte der Atem. Er schaute Claire traurig an. „Alex!" Doch er ging langsam aus Jack's Büro, setzte sich in seinen Ford und fuhr ohne ein Wort zu sagen davon.