Gungellan-Show

Zwei Wochen waren vergangen als das Gungellan-Rodeo vor der Tür stand. Claire hatte, als die beiden vor dem hergerichteten Pickup standen, Sam's Entschuldigung mit einem Kopfnicken angenommen. Zuerst war Sam etwas enttäuscht gewesen, da Claire nichts sagte, aber als sie ihr in die Augen schaute war ihr klar, dass Claire ihre Arbeit durchaus zu schätzen wusste. Auch Alex und Sam waren stillschweigend zu einer Übereinkunft gekommen, allerdings blieb ihr Verhältnis recht angespannt. Sam fühlte sich jedoch immer noch nicht richtig wohl auf Drover's, sie vermisste ihre Mutter und ihre Freunde. Es fiel ihr schwer Alex als Vater zu akzeptieren und hatte nicht dass Gefühl, dass sie besonders wichtig für ihn war.

Claire und Alex hatten über diese eine Nacht nie wieder ein Wort verloren, sie ignorierten einfach die Tatsache, dass da etwas passiert war, schafften es aber weiterhin Freunde zu bleiben.

Als der große Tag des Rodeos da war, war vor allem Sam aufgeregt. Sie hatte sich von Alex die Erlaubnis abgerungen beim Pferderennen mitzumachen, Alex wollte beim Bullen reiten mitmachen und Tess mit ihren Alpakas auftreten. Und zur großen Überraschung aller, hatte Jodi Harry Ryan dazu gebracht, ihr Wildfire für Pferderennen zu überlassen. Man munkelte das Liz etwas damit zu tun gehabt hatte, deren Liebling Jodi seit der Miss-Gungellan-Wahl war.

Auf der Fahrt nach Gungellan kam die ganze Aufregung der Mädels zu Tage. Jodi und Sam fuhren mit Claire und Alex mit. Jodi träumte: „Wildfire und ich werden mit Längen Vorsprung gewinnen. Bei der Siegerehrung werden uns alle zujubeln. Und abends werden alle Jungs mit mir tanzen wollen!" Sam grinste: „Hehe, wenn du dich dann noch bewegen kannst. Wildfire wird dich schon beim Start abwerfen und dann kannst du mir und Huriccane beim Siegen zuschauen!" „Dein Hurricane ist nicht halb so ein Wunderpferd wie du denkst! Ihr werdet von Wildfire nur die Hinterhand zu sehen bekommen!" meinte Jodi selbstbewusst. Sam lachte: „Ja, von Wildfire schon….wie er abhaut….ohne dich auf dem Rücken!" Alex und Claire lächelten sich an, sie wussten, dass die beiden Mädchen das nicht so ernst meinten, zumindest Sam nicht. Jodi war von einem unheimlichen Ergeiz getrieben und schien allen beweisen zu wollen wie gut sie reiten konnte.

In Gungellan herrschte großer Trubel und alle genossen das Treiben sichtlich. Vor allem Sam fühlte sich wohl, endlich wieder ein paar Leute um sich herum zu haben. Zuerst war Tess mit ihren Alpakas an der Reihe. Die anderen feuerten sie johlend an. Niemand konnte so recht Tess Vernarrtheit in die Alpakas verstehen, vor allem Claire nicht. Ok sie waren ganz niedlich, für Tess waren sie wie Haustiere. Leider sahen die Richter das nicht so. Tess hatte dann auch nicht Hauch einer Chance den Preis für das süßeste Haustierpaar zu gewinnen. Obwohl sie mit der Entscheidung der Richter keineswegs einverstanden war, nahm Tess ihre Niederlage mit Humor hin und störte sich nicht weiter dran, dass die anderen sie aufzogen.

Nach dem Haustierwettbewerb schauten sich Becky, Jodi und Sam in Ruhe um. Jodi flirtet mit den jungen Männern, die den drei Mädels hinterher pfiffen. Becky und Sam ignorierten sie nur kopfschüttelnd, über Jodis Männerwahn konnten sie nur lächeln. Als es Zeit für das Rodeo war trafen sie die anderen auf der Tribüne. Für Sam war es das erste Rodeo, und so bewunderte sie die mutigen Reiter. Doch als es dann zum Bullenreiten kam, musste sie schon schlucken als sie die wilden Tiere sah. Auf so einem wollte Alex reiten…. Als Alex an der Reihe war jubelten ihm alle zu, alle außer Sam, ihr saß ein Kloß im Hals. „Claire? Ist das auch wirklich nicht gefährlich?" „Ihm passiert schon nichts, das ist Alex Ryan!" Sam war keineswegs beruhigt. Alex gab das Startzeichen, das Gatter wurde geöffnet und der Bullen sprang mit einem rießigen Satz heraus. Wild bockend ließ er seinem Unmut darüber, dass Alex auf ihm drauf saß, freien Lauf. Und als Alex nach mehreren Sekunden von dem Bullen mit einer ungeheuerlichen Wucht abgeworfen wurde, musste Sam sich stark zusammen reißen, um nicht laut aufzuschreien. Alex lag auf dem Boden und rührte sich nicht, im Publikum war es leise geworden. Nun schaute auch Claire etwas ängstlich. Sam war vor Angst ganz starr. Doch plötzlich stand Alex auf und winkte in die Menge. Ihm war nichts passierte. Claire seufzte erleichtert auf. Aber Sam war noch immer käseweiß im Gesicht. Schnell lief sie von der Tribüne und wartete auf ihn. „Alex, bist du ok?" „Ja, klar. So läuft das nun mal beim Rodeo. Die fliegt man halt runter!" Sam schaute ihn besorgt an. „Du, Alex?", verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ja, Sam?" „Es tut mir leid, was ich zu dir gesagt habe. Ich hab es nicht so gemeint." Alex legte ihr lächelnd den Arm um die Schultern. „Ist schon okay!" „Du konntest schließlich nichts dafür, dass Mum nichts von dir wissen wollte!..." „Sam!" unterbrach Alex sie, „Es ist in Ordnung. Mach dir keine Gedanken. Wir brauchen halt ein bisschen Zeit um uns aneinander zu gewöhnen. Das wird schon." Zufrieden und in dem Wissen sich wieder ein Stück näher gekommen zu sein, gingen sie zu den anderen zurück.

Es wurde Zeit, dass Sam und Jodi sich für das Rennen fertig machten. Jodi erzählte Sam ununterbrochen wie toll Wildfire doch ist, und das sie ganz bestimmt das Rennen gewinnen würde. Sie war so stolz so einen Hengst reiten zu dürfen. Sam ging traurig zu Hurricane, der in genügender Entfernung zu Wildfire angebunden war und fing an ihn zu putzen und zu satteln. Nach einer Weile stieß Alex zu ihnen. „Hey, Sam, was ist los? Ich dachte du freust dich auf das Rennen!" „Ja schon, hab ich auch…. Aber ich will nicht gegen Jodi antreten. Sie freut sich so, und sie würde so gerne gewinnen. Und ich hab mich gerade mit ihr und Becky ein wenig angefreundet." „Und, wo liegt das Problem?" „Ich hab Angst, dass Jodi sauer ist wenn Hurricane und ich sie schlagen." „Sie wird das schon überleben. Außerdem, vielleicht gewinnt Jodi ja" meinte Alex mit einem Augenzwinkern und war sehr überrascht als Sam ernst antwortete, „Wenn ich starte, werde ich auch gewinnen!" „Ist das nicht vielleicht ein bisschen arrogant und überheblich?" „Nein, ist es nicht. Ich weiß was Hurricane kann. Ich werde meinen Start absagen, es ist ja nur ein kleines Rennen!" sagte Sam und ließ einen verblüfften Alex zurück. So kannte er Sam noch gar nicht, sicher Hurricane war ein klasse Pferd, und es war schon sehr wahrscheinlich dass er das Rennen gewinnen würde. Aber das Sam so sehr davon überzeugt war und das so eingebildet rüber brachte war ihm neu. Sonst band sie das einem nicht so schnell auf die Nase das Hurricane so klasse ist. Und das sie auch noch bereit war für Jodi auf das Rennen zu verzichten, ging ihm gar nicht in dem Kopf. Sam hat seit Tagen von nichts anderem als dem Rennen geredet.

Als Sam auf dem Weg zurück zu Hurricane war, ertönte die Durchsage: „Sam Donaldson verzichtet auf einen Start im abschließenden 5000 Meter Rennen. Die anderen Reiter bitte ich nun zur Startlinie" „Ach, hast du Angst du könntest verlieren?" Sam drehte sich um. Von einer zauberhaften rostbraunen Stute grinste Eli McNeill auf sie herunter. Sam schnaubte nur und ging weiter. Hoffentlich gewann Jodi das Rennen, diesem arroganten Schnösel gönnte sie den Sieg nicht. Nachdem sich Sam vergewissert hatte, dass es Hurricane gut ging, beeilte sich um zur Rennstrecke zu kommen. Dort hatten sich die Reiter bereits an der Startlinie versammelt. Und schon ertönte der Startschuß.

Die Pferde schossen nach vorne, Jodi und Wildfire setzten sich sogleich an die Spitze, dicht gefolgt von Eli mit Sandstorm. Jodi schlug ein hohes Tempo an, Sam hoffte, dass sie das durchhalten konnte. Schon nach der Hälfte der Strecke hatten sich Jodi und Eli von den anderen abgesetzt. Jodi trieb Wildfire weiter an, doch Eli konnte ihr leicht folgen. Sam bewunderte seine Stute, ein bildschönes, einfarbiges Tier, ohne jegliche Blesse. Sie war einfach nur rostbraun, genauso wie Hurricane nur schwarz war. Und genauso wie Hurricane schien Sandstorm kein reiner Quater zu sein, dafür war sie zu groß. Die kräftige Hinterhand war die eines Quaters, aber die hohen Schultern erinnerten eher an ein Warmblut. Sam konnte Sandstorms Muskeln spielen sehen, und als Eli sie nach 4000 Metern mit einem leichten Schenkeldruck aufforderte schneller zu werden, setzte sie sich mühelos neben Wildfire. Sam wusste, dass ihr Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde. Doch Jodi kämpfte, noch war sie mit einer Kopflänge vorne, und es waren nur noch 600 Meter bis zum Ziel, noch 500, in dem Moment zog Eli an ihr vorbei. Er gewann auf Sandstorm mit zwei Längen Vorsprung vor Jodi und Wildfire. Harry schien trotzdem mit Jodi's Leistung zufrieden zu sein. Gegen einen McNeill zu verlieren war für ihn anscheinend keine Schande. Doch Jodi konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Sie zog eine Schnute wie ein kleines Kind. Sie hatte ihr bestes gegeben und doch verloren. Sie tat Sam richtig leid. Am schlimmsten war es allerdings für Sam als Eli ankam und sie ihm zähneknirschend gratulierten musste. Er blickte auf sie herab und meinte mit einem neckischen Unterton: „ Wenn du doch mal gegen mich und Sandstorm verlieren möchtest…. In 3 Monate steigt in Fisher ein großes Rennen über 10 000 Meter." Sam fühlte sich herausgefordert. „Ich werde da sein!" Diesem Lackaffen würde sie es schon zeigen! Ihr und Hurricane machte so schnell keiner etwas vor!

Nach der Siegerehrung traf Sam zum ersten Mal ihre Großeltern. Alex stellte sie stolz vor: „Mum, Dad, das ist Sam, eure Enkeltochter!" Harry schaute sie nur verächtlich an: „Das ist keine Ryan. Eine Ryan würde niemals bei einem Rennen kneifen!" Alex Gesichtszüge verhärteten sich. Aber Harry fuhr fort: „Du hättest niemals herkommen sollen. Hier will Dich niemand!" meinte er zu Sam. „Es reicht! Hör auf so mit meiner Tochter zu reden!" Alex brüllte. „Was bildest du dir eigentlich ein!" „Ach hör auf Alex, du hättest sie nicht herbringen dürfen. Es war schon damals ein Graus als du mit ihrer Mutter, dieser Schlampe, zusammen warst. Das Kind wird niemals zu unserer Familie gehören!" „Dann gehöre ich auch nicht dazu!" Alex Stimmte überschlug sich. „Na, dann pack doch deine Sachen!" Es war mucksmäuschen Still um sie geworden. Sam stand versteinert da, als wolle sie nicht begreifen was da vor sich ging. Plötzlich schossen ihr die Tränen in die Augen, sie rannte zu Hurricane und ritt im gestreckten Galopp davon. Alex funkelte Harry böse an, „Wie du willst. Ich ziehe heute noch aus!" Damit hatte Harry nicht gerechnet. Liz schaute ihn vorwurfsvoll an. Doch bevor sie etwas unternehmen konnte war Alex schon auf und davon. Doch er holte Sam nicht mehr ein. Claire legte ihre Hand auf seinen Arm und beruhigte ihn: „Mach dir keine Sorgen. Sam reitet bestimmt nach Drover's. Sie wird den Weg schon finden." Und so war es auch, nachdem sie ihre Sachen gepackt und nach Drover's gefahren waren, warteten sie, und nach kurzer Zeit kam Sam über die Felder angeritten. Doch zu Alex Niedergeschlagenheit wollte sie mit niemandem reden und zog sich auf ihr Zimmer zurück.

Nick, der die Enttäuschung seines Bruder sah, kam auf ihn zu: „Was meinst du, das du ja jetzt obdachlos bist, hast du Lust zu mir nach Wilgul zu ziehen und dich als Geschäftspartner an der Farm zu beteiligen?" „Das hältst du doch mit mir gar nicht aus!" zweifelte Alex. „Ach, ich erzieh dich schon noch" grinste Nick. „Ok, abgemacht kleiner Bruder!" Alex strahlte und haute seinem Bruder freundschaftlich auf die Schulter. Und da er gerade so gut drauf war, sprach er gleich Claire an: „Na Claire, nachdem selbst Nick jetzt eingesehen hat das mit mir gut zu arbeiten ist, und du deinen Vertrag mit American Bloodlines gekündigt hast, wollen wir da nicht gemeinsame Sache machen und zusammen Pferde ausbilden und züchten?" Claire schaute ihn überrascht und skeptisch an. Alex legte schnell nach, bevor sie nein sagen konnte, „Siehts du, zu zweit können wir viel mehr machen, und zudem können wir auch noch meine guten Kontakte nutzen!" „Deine guten Kontakte?" Claire musste lachen. „Ja, meine guten Kontakte" Alex schaute sie neckisch ein. Claire dachte kurz nach und willigte dann ein. „Ok, einen Versuch ist es Wert. Aber wir sind absolut gleichberechtigt und entscheiden alles zusammen, und wir arbeiten hier auf Drover's" „Geht klar. Also auf die Ryan-McLeod Pferdestation!" er hielt ihr die Hand hin. Claire schlug mit einem Lachen ein, „McLeod-Ryan" „Na, von mir aus!" Alex war froh, so automatisch mehr Zeit mit Claire verbringen zu dürfen, und hielt ihre Hand einen Moment länger fest als man es normalerweise tat und schaue ihr dabei tief in die Augen. Claire lächelte ihn schüchtern an. Alex dreht sich um und holte für sich und Claire noch ein Bier. „Cheers, Partner!" Claire lächelte, „Ja. Cheers, Partner!"

Später ging Alex doch noch mal zu Sam, die in ihrem Bett lag und an die Decke starrte. Vorsichtig setzte er sich auf ihre Bettkante „Sam, hör mir zu!" sagte er leise. „Du bist und bleibst meine Tochter, egal was Harry sagt! Ok?" Sam schaute ihn an und nickte. Alex seufzte. Ein turbulenter Tag hatte seinen guten Abschluss gefunden.