Fisher
In den folgenden Wochen normalisierte sich das Leben auf Drover's Run so langsam, so fern man von normalisieren mit einer schwangeren Claire reden konnte. Claire's Aktionen strapazierten die Nerven der anderen, vor allem die von Alex und Tess. Sie sah einfach nicht ein, dass man während einer Schwangerschaft durchaus einen Gang zurückschalten kann. Sie machte so weiter wie immer, und Alex und Tess hatten alle Hände voll zu tun, sie von den größten Anstrengungen zu bewahren. An einem Tag schaffte es Tess Claire zu überreden mit ihr nach Fisher zum Babygroßeinkauf zu fahren. Sam sollte auch mitkommen. Eigentlich war es noch viel zu früh dafür, Claire war schließlich erst im dritten Monat, aber Tess war nicht klein zu kriegen.
Nach dem Frühstück, als sie gerade aufbrechen wollten kam Alex auf seiner Cross-Maschine angefahren. „Hallo Ladies! Wohin des Weges?"
„Unsere Zeit in Fisher verschwenden!" Claire schaute ihn etwas genervt an. Oh man, dieser Ryan sah gar nicht so schlecht aus, eigentlich sah er sogar verdammt gut aus, wie er da auf seinem Mottorad saß. Das schwarze, schulterfreie Shirt ließ seinen attraktiven Körper echt heiß aussehen, die Muskeln seiner Oberarme glänzten in der Sonne, seine dunklen Haare waren verwuschelt und seine Augen blitzen regelrecht. Moment Mal, Claire rief sich zu Ordnung. Das waren bestimmt die Hormone, solche Gedanken, nein, Alex war zwar ein super Kumpel, aber mehr nicht! Trotzdem konnte sie eine gewisse Verlegenheit ihm gegenüber nicht vermeiden.
„Ach, hat Tess dich endlich überreden können einkaufen zu gehen?" Alex grinste. „Na, dann will ich euch mal nicht aufhalten!" Er lachte und ging in Richtung Stall um ein wenig mit Duran zu trainieren. Die Frauen fuhren gut gelaunt nach Fisher. Zumindest Tess und Sam waren gut drauf. Tess freute sich auf das Einkaufen und Sam konnte es kaum erwarten endlich mal wieder einen Hauch von Stadt erleben zu können. Das Leben auf Drover's gefiel ihr zwar richtig gut, aber sie vermisste ihr altes Leben schon ein wenig. Der ganze Trubel einer Stadt, mit ihren Freunden auf den Putz hauen und vor allem nicht so unter Beobachtung zu stehen wie auf dem Land. Dort war immer jemand bei ihr, ständig schaute ihr jemand über Schulter. Und obwohl das Land so weit war, hatte sie manchmal das Gefühl in einem Gefängnis zu leben. Früher hatte sie immer so lange ausbleiben können wie sie wollte, ihrer Mutter war es egal gewesen wann sie ins Bett kam und wo sie sich rum trieb. Und so hoffte sie insgeheim wenigstens für eine Stunde aus Claire's und Tess' Obhut entschlüpfen zu können.
In Fisher angekommen beschlossen sie zuerst die Sachen für die Farm zu besorgen, ansonsten hätte man keine Chance mit Claire halbwegs in Ruhe einkaufen zu gehen. Gegen Mittag hatten sie alles besorgt, und nach einem kleinen Snack ging es auf große Shoppingtour. Nach heftigen Einwänden schafften sie es sogar ein paar Schwangerschaftskleider für Claire zu kaufen. Als es aber dann daran ging Babyklamotten zu kaufen konnte auch Claire ihre Begeisterung nicht mehr unterdrücken, allerdings musste sie stöhnen, als Tess rosa und babyblaue Strampelanzüge anschleppte. „Tess, muss das sein? Können wir das Baby nicht ganz normal anziehen? Ich will diesen kitschigen Kram nicht!"
„ Ach Claire, das gehört doch dazu!" Tess war nicht davon abzubringen, hier war sie voll in ihrem Element. Sam amüsierte sich köstlich, ihr machte es Spaß mit den beiden einkaufen zu gehen. Als sie gerade aus einem Laden, über dem in rosa die Schrift „Alles rund ums Baby" prangte, kamen hörte sie ein Lachen.
„Na, übst du schon für später?" Sam schaute in das grinsende Gesicht von Eli McNeill. „Die unbändige Sam kauft Babysachen…ich sollte ein Foto davon machen!"
„Ach, halt die Klappe." Sam schnaubte, dieser Typ regte sie auf, und es ärgerte sie, dass er sie bei so einer uncoolen Sache erwischt hatte. Um ihre Verlegenheit zu verstecken drehte sie sich um und wollte weggehen. Doch er rief sie zurück, „Hey Sam, schon fit fürs Rennen? In 2 Wochen ist es soweit! Ich hoffe du trainierst ordentlich, sonst bin ich schon geduscht bis du ins Ziel kommst."
Dieser Kerl war frech, seine blau-grünen Augen blitzen, Sam funkelte ihn an, „Träum weiter. Hurricane und mich schlägst du nicht!" Sam trainierte schon seit Wochen jeden Tag nach der Arbeit. Die 10 000 Meter waren für Hurricane schon längst kein Problem mehr, und dennoch beschloss sie die verbleibenden 14 Tage noch intensiver zu nutzen. Ohne ein weiteres Wort stiefelte sie davon und zerrte Claire und Tess in „New Yorker", „Jetzt will ich aber auch noch was zum anziehen!" Die restlichen Stunden bis zum Abend verbrachten sie damit Kleider für Sam und Tess zu kaufen. Claire gab allerdings nach einer Stunde erschöpft auf und sie einigten sich darauf die Nacht in Fisher zu verbringen. Claire sollte ein Hotel suchen und sich etwas ausruhen und die beiden Shoppingmäuse um 19 Uhr in der Innenstadt abholen.
Sam und Tess zogen von einem Geschäft ins nächste und hatten eine prima Zeit. Für Tess kauften sie hauptsächlich Oberteile im asiatischen Stil, farbenfroh und mit vielen Blumen. Sie hatte gerade eine Asien-Phase. Sam bekam coole Stoffhosen mit breiten Gürteln, zwar waren es keine Baggy-Hose mehr, aber immer noch solche, die nicht unbedingt in das Weltbild der Erwachsenen passten. Auch ihre neuen Oberteile konnte man nicht gerade als konventionell bezeichnen, aber Sam war glücklich, und Tess war der Meinung das jeder seinen eigen Stil auslebend sollte, und da Sams Sachen durchaus ihre weiblichen Kurven betonten war sie zufrieden mit den Einkäufen. Als sie ihre Schätze jedoch Claire vorführten war diese nicht sonderlich begeistert „Was soll sie denn mit diesen Klamotten bei uns auf dem Hof? Tess, du bist die Erwachsene, du hättest darauf achten müssen, dass Sam sich auch was Ordentliches kauft. Sie ist 14, in dem Alter sollte man nicht wie eine Sexpuppe rumlaufen!" Was würde Alex bloß denken, er wollte seine Tochter bestimmt nicht so rumlaufen sehen!
Tess hatte jedoch kein Verständnis für die Einwände ihrer Schwester, „Erstens wird Sam nächste Woche 15, und zweitens laufen alle jungen Mädchen so rum. Es ist nicht jeder so ein Landei wie du!" schon als sie die Worte aussprach taten sie ihr leid. „Claire,…. Es tut mir leid! So war das nicht gemeint."
Claire schaute verletzt auf Tess. „Vergiss es, lass uns Sam holen und zum Abendessen gehen." „Claire…." Tess rief hinter ihr her, doch Claire war schon aus dem Hotelzimmer geeilt und klopfte nebenan. Nach einer kurzen Diskussion hatte sie Sam erlaubt ein Einzelzimmer zu nehmen, und hatte sich und Tess in dem Doppelzimmer einquartiert. Es bereitete ihr einige Bauchschmerzen Sam alleine schlafen zu lassen, aber in den vergangenen Monaten hatte sie sich eigentlich recht vernünftig verhalten, und so konnte man ihr wohl vertrauen. Nach dem Essen gingen sie schnell zu Bett, sie wollten am nächsten Morgen möglichst früh aufbrechen um den anderen nicht zuviel Arbeit zuzumuten.
Während Tess und Claire sich Bettfertig machten versuchte Tess auf ihren Faut-Pas zurückzukommen. „Claire, wegen vorhin, die Sache mit dem Landei, es tut mir wirklich leid." „Tess! Es ist schon in Ordnung! Lass es uns einfach vergessen!" Claire verschwand im Bad. Sie war offenbar nicht bereit darüber zu reden. Tess hoffte nur, dass es wirklich in Ordnung für Claire war, sie schien immer noch etwas gekrängt zu sein. Hoffentlich hatte sie es ihr bis morgen vergeben. Tess hatte ein schlechtes Gewissen, und wollte nicht das ihre Schwester wegen ihr verletzt war.
Im Nebenzimmer wartete Sam eine Weile bis sie sich sicher sein konnte, dass Claire und Tess schliefen, dann schlüpfte sie leise aus ihrem Zimmer und verlies unbemerkt durch den Hintereingang das Hotel. Als sie draußen war atmete sie erstmal tief durch, ein wenig schlechtes Gewissen hatte sie doch. Claire war immer freundlich und fair zu ihr, aber wenn alles normal verlief würden weder Claire noch Tess etwas mitbekommen. Sie lief zügig durch die dunklen Straßen von Fisher bis sie in einem Kneipenviertel angekommen war. Es tat gut endlich wieder nachts unterwegs zu sein. Als erstes besorgte sie sich in einem Pub eine Dose Bier, dann begann sie nach etwas Unterhaltung Ausschau zu halten.
Als sie durch eine kleine Gasse ging, hörte sie eine, ihr nun schon bekannte, Stimme hinter sich. „Was macht ein kleines Mädel wie du um diese Uhrzeit alleine hier in der großen Stadt?" fragte Eli mit einem spöttischen Unterton. Sam sprang auf seine Hänselei an und war sofort auf 180.
„Erstens ist das hier keine große Stadt, zweitens bin ich fast 15, und drittens geht dich das überhaupt nichts an, was ich wann mache!" zischte sie giftig. Eli lachte, „Nun komm mal wieder runter! So war das doch gar nicht gemeint! Komm lass uns zusammen umher ziehen."
„Was soll ich denn mit so einem kleine Jungen wie dir? Ich kann mich durchaus alleine beschäftigen und ich brauch keinen Aufpasser!" Ihre Stimme klang immer noch ein wenig scharf. Sam wusste nicht was sie denken sollte. Sie ging auf seine Neckereien ein, aber ein bisschen ärgerten sie seine Kommentare schon, als wäre sie noch ein kleines Kind.
Eli versuchte sie mir ruhiger Stimmer zu überzeugen, allerdings war ihm bewusst, dass sie das nicht gerade beruhigen würde: „Um mal bei deiner Sprache zu bleiben: erstens bin ich 17, und somit zumindest älter als du, zweitens hab ich nicht vor den Aufpasser zu spielen und drittens hab ich gedacht, dass es zu zweit einfach lustiger ist als alleine!" Sam wollte schon aufbrausen, was fiel diesem Kerl ein, doch sie zwang sich die Ruhe zu bewahren und dachte kurz nach. Vielleicht war sein Vorschlag gar nicht so schlecht, sie kannte hier ja niemanden, und etwas Unterhaltung konnte nicht schaden. „Ist ja schon gut. Was machen wir?" brummte sie schon etwas versöhnlicher.
„Ich hab dahinten eine nette Kneipe gesehen…" Eli ging los, aber nicht ohne sich zu vergewissern, dass Sam mitkam. Er hatte zwar gesagt, dass er nicht ihr Aufpasser sein wollte, aber sie war ein Mädchen, und seiner Meinung nach sollte sie hier nicht alleine rumlaufen. Für ihn war es eine Frage der Ehre ein junges Mädchen zu beschützen. Nachdem sie schweigend ein paar Minuten gelaufen waren, betraten sie eine kleine Billard-Bar.
Sam war nicht sonderlich begeistert. „Billard? Ach nee, das kann man auch in Gungellan spielen. Besser gesagt, das ist das Einzige was man in Gungellan machen kann!"
Eli musste lächeln, "Ja, das hast du recht. Warte, ich hol uns noch ein paar Bier, und dann schauen wir uns nach was anderem um." Er ging zur Bar und kam mit einem Sixpac zurück. „Na, dann los!" Er öffnete eine Flasche und reichte sie Sam. „Danke." antwortete Sam. Und wieder zogen sie durch die einsamen Straßen von Fisher. So hatte sich Sam den Abend wirklich nicht vorgestellt. Im Verhältnis zu Melbourne war Fisher ein verschlafenes Nest, zwar nicht ganz so schlimm wie Gungellan, aber was los war hier auch nicht. Nach einer Weile kamen sie zu einem kleinen Platz, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand. Sie setzten sich nebeneinander auf den Rand des Brunnens. Man hörte nur das Plätschern des Wasser, und in der Ferne ein paar Autos. Eigentlich war es schön hier mit Eli zu sitzen. Obwohl sie sich kaum kannten, war das Schweigen zwischen ihnen nicht unangenehm. Im Gegenteil, es war als würden sie sich verstehen ohne etwas zu sagen.
Trotzdem brach Sam die Stille: „Was machts du eigentlich hier in Fisher?" fragte sie ihn. Eli lächelte, „Ach, mein Dad musste hier was Geschäftliches erledigen, und dachte ich könnte dabei noch was lernen."
Sam nickte verständnisvoll. „Hmm. Du hast ein schickes Pferd. Das Rennen in Gungellan war sehr beeindruckend!" „Danke." Eli freute sich über das Lob. Er liebte seine Stute über alles. „Sandstorm ist wirklich toll. Wir haben sie selber gezüchtet. Ich hab sie seit dem sie ein Fohlen ist."
„Wirklich? Ich hab Hurricane auch kurz nach seiner Geburt bekommen. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben und ich hab ihn mit der Flasche groß gezogen." sagte Sam stolz. Sie saßen noch über eine Stunde dort und fachsimpelten über Pferde, solange sie bei diesem Thema blieben würde ihnen der Gesprächsstoff nicht ausgehen. Als das Bier zu Neige ging meinte Eli: „Komm, ich bring dich zu deinem Hotel." Er war überrascht als Sam zustimmte. „Ja, ist gut." Er hatte erwartet, dass sie sich bevormundet fühlen würde. Als sie vor dem Hotel angekommen waren wurde Eli dann doch wieder von Sam auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „Das war ein schöner Abend. Aber ich mag dich immer noch nicht, McNeill. Du bist mit zu arrogant." Sam schaute ihn streng an. Doch Eli lächelte nur: „Selber, Ryan! Aber ich hatte auch eine schöne Zeit!" Doch das Lächeln verging ihm als Sam ihn anfuhr: „Ich bin keine Ryan! Mein Name ist Donaldson!" Und schon war sie im Hotel verschwunden und ließ einen verblüfften Eli zurück.
Ryan! Soweit kam es noch! Nie würde sie den Namen einer Familie annehmen, die sie nicht haben wollte. Sie war nun seit fast 15 Jahren eine Donaldson, und würde das auch bleiben!
Am nächsten Morgen kam Sam ziemlich verschlafen zum Frühstückstisch. Viel Schlaf hatte sie nicht bekommen. Außerdem brummte ihr Schädel, seitdem sie auf Drover's lebte, hatte sie nicht mehr soviel getrunken. Sie holte sich einen Orangensaft und setzte sich zu Claire an den Tisch. Tess stand noch immer unter der Dusche.
Als Sam sich müde die Augen rieb, schaute Claire sie kritisch an. „So spät war es doch gestern gar nicht! Du siehst aus als hättest du die Nacht durchgemacht." meinte sie lächelnd. Sam schaute verschämt nach unten. Verdammt, sie konnte Claire nicht anlügen, sie wusste nicht wieso, aber es ging einfach nicht. Langsam hob sie verlegend grinsend den Kopf. Aus Claire's Gesicht war das Lächeln verschwunden. „Sam? Sag, dass du die letzte Nacht in deinem Bett verbracht hast!" forderte sie tonlos. Sam druckste herum, „Claire… es tut mir leid!...Ich…Ich hab auch nichts angestellt. Versprochen!"
„Oh Mann, Sam!" Claire war ärgerlich. „Was soll der Mist! Ich kann dich doch nirgendwo mehr mit hinnehmen. Du kannst doch nicht einfach nachts abhauen! Wie soll ich dir da noch vertrauen?" Sam ärgerte sich fast schon über sich selber, aber nur fast „Claire, ich musste einfach mal wieder raus. Es ist doch nichts passiert. Ich hab nur mit Eli gequatscht. Sonst nichts."
„Eli McNeill? Sam, mit den McNeills haben wir nichts am Hut. Verstanden? Was soll Alex bloß denken? Seine Tochter treibt sich die ganze Nacht draußen rum, und dann auch noch mit einem McNeill!" Sam erschrak „Bitte, Claire, sag nichts zu Alex. Ich…." In diesem Moment betrat Tess den Frühstücksraum. Schnell sagte Claire: „Mach dir keine Sorgen. Ich werd ihm nichts sagen. Aber wenn so was noch mal passiert, Sam, dann hab ich keine Wahl mehr. Reiß dich zusammen und werde erwachsen!" Claire schaute Sam enttäuscht an! Die nickte schnell und begrüßte dann Tess, die gerade an den Tisch kam. Tess war äußerst vergnügt, sie hatte gestern einen schönen Tag gehabt und Claire schien ihr wirklich nicht böse zu sein, jetzt freute sie sich wieder auf Drover's.
Nach dem Frühstück brachen sie zügig auf. Auf Drover's wurden sie von Alex grinsend empfangen „Na, ich hab das Gefühl ihr habt euren kleinen Ausflug genossen." „Oh ja!" Tess strahlte. Sam und Claire schauten sich nur Augenrollend an, die nächste Viertelstunde würde Tess Alex mit einem ausführliche Bericht nerven, aber er war selber Schuld. Was musste er auch solche Fragen stellen. Tess würde nicht zu stoppen sein…
