Ein widerspenstiges Pferd
Am selben Nachmittag lehnte Claire am Zaun und schaute nachdenklich Alex und Duran beim Training zu. Der kleine Braune, mit einer schmalen Blesse und einem weißen Bein, machte sich gut. Er ging konzentriert und hatte allen Anschein nach Vertrauen zu Alex gefasst. Aber das Pferd war es nicht was sie nachdenklich stimmte. Es musste doch einen Grund geben warum Sam letzte Nacht abgehauen war. Fühlte sie sich hier nicht wohl? Den Eindruck hatte Claire eigentlich nicht gehabt…. Merkwürdig, zu welchen Gedanken eine Schwangerschaft einen verleiten konnte. Früher hätte sie über so was nicht nachgedacht. Aber sie wollte, dass Alex glücklich ist,… schon wieder so ein komischer Gedanke,… aber er würde nur zufrieden sein, wenn Sam sich wohl fühlte. In den paar Monaten, in denen Sam jetzt hier war hatte Alex die Kleine richtig ins Herz geschlossen, er war fast ein wenig weich geworden. Claire musste innerlich lächeln, Alex Ryan war weich geworden. Was ein Kind so alles bewirken konnte. Aber hatte diese Veränderung auch was bei Sam bewirkt? Vermutlich schon, aber dennoch stimmte irgendetwas nicht. Hm, vielleicht vermisste Sam ja ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung doch mehr als sie gedacht hatte.
„Und, was denkst du?" Alex hielt vor ihr an und stieg vom Pferd. „Er ist gut in Form. Du hast ihn gut trainiert!" lobte Claire ihn. „Du, Alex," fuhr sie fort. „Sam hat doch am Samstag Geburtstag…Was hältst du davon als Überraschung am Wochenende mit ihr nach Melbourne zu fliegen?"
„Aber wir organisieren ihr doch schon die Überraschungsparty am Freitag! Und überhaupt, was sollen wir in Melbourne?" Alex verstand nicht was das sollte.
„Hm, vielleicht würde Sam sich freuen ihre Freunde mal wieder zu sehen!" meinte Claire.
„Ja, tolle Freunde hat sie dort…ich weiß nicht, ob ICH möchte, dass sie ihre Freunde wieder sieht." Alex war nicht sonderlich begeistert von dieser Idee.
Claire schüttelte den Kopf: „Ach komm schon Alex, es geht nicht darum was DU willst, sondern was Sam will. Sie wurde so plötzlich aus ihrem Umfeld herausgerissen…"
„Hat sie was zu dir gesagt als ihr in Fisher wart?" hakte Alex nach.
„Nein, nein!" wiegelte Claire ab. „Ist auch nur so ein Gefühl von mir…" Sie hatte nicht vor Alex zu erzählen was passiert war, das hatte sie Sam schließlich versprochen.
„Na, wenn du meinst…" Alex dachte nach, wenn Claire der Ansicht war…es war immerhin denkbar, dass sie recht hatte. „Na gut, wieso nicht! Aber wer spielt dann hier den Babysitter?" fragte er mit einem ernsten Gesicht.
„Babysitter? Für wen?" Claire verstand nicht worauf er hinauswollte. „Na, für unseren Filius hier." Er tätschelte ihren Bauch. „Ihr zwei stellt doch nur Blödsinn an wenn ich nicht da bin!" er grinste sie frech an. „Oh du….!" Claire versuchte lachend nach ihm zu schlagen, aber Alex versteckte sich schnell hinter Duran, der empört aufschnaubte, und lachte über dessen Widerrist Claire an.
Noch am selben Abend sprach Alex mit Sam, er sagte ihr aber nicht wohin es gehen sollte. Zuerst war sie auch richtig begeistert, es freute sie mal weg zu kommen. Alex hatte Sam nur gesagt, dass sie bis Montag Mittag weg sein würden, und dass sie für alles packen sollte, aber nichts schickes mitnehmen musste. Doch dann wurde Sam bewusst was es bedeutete das Wochenende weg zu sein: „Aber ich muss doch mit Hurricane trainieren! Nächstes Wochenende ist das Rennen!"
Doch Alex wollte nicht nachgegeben: „Ach komm schon, dein Schatz ist super fit, ihr braucht doch gar kein Training mehr." Schließlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Sam versuchen sollte in den verbleibenden vier Tagen Hurricane soweit zu bringen, dass er jemand anderen auf sich reiten lässt, sodass er wenigstens bewegt werden konnte.
Erst hatte sie es mit Becky versucht, doch Hurricane ließ sich lediglich von ihr umführen, beim Satteln fing er aber an zu streiken. Als er den Sattel sah, fing er erst an zu tänzeln und schnaubte aufgebracht, als Becky den Sattel auf ihn legen wollte stieg er mit den Vorderbeinen in die Höhe und wieherte schrill. Becky wich hastig zurück um nicht von seinen Hufen getroffen zu werden. Sam hatte Hurricane schnell wieder beruhigt. Doch es war aussichtslos, innerhalb von vier Tagen würde Becky nie soweit sein ihn gefahrenlos reiten zu können.
Sam seufzte. Claire und Alex konnten Hurricane zwar schon von Anfang an führen. Sie hatten darauf bestanden, wenn Hurricane auf Drover's bleiben sollte, doch für Claire war es wegen ihrer Schwangerschaft viel zu gefährlich. Das Risiko war einfach zu hoch. Ein zuverlässiges Pferd wie Eagle konnte sie noch ein paar Monate problemlos reiten, aber Hurricane….keine Chance! Und Alex, der fuhr mit ihr weg. Es gab nicht mehr viele Möglichkeiten, Tess, Meg und Jake konnten Hurricane noch nicht einmal streicheln. Blieben nur noch Nick und Jodi.
Doch bei Nick war es das gleiche wie bei Becky, führen ja, aber sobald der Sattel ins Spiel kam machte Hurricane nicht mehr mit. Sam schüttelte enttäuscht den Kopf. Das war die Strafe, dass sie jahrelang niemanden an Hurricane ran gelassen hatte, nur Tom durfte ihn anfassen. Aber Hurricane war halt das Wertvollste was sie besaß. Er war wie eine Familie für sie.
Alex unterbrach Sam's Gedankengänge: „Du hast ein ganz schön widerspenstiges Pferd!" Sam runzelte die Stirn, „Einen Versuch haben wir noch…" und schaute Jodi an. Und es geschah was niemand für möglich gehalten hatte, Hurricane ließ sich problemlos von Jodi satteln. Die anderen bekamen vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Jodi steckte sich verlegen eine ihrer Locken hinters Ohr und saß auf. Hurricane zuckte noch nicht mal. Und nach einer kleinen Proberunde strahlte Jodi über das ganze Gesicht „Er ist sooo toll! Ich kann es nicht fassen!" Das konnte keiner von ihnen. Sam dachte sich nur, dass das Innere des Pferdes unergründlich ist und lächelte dabei. Sie mochte die Eigenarten ihres Pferdes. Bis zum Wochenende trainierte nicht nur Sam mit Hurricane, auch Jodi ritt ihn jeden Tag, allerdings hatte sie von Sam gesagt bekommen nicht in Renngalopp zu gehen, das war ihr dann doch zu gefährlich. Jodi war das egal, sie war stolz genug, dass sie Hurricane reiten konnte und die anderen nicht. Und das lies sie auch alle bei jeder Gelegenheit wissen. Meg und Becky waren schon kurz vorm Durchdrehen, aber irgendwann würde sich Jodi schon wieder beruhigen.
