Auf die Plätze…
Froh wieder auf dem Land zu sein, stürzten sich Sam und Alex in die Arbeit. Sam war glücklich, dass sie wieder mit Hurricane trainieren konnte. Jodi hatte ihn während Sams Abwesenheit ordentlich bewegt, sodass Sam zufrieden sein konnte. Jedoch wurmte es sie noch immer, dass sie nicht unter Alex Namen starten durfte. Aber nur weil Nicole gesagt hatte, dass sie ohne die Zustimmung ihrer Großeltern ihren Namen nicht ändern konnte hieß das noch lange nicht, dass sie den Namen Ryan nicht benutzen wollte. Einen Versuch war es wert. Vielleicht erlaubte es ihr die Rennleitung ja doch.
Gleich Dienstag in der Früh verschwand sie in einem ruhigen Augenblick in Claire's Büro und wählte die Nummer der Rennleitung. Am anderen Ende nahm ein freundlicher Herr mit einer warmen, sanften Stimme den Hörer ab. Sam erklärte ihm ausführlich ihr Anliegen, fügte allerdings hinzu, dass die Namensänderung von Donaldson zu Ryan schon beantragt sei. Das war zwar etwas geflunkert, aber das war Sam egal. Sie wollte Alex zeigen wie gern sie ihn hatte, es fiel ihr immer noch schwer es in Worte zu fasse, aber diese Geste würde Alex schon verstehen. Der Herr von der Rennleitung war sehr nett zu ihr und nach einem kurzen Gespräch sagte er ihr, dass das kein Problem sei, und er den Namen ändern würde, die Programmhefte waren aber schon gedruckt, sodass da nichts mehr ging. Allerdings versprach er ihr, dass die Durchsagen mit dem Namen Ryan gemacht werden, und dass auf der Anzeigetafel „S. Ryan" erscheinen werde.
Als sie aufgelegt hatte, wollte Sam laut losjubeln, sie konnte sich gerade noch zurück halten und hüpfte in die Höhe. Das war leichter als sie gedacht hatte! Hoffentlich war das okay für Alex, kurz kamen Zweifel in ihr hoch, war es eine gute Idee gewesen, oder würde Alex sauer werden? Nein, sie rief sich zu Ordnung, wenn Alex das nicht gefiel, dann wollte er sie auch nicht als Tochter haben! Das Risiko musste sie eingehen. Aber sie war sich sicher, dass er sich freuen würde. Sam lächelte vor sich hin und ging gut gelaunt wieder an die Arbeit.
Das Rennen näherte sich. Die letzten beiden Tage davor trainierten Sam und Hurricane nicht mehr soviel, sie wollten schließlich ausgeruht an den Start gehen. Freitagabend wollten sie aufbrechen. Alex und Claire hatten beschlossen, dass es vernünftiger war am Abend vorher anzureisen, sodass Hurricane am Renntag nicht auch noch dem Reisestress ausgesetzt war. Sam war allerdings der Meinung, dass die beiden das nur eingefädelt hatten um mehr Zeit miteinander verbringen zu können. Aber sie behielt ihre Meinung wohlweislich für sich.
Gegen sechs Uhr spannten also Alex und Sam den Hänger vor den Pick-Up und verluden Hurricane. Nachdem sie auch ihre Sachen auf der Ladefläche untergebracht hatten, stiegen sie in den Wagen und machten sich mit Claire zusammen auf den Weg nach Fisher. Die anderen sollten am nächsten Tag nachkommen. Da das Rennen erst um fünf Uhr beginnen sollte, hatten sie vorher noch Zeit sich um die Tiere auf dem Hof zu kümmern. Jodi würde dieses Mal auch nicht mit Wildfire starten. Jodi war zwar zuerst etwas enttäuscht gewesen, aber letztendlich hatte sie Harrys Argumente dann doch verstanden. Wildfire war nach Harrys Meinung eher ein Pferd für die kurzen Distanzen und hätte auf den 10 000 Metern kaum eine Chance gehabt. Aber auch Harry hatte sich für den Samstag in Fisher angekündigt, für ihn bot sich eine prima Gelegenheit Geschäftskontakte zu knüpfen.
Die Fahrt nach Fisher war äußerst unterhaltsam. Die drei waren nur am Lachen. Als sie endlich angekommen waren, luden sie als erstes Hurricane aus und brachten ihn auf einen kleinen Paddock. Den Pick-Up stellten sie daneben. Alex und Sam wollten die Nacht draußen bei Hurricane verbringen. Für Claire dagegen hatte Alex ein Hotel in der Nachbarschaft bestellt. Claire wollte zwar auch mit ihnen campen, aber Alex war der Meinung, dass das in ihrem Zustand keine gute Idee war. Claire protestierte zwar: „Alex, ich bin schwanger, nicht krank!"
„Keine Widerrede, Claire! Du musst jetzt auch auf das Baby achten!" Alex ließ keinen Widerspruch zu. Sam musste grinsen, es war richtig süß wie Alex sich um Claire und das Baby sorgte. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass es Sam und Hurricane gut ging, machten sich Claire und Alex auf den Weg ins Hotel um einzuchecken. Sie versprachen in einer halben Stunde wieder da zu sein, und sich mit Sam zusammen etwas auf dem Gelände umzusehen und zu Abend zu essen.
Als die beiden weg waren, machte es sich Sam auf dem Zaun von Hurricanes Paddock bequem und beobachtete den hübschen Hengst beim Fressen. Von ihr aus konnten sich Alex und Claire Zeit lassen, sie würde nicht müde werden ihr Pferd anzuschauen.
Claire und Alex gingen zu Fuß Richtung Hotel, die fünf Minuten konnten sie auch laufen. Alex trug Claire's Tasche, auch wenn sie nicht sonderlich schwer war. Claire hatte es mal wieder nicht eingesehen warum sie für zwei Nächte soviel einpacken sollte. In ihrem Hotelzimmer angekommen ließ sich Claire erstmal aufs Bett fallen. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, war sie Alex doch dankbar dafür, dass er darauf bestanden hatte für sie ein Zimmer zu mieten. Sie unterschätzte immer wieder wie viel Kraft so eine Schwangerschaft auch in den ersten Monaten schon kostete. Alex stand nachdenklich in der Tür, die Schwangerschaft stand Claire echt gut. Er lächelte, es war sein Baby, dass sie da unterm Herzen trug, sein Baby. „Alles klar, McLeod?" fragte er.
Claire schaute zu ihm auf, ihre Augen blitzen „Klar Ryan! Ich finds klasse mit dir und Sam unterwegs zu sein. Morgen wird bestimmt ein super Tag. Da werden tolle Pferde am Start sein!"
„Meinst du Sam hat bei dem Rennen ein Chance?" fragte Alex besorgt. Er hatte Angst, dass eine Niederlage an Sams Selbstbewusstsein kratzen würde und er wollte nicht, dass seine Kleine leiden musste.
Doch Claire nahm ihm die Zweifel, indem sie prompt antwortete: „Du hast die beiden doch gesehen. Hurricane ist ein Wahnsinns Pferd und er würde alles für Sam tun. Und Sam reitet wie der Teufel! Außerdem werden alle sie unterschätzen, niemand kennt sie, das wird ihr zu Gute kommen. Sie hat auf alle Fälle eine Chance!" Sie unterhielten sich noch eine Weile über das morgige Rennen, bis sie beschlossen wieder zu Sam zu gehen.
Als Claire und Alex zurückkamen saß Sam immer noch auf dem Zaun des Paddocks. Die beiden traten neben das junge Mädchen und nahmen sie in die Mitte. Sam lief ein wohliger Schauer den Rücken runter. Es war perfekt, es war einfach perfekt! Noch nie in ihrem Leben war sie glücklicher gewesen als in diesem Moment. Alle waren sie bei ihr; ihr Pferd, ihr Vater, ihre Mutter…. Ihre Mutter? Sam stutzte. Claire war nicht ihre Mutter! Ihre Mutter war tot. Sam dachte nach, vielleicht war ja doch was Wahres dran. Claire war ihr mehr eine Mutter, als ihre eigentliche Mutter es je gewesen war. Auch wenn Claire nicht diese mütterliche Art wie vielleicht Meg oder Tess hatte, sie war sparsamer mit ihren Zärtlichkeiten und ließ ihr mehr Freiraum. Aber gerade das mochte Sam an Claire. Claire war immer für sie da, wenn sie sie brauchte, und sie schien sie besser zu verstehen als jeder andere, und dieses Gefühl konnte sie ohne viel Worte oder Zärtlichkeiten ausdrücken. Das war es was Sam so schätzte, bei Claire fühlte sie sich nie bemuttert, aber trotzdem sicher.
„Kommt!" Sam sprang vom Zaun herunter, tätschelte noch mal Hurricane und bückte sich unter der Absperrung hindurch. Die drei streiften über das Gelände. Ein paar andere Reiter waren auch schon mit ihren Pferden angereist. Allerdings hatten sie hauptsächlich die Paddocks in der Nähe der Rennbahn belegt. Sam war dagegen mit Absicht möglichst weit entfernt geblieben, sie wollte morgen ihre Ruhe haben und nicht von zu vielen Leuten gestört werden. Als Sam die Rennbahn erblickte staunte sie nicht schlecht Start und Ziel lagen in einer Art Arena, die von drei Seiten mit Zuschauertribünen umgeben war, die vierte Seite eröffnete den Blick auf den Rest der Strecke die in die Weiten des Outbacks hinausging. Die Strecke war so angelegt, das sie je nach Renndistanz, verlängert oder verkürzt werden konnte. Die 10 000 Meter waren in zwei 5000 Meter Runden aufgeteilt. Den größten Teil der Strecke konnte Sam gar nicht sehen dafür war es schon zu dunkel, sie würde sie sich morgen mit dem Auto anschauen müssen. Für den Moment war Sam aber erstmal von der beeindruckenden Tribüne umgeben, was musste das für ein Gefühl sein hier vor ausverkauftem Haus zu starten! „Ist ganz schön groß, oder?" fragend schaute Sam zu Alex auf.
Er merkte wie sehr seine Tochter beeindruckt war und legte beruhigend den Arm um ihre Schultern. „Ja," antwortete er, „aber das macht nichts. Das Rennen morgen wird deine Show, und je mehr Zuschauer da sind, desto besser!" Er grinste sie aufmunternd an.
Er war einfach unmöglich dachte sich Sam, und musste auch grinsen „Ja, das wird meine Show….und Hurricanes!"
Claire schüttelte nur den Kopf, dieses übertriebene Selbstbewusstsein musste an dem Ryan-Gen liegen, anders war das Verhalten der beiden nicht zu erklären. „Na los ihr Draufgänger," unterbrach sie die Höhenflüge der beiden. „Es ist spät geworden, und morgen wird ein anstrengender Tag!"
„Ja, Mama!" neckte Alex sie.
„Hey, werd nicht frech!" Claire boxte ihn liebevoll in die Seite.
„Werd ich nicht, Mama!" Alex Grinsen wurde immer breiter.
„Oh, du…" Claire hob die Hand, Alex lief schnell davon und Claire lachend hinterher. Diesmal war es an Sam den Kopf zu schütteln, die zwei waren wie verliebte Teenager, nur bemerkten sie es nicht. Mit einem Lächeln auf den Lippen folgte sie den beiden.
Nachdem sie Claire zum Hotel gebracht hatten machten es sich Sam und Alex neben Hurricanes Paddock in ihren Schlafsäcken bequem. Es war zum Glück warm genug, sodass sie kein Feuer machen mussten. „Du Alex?" Sam blinzelte zu ihrem Vater hinüber.
„Ja, Sam. Was ist denn?" er blickte sie an.
„Danke, dass du und Claire mit mir hier her gefahren seid. Und das ich an dem Rennen teilnehmen darf."
Alex lächelte „Kein Problem. Das machen wir doch gerne. Ich möchte doch, dass es meiner kleinen Tochter gut geht!" Sam musste schmunzeln, sie hatte echt einen lieben Vater. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie die ersten 14 Jahre ihres Lebens ohne ihn ausgekommen war. Vater und Tochter lagen schweigend nebeneinander. Alex versuchte einzuschlafen, doch Sam schaute verträumt in die Sterne. Plötzlich unterbrach sie die Stille „Wir müssen morgen früh als erstes meine Meldung bestätigen und die Start- und Paddockgebühren bezahlen!"
„Sam, es wird schon alles gut, wir machen das schon, jetzt versuch zu schlafen!"
