…fertig,…
Am nächsten Morgen wachte Sam früh auf. Als erstes holte sie aus dem Pferdehänger frisches Heu für Hurricane, dann erneuerte sie sein Wasser und kontrollierte seine Beine und Hufe. Gerade als sie sich vergewissert hatte, dass es ihm gut ging, tauchte auch schon Claire auf.
Sam musste leise lachen „Guten Morgen Claire! Was machst du denn schon hier? Da hast du schon mal die Gelegenheit auszuschlafen, und das auch noch in einem feinen Hotelzimmer, und stehst trotzdem mit den ersten Sonnenstrahlen auf!" Claire lächelte „Ich wollte doch das Frühstück mit euch nicht verpassen. Weck doch schon mal unsere schlafende Schönheit!" sagte sie, deutete auf Alex und schnappte sich Decke und Kühlbox, in die Meg allerlei Leckereien gepackt hatte, aus dem Pickup. Sam rollte mit den Augen und wandte sich Alex zu.
Sie begann ihn an der Schulter zu rütteln „Alex! Alex, aufwachen!...Alex!" Doch Alex murmelte nur unverständliches Zeug und drehte sich auf die andere Seite. „So wird das nichts" Sam schaute Claire an, dann wanderte ihr Blick auf Hurricanes Wassereimer und wieder zurück zu Claire. Die nickte leicht und grinste. Sam griff sich den Eimer und stellte sich soweit wie möglich von Alex weg, sodass sie mit augestreckten Armen gerade noch über seinen Kopf kam. Es war schon niedlich wie er so da lag, wie ein kleiner Junge! So richtig friedlich! Aber auch kleine Jungs mussten aufstehen. Langsam fing sie an den Eimer über Alex Kopf zu kippen, das kalte Wasser plätscherte auf Alex hinunter. Der sprang erschrocken auf und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
„Was? Wie?" Sam und Claire kugelten sich vor lachen. So langsam begriff Alex die Situation und kam auf Sam zu. „Na warte, du Schlingel!" Sam stellte schnell den noch halbvollen Eimer auf den Boden und wollte sich lachend aus dem Staub machen. Doch Alex war schneller, er packte sie und wirbelte sie durch die Luft! „Du kleiner Räuber!" Vorsichtig lies er sie Kopfüber über dem Eimer baumeln. Sam quiekte „Neiiiin! Lass mich runter!" Konnte sich aber vor lauter Lachen nicht wehren, auch Claire kam aus dem Lachen nicht mehr hinaus. Es war einfach nur zu süß zu beobachten wie Alex mit seiner Tochter rumtobte. Als würden die zwei die Jahre die sie verloren hatten, wieder aufholen wollen. Als Sams blonde Haarspitzen nass waren beschloss Alex, dass nun genug war, und stellte Sam wieder mit beiden Füßen auf den Boden.
Nach dem Frühstück nutzen Sam und Alex Claires Hotelzimmer und sprangen nacheinander kurz unter die Dusche. Den Vormittag verbrachten die drei dann damit die Formalitäten für Sams Start zu erledigen, dabei musste Sam sich einige Mühe geben, dass Alex und Claire nicht bemerkten, dass sie ihren Namen geändert hatte. Sie schaffte es aber, ohne das die beiden Verdacht schöpften. Anschließend besichtigten sie die Stecke, Sam war zufrieden, das Geläuf war weder zu weich, noch zu hart, genau richtig für Hurricane. Auch Claire äußerte sich positiv: "Der Boden ist gut, wenn er härter wäre würden sich die Pferde lahm laufen, wäre er weicher wäre es ein Nachteil für Hurricane, da er ja doch recht groß und schwer ist. Bei weichem Boden haben es die kleineren, leichten Pferde einfacher!" Alex nickte zustimmend. Auch ansonsten war die Strecke sehr schön gebaut und zog sich wie eine Straße durch die schöne Landschaft Süd-Australiens.
Ab 13 Uhr füllte sich das Gelände immer mehr mit Menschen. Nach einer Weile wurde Sam der Trubel zu viel, und sie zog sich zu Hurricane zurück. Das schlanke Mädchen hockte sich zu dem großen Pferd in den Paddock und saß einfach nur still da. Das Pferd und das Mädchen genossen diesen Moment der Zweisamkeit. Beide wussten, dass jeder alles für den anderen tun würde und dass sie sich hundertprozentig aufeinander verlassen konnten, egal was passieren würde, sie würden zusammen halten. Später gesellten sich auch Claire und Alex zu den beiden.
Als schließlich auch die Drover's Mannschaft eintraf, gab es erstmal ein großes Hallo, man entschied dann aber weiter zuziehen und die vier nicht weiter zu stören. Alle umarmten Sam und wünschten ihr viel Glück. Jodi flüsterte Sam noch ins Ohr: „Hey, Kleine! Gewinn für mich, okay? Zeig es diesem McNeill! Zwei mal soll er kein Drover's Girl schlagen können!" Sam grinste und schlug Jodi auf die Schulter: „Klar, wird gemacht, Große!" Sie waren gerade alle wieder weg, als Nick mit Harry und Liz im Schlepptau auftauchte. Nick begrüßte Claire, Alex und seine Nichte herzlich, doch Harry stand nur finster blickend ein paar Meter weit weg und zeigte deutlich wie sehr ihm das alles missfiel. Er wollte einfach nur schnell wieder weg und ein paar Geschäfte abwickeln. Und so verabschiedete sich auch Nick wieder recht schnell, nicht aber ohne Sam noch mal fest an sich zudrücken.
Dann war es endlich soweit, Zeit erst sich und dann Hurricane fertig zu machen und ihn aufzuwärmen. Sam verschwand mit den Sachen, die sie von Alex zum Geburtstag bekommen hatte im Pferdehänger. Als sie wieder raus kam, schauten Alex und Claire sie bewundernd an. Die neuen Sachen standen ihr wirklich gut, die Hose passte wie angegossen, und auch Bluse, Weste und Stiefel sahen sehr gut an ihr aus. Sam setzte sich ihren neuen Hut auf, grüßte grinsend und lief zu Hurricane.
Sam fing an ihn zu striegeln, gleichmäßig ging sie über sein Fell. Er sah so schön aus, sie liebte dieses Pferd einfach so sehr. Nachdem sie seine Hufe ausgekratzt hatte, bandagierte sie Hurricanes Beine in blau. Dann legte sie ihm die neue blaue Satteldecke auf, darauf kam dann der lederne Sattel und zum Schluss das kunstvolle Zaumzeug.
Sam stieg in den Sattel und wurde von Alex aus dem Paddock gelassen. Nun zahlte es sich aus, dass sie einen der abgelegenen Paddocks gewählt hatten. Es waren kaum Leute da, und Sam konnte in Ruhe einige Zirkel im Schritt und im Trab gehen, bevor sie sich auf den Weg zum Abreiteplatz machte. Dort wurden schon einige Pferde aufgewärmt, alle samt schöne Tiere, es würde nicht leicht werden zu gewinnen. Sam galoppierte eine Weile, bis sie eine atemberaubende rostbraune Stute entdeckte, sie hatte Sandstorm gar nicht so beeindruckend in Erinnerung. Diese Stute war einfach wunderschön. Doch dann stutzte Sam. Das war ja gar nicht Eli, der auf ihr saß. Sam schaute sich um, sie entdeckte Eli am Zaun des Platzes und ritt zu ihm.
„Hey, McNeill! Wieso sitzt du nicht auf deinem Pferd? Hast du Schiss bekommen?" sprach sie ihn an. Eli schaute zu ihr auf und hob seinen linken Arm, sodass Sam den Gips sehen konnte den er trug. „Bin vom Heuboden gefallen. Mein Dad erlaubt mir nicht zu reiten." „Oh, tut mir Leid für dich!" Sam meinte es ehrlich, es war bestimmt nicht leicht für Eli bei dem Rennen zu schauen zu müssen. „Freu dich nicht zu früh, Sam! Bob, einer unser Arbeiter wird Sandstorm reiten." Eli deutete auf den jungen Mann der auf der Stute saß, „Und gegen mein Baby hat keiner eine Chance!" fuhr Eli fort. „Pffhh! Träum weiter!" Sam schnaubte und wendete Hurricane ab, für so eine Plänkelei hatte sie jetzt keine Zeit. Eli schaute ihr nach, so ganz sicher war er sich nicht. Wenn er Sandstorm reiten würde, kein Thema, da hätten sie wirklich eine Chance, aber mit Bob? Sam's Hengst sah schon sehr fit aus!
Eine Durchsage ertönte: „Meine Damen und Herren, bitte begeben sie sich zu ihren Plätzen, das Rennen beginnt in 15 Minuten. Hier noch einige Informationen zu unserem Starterfeld: Mit der Startnummer 1, Ross Brown auf seinem 9-jährigen Wallach Thor… Das Pferd mit der Startnummer 5, Sandstorm wird von Bob Duncan geritten. Die 7-jährige Fuchsstute stammt aus dem McNeill-Gestüt und gehört Eli McNeill. Sie hat einen erstklassigen Stammbaum vorzuweisen, ihr Vater ist der berühmte Vollblüter Sandokan, und auch die Mutter ‚Bird in a Storm' ist in Fachkreisen nicht unbekannt. Mit ihrem Besitzer zusammen hat Sandstorm schon einige Rennen in der Region gewonnen und gehört definitiv zum Kreis der Favoriten….Die Nummer 10 ist der noch unbekannte Hengst Hurricane. Hurricane wurde von Tom Simpson gezogen. Sein Vater ist ‚Hurry Up', ein Quater-Hengst, die Mutter ist die Warmblut-Stute Oklahoma. Besitzerin und Reiterin von Hurricane ist die erst 15-jährige Samantha Ryan. …"
Ryan? Der Rest der Ansage hörte Alex gar nicht mehr, seine Augen suchten Sam. Sie hatte sich schon zu ihm umgedreht, lächelte ihn zaghaft an und ritt auf ihn zu. Fragend schaute sie ihm in die Augen. Alex konnte immer noch nicht so ganz begreifen was er da gerade gehört hatte, aber er ging trotzdem einen Schritt auf Sam zu und legte seine Hand auf die ihre. Es lief ihm warm den Körper runter. „Meine kleine Tochter!" sagte er, immer noch etwas verwirrt. Er wollte gerade fortfahren als ein wütender Harry auf die beiden los gestürmt kam.
„Was soll der Mist! Du bist keine Ryan!" rief er schon von weitem. Schnell flüsterte Alex zu Sam: „Mach, dass du weg kommst. Ich kümmere mich schon um Harry! Viel Glück Sam! Ihr schafft das!" Mit diesen Worten lies er Sam und Claire, die neben ihm gestanden hatte, zurück und ging Harry entgegen. Claire schaute nur bewundernd zu Sam: „Das war eine gute Idee. Damit machst du Alex sehr glücklich!" „Hoffentlich! Ich hatte schon Bedenken, wie er es aufnehmen würde." Gab Sam zu. „Mach dir da mal keine Sorgen. Alex liebt dich, und nichts würde ihn stolzer machen! Und Harry…vergiss ihn einfach, ok? Konzentrier dich einfach aufs Rennen! Ich bleib noch hier bei dir, und führ dich nachher zum Start!"
Sam nickte und versuchte sich wieder auf Hurricane zu konzentrieren. Doch Harry's Wutausbruch hatte sie noch nicht verkraftet. Ihr war schon bewusst, dass er etwas gegen sie hatte. Aber ihr war nicht so ganz klar warum. Sie konnte doch nichts dafür, dass Alex damals ihre Mutter geschwängert hatte. Ärgerlich schüttelte sie den Gedanken ab. Nach einer Weile kam eine erneute Durchsage: „Die Reiter werden gebeten sich zum Start zu begeben."
