Vorweg zur Hölle

Über Drover's bildete sich eine dunkle Wolkendecke und in der Ferne fing es an zu donnern.

Aus dem Polizeiauto stiegen zwei uniformierte Polizisten, Nicole deutete mit einem Kopfnicken zu Sam. Und die beiden Polizisten stellten sich hinter das junge Mädchen.

Sam spürte wie sich ihr Körper verspannte, Hitze breitete sich in ihr aus. „Nicole, was soll das?" fragte sie, bemüht die Fassung zu wahren. „Sam, Schatz, es tut mir leid!" Nicole machte einen Schritt auf Sam zu. „Ich kenn dich, und ich konnte nicht das Risiko eingehen, dass du abhaust." „Wieso sollte ich abhauen?" Sam ahnte nichts Gutes. „Sam, Alex…" Nicole blickte zwischen den beiden hin und her. Alex stand noch halb verschlafen neben Claire und wusste nicht so ganz was vor sich ging. „Wie ihr sehen könnt, sind Yves Eltern von ihrer Weltreise zurück, und sie möchten, dass Sam bei ihnen wohnt!" Sam entfuhr ein lautes „Nein!". Sofort traten die Polizisten einen Schritt näher an sie heran. Nicole hatte sie allem Anschein nach gut instruiert. In Sam stieg die Panik auf. Das hieß, dass sie weg von Drover's musste, weg von Alex, weg von Claire.

Fast flehend schaute sie Alex an. Doch Alex war genauso geschockt wie Sam, man wollte ihm sein kleines Mädchen wieder wegnehmen. „Sam, geh bitte ins Haus und pack deine Sachen!" bat Nicole den Teenager. Doch Sam dachte gar nicht daran, sie war jetzt richtig wütend. „Nein, nein und nochmals nein! Das kommt überhaupt nicht in Frage, ich bleibe hier! Die können doch nicht einfach auftauchen und mich mitnehmen! Da hab ich auch noch mitzureden!" schrie sie außer sich vor Wut. Sie verfluchte Nicole, wieso hatte sie die Polizisten kommen lassen. Die beiden standen so dicht bei ihr, dass an eine Flucht nicht zu denken war. Alle anderen standen fassungslos herum und konnten nicht glauben was sie gerade erlebten. Niemand hatte ernsthaft damit gerechnet, dass Sam sie wieder verlassen musste. Die einzige, die einen kühlen Kopf behielt war Claire, sie drehte sich um und sagte leise, aber bestimmt zu Jodi „Jodi, geh nach oben und pack eine Tasche mit Sams Sachen!" Jodi schaute sie zweifelnd an. „Na, mach schon! Und beeil dich!" Claire war klar, dass Nicole Sam nicht dazu bekommen würde ihre Sachen selber zu packen. Allerdings lies das Erscheinen der Polizisten nicht gerade auf die Kompromissbereitschaft von Sam's Großeltern hoffen. Jodi merkte, dass es Claire ernst war und beeilte sich in Sam's Zimmer zu kommen.

Inzwischen hatte auch Alex sich wieder gefangen und stand seiner Tochter zur Seite. „Nicole, das können sie doch nicht ernst meinen. Jetzt ist Sam schon so lange hier. Sie können sie mir sie doch nicht wieder wegnehmen!!!" Aus seiner Stimme klang die pure Verzweiflung. „Alex es tut mir leid, das müssen Sie mir glauben! Aber Mr. und Mrs. Donaldson haben das Sorgerecht für Sam. So steht es nun mal in Yve's Testament. Es steht ihnen natürlich frei das Sorgerecht zu beantragen, aber solange gehört Sam zu ihren Großeltern." Man konnte das aufrichtige Bedauern aus Nicole's Stimme hören. Aber an der Tatsache die sie verkündete änderte das nichts. In Alex machte sich eine Ohnmacht breit, das durfte einfach nicht wahr sein. Nicht sein Baby, er hatte sie doch gerade erst gefunden. Auch Sam ging es nicht anders, ihre Verzweiflung die bei Nicoles Worten aufgekommen war, schlug wieder in Wut um. Sie wandte sich an ihre Großeltern. „Das könnt ihr doch nicht machen! Erst verschwindet ihr und reist um die ganze Welt, und ich bin ganz alleine, und dann taucht ihr plötzlich wieder auf und wollt mein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Aber ich bin jetzt bei Alex! Bei meinem Vater! Und ich geh hier nie wieder weg!" Doch ihre Großeltern ließ das vollkommen kalt. Ihr Großvater meinte nur ruhig: „Reiß dich zusammen Samantha! Benimm dich nicht wie ein kleines Kind. Du kommst mit zu uns! Ende der Diskussion!"

Die Donner kamen immer näher, noch hatte es nicht angefangen zu regnen, aber das war wohl nur eine Frage der Zeit. Allen Anwesenden lief es kalt den Rücken runter, sie waren im Begriff Sam zu verlieren.

Bei Sam brannten nun endgültig die Sicherungen durch, „Was heißt hier Ende der Diskussion? Wir haben noch gar nicht angefangen zu diskutieren! Ich werde nicht mit euch gehen! Ich gehöre hier her. Und nirgendwo anders hin!" Nicole versuchte beruhigend auf Sam einzuwirken, doch Sam achtete gar nicht auf sie. Sie fuhr fort ihre Großeltern zu beschimpfen. Und Alex lenkte Nicole's Aufmerksamkeit auf sich. „Nicole, bitte! Sie können sie mir doch nicht erst geben, und wieder wegnehmen!" Verzweifelt versuchte er Nicole zu überzeugen, doch es war nichts zu machen.

Währenddessen stand Jodi in Sam's Zimmer. Sie hatte Sams große blaue Sporttasche auf das Bett gestellt und fing an Sam's Kleider hineinzupacken. Sie wollte nicht wahr haben, dass das Mädchen, das sie so lieb gewonnen hatte, das ihre beste Freundin geworden war, jetzt einfach so brutal aus ihrem Zuhause gerissen wurde. Schnell wischte Jodi sich eine Träne aus ihrem hübschen Gesicht, sie musste sich jetzt zusammenreißen und überlegen was Sam alles brauchen würde. Sie packte Unterwäsche und Socken ein. Soviel sie wusste lebten Jodi's Großeltern auch in Melbourne, also würde Sam wohl kaum ihre Arbeitsklamotten brauchen. Also tat Jodi Sam's schicke T-Shirts, Blusen, eine Jacke, Gürtel und Hosen in die Tasche. Auf dem Boden des Schrankes fand sie Sam's Skaterschuhe und ein Paar schicke Stiefel mit Absätzen. Für einen Moment wollte Jodi mit Sam tauschen, ein Leben in der Stadt war schon immer ihr Traum gewesen, aber dann dachte sie an die Schönheit das Landes, die Freiheit die man verspürte wenn man über die Felder ritt, die zwar harte aber auch ehrlich Arbeit die Tag für Tag verrichtet werden muss und auf einmal wusste sie, dass sie nie im Leben Drover's verlassen wollte. Es war schon merkwürdig, da musste erst so was passieren damit sie merkte wie viel ihr an ihrer Heimat lag. Sam sollte sich unbedingt daran erinnern wie es hier war. Ihr Blick viel auf das Foto auf Sam's Nachttisch, es zeigte die Siegerehrung nach dem Rennen in Fischer, Sam auf Hurricane und links und rechts von ihr Alex und Claire. Alle drei hatten ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Wie eine glückliche Familie, dachte sich Jodi. Seufzten wickelte sie das Bild vorsichtig in ein T-Shirt und legte es in die Tasche. Schnell packte sie noch ein paar CD's, einen Discman, ein paar weitere Fotos, Zahnbürste, Gesichtscreme und Make-Up ein. Sie zog gerade den Reißverschluss der Tasche zu als ihr noch was einfiel. Sie drehte sich um und holte unter Sam's Kopfkissen ihr Tagebuch hervor. Als sie mal wieder einen Mädchenabend gemacht hatten, hatte Sam ihr Teile daraus vorgelesen. Schnell steckte sie das Tagebuch in eine Seitentasche der Sporttasche und setzte sich dann noch mal auf Sam's Bett, eines wollte sie noch tun…

Als Jodi wieder auf den Hof kam fielen die ersten Regentropfen. Claire bedeutete ihr die Tasche in den Wagen der Großeltern zu packen. Schweigen tat Jodi es. Nachdem Sam's Großeltern eingestiegen waren forderte Nicole Sam auf, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Plötzlich durchzuckte es Sam: „Hurricane!!!". Ihr gellender Schrei durchriss die Stille und wurde von dem immer stärker werdenden Regen untermalt. Hurricane antwortete mit einem schrillen Wiehern, man konnte hören wie er in seinem Paddock hin und her stampfte. Sam drehte sich ruckartig um und wollte loslaufen, doch die Polizisten waren schneller, sie packten sie an den Schultern und schoben sie Richtung Auto. Vor lauter Wut über ihre Hilflosigkeit kamen Sam Tränen in die Augen. „Nicole??? Nicht auch noch Hurricane! Bitte, lass mich ihn mitnehmen!" Doch aus dem Auto hörte man nur die Stimme ihre Großmutter die rief: „Diese Vieh kommt nicht mit! Hörst du! Und jetzt steig ein!" Sam konnte nicht mehr, sie wusste nicht mehr was zu tun war und stieg ein. Nachdem Nicole neben ihr Platz genommen hatte, verriegelte ihr Großvater die Türen von innen, es gab kein Entkommen mehr. Sam kurbelte das Fenster runter. Der Himmel über Drover's war Pechschwarz, es goss in Strömen. „DAD!!!" Sam's Schrei ging allen durch Mark und Bein, vor allem Alex. Ein Blitz schlug direkt neben dem Haupthaus ein, es folgte ein Ohren betäubender Donner. Und die Autos mit Sam, verschwanden aus dem Blickfeld ihres Vaters und ihrer Freunde.