Verzweiflung

Niemand rührte sich, alle standen wie versteinert im Regen. Nach wenigen Augenblicken, die allen Anwesenden wie eine halbe Ewigkeit vorkamen erwachte Claire als erstes aus ihrer Starre. Stumm deutete sie den anderen zurück ins Haus zu gehen und ging ein paar Schritte auf Alex zu. Plötzlich durchzuckte es Alex und er fing an zu rennen, er wollte nur noch weg, weg von dem Ort an dem man ihm seine Tochter wieder genommen hatte. Der Regen prasselte auf ihn herunter, klatschnass kam er bei den alten Schafställen an. Er ließ seinen Kopf gegen die Wand fallen und schlug mit seiner rechten Faust auf den Rauputz ein, seine Knöchel fingen an zu bluten und das warme Blut floss langsam seine Hand hinunter, es war ihm egal. Er wollte seine Tochter zurück haben, und zwar sofort. Was interessierte ihn seine Hand, was interessierte ihn der Regen, was interessierte ihn die Welt? Nichts! Sie hatten ihm das Wertvollste genommen was er besaß. Er war traurig und wütend zugleich, er wusste, er würde kämpfen, aber im Moment verspürte er nur Verzweiflung.

Er spürte wie sich sanft eine Hand auf seine linke Schulter legte, und ohne sich umzudrehen wusste er wer es war. Er hörte auf gegen die Wand zu schlagen, blieb aber in der vorne übergebeugten Position.

„Alex! Hör auf damit! Es bringt nichts wenn du dir selber wehtust! Das bringt uns Sam auch nicht zurück!" eindringlich sprach Claire auf ihren besten Freund ein. Als er vom Hof lief, war sie ihm gefolgt. Ihn so gebrochen und verzweifelt zu sehen hatte ihr das Herz gebrochen. Sie wollte nur bei ihm sein und ihn festhalten, ihm sagen, dass alles gut werden würde. Aber würde es das? Sam's Großeltern hatten einen ziemlich entschlossenen Eindruck gemacht.

Langsam ließ sich Alex zu Boden sinken. Eine Weile lang blieb er mit den Knien im Matsch hocken, dann drehte er sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schafstall. Tränen flossen ihm über das Gesicht und vermischten sich mit den Regentropfen. Schnell hockte sich Claire vor ihn und hob seinen Kopf vorsichtig mit ihrer Hand hoch. „Alex!" Keine Reaktion. „Verdammt, Alex! Schau mich an!!!" Claire schrie schon fast um zu ihm durchzudringen. Langsam blickte er zu ihr auf, „Claire? Was soll ich tun? Wie soll es weitergehen?" Sein Blick war leer und ohne Lebenslust. Es war als hätte er aufgegeben bevor er überhaupt begonnen hatte um Sam zu kämpfen. So kannte Claire ihn gar nicht. „Hey, jetzt komm erstmal mit ins Haus, dann gehst du unter die heiße Dusche und wir verbinden deine Hand. Und dann überlegen wir uns zusammen wie wir Sam nach Hause holen können. Okay?" Alex nickte langsam und ließ sich von Claire auf die Beine helfen. Hand in Hand gingen sie zurück ins Haus.

Die anderen hatten sich in der Zwischenzeit trockene Sachen angezogen und sich in der Küche versammelt. Nur Jodi hatte sich auf den Weg zum Stall begeben um Hurricane zu beruhigen der immer noch aufgeregt in seiner Box umherstampfte. Tess hatte Nick und Harry angerufen, die sich sofort auf den Weg gemacht hatten und jetzt mit ihnen in der Küche auf Claire und Alex warteten. Bis auf die Knochen durchgeweicht vom Regen betraten die beiden die Küche. Das Wasser von ihren Klamotten und aus ihren Haaren tropfte auf den Fußboden und bildete Pfützen um sie herum. Erschrocken schauten die anderen zu Alex. Noch nie hatten sie ihn so verloren gesehen. Energisch schob Claire ihn vor sich her. „So, jetzt gehst du erstmal unter die Dusche, ich such dir frische Sachen raus und dann kümmern wir uns um deine Hand!" Doch zu aller Erstaunen widersprach Alex „Nein, du zuerst. Das Baby!" brachte er mühsam hervor.

Claire schaute ihn kurz an, wollte etwas sagen, nickte aber dann und verschwand nach oben. Harry musste stolz lächeln, das war sein Sohn, führsorglich, obwohl es ihm schlecht ging. Meg hatte schnell ein paar Handtücher geholte, sodass Alex sich wenigstens etwas abtrocknen konnte. Doch zum Glück war Claire schon nach wenigen Minuten wieder da. „Ich hab dir ein paar von Jack's alten Sachen rausgelegt, die dürften zwar etwas klein sein, aber so gerade noch passen." Dankbar schaute Alex sie an und ging ins Badezimmer. Als er unter der Dusche stand ließ er das heiße Wasser auf sich herunterprasseln. So langsam kam wieder Leben in seinen Körper, er spürte wie seine Hand brannte und betastete sie vorsichtig. Als er sah wie das Wasser das Blut wegschwemmte, war es als würde die Verzweiflung aus seinem Körper geschwemmt werden und sein Kampfgeist erwachte. Er würde sich Sam nicht wegnehmen lassen, niemals!!!

Sam saß im Auto, das Gesicht gegen die Scheibe gedrückt. Langsam rollte eine Träne über ihre Wange. Sie wischte sie nicht weg, sie wusste dass ihr Großvater Heulsusen nicht leiden konnte, aber das war ihr egal. Sie hatte ihn ja nicht gezwungen sie von Drover's wegzuholen. Das junge Mädchen starrte in den Regen, unsicher wie es jetzt weiter gehen sollte. So lange sie sich erinnern konnte, hatte sie sich bei ihren Großeltern nie sonderlich wohl gefühlt. Die Eltern ihrer Mutter hatten gewisse Erwartungen an sie, und versuchten sie ständig unter Leistungsdruck zu setzen. Früher war das ihr egal gewesen, durch ihre guten Schulnoten hatte sie ihre Großeltern ruhig stellen können, und die meiste Zeit war sie sowieso unterwegs gewesen. Aber jetzt sollte sie bei ihnen wohnen. Sam wusste genau was das bedeutete; ständige Überwachung, gutes Benehmen, hoher Leistungsdruck, keine Freizeit…und vor allem kein Interesse an ihren Gefühlen, keine Geborgenheit, keine Liebe. Sam grauste es. Sie würde etwas unternehmen müssen. Sie wollte zurück zu Alex!

Als Alex die Küche betrat war den Anderen sofort bewusst, dass sie den alten Alex zurück hatten. Seine blauen Augen funkelten wütend. Nick schob ihm wortlos einen Stuhl hin und Meg nahm neben ihm Platz um ihm die Hand zu verbinden. Noch bevor sie damit fertig war ergriff Alex das Wort. „Ich werde einen guten Anwalt brauchen, und zwar so schnell wie möglich. Ich werde mir das Sorgerecht für Sam holen!" er ließ keine Zweifel an seinem Vorhaben. Harry bot sofort seine Hilfe an, „Ich werde meinen Anwalt anrufen und ihn nach dem besten Sorgerechts-Anwalt fragen. Geld spielt hierbei keine Rolle." Einem Harry Ryan nahm man nicht so einfach seine Enkelin weg. Er würde Alex unterstützen, koste es was es wolle. Inzwischen mochte Harry die kleine Sam wirklich gerne, den anderen erschien es als wolle er, das was er bei Alex und Nick verbockt hatte bei Sam wieder gut machen, aber die Gründe für seine Hilfe waren Alex im Moment vollkommen egal. Um Sam wiederzubekommen würde er jede Hilfe annehmen. Eine gute Stunde später hatte Alex mit Daniel Gladstone den besten Anwalt auf diesem Gebiet in ganz Australien engagiert. Noch am selben Tag wurde ein Antrag auf Sorgerecht eingereicht. Zwei Tage später wollte Daniel Gladstone nach Drover's kommen und die Einzelheiten klären.

Währenddessen waren Sam, Nicole und die Großeltern in Fisher vor Nicole's Hotel angekommen, dort stieg Nicole aus und verabschiedete sich von den Polizisten. Wieder zurück im Wagen, bat sie die Großeltern sie einen Moment mit Sam alleine zu lassen. Als die Großeltern ausgestiegen waren ergriff Nicole das Wort „Sam, schau mich an!" Missmutig dreht Sam ihr den Kopf zu. „Es tut mir leid, Sam! Und das weißt du! Aber so ist das Gesetz! Da kann ich nichts machen. Ich weiß, dass du dich nicht so gut mit deinen Großeltern verstehst, und dass du Alex vermisst, aber solange sie das Sorgerecht haben, sind mir die Hände gebunden. Alex wird sicherlich was tun, da bin ich mir ganz sicher!" Sam war sich dessen jedoch nicht so sicher, Alex's Leben war ohne sie sicherlich einfacher, was sollte er schon mit einem störrischen Teenager anfangen. Traurig und verunsichert dachte sie an ihren Streit am letzten Abend zurück. Nein, Alex war bestimmt froh sie loszuhaben. Ihre Zimmer konnte er dann für Claire's und sein Baby benutzen, und wenn das Kleine da war, dann hatte er ein Kind um das er sich von Anfang an kümmern konnte, und nicht ein 15-jähriges Mädchen, das er erst noch richtig kennen lernen musste.

„Ich weiß nicht Nicole," antwortete sie mit belegter Stimme. „Was mach ich, wenn er mich gar nicht haben will?" Nicole nahm ihre Hand. „Das glaube ich nicht. Alex liebt dich! Du bist seine Tochter und er wird alles tun um dich zurück zu bekommen! Aber warte, ich hab hier was für dich. Egal wie es jetzt weitergeht, es schadet bestimmt nicht, wenn du dir selber einen Anwalt nimmst, der sich um deine Interessen kümmert. Solche Fälle wie dich übernimmt er für umsonst, und er ist gut, einer der besten." Nicole reichte Sam eine Visitenkarte und streichelte ihr über den Kopf. „Von hier aus fahren wir getrennt nach Melbourne, ich werde aber noch ein paar Mal in deinem neuen zu Hause vorbeischauen ob es dir gut geht. Mach kein Theater Sam, hörst du!" Sam nickte und schaute Nicole hinter her wie sie aus dem Wagen stieg und sich noch mal an die Großeltern wandte. Sam blickte auf die Visitenkarte in ihrer Hand „Nicholas Fallin, Anwalt", sie hatte ihren eigenen Anwalt! Um nichts in der Welt würde sie bei ihren Großeltern bleiben. Sam grinste, der Kampf konnte beginnen.