Einsam
Die Fahrt nach Melbourne brachte Sam schweigend hinter sich. Es gab nichts was sie ihren Großeltern noch mitteilen wollte. Als sie ankamen stellte sie fest, dass das Haus ihrer Großeltern sich in den vergangenen Jahren nicht verändert hatte. Es war zwar keine Villa, aber dennoch ein recht stattliches Haus. Ein bisschen erinnerte es sie an Killarney, etwas vornehm und steif, man fühlte sich immer etwas fehl am Platz. Sam nahm ihre Sporttasche und ging ohne ein Wort mit ihren Großeltern zuwechseln die Treppen nach oben in ihr Zimmer. Seid dem sie vor zwei Jahren das letzte Mal hier gewesen war hatte sich nichts verändert. Vor dem Fenster stand ein Schreibtisch aus Holz daneben ein Bett mit roter Bettwäsche, gegenüber befand sich ein zweitüriger Kleiderschrank und über dem Bett hing ein Bild von irgendeinem europäischen Maler, dessen Bilder Sam zwar nicht interessierten, aber ihre Großmutter war der Meinung zu einer guten Bildung gehöre ein gewisses Wissen über Kunst. Damit mochte sie zwar Recht haben, aber man konnte sich ja nicht für alle Sachen interessieren und in allem Ahnung haben. Sams Stärken lagen einfach auf anderen Gebieten.
Seufzend stellte Sam ihre Tasche ab und ließ sich auf das Bett plumpsen. Und was jetzt? Heute hatte sie keine Lust mehr ihren Großeltern zu begegnen, also musste sie wohl oder übel ohne Abendbrot zu Bett gehen. Gedankenverloren starrte sie an die Decke. Was die anderen jetzt wohl gerade machten? Vermissten sie sie? Sam bemerkte wie sie traurig wurde und beschloss ihre Sachen auszupacken bevor sie allzu wehmütig wurde. Als Sam die Tasche öffnete hoffte sie, dass Jodi halbwegs vernünftige Sachen eingepackt hatte. Jodi war halt manchmal etwas verrückt. Doch sie wurde positiv überrascht. Oben auf fand sie einen Stapel Briefpapier und eine Umschlag. Neugierig riss Sam ihn auf, heraus vielen eine Menge Geldscheine, Briefmarken und ein Brief. Schnell sammelte sie das Geld auf und steckte es zurück in die Tasche. Dann nahm sie den Brief und fing an zu lesen:
Liebe Sam,
ich hab nicht viel Zeit, deshalb nur kurz. Ich werde dich schrecklich vermissen, und die anderen sicherlich auch. Hoffentlich kommst du bald wieder zu uns zurück. Du bist wie eine kleine Schwester für mich, und Schwestern sollten nicht getrennt sein. Da ich nicht weiß, ob du bei deinen Großeltern Internet hast und uns mailen darfst, habe ich dir Briefpapier und Briefmarken in die Tasche gelegt. Ich hoffe, du denkst ab und zu an uns und schreibst uns. Ich werde dir ganz oft schreiben, und ich werde mich um Hurricane kümmern. Es wird ihm an nichts fehlen, da kannst du ganz sicher sein. Und wenn du wieder kommst, dann manchen wir einen langen Ausritt.
Ach Sam, ich wollte dir noch soviel sagen, aber ich hab keine Zeit mehr.
Es tut mir Leid, dass du dich gestern wegen mir mit Alex gestritten hast und ihr jetzt so auseinander gehen musstet. Alex hat dich bestimmt ganz doll lieb, so wie wir alle hier.
Halt die Ohren steif und meld dich bald.
HDGDL und drück dich
Jodi
Tränen fielen auf das Papier. Sam wollte nur noch nach Hause. Sie vermisste alle so sehr. Schluchzend warf sie sich auf das Bett und vergrub ihren Kopf in dem Kopfkissen. Nie hätte sie gedacht, dass all die Leute auf Drover's ihr so schnell ans Herz wachsen würden und sie sie so sehr vermissen würde.
Als sie sich beruhigt hatte, packte sie den Brief zusammen mit Briefpapier und Briefmarken in einen Spalt zwischen Schreibtisch und Fensterbank. Dann machte sie sich daran auch ihre restlichen Sachen auszupacken. Jodi hatte wirklich an alles gedacht. Das Geld versteckte sie in einem Schuh den sie zusammen mit den anderen in den Schrank stellte.
Sie entschloss sich nun doch kurz nach unten zu gehen, damit sie nachher in Ruhe einen Brief schreiben konnte, ohne, dass sie ständig fürchten musste ihre Großeltern würden gleich herein kommen. Zaghaft stieg sie die Treppen nach unten und betrat das Wohnzimmer. Ihr Großvater las gerade Zeitung und ihre Großmutter hatte es sich vor dem Fernseher bequem gemacht. „Hallo Samantha!" ihr Großvater blickte kurz auf und reichte ihr den Politikteil. Schweigend setzte Sam sich auf die Couch und begann die aktuellen Weltgeschehnisse durchzugehen. Es war eine merkwürdige Stimmung im Raum, keiner sprach das Geschehene an, überhaupt sprach keiner ein Wort. Man hatte sich nichts zu sagen. Nach einer halben Stunde verabschiedete Sam sich mit dem Kommentar sie sei müde und wolle heute früh schlafen gehen. Nachdem sie sich aus der Küche ein Sandwich mitgenommen hatte und im Badezimmer gewesen war, nahm sie das Briefpapier und einen Stift und kuschelte sich in ihr Bett. Zögernd fing sie an zu schreiben, es war gar nicht so einfach ihre Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen:
Lieber Alex,
es tut mir leid, dass ich wegen der Party so sauer war. Ich wollte mich nicht mit dir streiten.
Sam stockte, ihr traten schon wieder Tränen in die Augen, sie wollte heim, heim zu Alex, und zu Claire, und Jodi, und allen anderen. Aber sie musste stark sein.
Ich hoffe, du hast mich trotzdem noch lieb.
Wie geht es dir? Und den anderen? Ich vermisse euch.
Mir geht es gut. Bisher sind Oma und Opa nett zu mir.
Das stimmte auch, noch hatten sie nichts Unfreundliches zu ihr gesagt. Und Sam wollte nicht, dass Alex dachte, ihr gehe es nicht gut und sich Sorgen machte.
Ich bin schon gespannt wie es hier weitergeht!
Die Luft ist hier nicht so frisch wie auf dem Land. Wie geht es Hurricane?
Es war alles irgendwie durcheinander was sie schrieb, aber Alex würde wohl trotzdem verstehen was sie sagen wollte.
Du musst gut auf Claire und das Baby aufpassen, hörst du? Claire darf nicht so viel arbeiten!
Und sag Jodi vielen Dank für alles und dass sie alles zurückbekommt. Sie weiß dann schon was gemeint ist. Und sag ihr, dass ich ihr bei Gelegenheit auch schreiben werde. Nur bisher ist noch nicht so viel zu erzählen. So lange bin ich ja noch nicht weg.
Ich hab dich lieb.
Deine Tochter
Samantha-Sophia Ryan
Der Brief war zwar nicht lang, aber das musste fürs erste genügen. Sam faltete das Papier zusammen und steckte es in einen Umschlag. Nachdem sie die Adresse drauf geschrieben hatte und eine von Jodi's Briefmarken draufgeklebt hatte, legt sie den Brief unter ihr Kopfkissen und löschte das Licht.
Doch es wollte ihr nicht gelingen einzuschlafen. Sie fühlte sich einsam. Am liebsten wäre sie zu Alex oder Claire unter die Decke gekrochen. Merkwürdig, das hatte sie zuvor noch nie gemacht, aber jetzt hatte sie da Bedürfnis danach. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf, sie war doch kein kleines Kind mehr, das bei ihren Eltern kuscheln ging. Sam versuchte an etwas anderes zu denken. Lächelnd kam ihr die Nacht in den Sinn, als sie nach dem Rennen in Fisher unter freiem Himmel übernachtet hatten. Das war ein perfekter Augenblick gewesen, nein, das war sogar ein perfekter Tag gewesen. Irgendwann würde sie wieder so einen Tag im Kreise ihrer Familie verbringen. Eine innere Ruhe überkam sie, und mit einem Lächeln auf den Lippen schlummerte sie ein.
Zur selben Zeit lag Alex in seinem Bett auf Wilgul und konnte nicht einschlafen. Nachdem er mit dem Anwalt geredet hatte, hatte er versucht seiner normalen Arbeit nach zu gehen, aber so richtig konnte er sich nicht konzentrieren. Ständig fragte er sich was Sam wohl gerade machen würde und ob es ihr gut ginge. Er hatte sich gar nicht mehr von ihr verabschiedet. Wie gerne hätte er sie noch mal in den Arm genommen. Abends war er in Sam's Zimmer gegangen, und hatte versucht sich einzureden, dass Sam nur auf Drover's übernachtete und er sie morgen wieder sehen würde. Doch es half nichts, ohne sie fühlte er sich einsam. Er dachte an den Tag zurück, an dem er morgens ihren Anruf erhalten hatte, wie sie in dem Raum beim Jugendamt gesessen hatte. Müde und erschöpft, und dennoch war es ein wunderschöner Anblick gewesen. Und mit Sam's Antlitz vor Augen fiel er schließlich in einen unruhigen Schlaf.
Auch auf Drover's schlief in dieser Nacht niemand besonders gut ein. Vor allem Claire drehte sich immer von einer auf die andere Seite. War es möglich, dass man Kind, das gar nicht sein eigenes war so sehr vermissen konnte? Wenn sie sich schon solche Sorgen um Sam machte, wie würde es dann erst bei ihrem eigenen Kind sein? Aber irgendwie war Sam für sie wie eine Tochter. Sie war Alex Fleisch und Blut, also gehörte sie zur Familie. Sie hoffte nur, dass es der Kleinen gut ging. Als Sam das erste Mal auf Drover's aufgetaucht war, war sie nicht gerade begeistert gewesen, auch wenn sie es nicht gezeigt hatte. Einen schwierigen Teenager aufzunehmen war nicht gerade ihr Wunsch gewesen, und sie hatte es auch nur Alex zu liebe getan. Aber auch wenn es manchmal nicht einfach gewesen war, bereuen tat sie es nicht. Sam hatte sich in den paar Monaten unheimlich entwickelt und war ihr richtig ans Herz gewachsen. Und vor allem war Alex so richtig aufgeblüht. Claire's Herz zog sich zusammen als sie daran dachte wie verzweifelt er heute Morgen gewesen war. Sie würde auf jede nur erdenkliche Art und Weise unterstützen müssen, und das ging nur wenn sie selber stark und ausgeschlafen war. Letztendlich zwang sich Claire regelrecht in einen ruhelosen Schlaf.
