Ein anständiges Leben
Als Sam am nächsten Morgen zum Frühstück kam wurde sie schon erwartet. Hastig murmelte sie ein „Guten Morgen" und setzte sich an den gedeckten Tisch. Während Sam frühstückte unterbreitete ihr Großvater, dass sie ab dem nächsten Tag an der Melbourne Business School (MBS), Internationales Management studieren werde und sie heute die letzten Formalitäten dafür klären würden. Sam nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Sie hatte nichts gegen ein Studium einzuwenden, lernen war ihr schon immer leicht gefallen und hatte ihr Spaß gemacht. Und wenn ihr Großvater ihr ein Studium an einer privaten Hochschule finanzieren wollte, wieso nicht?! Als Sam fertig gegessen hatte nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte: „Darf ich kurz Alex anrufen?" Die Miene ihres Großvaters verdunkelte sich augenblicklich, „Nein, du wirst IHN nicht anrufen!", sagte er streng und verlies das Zimmer.
Ihre Großmutter blickte sie etwas milder an, „Es ist besser so Samantha. Je mehr Kontakt du zu ihm hast, desto mehr wirst du ihn vermissen. Versuch einfach ihn zu vergessen! Du lebst jetzt bei uns und führst ein anständiges Leben!" Sam konnte nur den Kopf schütteln und rannte in ihr Zimmer. Dort angekommen setzte sie sich mit den Rücken gegen die Tür gelehnt auf den Boden. Sie würde Alex nie vergessen. Sie würde ihn nicht nur nicht vergessen, sie würde auch zu ihm zurückkehren. Ein anständiges Leben? Was dachte sich ihre Großmutter dabei? Das sie bei Alex kein anständiges Leben führte? Sam versuchte ihre Wut runterzuschlucken, es brachte ihr jetzt nichts durch zudrehen. Sie atmete laut aus und gab ihr bestes um sich zu beruhigen. Es würde alles gut werden, man musste nur daran glauben. Nach einer Weile hörte sie ihren Großvater rufen. Sie zog ihre Jacke an, holte den Brief an Alex unter ihrem Kopfkissen hervor, steckte ihn in die Innentasche und beeilte sich nach unten zu kommen.
Nach einer guten halben Stunde Fahrt erreichten sie das Gelände der MBS. Der Campus war umzäunt und man konnte nur durch ein bewachtes Tor hineingelangen. Eigentlich war dies zur Sicherheit der Studenten gedacht, doch Sam fühlte sich, als würde sie in ein Gefängnis gebracht werden. Ansonsten gefiel die Uni ihr aber ganz gut, die Gebäude waren hell und freundlich, der Studienberater schien ein netter Mensch zu sein und das Studienprogramm sagte ihr zu. Hier konnte sie es eine Weile aushalten.
Sie waren fast mit ihrer Tour über den Campus fertig, da fiel Sam ein, dass sie immer noch den Brief an Alex in der Jackentasche hatte. Irgendwie musste sie noch eine Möglichkeit finden ihn loszuwerden. Nachdem ihr Großvater nicht gerade gut auf die Bitte mit dem Telefonanruf reagiert hatte, wollte er bestimmt auch nicht, dass sie Alex schrieb. Als sie auf ihrem Rundgang an den Toiletten vorbei kamen, entschuldigte sich Sam und verschwand in den Waschräumen. Hier tropfte sie sich erstmal etwas Wasser in das Gesicht und starrte eine Weile gedankenverloren in den Spiegel. Als eine junge Frau den Raum betrat kam ihr eine Idee. Sie holte den Brief aus ihrer Jacke, drehte sich um und sprach die Frau an: „Könnten sie mir einen Gefallen tun?" Sam wartete die Antwort gar nicht ab, schnell sprach sie weiter: „ Könnten Sie diesen Brief für mich einwerfen? Ich komme selber nicht dazu." Die junge Frau nickte nur verblüfft. Sam drückte ihr den Brief in die Hand, rief ihr ein „Danke!" zu, und eilte zu ihren Großeltern zurück.
In den nächsten Tagen sah Sam's Tagesablauf immer gleich aus. Morgens nach dem Frühstück fuhr ihr Großvater sie zum Campus. Dann hatte Sam ein durchgehendes Programm bis 16:00 Uhr, anschließend wurde sie von einem ihrer Großeltern schon vor dem Tor erwartet. Dann kam entweder der Klavierlehrer ins Haus, oder sie hatte Tennisunterricht, zudem sie wieder begleitet wurde. Nach dem Abendessen wurde dann von ihr erwartet, dass sie bis zum ins Bett gehen für die Uni arbeitete. Das junge Mädchen ließ alles über sich ergehen, doch abends wenn sie im Bett lag dachte sie traurig an die Zeit mit ihrem Vater und überlegte sie sich Pläne, wie sie wieder nach Drover's kommen könnte. Ihre Hoffnungen wurden genährt als sie nach ein paar Tagen ein erregtes Gespräch ihrer Großeltern belauschte, woraus sie schloss, dass Alex das Sorgerecht für sie haben wollte. Doch als sie nach 2 Wochen nichts mehr davon gehört hatte, fing sie an sich Sorgen zu machen und beschloss selber etwas zu unternehmen. Seit dem Tag an dem sie Drover's verlassen hatte, hatte sie nichts mehr von Alex, Claire und den anderen gehört. Zwar schrieb sie immer noch Briefe, die sie Kommilitonen mit der Bitte sie einzuwerfen in die Hand drückte. Doch entweder schrieb niemand ihr zurück, oder ihre Großeltern fingen die Post für sie ab. Mit jedem Tag wurde Sam's Sehnsucht nach ihrem zu Hause größer. Doch es bot sich einfach keine Gelegenheit aus ihrem gläsernen Gefängnis auszubrechen.
Auf Drover's hatte Alex sich mit Daniel Gladstone getroffen. Das Gespräch war jedoch nicht so positiv verlaufen, wie Alex sich es gewünscht hatte. Yve hatte in ihrem Testament festgelegt, dass im Falle ihres Todes, das Sorgerecht an ihre Eltern gehen würde. Auch hatte Alex in den vergangenen Jahren keinen Kontakt zu seiner Tochter gehabt und Daniel machte ihm klar, dass das obwohl es so von Yve gewünscht war, nicht zu seinem Vorteil ausgelegt werden würde.
Dann wollte Daniel sich Sam's Lebenssituation auf Drover's anschauen. Stolz zeigte Alex ihm Sam's Zimmer auf Wilgul und Drover's. Doch Daniel's Worte waren sehr ernüchternd: „Zwei Zimmer? Kein fester Lebensmittelpunkt. Und den Großteil ihrer Zeit verbringt Sam nicht bei Ihnen, sondern auf Drover's. Es wird heißen, dass Sam keinen festen Bezugspunkt hat und sie noch nicht mal bei Ihnen lebt. Etwas was bei einem Kind mit Sam's Vergangenheit garantiert negativ beurteilt werden wird." Bei diesen deutlichen Worten verstummte Alex. Würde er seine Tochter jemals zurückbekommen?
Als sie wieder bei Claire auf der Terrasse saßen fragte Daniel nach: „Sam hat ja die Schule bereits beendet. Was macht sie denn jetzt so?" Etwas verwirrt antwortete Alex: „Sie arbeitet hier auf Drover's. Wieso?" Der grauhaarige Anwalt seufzte, „Alex, Sam hat einen außergewöhnlich guten Abschluss. Das Gericht wird sich fragen, wieso sie jetzt nicht studiert und ihre Fähigkeiten weiter gefördert werden. Laut Jugendamt studiert sie seit dem sie bei ihren Großeltern ist einen Elitestudiengang an der Melbourne Business School." Alex musste schlucken. War er ein schlechter Vater? Hatte er seine Tochter nicht genug gefördert? Vielleicht hatte Sam bei ihren Großeltern ja wirklich bessere Voraussetzungen für die Zukunft.
Nachdem sich Daniel verabschiedet hatte, ging Alex ziellos in der Gegend spazieren bis er bei der Windmühle ankam und sich mit dem Rücken an der Badewanne auf den Boden setzte. Seine Gedanken kreisten um Sam und die Frage ob er nicht alles für sie getan hatte. Es war seine Schuld, wenn sie nicht wieder zu ihm zurück durfte. Frustriert ließ er den Kopf auf seine Knie fallen. Nach einer Weile spürte er wie sich jemand neben ihn setzte und ihm einen Arm um die Schultern legte. Allein durch ihre Anwesenheit beruhigt, lehnte er seinen Kopf an ihre Schulter. Leise fragte er: „Claire? Was ist wenn sie nicht wieder kommt? Wenn es gar nicht gut für sie ist hier auf dem Land zu leben? Was kann ich ihr schon bieten? Hier sind nichts außer Kühe und Felder!" Obwohl sie schon so dicht bei einander saßen kam es Alex vor, als würde Claire noch näher rücken und ihn noch fester in ihren Armen halten. Sanft aber eindringlich redete sie ihm gut zu: „Das ist doch alles Bullshit! Natürlich hast du ihr was zu bieten, und zwar etwas, was ihre Großeltern ihr anscheinend nicht bieten können: Liebe. Überleg mal wie Sam war als du sie aus Melbourne geholt hast. Und jetzt? Jetzt ist sie für einen Teenager sehr verantwortungsvoll und verlässlich. Sie arbeitet hier prima mit und alle kommen gut mit ihr aus. Meinst du das wäre ohne deine Geduld, Führsorge und Liebe so gekommen? Das glaub ich nicht Alex! Ohne dich würde sie immer noch irgendwo auf den Straßen von Melbourne rumgammeln. Und jeder der das anders sieht muss blind sein!"
Bei dieser emotionalen Rede von Claire konnte Alex nicht anderes als den Kopf zu heben und sie dankbar anzuschauen. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Nur durch ihre Anwesenheit spendete sie ihm schon Trost und auf einmal glaubte er wieder daran, dass alles gut werden würde. Als er sich ihrer Nähe bewusst wurde lief ihm ein heißer Schauer über den Rücken. Ihre Lippen sahen so sinnlich aus. Alles in seinem Körper verlangte danach sie zu küssen. Ihre Lippen zu spüren. Alex schluckte schwer und schloss die Augen. Er musste sich jetzt auf Sam konzentrieren. Und er war sich nicht sicher aus welchen Gründen er Claire küssen wollte. Er hatte Angst, dass es nur Dankbarkeit war. Nein, wenn Sam wieder da war, dann konnte er seine Gefühle weiter erforschen. Jetzt wäre es Claire gegenüber nur unfair, da er sich nicht ganz auf sie einlassen konnte. Und überhaupt, wer sagte denn, dass Claire ihn auch küssen wollte? Noch eine Enttäuschung konnte er jetzt nicht vertragen. Er brauchte Claire jetzt als beste Freundin und wollte es nicht riskieren sie durch eine unbedachte Aktion zu verlieren. Langsam öffnete er seine Lider und blickte in Claire's verzaubernde blaue Augen. Für einen Moment glaubte er Verlangen und Enttäuschung darin zu sehen.
Er wusste nicht wie sehr er damit Recht hatte. Eigentlich wollte Claire Alex nur zur Seite stehen. Er sollte wissen, dass sie immer für ihn da war. Doch dann, als sie sich auf einmal so nahe waren, dass sie seinen Atem spüren konnten krampfte sich alles in ihr zusammen und sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt er würde auch diese Spannung zwischen ihnen spüren und sie küssen, doch dann hatte er seine Augen geschlossen und als er sie wieder öffnete war ihr klar, dass sie im Moment nur Freunde sein konnten. Und irgendwie war ihr das auch recht, aber nur irgendwie. Sie wollte seine verzweifelte Lage nicht ausnutzen, noch ein One-Night-Stand mit Alex Ryan würde ihr das Herz brechen. Sie konnte nur hoffen, dass wenn Sam wieder da war, sich vielleicht doch noch etwas entwickeln würde. Aber sie würde nichts forcieren, er war der Vater ihres Babys und das wichtigste war, das er bei ihr war und das sie bei ihm war.
Und so saßen sie noch eine Weile eng umschlungen bei der Windmühle und in Gedanken ging jeder seinen Sehnsüchten nach.
