Geduld

Auf Drover's übte man sich in „Sachen Sam" in Geduld. Sam war nun schon gute drei Wochen fort. Zwar waren fast jeden Tag Briefe von Sam eingetrudelt, doch nie nahmen sie Bezug auf das was sie Sam geantwortet hatten. Es war klar, dass Sam ihre Briefe nicht erhielt. Nachdem Alex Sam's ersten Brief bekommen hatte, war er zu Tränen gerührt gewesen und hatte versucht sie anzurufen. Doch er hatte nur ihren Großvater erreicht, der ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er es nicht wünsche, dass Alex versuchte mit Sam Kontakt aufzunehmen. Und so hatten sie nach einer Weile auch das Briefe schreiben aufgegeben. Vor allem Alex hoffte, dass Sam wusste wie viel sie ihm bedeutete und das ihr Streit ihm egal war.

Aber auch die anderen vermissten Sam.

Zur aller Überraschung ging Sam's Weggang besonders Nick sehr nahe. Er vermisste sein Nichte, das fröhliche Lachen, das ihr aller Leben noch sonniger gemacht hatte. Als Daniel Gladstone ihnen mitteilte, dass Monate vergehen konnten, bis sie Sam wieder sahen bemerkte Tess wie Nick unbemerkt von den anderen zu seinem Motorrad ging und davon fuhr. Konnte es sein, dass er die Kleine so sehr vermisste? Bisher hatte Tess eigentlich nicht das Gefühl gehabt, dass sich Nick und Sam sonderlich nahe standen, aber auf der anderen Seite war Nick nicht der offene Typ, der seine Empfindungen so deutlich zum Ausdruck brachte wie Alex. Tess selber verstand sich zwar ganz gut mit Sam, aber so ein richtig fester Band wie ihn Sam zu Claire hatte, hatte sich nicht zwischen ihnen entwickelt. Nachdenklich ging Tess zu ihrem Wagen und fuhr nach Wilgul. Sie fand Nick auf der kleinen Bank vor seinem Haus sitzend und ein Bier trinken. Lächelnd nahm sie neben ihm Platz und nahm ein Schluck von seinem Bier.

Schweigend saßen sie da bis Nick auf einmal sagte: „Ich weiß, dass du dich nie so verlieben möchtest wie deine Mutter, und dass du dich nicht an irgendetwas oder irgendjemand fest binden möchtest. Aber ich hab mich gefragt, ob du später denn keine Kinder haben möchtest? Kinder sind schließlich auch eine Art feste Bindung. Und einen Vater bräuchtest du auch." Überrascht von dieser Frage gab Tess zu: „Doch, ich möchte Kinder haben. Mindestens zwei Stück." Und ihr breites Lächeln das Nick so liebte breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Aber heutzutage brauch ich keinen Vater dazu." Gab sie zu bedenken. „Aber Tess, du weißt doch selber wie es ist ohne Vater aufzuwachsen. Willst du das deinen Kindern auch antun?" Nick war sich nicht ganz sicher ob sie diese Bemerkung ernst gemeint hatte. Tess wand sich deutlich sichtbar: „Neeeein, natürlich nicht…. Aber lieber gar keinen Kerl, als sich vollkommen aufgeben." „Wer spricht denn hier von sich aufgeben, Tess? Liebe bedeutet doch etwas ganz anderes. Sich zu respektieren, für einander da zu sein, den anderen zu unterstützen, Erlebnisse und Gefühle miteinander teilen." Nick war etwas verwundert, dass Tess anscheinend nur Negatives mit dem Wort „Liebe" verband. Dabei war Liebe doch das schönste was es auf der Welt gab.

Tess antwortete nicht auf Nick's Kommentar. Ihre innere Sehnsucht nach dem Gefühl was er beschrieben hatte war zu groß. Doch darauf einlassen konnte sie sich nicht, noch nicht. Nachdem sie noch so eine Weile nebeneinander gesessen hatte, verabschiedete sich Tess und fuhr zurück nach Drover's. Doch Nick's Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Alex hatte sich mit Claire's Unterstützung dazu durchringen können auch diesen Rückschlag wegzustecken und nicht einfach nach Melbourne zu fahren um Sam zu holen. Es fiel ihm sichtlich schwer, aber außer ständig Daniel zu nerven ob es was Neues gäbe hielt er still und versuchte nichts zu tun, was seine Chancen im Kampf um das Sorgerecht verschlechtern könnte. Stattdessen diskutierte er viel mit Daniel und Claire darüber was man noch alles tun könnte um ihre Situation zu verbessern. Es war Alex und Claire klar, dass dieses Thema irgendwann auf den Tisch kommen würde und so waren sie nicht überrascht als Daniel vorsichtig fragte: „Claire, Alex, ich will mich ja nicht in ihre Angelegenheiten einmischen, aber es wäre sicherlich von Vorteil wenn sie Sam ein zu Hause bieten können in dem sie Vater und Mutter hätte. Und sie beide verstehen sich sehr gut, und auch wenn sie nicht zusammen sind, so erwarten sie doch ein Kind miteinander. Würden sie vielleicht ein Heirat in Betracht ziehen um ihre Chance zu verbessern?"

Langsam drehte sich Alex zu Claire und schaute ihr in die Augen. Er wusste nicht wie sie darauf reagieren würde. Bisher hatte er sich nicht getraut mit ihr über diese Möglichkeit zu sprechen, obwohl sie schon eine ganze Weile in seinem Kopf rumspukte. Doch Claire schaute ihn an und nickte stumm. Aber Alex blickte zu ihr zurück und sagte zur Verwunderung von Claire und Daniel: „NEIN!" Daniel schaute zwischen den beiden hin und her und meinte dann: „ Ich glaub, ich lass sie beide mal alleine. Lassen sie mich wissen wie sie sich entschieden haben. Ich komme nächste Woche wieder, und berichte ihnen über unsere sonstigen Fortschritte." „Ist gut, ich begleite sie zu ihrem Auto." Claire stand auf und schaute seitlich zu Alex, „Ich bin gleich wieder da."

Als sie wieder kam nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich Alex gegenüber, sodass sich ihre Knie berührten und sie ihm in die Augen schauen konnte. „So, und jetzt sagst du mir was los ist!!!" Doch Alex schwieg. „Alex! Für mich wäre das okay, weißt du! Wenn wir so Sam wieder bekommen können…. Und unser kleiner Racker hätte dann auch eine Familie!" Sie hielt sich eine Hand auf den Bauch, der so langsam rundlichere Formen annahm. Endlich sprach Alex, „Aber es wäre eine Lüge Claire! Ich will nicht unsere Familie auf einer Lüge gründen. Und ich will Sam auch nicht mit einer Lüge zurückholen! Aus einer Lüge kann nichts Gutes wachsen. Nein, wir schaffen es auch so Sam wiederzubekommen…" er machte eine Pause, bevor er leise fortfuhr „…und alles andere auch!" Mit diesen Worten verschwand er um sich der Tragweite dieser Entscheidung beim Holzhacken bewusst zu werden. Verblüfft schaute Claire ihm nach. Wie hatte er das gemeint „alles andere auch!"? Claire wurde es ganz warm. Fühlte er etwa auch… Nein, das bildete sie sich nur ein, schließlich hatte er sie nicht heiraten wollen. Alex war ihr bester Freund, mehr nicht. Sie hätte ihn trotzdem geheiratet, allein um Sam's Willen. Irgendwie war sie auch ein bisschen enttäuscht über seine Entscheidung, zur gleichen Zeit bewunderte sie ihn aber auch. Er wollte seine Tochter ehrlich zurückgewinnen, und nicht durch eine Schein-Ehe nachhelfen. Allein deshalb hatte er es verdient, dass Sam zurückkam. Und doch, sie hätte Alex gerne geheiratet!

Doch nicht nur die Menschen auf Drover's Run vermissten Sam, Hurricane machte seit Sam's unerwartetem Weggang einen desolaten Eindruck. Der einst so stolze Hengst sah nun fast wie ein alter Klepper aus. Sein Fell war stumpf, und man konnte seine Rippen sehen so sehr hatte er abgenommen. Besonders Jodi hatte sorgenvoll beobachtet, dass er immer weniger fraß. Aufopferungsvoll saß sie immer länger im Stall bei ihm, unterhielt sich mit ihm wie Sam es immer getan hatte und redete ihm gut zu. Doch sein Zustand wurde nicht besser, sodass Claire Jodi auftrug ihm einen bestimmten Brei anzumischen, sowie ihm Traubenzucker und Schwarzbrot unter das Futter zu geben um seinen Appetit anzuregen. Dennoch war Jodi froh wenn Hurricane nur einen kleinen Happen zu sich nahm. Auch legte sie ihm öfter Halfter und Strick an um mit ihm spazieren zu gehen, sie striegelte ihn, streichelte ihn und brachte ihm Leckerlies. Doch man konnte sehen, wie sehr das schwarze Pferd unter dem Fortgang seiner Besitzerin litt. Aber Jodi gab nicht auf. Das war sie Sam schuldig. Sie hatte versprochen sich um Hurricane zu kümmern, also tat sie das auch. Und so verbrachte sie Stunde um Stunde mit Hurricane und schließlich schienen sich ihre Bemühungen auszuzahlen. Langsam begann Hurricane wieder etwas mehr zu fressen, bis er schließlich normale Portionen zu sich nahm. Als er wieder einigermaßen zugenommen hatte, begann Jodi ihn zu longieren. Bald war er wieder so fitt, dass das blonde Mädchen auch ein paar Ausritte mit ihm machte. Trotzdem war Jodi nicht ganz zufrieden, äußerlich war Hurricane zwar wieder fast der alte, aber seinen Spirit hatte er noch nicht wieder gefunden. Geduldig beschäftigte sie sich weiter mit ihm, doch sie wusste, dass er ohne Sam nie wieder der alte werden würde.

Und auch Sam musste lernen geduldig zu sein, und das lag garantiert nicht in ihrer Natur. In dieser Hinsicht ähnelte sie definitiv ihrem Vater. Sie war jetzt schon einen Monat bei ihren Großeltern, vier lange Wochen. Es ging ihr nicht wirklich schlecht, die Uni machte ihr Spaß, Tennis und Klavier auch, aber richtig glücklich war sie nicht.

An einem Morgen wurde ihnen an der Uni kurzfristig mitgeteilt, dass ihre Stunden von 10 bis 14 Uhr wegen Krankheit des Dozenten ausfielen. Zuerst stand Sam da und wusste nicht was sie mit ihrer ungewohnten Freizeit und Freiheit anfangen sollte, doch dann grinste sie und machte sich auf den Weg in die Stadt. Zum ersten Mal in 4 Wochen konnte sie tun und lassen was sie wollte. Relativ schnell fand sie ihren Weg zum zentralen Busbahnhof. Der nächste Bus nach Gungellan würde in einer Stunde gehen, zum Glück hatte Jodi ihr das Geld gegeben. Sam setzte sich voller Vorfreude Alex wieder zu sehen auf eine Bank und wartete dass es Zeit wurde sich das Ticket zu kaufen.