Die richtige Entscheidung?

Sam saß auf der Bank und beobachtete nachdenklich wie die Leute in die Busse aus und einstiegen. Plötzlich fasste sie einen Entschluss, sie würde nicht nach Gungellan fahren. Spätestens wenn ihr Großvater sie um vier von der Uni abholen wollte, würden man merken, dass sie abgehauen war. Vermutlich würden sie sie noch vor Gungellan wieder aus dem Bus ziehen. Sie würde es nicht bis nach Hause schaffen. Sie musste sich etwas anderes überlegen. Entschlossen stand sie auf, zog eine Visitenkarte aus ihrem Geldbeutel und murmelte „St. Anne's Street", ja sie wusste wo die war, wenn sie sich beeilte konnte sie rechtzeitig zur nächsten Vorlesung wieder zurück auf dem Campus sein.

Nach ein paar Minuten bog Sam in die St. Anne's Street ein und betrat ein imposant wirkendes Gebäude mit einer verdunkelten Glasfront. Hinter einem Tisch über dem in schwarz der Schriftzug „Rezeption" prangte saß eine große schlanke Frau mit dunklen langen Haaren, die sie zu einem Zopf streng nach hinten gebunden hatte. „Wie kann ich Ihnen helfen?" sprach sie Sam an. Etwas unsicher blickte Sam zu ihr auf und antwortete „Ich möchte bitte zu Mr. Fallin." „Haben sie einen Termin?" fragte die Dame emotionslos. „Äh, nein." Sam war jetzt noch mehr verunsichert, „Aber das ist eine Art Notfall. Mein Name ist Samantha-Sophia Donaldson. Man hat mich vom Jugendamt hergeschickt." Sam wusste nicht ob Nicole sie angekündigt hatte, und selbst wenn, inzwischen rechneten sie bestimmt nicht mehr mit ihr, aber ihr fiel so schnell nichts Besseres ein „Einen Moment bitte, ich frage kurz nach ob Mr. Fallin kurz für sie Zeit hat. Nehmen sie doch dort drüben für einen Moment Platz."

Die Rezeptionistin deutete auf ein paar schicke, aber unbequem aussehende Stühle. Während Sam wartete kamen ihr leise Zweifel. War dies die richtige Entscheidung gewesen? Hätte sie nicht doch lieber abhauen sollen? Sie hätte ja sich ja nicht gleich auf den Weg zu Alex machen müssen, sie hätte auch erst ein paar Tage untertauchen können? Aber was dann? Hätte sie ewig im Untergrund leben müssen? Wäre sie nicht sobald sie auf Drover's auftauchte wieder zurück zu ihren Großeltern gebracht worden? Sam schüttelte den Kopf. Es war klüger nicht weg zu laufen. Diese Sache musste ein für alle mal geklärt werden.

Nach ein paar Minuten nickte ihr die Rezeptionistin zu, „Sie haben Glück, Mr. Fallin hat etwas Zeit für Sie. Dritter Stock, zweite Tür links." Sam bedankte sich und ging zum Fahrstuhl. Im dritten Stock angekommen, klopfte sie an die Tür und nach dem sie ein „Herein" gehört hatte betrat sie ein riesiges Büro. Hinter einem großen hölzernen Schreibtisch saß ein Mann Anfang dreißig. Kurze, blonde Locken und blaue Augen gaben ihm ein anziehendes Aussehen. Oh ja, mit so einem Anwalt konnte sie leben. Sam grinste innerlich und konnte nur über sich selber den Kopf schütteln. Da war sie in einer recht unglücklichen Situation, musste um ihr zu Hause kämpfen und dachte nur daran wie gut ihr Anwalt aussah. Ein bisschen erinnerte er sie an Eli McNeill, die blonden Locken, die blauen Augen… Schnell versuchte sie auf andere Gedanken zu kommen. „Guten Morgen Mr. Fallin. Ich bin Samantha-Sophia Donaldson." Zum zweiten Mal an diesem Tag musste sie sich mit diesem Namen vorstellen, aber vor dem Gesetz war das nun mal ihr richtiger Name, auch wenn sie ihn hasste.

Ruhig schaute ihr Gegenüber sie an, „Setz dich erstmal!" forderte er sie auf, und sie nahm auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. „Magst du was trinken?" Sam nickte stumm mit dem Kopf, das war doch alles recht beeindruckend hier, fast fühlte sie sich fehl am Platz. Nick Fallin stand auf und ging zu einer kleinen Bar neben seinem Schreibtisch. Schweigend hob er eine Flasche Orangensaft hoch und schaute Sam fragend an. Sie nickte zustimmend und bedankte sich als er ihr ein volles Glas reichte. „Na, dann erzähl mal! Wie kann ich dir helfen?" wurde sie aufgefordert. Sam nahm einen Schluck Orangensaft. Sie konnte es nicht glauben, sie saß wirklich einem Anwalt gegenüber. Das war die Gelegenheit ihre Zukunft selber in die Hand zu nehmen. Jetzt hatte sie auch wieder ihre Nervosität im Griff und ihr Selbstvertrauen kehrte zurück, „Die kurze oder die lange Version?" gab sie selbstbewusst zurück. Nick Fallin lächelte, „Erstmal die kurze und dann schauen wir weiter." Entspannt, fast ein wenig arrogant lehnte er sich zurück und wartete auf Sam's Bericht.

Schnell fasste Sam das Wichtigste innerhalb von zehn Minuten zusammen und endete mit den Worten „Ich hoffe, dass Sie mir irgendwie weiterhelfen können. Allerdings hab ich kein Geld um Sie zu bezahlen. Aber wenn ich die Kosten abarbeiten kann, würde ich das gerne tun." Wieder lächelte ihr Gegenüber sie an, „Mach dir mal darüber keine Sorgen!" sagte der sympathische Anwalt. „Ich habe mal ein zeitlang für die Sozialhilfe Clevelands gearbeitet, und seit dem nehme ich immer wieder ein paar pro bono Fälle an. Aber jetzt lass uns mal überlegen wie wir deine Situation verbessern können. Ich denke, dass ich in deinem Fall durchaus helfen kann, aber dafür musst du mir dann doch die ausführliche Version erzählen." Er nahm sich Stift und Papier um sich Notizen zu machen und lächelte Sam auffordernd an. „Sie helfen mir?" Sam schaute ihn unglaublich an. „Umsonst?" Nick Fallin schaute sie lange an, „Ja, das tue ich. Jemand der um Hilfe bittet sollte sie auch bekommen!" sagte er leise. Er mochte dieses Mädchen, sie war vorwitzig und selbstbewusst, und sie wusste was sie wollte.

Sam konnte es immer noch nicht richtig glauben, dass er ihr einfach so helfen würde. Fast schon strahlend begann sie zu erzählen, das fing ja gar nicht so schlecht an. Unterbrochen von Nachfragen ihres Anwaltes berichtete fast eine drei-viertel Stunde aus ihrem bisherigen Leben und wie sich ihre Lage momentan darstellte. Nachdem sie fertig war ließ sie sich etwas fertig zurückfallen, es war ihr nicht leicht gefallen über ihr Leben zu erzählen. Viele Dinge die sie getan hatte waren ihr peinlich, und andere Sachen wie die Erinnerungen an ihre Mutter und die Zeit nach ihrem Tod schmerzten zu sehr. „Okay Sam," Nick Fallin riss sie aus ihren Gedanken, „rechtlich gesehen, gehörst du zu deinen Großeltern, da deine Mutter das so bestimmt hat. Wie es aussieht hat zudem dein Vater bei deiner Geburt jegliche Ansprüche auf dich aufgegeben, aber das werde ich noch genauer in Erfahrung bringen. Es geht jetzt also darum dem Gericht klar zu machen, dass du bei deinem Vater besser aufgehoben bist als bei deinen Großeltern."

Sam nickte zustimmend und er fuhr fort „Das größte Problem sehe ich bei deiner Ausbildung. Hier in Melbourne gehst du auf eine erstklassige Universität und bei deinem Vater arbeitest du nur auf einer Farm!" „Ich hab da schon eine Idee!" unterbrach Sam ihn aufgeregt und schnell erzählte sie ihm von der Uni auf die Eli ging. „Ja, das wäre eine Möglichkeit!" überlegte sich ihr Anwalt nachdenklich und schrieb sich den Gedanken auf. „Dann wäre da noch die Sache mit dem festen Lebensmittelpunkt…." Wieder wurde er von Sam unterbrochen. „Den hatte ich bei Mum aber schon…und jetzt bin ich doch viel hm, wie sagt man „sozialisierter"?..." „Hmm, kennst du jemanden der bestätigen kann, dass du dich in deinem Verhalten positiv verändert hast seit dem du bei deinem Vater bist?" fragte Nick. „Ja schooon, also da wäre Tom, von dem ich Hurricane habe, und natürlich die Leute aus meiner alten Gang, aber die werden wohl kaum freiwillig vor Gericht aussagen…."

Sam und Nick unterhielten sich noch eine Weile bis Nick erklärt, dass er um 13:30 Uhr ein Geschäftsessen habe, und sie an dieser Stelle leider aufhören müssten. Er versprach sich mit Alex und seinem Anwalt in Verbindung zu setzen und sich auch um alles weiter zu kümmern. Dann fragte er, „Wie kann ich dich erreichen?" Bedrückt schaute Sam ihn an, darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Es war sicher keine gute Idee wenn ihre Großeltern davon erführen, dass sie ihren eigenen Anwalt hatte. Sam seufzte „Gar nicht, ich werde sie anrufen, wenn ich die Gelegenheit dazu habe… aber das kann dauern." „Ist schon okay!" Der Anwalt stand auf, kam zu Sam rüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir bekommen das schon irgendwie hin, macht dir da mal keine Sorgen!"

Sam beeilte sich wieder zur Uni zu kommen, am Eingang zeigte sie schnell ihren Studentenausweis und schlüpfte dann gerade noch rechtzeitig in ihren Seminarraum.

Ihre Großeltern schienen nichts von ihrem Ausflug mitbekommen zu haben. Der Rest des Tages verging wie jeder andere. Als Sam abends in ihrem Bett lag holte sie wie fast jeden Abend ihr Briefpapier raus und fing an zu schreiben:

Lieber Alex, liebe Claire,

heute war ein aufregender Tag. Ich habe jetzt einen Anwalt! Ja, ihr habt richtig gehört! Einen eigenen Anwalt! Ich bin so aufgeregt, das ist voll cool! Und er ist super gut! Ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen, also wenn ihr in nächster Zeit Besuch von einem gut aussehenden, er sieht wirklich sehr!!! gut aus (wäre vielleicht was für Jodi), Anwalt bekommt…das ist Nick Fallin, MEIN Anwalt! Er wird alles versuchen um uns wieder zusammenzubringen. Allerdings hat er einige Hindernisse entdeckt, aber zumindest teilweise haben wir dafür auch schon Lösungen gefunden. Er wird euch über alles unterrichten und auch mit eurem Anwalt Kontakt aufnehmen.

Ist das nicht eine tolle Neuigkeit? Ich bin immer noch total zitterig. Das Büro von ihm war in einem wahnsinnig tollen Haus, und innen war alles richtig nobel… einfach Wahnsinn! An der Uni sind ein paar Stunden ausgefallen und da hatte ich Zeit in die Stadt zu gehen. Erst wollte ich in den nächsten Bus nach Gungellan steigen; ich vermiss euch so sehr!!! Ich will wieder bei euch sein, mit Hurricane über die Felder galoppieren, mit Jodi auf ihrem Bett liegen und über Männer und MakeUp quatschen, Nick und Tess wegen ihrem Öko-Tick aufziehen, Meg's Aprikosen-Huhn essen, mich von Harry verwöhnen lassen, mit Becky am Trecker rumschrauben und abends in meinem Bett liegen und wissen, dass immer einer von euch beiden nahe bei mir ist! Ich bin in Gedanken immer bei ecuh!

Grüßt die anderen von mir und gebt Hurricane eine Möhre!

Ich hab euch ganz doll lieb!!!

In Liebe

Sam