Strahlender Held
Die folgenden zwei Wochen waren für alle Beteiligten eine harte Bewährungsprobe. Die Anspannung entlud sich immer häufiger in kleineren Streitereien. Jeder musste sich zusammenreißen und sich immer wieder sagen, dass bald alles vorbei war, dass niemand etwas für diese Situation konnte, und dass es nichts brachte den anderen den Kopf abzureißen. Vor allem für Claire war das alles recht anstrengend. Sie war nun schon im sechsten Monat schwanger und hatte nicht nur mit den Sorgen um Sam zu kämpfen, sondern auch mit den Spuren der Schwangerschaft. Jeden Tag entdeckte sie neue Seiten der Schwangerschaft, und nicht alle waren angenehm. Sie hasste es nicht mehr alle Arbeiten verrichten zu können, sie hasste ihre eigene, durch den Babybauch verursachte, Behäbigkeit und sie hasste die, ihrer Meinung nach, übertriebene Fürsorglichkeit der anderen.
Speziell Alex trieb sie mit seinen Beschützergehabe fast in den Wahnsinn. Doch dann waren da immer wieder diese Momente in denen die Schwangerschaft sie zum glücklichsten Menschen der Welt machte, und diese Momente wollte sie für nichts in der Welt hergeben. Wenn sie und Alex abends zusammen auf der Bank vor dem Haus saßen und Alex seine Hand auf ihren Bauch legte um zu spüren wie das Baby trat, oder wenn sie sich beim Mittagessen darum stritten welches Geschlecht das Baby haben werde oder wenn sie gemeinsam bei der Ultraschalluntersuchung waren und danach in der Stadt Möbel für das zukünftige Kinderzimmer kauften. Vorerst sollte das Kleine allerdings erstmal in Claire's Zimmer schlafen, da im oberen Stockwerk von Drover's nur drei Zimmer waren, in denen Claire, Tess und hoffentlich bald wieder Sam schliefen. Bei gegebener Zeit wollten sie sich eine Lösung dafür überlegen.
Aber auch Alex war in dieser Zeit alles andere als entspannt, die Vorstellung Sam zu verlieren zerrte an seinen Nerven. Er wusste, dass die anderen ihn nur noch im Notfall ansprachen, da er relativ unleidlich geworden war und jeden anmaulte der ihm zu nahe kam. Ja, das war unfair, schließlich konnten die anderen nichts dafür, aber er konnte nicht anders, die Worte kamen einfach so aus seinem Mund. Einzig die Momente mit Claire bedeuten für ihn Gelassenheit, sie war sein ruhender Pol, wenn er in ihrer Nähe war fühlte er, dass er sich keine Sorgen machen musste, Sam würde nach Hause kommen.
Doch die anderen Bewohner von Drover's waren ebenfalls gereizt. Inzwischen war vor allem Tess nervlich ziemlich am Ende. Sie hatte sich schon immer schwer getan mit solchen Zuständen umzugehen, aber besonders jetzt fiel es auf, dass sie nicht aus so hartem Holz geschnitzt war wie ihre Schwester. Als sie mal wieder nach einem der unzähligen Streits mit Claire über Arbeit während der Schwangerschaft vollkommen fertig vor dem Haus auf den Treppenstufen saß und vor sich hin starrte, hörte sie wie ein Auto angefahren kam, die Fahrertür zuschlug und jemand auf sie zukam. Sie blickte auf und erkannte Nick, der sie eingehend betrachtete und sich dann neben sie setzte. Nach ein paar Minuten des Schweigens fragte Nick: „Hey, was ist los?" Zuerst hatte er das Gefühl Tess würde nicht antworten, aber dann schluchzte die schöne Frau neben ihm auf:
„Ach, das ist doch alles Scheiße! Claire benimmt sie wie der letzte Idiot, sie will einfach nicht aufhören zu arbeiten. Und Alex mault auch nur noch jeden an. Die denken wohl, dass mir die Sache mit Sam nicht nahe geht. Dabei will ich doch auch, dass die Kleine wieder kommt. Sie gehört einfach zu Familie. Aber Claire und Alex sind so mit sich beschäftigt und lassen ihre Angst Sam zu verlieren an allen aus, sodass sie gar nicht merken wie es uns dabei geht. Becky ignoriert ihre Launen einfach und beruhigt Jodi, wenn die sich über die beiden aufregt und Meg versucht sich um Claire und Alex zu kümmern soweit sie es zulassen, und ich? Ich bin nicht der Typ der so was einfach ignorieren kann, aber Claire lässt mich nicht an sie heran. Wenn etwas ist, heißt es immer nur Alex, Alex hier, Alex da, als würde er der strahlende Held sein und alle beschützen. Dabei ist er genauso verletzlich wie wir alle, und gerade Claire sollte das wissen, schließlich hängen die beiden immer miteinander rum. Aber mit mir, ihrer Schwester redet sie noch nicht mal!" Tess hatte sich so richtig in Rage geredet. Es tat gut den ganzen Kummer mal raus zulassen.
Vorsichtig legte Nick ihr eine Hand auf die Schulter und wischte mit der anderen Tränen aus Tess Gesicht, „Weißt du was, jetzt gehst du nach drinnen, ziehst dir was Sauberes an, und dann fahren wir in die Stadt und suchen uns ein schönes Restaurant. Du musst, glaub ich, mal raus hier!" Verwundert blickte Tess ihn an, „Aber…" „Kein aber!" Nick ließ keinen Widerspruch zu und zog sie mit sich hoch. „Auf geht's Miss Silverman-McLeod! Sie haben 10 Minuten" forderte er sie auf und drückte sie sanft aber bestimmt Richtung Haustür. Lachend folgte Tess seiner Aufforderung, „10 Minuten??? Nick Ryan, was stellen Sie sich vor wie lange eine Frau braucht um sich fertig zu machen?" Lächelnd antwortete Nick „Du sollst dich auch nicht großartig aufdonnern, du bist schon hübsch genug, ich bin ja so schon ganz geblendet…Zieh einfach nur deine Arbeitsklamotten aus!"
„Was? Ich soll nackig zum essen fahren?" Tess kicherte. Nick hob schmunzelnd die Augenbrauen, „Im Prinzip keine schlechte Idee. Aber ich will nicht, dass die anderen Männer dich nackig sehen…" meinte er mit ernster Stimme. „Ach, das heißt, du willst mich nackig sehen?" sagte Tess mit einem verführerischen Unterton und kam einen Schritt auf ihn zu. Doch Nick drückte sie von sich weg, „Nun mach schon, mein Magen knurrt!" Im Weggehen murmelte Tess noch deutlich hörbar „Du bist ja schon fast so gefräßig wie Alex!" Nick schüttelte nur lächelnd den Kopf. Was für eine Frau!!! Bei der Vorstellung sie ohne Kleider zu sehen war ihm ganz heiß geworden, und er wusste, wenn er sie nicht wegschickte konnte er für nichts garantieren. Ja, er war nicht so ein Aufreißer wie sein Bruder, aber er war auch ein Mann mit bestimmten Bedürfnissen. Und wenn Tess in seiner Nähe war, hatte er das Gefühl als würde sein Verstand aussetzen. Sie war einfach so wunderschön, so verzaubernd… Er lehnte sich an seinen Wagen und überließ seine Gedanken der Fantasie…
Eine gute Viertelstunde später riß Tess ihn aus seinen Tagträumen. Er musste erstmal schlucken, wie sie so da stand, sie sah einfach bezaubernd aus. Ihre Arbeitsjeans hatte sie gegen einen knielangen, gewellten Sommerrock in gelben, orangen und roten Farbtönen getauscht. Obenherum trug sie nun ein zum Rock passendes weiß-rotes enges Oberteil. Für Nick war sie in diesem Moment die schönste Frau der Welt. Schnell hielt er ihr die Wagentür auf um seine Sprachlosigkeit zu überdecken.
Einige Zeit später saßen sie in einem kleinen gemütlichen Restaurant und ließen sich das Essen schmecken. Nick stellte glücklich fest, dass Tess ihre Fröhlichkeit wieder gefunden hatte und in ihrer typischen Art vor sich her plapperte. Er konnte ihr Stunden zu hören, sie war der Wahnsinn schlechthin. Allerdings ertappte er sich immer wieder dabei wie er anstatt ihren Worten zu lauschen ihre wohlgeformten Lippen betrachtete. Sein Verlangen sie zu küssen wurde von Minute zu Minute größer und nur seine zurückhaltende Art und gute Erziehung hielten ihn davon ab sie sich einfach zu schnappen. Nein, das wäre Alex Art gewesen. Er wollte Tess zeigen, dass sie für ihn die tollste Frau der Welt war, und sie mit Respekt behandeln.
Nach ein paar unterhaltsamen Stunden im Restaurant machten sie sich wieder auf den Heimweg. Nick fuhr etwas langsamer als üblich um die Zeit mit Tess alleine noch etwas auszudehnen. Als Tess dies bemerkte musste sie still vor sich hin lächeln. Sie sprach ihn nicht darauf an, aber sie war froh darum, denn auch sie hatte den Abend mit ihm in vollen Zügen genossen und nicht mehr an die verfahrene Situation gedacht in der sie alle steckten. Und schon wanderten ihre Gedanken zu Claire und Alex, wie schwer sich die beiden zur Zeit taten, und an Sam, wie es ihr wohl gerade ging und ob sie nach der Verhandlungen in zwei Tagen wieder zurückkommen würde.
Nick bemerkte sofort, dass Tess etwas schwermütiger wurde, "Hey, mach dir mal keine Sorgen, das kommt schon alles wieder in Ordnung. Und in ein paar Jahren lachen wir darüber." versuchte er sie aufzumuntern. Erstaunt darüber, dass Nick mal wieder genau wusste was sie dachte, lächelte Tess ihn tapfer an, "Ja, hoffen wir es!"
Als sie wieder auf Drover's angekommen waren stiegen sie aus Nick's Auto und er begleitete sie zur Haustüre.
"Tess, ich hatte einen wunderschönen Abend! Ich hoffe wir wiederholen das bald mal!" sagte Nick etwas schüchtern. Tess drehte sich zu ihm um, unsicher wie ein Teenager nach dem ersten Date stand sie dort und schaute ihn an. Wie er so da stand, er war einfach süß. Und sie wünschte sich nichts sehnlicher als von ihm geküsst zu werden. "Ja, Nick, das hoffe ich auch." antwortete Tess. "Danke, dass du mich für ein paar Stunden in eine perfekte Welt entführt hast." Nick lächelte und kam einen Schritt auf sie zu, "In eine perfekte Welt?" Sich seiner Nähe bewusst, fing Tess Herz an zu raßen, es war als gäbe es nur noch sie zwei. "Ja, in eine perfekte Welt. Du und ich..."
Sie wusste nicht mehr was sie sagen wollte und suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. Doch Nick half ihr dabei in dem er den letzten Abstand zwischen ihnen schloß, ihren Kopf sanft in seine Hände nahm und sie vorsichtig küsste. Jetzt war auch sein Abend perfekt. Aber unsicher wie Tess reagieren würde beendete er den Kuss schnell und schaute ihr fragend in die Augen. Doch Tess hatte bei dem Kuss den letzten Rest Widerstand der in ihr schlummerte bei Seite gewischt und blickte vertrauensvoll in seine Augen. Langsam legte sie eine Hand auf seine Wange und fuhr mit dem Daumen die Konturen seiner Lippen nach. Ein bisschen heiser sagte sie: "Nick, ich weiß, dass du weißt, dass ich mich eigentlich auf keine ernste Beziehung einlassen möchte."
Nick schluckte und nickte. Sie würde ihn doch nicht wieder stehen lassen, oder doch? Tess fuhr leise fort, "Aber ich habe meine Meinung geändert. Du hast sie geändert. Ich möchte eine richtige Beziehung,... mit dir." Tess wartete einen Moment ab, bis sie in Nicks Augen sehen konnte, dass er verstanden hatte was sie meinte, dann näherte sie sich seinem Gesicht und küsste ihn eben so sanft wie er sie zuvor geküsst hatte. Als sie sich wieder von ihm trennte schaute sie abermals in seine Augen und meinte, "Aber..." Nick zuckte zusammen, gerade schien noch alles Glück der Welt ihm zuzuwinken und jetzt kam schon wieder ein "Aber". Doch bevor die negativen Gedanken ihn herunterziehen konnten beendete Tess ihren Satz, "Aber ich denke wir sollten es langsam angehen lassen. Zum einen möchte ich diesmal alles richtig machen, weißt du. Früher hab ich immer alles versaut, aber jetzt soll es funktionieren." Bei diesen Worten nahm Nick vor lauter Zuneigung ihre Hände und forderte sie stumm auf weiterzureden.
"Und zum anderen,... es ist irgendwie ein blöder Zeitpunkt. Unsere Aufmerksamkeit sollte im Moment unseren Geschwistern und Sam gelten. Sie brauchen jetzt jede Unterstützung die sie bekommen können..." Tess zögerte einen Moment. "Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht sehen können. Im Gegenteil, ich möchte so viel Zeit wie möglich mit dir verbingen, aber lass es uns noch Weilchen für uns behalten, ok?" Tess fiel ein Stein vom Herzen als der gutaussehende Mann ihr mit einem Nicken seine Zustimmung versicherte. Sie hätte es nicht ausgehalten wenn er sie nur fallen gelassen hätte, weil sie es langsam angehen wollte, sie wollte nur eins, und das war bei ihm sein. Und Nick hatte das verstanden, er wählte seine Worte sorgsam bevor er ihr antwortete. "Ich verstehe dich Tess, und von mir aus können wir es langsam angehen, solange wir nur zusammen sind. Das ist alles was ich möchte. Und du hast Recht, Alex, Claire und Sam werden uns in den nächsten Tagen brauchen. Und wenn Sam wieder da ist, dann schaun wir weiter."
Und mit diesen Worten lehnte er sich zu ihre rüber und küsste sie zuerst sanft wie zuvor, dann wurde sein Kuss fordernder und Tess ließ sich nur zu gern auf ihn ein. Sie war aufgeregt wie ein junges Mädchen, es war als würde ihr ganzer Körper zittern, zugleich fühlte sie sich in Nicks starken Armen geborgen wie noch nie zuvor. Er gab ihr die Kraft um in den folgenden Tagen Claire beistehen zu können. Als sie sich wieder trennte wünschte Nick ihr noch eine gute Nacht und fuhr nach dem er ihr noch einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte nach Wilgul.
Tess schaute sich verstohlen um, aber anscheinend hatte sie niemand gesehen, die anderen waren wohl schon zu Bett gegangen, der nächste Tag versprach anstrengend zu werden. Alle, außer Meg die sich um die Tiere kümmern sollte, wollten nach Melbourne fahren, um am kommenden Tag ausgeruht zu der Verhandlung zu erscheinen.
Glücklich fiel Tess in ihr Bett. Sie wußte, dass sie eigentlich besser schlafen sollte, aber sie konnte nicht anders als die ganze Zeit an Nick zu denken. Sie konnte immer noch seine Lippen auf ihren spüren. Selig lächelte Tess vor sich hin. Dann schüttelte sie den Kopf, sie würde sich das Grinsen abgewöhnen müssen, sonst würde es nicht lange dauern bis zumindest Meg mitbekam was los war. Und schon waren Tess Gedanken wieder bei Nick, und sie schlief glücklich mit einem Lächeln auf den Lippen in einen Tiefen Schlaf.
