Der Tag der Tage

Eines Tages als ihr Großvater sie von der Uni abholte, merkte Sam, dass die Stimmung etwas eisig war. Obwohl sie sich nicht zu fragen traute hatte sie eine Vermutung was geschehen war, ihre Großeltern hatte den Termin der Verhandlung mitgeteilt bekommen. Doch von ihren Großeltern erfuhr sie nichts, bis sie ihren Großvater auf dem Campus antraf. "Hey Opa, was machts du denn hier?" fragte sie neugierig. Ihr Großvater brummelte nur, "Ich hab dich für morgen von der Anwesenheitspflicht befreien lassen." Fragend schaute seine Enkelin ihn an. "Wir haben morgen einen Termin bei Gericht." grummelte er weiter, "Dein Bastard von Vater will das Sorgerecht haben." Mit diesen Worten lies er eine verärgerte Sam zurück. Er mochte zwar sauer sein, dass Alex sie zurück haben wollte, aber er durfte ihn nicht Bastard nennen. Sam's Blick verfinsterte sich und sie kickte wütend einen Stein beiseite bevor sie sich auf den Weg zu ihrem nächsten Seminar machte. Ihre Wut verrauchte aber relativ zügig, da sich schnell Freude darüber einstellte, dass sie am nächsten Tag Alex wieder sehen würde.

Die Fahrt nach Melbourne verlief zum größten Teil schweigend. Nur Jodi, die mit Claire, Alex und Becky in einem Auto saß, versuchte ab und zu ein Gespräch in Gang zu bringen, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen, also starrte auch sie aus dem Fenster. Nick und Tess fuhren zusammen mit Liz und Harry, doch auch bei ihnen wollte sich eine Unterhaltung nicht einstellen. Das lag wohl aber vielmehr daran, dass Nick und Tess sich nicht durch eine unbedachte Äußerung verraten wollten, und lieber gar nichts sagten.

Nach einer anstrengenden Fahrt kamen sie in Melbourne an, und checkten sofort in ihrem Hotel in der Innenstadt ein. Sie hatten sich eine nette Unterkunft in der Nähe des Gerichtsgebäudes besorgt, so dass sie es am nächsten Morgen nicht weit hatten. Nachmittags schauten sie sich noch ein wenig in der Stadt um, wobei Tess und Nick deutlich mehr Gefallen daran hatten als Claire und Alex. Aber auch Jodi genoss es mal, dem ihr immer noch manchmal etwas langweiligen Landleben entflohen zu sein, und stürzte sich mit Tess in jede Boutique um diverse Klamotten anzuprobieren. Claire und Becky beobachteten die Prozedur mit Kopfschütteln und verabschiedeten sich bald. Nachdem Claire, Becky und Alex noch ein paar Baby-Sachen gekauft hatten gingen sie zurück ins Hotel und warteten dort auf die anderen, um gemeinsam zu Abend zu essen und dann früh schlafen zu gehen.

Obwohl sie alle in sehr komfortablen Betten lagen konnte niemand sofort einschlafen. Becky wurde von Jodi am Schlafen gehindert, die ihr ununterbrochen erzählte wie toll Melbourne doch war, und dass sie mit Sam um die Häuser ziehen würde, sobald man diese aus den Fängen ihrer Großeltern befreit hätte. Bei dieser Formulierung musste Becky lächeln, Jodi konnte einfach nicht anders als immer zu übertreiben. Dabei dachte sich Becky, dass Sam eigentlich Glück hatte. Sie hatte Familie die sich sogar um sie stritt. Dagegen wollte ihre Familie nichts mit ihr zu tun haben, die einzigste Familie die sie hatte war die von Drover's Run, und das war nicht ihr leibliche. Aber auch Sam war Teil dieser Familie geworden und Becky wünschte dich, dass das junge Mädchen bald wieder bei ihnen war. Während Jodi durchgehend schnatterte lagen Alex und Nick still in ihren Betten, starrten die Decke an und gingen jeder seinen Gedanken nach. Wobei jedes mal wenn er an Tess denken musste, sich ein Lächeln um Nicks Lippen legte. Sie war wirklich mit ihm zusammen, er konnte es kaum fassen. Ja okay, seit dem Kuss vor der Haustüre war nichts mehr geschehen, aber wie sie ihn anschaute... jedesmal wenn er in ihre Augen blickte erblühte sein Herz.

Alex dagegen war kaum zu einem positiven Gedanken fähig. Und zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich, dass er religös wäre und dafür beten könnte, dass er Sam zurückbekommen würde. Ohne seine Tochter fühlter er sich nicht mehr vollständig. Das Leben würde zwar auch weitergehen, wenn Sam nicht zurückkehren durfte, aber es wäre nicht mehr das selbe. Ein Stückchen Lebensqualität würde verloren gehen. Ähnliche Gedanken wie Alex hegte auch Claire, nur dass sie nicht damit alleine gelassen wurde. Tess ließ es sich nicht nehmen Claire so lange zu quälen, bis diese mit ihr über ihre Gedanken und Gefühle sprach.

"Ach Tess, ich weiß nicht was aus Alex werden soll, wenn Sam bei ihren Großeltern bleiben muss. Das überlebt er nicht. Endlich hat er sich mal auf eine Beziehung zu einem anderen Menschen eingelassen und dann wird sie ihm wieder genommen. Da kann er ja nur vom guten Glauben abkommen." Tess war froh, dass ihr Schwester endlich mit ihr sprach, sie auch teilhaben ließ, und nicht immer nur alles mit Alex teilte. "Es wird schon alles gut werden, Claire. Es bringt nichts negativ zu denken. Und Alex braucht jetzt dich,... und eine positive Einstellung. Du hilfst ihm nicht weiter wenn du dich vor Sorgen halb verrückt machst. Wart einfach ab, morgen wissen wir schon mehr!" Dankbar lächelte Claire ihre Schwester an, "Ja, morgen wissen wir mehr. Und ich freu mich schon Sam wieder zu sehen. Bin gespannt wie sie sich gemacht hat in den letzten 2 Monaten..." Sie unterhielten sich noch eine Weile über Sam, bevor der anstrengende Tag seinen Tribut zollte und die Müdigkeit sie übermannte.

Am nächsten Morgen wurde Sam früh von ihrer Großmutter geweckt. „Samantha, aufstehen!" sagte sie leise als sie sanft an Sam's Schulter rüttelte, „Komm, wir müssen uns beeilen. Und zieh was Nettes an, okay?" Sam murmelte ein paar unverständliche Worte setzte sich dann aber auf und schwang die Beine aus dem Bett. Nun war er also da, der Tag der Tage. In welchem Bett würde sie wohl morgen früh aufwachen? Aber jetzt war keine Zeit für irgendwelche Gedankenspiele, schnell hüpfte sie unter die Dusche und zog sich an. Sie hatte sich für einen dunklen Hosenanzug mit einer blauen Bluse und schwarzen Lederschuhen entschieden, das würde ihre Großmutter als nett akzeptieren, auch wenn sie keinen Rock an hatte. Sie fuhr sich nochmal mit der Hand durch ihre blonden Haare und ging dann nach unten zum Frühstücken.

Auch hier wurde sie wieder zur Eile angetrieben. Sie mussten bis in die Innenstadt fahren und im Berufsverkehr dauerte das immer seine Zeit. Trotzdem waren sie natürlich viel zu früh da, und waren die ersten die den Verhandlungssaal betraten. Nachdem sie durch die große Flügeltür getreten waren, standen sie in einem Gang von dem rechts und links dunkle Holzbänke abgingen. Vor der ersten Reihe standen noch ein paar Tische, dann eine Freifläche, die auf der anderen Seite mit dem Richterpult abgeschlossen wurde, welches wiederum zu beiden Seiten von zwei Stühlen flankiert wurde. Der eine davon hatte ebenfalls ein Pult und war offensichtlich für den Protokollanten gedacht, der ander Stuhl stand etwas erhöht und war von einem Holzzaun umgeben. Sam vermutete, dass dies der Platz war, von wo man aussagen musste. Sie folgte langsam ihren Großeltern, die auf die vorderste Reihe zusteuerten. Nach und nach trafen der Anwalt ihrer Großeltern, Nicole, Sam's alte Lehrer von der Highschool und Dozenten von der Uni ein. Sie waren anscheinend als Zeugen geladen worden, die Frage war nur von wem.

Als Jodi den Saal betrat wollte Sam aufspringen und zu ihr laufen, doch ihre Großeltern die sie in die Mitte genommen hatten befahlen ihr sitzen zu bleiben. Und so sah Sam Jodi nur in die Augen. Doch allein dieser Augenkontakt mit ihrer besten Freundin die ihr Vertrauen und Zuneigung zeigte war der glücklichste Moment seit dem sie von Drover's fort gegangen war. Nach Jodi kamen Becky, Nick, Tess, Harry und Liz in den Raum. Aber wo waren Alex und Claire? Und wo war Nick Fallin? Er hatte doch nicht etwa die Verhandlung vergessen und ließ sie im Stich? Aber Sam's Sorge war unbegründet. Nick Fallin durchschritt den Gang und setzte sich in die zweite Reihe auf der anderen Seite ohne Sam groß zu beachten, lediglich ein kleines Zwinkern zeigte Sam, dass er sie gesehen hatte. Es war für den jungen Anwalt noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen sich zu erkennen zu geben.

Währenddessen standen Alex und Claire vor dem Saal und besprachen mit Daniel Gladstone die letzten Einzelheiten. Obwohl sie heute hätten ausschlafen können waren sie früh wach geworden und hatten sich lange vor den anderen im Frühstücksraum des Hotels eingefunden. Wie immer hatten sie nicht viele Worte wechseln müssen um zu wissen was in dem anderen vorging, die Sorgen standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Bevor sie sich setzten drückte Claire Alex an sich, sie wollte ihm zeigen, dass sie immer für ihn da war, egal was der Tag bringen würde. Dankbar nahm Alex die Umarmung an und hielt seine beste Freundin fest. Er brauchte sie, sie gab ihm die Ruhe und die Zuversicht, die er heute brauchen würde. Und so standen sie für einige Augenblicke eng umschlungen bis sie sich schließlich dem Frühstück widmeten. Als auch die anderen fertig gegessen hatten, machte sie sich zu Fuß auf zum Gerichtsgebäude.

Als Alex die Tür aufdrückte und er mit Claire den Gerichtssaal betrat, sprang Sam auf, setzte den einen Fuß auf die Bank und den anderem mit einer schnellen Bewegung auf die Rückenlehne. Ihre Großeltern konnten sie nicht auf halten, dafür war sie zu schnell und ihr Wille zu groß. „Daaaad!!!" Sam schrie vor lauter Freude. Doch sie hatte vergessen, dass sie keine Turnschuhe sondern nur Lederschuhe trug und verlor fast das Gleichgewicht als sie über die Lehne sprang und auf Alex zu lief. Aber sie fing sich schnell wieder, und lief auf ihren Vater zu, den sie in den vergangen zwei Monaten so sehr vermisst hatte. Sie wollte nur noch zu ihm. Alex blieb die Luft weg und er konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Da war sie! Seine Tochter! Endlich!! Er breitete die Arme aus und fing Sam, die auf ihn zu sprang, auf. Er drückte sie so fest er konnte an sich. Sie hatte ihn Dad genannt, er war nicht mehr nur Alex, nein, sie hatte wirklich Dad gerufen. Sein Herz zersprang fast vor Glück. Nur langsam beruhigte er sich wieder. Vorsichtig löste er sich von ihr und hielt sie etwas von sich weg.

„Du siehst gut aus, Sam!" Und das tat sie wirklich. Zwar war sie nicht mehr so braungebrannt wie zu ihrer Zeit auf Drover's, aber das viele Tennisspielen hatte sie fitgehalten. „Ich bin so froh dich wieder zu sehen, Dad!" sagte Sam leise. Er hatte vorhin richtig gehört. Dad, ja, er war ihr Dad! Er merkte wie Claire ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Kommt! Sie wollen anfangen!"Sie nickte Sam freundlich zu und zog Alex mit sich. Sam schaute ihnen kurz nach bis sie wieder zu ihren Großeltern ging, die sie böse anfunkelten. Aber das war ihr egal, es hatte so gut getan von Alex Armen umschlossen zu werden. An der Brust ihres Vaters hatte sie sich vollkommen wohl gefühlt. Und dann der warme Blick von Claire, mehr brauchte es nicht damit Sam sich ihrer Zuneigung sicher sein konnte. Das war ihre Familie, dorthin wollte sie wieder zurück. Sam setzte sich und schaute erwartungsvoll nach vorne. Die Verhandlung konnte beginnen.