Schwarzer Panther
Wenige Augenblicke nach dem Sam wieder Platz genommen hatte rief der Saaldiener auch schon: "Bitte erheben Sie sich!". Eine Tür hinter dem Richterpult ging auf und heraus trat ein leicht ergrauter, schlanker Richter. Sam schätzte ihn so auf die 60, und obwohl er streng schaute machte er einen sympathischen Eindruck.
Nachdem sich alle wieder hingesetzt hatten, bat der Richter die Anwälte für das Protokoll ihr Namen so wie die Namen ihrer Mandanten zu sagen. Daniel Gladstone erhob sich als erster: "Daniel Gladstone für Mr. Alexander Marion Ryan, Euer Ehren." Sam bemerkte wie die Drover's Girls und Nick bei der Erwähnung von Alex Zweitnamen in sich hinein grinsten und ein Lächeln umspielte auch ihre Lippen. Dann war der Anwalt ihrer Großeltern an der Reihe: "Marc Wolves für Mrs. Giselle Yvonne Donaldson und Mr. Mitchell William Donaldson, Euer Ehren."
"Gut meine Damen und Herren, dann wollen wir mal." sagte der Richter mit einer ruhigen, tiefen Stimme, "Gibt es bevor wir beginnen noch Anträge?" Nick Fallin erhob sich, trat in den Mittelgang hinaus und ging zwei Schritte nach vorne. Selbstbewusst verkündete er: "Ja, Euer Ehren. Wenn Sie gestatten, mein Name ist Nicholas Fallin und ich möchte das Mädchen um das es hier geht, Samantha Sophia Donaldson vertreten." Bei diesen Worten hört man ein leises Murmeln im Saal, Sam merkte wie ihre Großeltern zusammen zuckten und sie fragend und zugleich strafend anblickten. Sam's Herz raste, ihre Hände wurden feucht, schon so früh war ein entscheidender Moment gekommen, sie atmete tief ein und schaute, ihre Großeltern nicht beachtend, nach vorne. Der Richter blickte sie an, "Du bist Samantha Sophia?" fragte er. Sam nickte. Der Richter fragte weiter, "Nicholas Fallin ist dein Anwalt?", er hatte sich ganz dem jungen Mädchen zugewandt. Sam antwortete mit klare Stimme: "Ja Sir, das ist er." "Nun gut." Der Richter runzelte nachdenklich die Augenbrauen.
"Das ist zwar ungewöhnlich, geht aber in Ordnung. Wir unterbrechen für 5 Minuten, währenddessen möchte ich den Saaldiener bitten noch einen Tisch und zwei Stühle zu holen und diese neben dem Protokollantenplatz aufzubauen. Des Weiteren würde ich gerne wissen ob jemand vom Jugendamt anwesend ist." Dieser Fall würde nicht einfach werden, und so wie es schon anfing würde es bestimmt Ärger geben. Er sah, dass sich eine junge Frau erhoben hatte. "Euer Ehren, ich bin Nicole Evans vom Jugendamt und seit ihrem 7ten Lebensjahr für Sam verantwortlich." "Ok, Mrs Evans, dann kümmern Sie sich bitte währen der Pause um Samantha." Er schlug mit dem Richterhammer auf das Pult und verschwand im Richterzimmer.
"Wie konntest du uns das nur antun!" hörte Sam die Stimme ihres Großvaters neben ihr poltern, ihre Großmutter schluchzte nur auf. "Ach, Kind!" Sam stand zwischen ihnen, unfähig sich zu rühren, sie hätte nicht gedacht, dass ihr dieser Schritt so schwer fallen würde. Es war als würde sie ihre Großeltern im Stich lassen. Sie spürte wie jemand sanft ihre Hand nahm und sie weg zog, als sie aufblickte sah sie, dass es Nicole war, die sie zu Nick Fallin brachte. Der Anwalt legte ihr eine Hand auf die Schulter und meinte: "So, der erste Schritt wäre getan!... Jetzt schau doch nicht so betrübt! Das war doch das was du wolltest, oder?" fragte er besorgt. Sam nickte "Ja, das wollte ich..." Zumindest dachte sie das. Sie lies sich von Nick und Nicole zu ihrem neuen Platz führen und setzte sich. Jetzt saßen Alex und die anderen links von ihr, und die Großeltern schräg gegenüber, rechts von ihr befanden sich die Protokollantin und der Richtertisch. Als die kurze Pause vorüber war nahm Nicole wieder im Publikum Platz. Nun war Sam ganz auf sich allein gestellt, auf sich und Nick Fallin.
Nick beugte sich zu ihr rüber und flüsterte: "Der Richter ist George Hamilton, ein harter, aber fairer Kerl. Tricks ziehen bei ihm nicht, aber er will immer alles ganz genau wissen. Mal schauen ob das für uns ein Vorteil ist." Sam nickte zu Zeichen, dass sie die Informationen verstanden hatte und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Richter Hamilton zu. "Okay, wenn es dann keine weiteren vorzeitigen Anträge gibt, können wir nun jetzt ja wirklich beginnen." er machte eine kurze Pause, "Nur eins noch Mr. Fallin, ich kenne Sie und ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich in meinem Gerichtssaal keine Sperenzchen dulde, haben Sie mich verstanden?" Ja, Euer Ehren." bestätigte Nick. Sam grinste in sich hinein, da hatte sie sich wohl einen berühmt berüchtigten Anwalt geholt. Aber wieso nicht, er schien zu ihr zu passen. "Nun gut, " fuhr der Richter fort, "Zuerst möchte ich von Ihnen, Mr. Wolves erfahren, warum Samantha bei ihren Großeltern wohnt, und was dafür spricht diese Regelung beizubehalten. Bitte beginnen Sie!"
Und wie er begann! Zum Einstieg hielt Marc Wolves ein halbstündiges Plädoyer warum Sam zu ihren Großeltern gehörte und nicht zu ihrem Vater, dann begann er damit seine Meinung durch Zeugenaussagen zu belegen. Als erstes bat er Sam's Großmutter in den Zeugenstand und bat sie ihr Verhältnis zu ihrer Tochter und ihrer Enkelin zu beschreiben und eine Erklärung dafür zu liefern warum sie sich nach Yve's Tod so lange nicht gemeldet hatten. Die ältere Dame saß zwar etwas verunsichert, aber anscheinend gut instruiert auf dem Zeugenstuhl und fing an zu erklärten: „Unsere Tochter Yve…" bei der Erwähnung ihres Namens machte Giselle Donaldson einen gequälten Eindruck, „…war sehr jung als sie Samantha bekommen hat. Um genau zu sein, sie war 15 als sie uns erzählte, dass sie schwanger sei. Nach dem mein Mann und ich den ersten Schock überwunden hatten beschlossen wir umzuziehen, zum einen um eine bessere Betreuung für Yve und ihr Kind zu gewährleisten und zum anderen um sie aus dem schädlichen Einflussbereich von demjenigen, der sie schwängerte herauszuholen. Er wollte, dass sie das Kind abtreibt."
Alex kochte, wütend sprang er auf. „Das ist doch gelogen, dass wollte ich nie. Sie wollten, dass Yve abtreibt." Daniel Gladstone war aufgestanden um seinen Mandanten zu beruhigen. Nach dem er einige Minuten auf ihn eingeredete hatte und Richter Hamilton eine Verwarnung ausgesprochen hatte setzte sich Alex wieder. Er hasste sie, er hasste sie so sehr. Claire legte ihm von hinten beruhigend eine Hand auf die Schulter, er drehte sich leicht um und legte seine Hand wiederum auf die ihre zum Zeichen, dass er sich wieder unter Kontrolle hatte. Giselle Donaldson fuhr mit ihrer Erzählung fort, „Die folgenden Jahre waren nicht einfach. Als Samantha 2 Jahre war, zog Yve mit ihr in eine eigene Wohnung. Von da ab ging es mit Yve Berg ab. Zuerst verlor Yve einen Job nach dem anderen, nur durch unsere finanzielle Hilfe konnte sie sich den Kindergarten und ab und zu einen Babysitter für Samantha leisten. Als Samantha dann in die Schule ging, kam Yve auch ab und zu in Kontakt mit Drogen und nach weiteren 2 Jahren wurde das Jugendamt auf die beiden aufmerksam. Aber da Yve nur gelegentlich Drogen nahm und eine von uns finanzierte Therapie machte, durfte Samantha bei ihr bleiben. Auch später war es uns immer wichtig, dass Samantha bei ihrer Mutter aufwuchs, ihr Vater wollte ja nichts von ihr wissen."
Diesmal war Daniel Gladstone schneller als Alex, er hielt ihm am Arm fest und flüsterte ihm zu: „Ganz ruhig Alex, lassen Sie sie nur reden, wenn der Zeitpunkt gekommen ist zeigen wir, dass ihre Behauptungen an den Haaren herbeigezogen sind." Alex starrte nur wütend vor sich hin, wie konnte diese Hexe ungestraft solche Sachen behaupten. Seine Augen hatten sich verdunkelt und er musste sich konzentrieren um nicht durchzudrehen. Er zwang sich wieder zuzuhören. Sam war bei den Worten ihrer Großmutter zusammen gezuckt, Alex wollte sie nicht haben, deswegen hatte er sich auch nie gemeldet, sie schaute traurig zu Alex, doch der erwiderte ihren Blick und schüttelte den Kopf. Sam wusste nicht was sie denken sollte, und so hörte sie die weiteren Worte ihrer Großmutter nur durch einen Schleier von Gedanken hinweg, die sich wie zähflüssiger Nebel langsam um ihren Verstand legten.
„Samantha war die ganze Zeit ausgesprochen gut in der Schule, weswegen wir das Jugendamt immer wieder überzeugen konnten sie bei Yve zu lassen, wir hatten ja auch noch ein Auge auf sie. Vor gut einem Jahr brachen mein Mann und ich dann zu einer Weltreise auf. Zu diesem Zeitpunkt machte Samantha sich prima und Yve hatte kaum noch mit Drogen zu tun." „Anscheinend ja doch!" Hörte man es sarkastisch aus dem Publikum. „Ruhe bitte!" mahnte Richter Hamilton und Jodi bekam von Becky einen Stoß in die Rippen. „Was???" flüsterte Jodi, „Stimmt doch, oder?" Doch sie bekam von Becky nur einen Augenrollen und ein Kopfschütteln zum Zeichen, dass sie still sein sollte.
Giselle Donaldson erzählte weiter: „Wir meldeten uns auch regelmäßig bei Yve, aber nach einer Weile kamen wir nach Zentralafrika, wo es uns ziemlich gut gefiel, und wir beschlossen etwas zu bleiben, daraus wurden dann ein paar Monate. Dort ist die Kommunikation mit dem Ausland etwas schwierig, sodass wir von dem Tod unserer Tochter erst erfuhren, als wir nach Tunesien kamen. Wir machten uns sofort auf den Rückweg, als wir wieder in Australien eintrafen, teilte man uns mit, dass Samantha bei ihrem Vater war. Da er ja, in den vorherigen 15 Jahren nichts von ihr wissen wollte und zuvor uns auch nur als unverantwortungsvoller Mensch begegnet war holten wir Samantha natürlich so schnell wir möglich von ihm weg." Bevor wieder Unruhe im Saal ausbrechen konnte unterbrach Richter Hamilton die Verhandlung für eine zweistündige Mittagspause und ordnete an, dass Sam während der Zeit in der Obhut von ihrem Anwalt und Nicole Evans bleiben sollte.
Sam und Nick blieben noch eine Weile sitzen bis sich der Saal so ziemlich geleert hatte, nur noch die Drover's Gang und Nicole waren dort. Sam ging langsam auf ihre Freunde zu. Sie musste sich zusammen reißen um nicht los zu weinen. So lange hatte sie sie vermisst, und jetzt nagte auch noch der Prozess und die Zweifel ob Alex sie wirklich haben wollte an ihr. Am liebsten wäre Sam davon gelaufen, aber als sie den anderen in die Augen blickte, war es als würde sie in ein warmes weiches Bett sinken und große Kissen würden sie vom Rest der Welt beschützen. Sie ging zu Alex, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann umarmte sie alle anderen. Bei Claire blieb sie einen Moment länger stehen, in den wenigen Monaten auf Drover's Run war die gut aussehende Frau für sie sehr wichtig geworden, zwar besprach sie Sachen, mit denen sie nicht zu Alex gehen wollte, eher mit Jodi, aber bei Claire fühlte sie sich immer sicher. Sie wünschte sie könnte ihr etwas von diesem Gefühl zurückgeben, oder ihr wenigstens sagen was sie für sie bedeutete, aber dafür fehlten ihr die richtigen Worte. Sie drückte Claire noch ein zweites Mal und wandte sich dann an Nick Fallin: „Nick, können wir mit ihnen essen gehen?" der Anwalt seufzte, „Das ist keine so gute Idee Sam, wenn alles gut geht kannst bald jeden Tag mit ihnen zu Mittag essen. Komm, ich lad euch zwei zum Italiener ein." Traurig nickte Sam und ging mit ihm und Nicole aus dem Gebäude.
Das Mittagessen verlief weitgehend schweigend. Anfangs versuchten Nick und Nicole Sam noch aufzumuntern, aber da der Teenager kaum reagierte gaben sie ihre Versuche bald auf. Plötzlich fragte Sam ohne den Kopf zu heben: „Wieso lassen wir ihr all diese Lügen durchgehen? Kann man da nicht Einspruch erheben?" Nick schüttelte den Kopf, „Nein, ich glaube, dass es besser ist wenn wir uns in Geduld üben, und wenn wir an der Reihe sind, zerpflücken wir ihre Geschichte und beweisen, dass es sich anders zugetragen hat." Als Sam ihn zweifelnd anschaute, erklärte es Nick ihr etwas bildlicher: „Wir lauern wie ein Panther unserer Beute auf, lassen sie herankommen, wiegen sie in Sicherheit, und dann schlagen wir zu!" Sam blickte ihn mit ihren blauen Augen an, „Ein schwarzer Panther?" Nick lächelte, „Ja, ein schwarzer Panther!" Sam grinste, die Vorstellung gefiel ihr und sie widmete sich wieder etwas beruhigter ihrer Pizza.
