Tränen der Wut
Während dessen saßen Alex, Claire und die anderen unweit in einem asiatischen Restaurant. Obwohl das Essen nicht schlecht war, schmeckte es keinem so recht, selbst Alex der sonst immer mehrere Portionen verdrückte stocherte lustlos in seinem Essen herum. Bisher war es nicht gerade gut für sie gelaufen, Marc Wolves hatte seine Mandantin gut auf ihre Aussage vorbereitet. Daniel hatte sie zwar daran erinnert, dass sie auch noch die Möglichkeit bekommen würden ihre Sicht der Dinge darzustellen, aber der Anfang der Schlacht war deprimierend verlaufen. Jodi redete sich ihre Enttäuschung ununterbrochen von der Seele, da keiner der anderen die Kraft hatte sie zu unterbrechen.
Nick versuchte Tess mit Blicken zu beruhigen, Alex, Claire und Becky starrten schweigend auf ihre Teller, Liz schaute immer Hilfe suchend Harry an, der der einzige war, der es schaffte seine Emotionen unter Kontrolle zu halten und einigermaßen kämpferisch in die Runde blickte. Er verstand wie die anderen sich fühlten, aber seiner Meinung nach vergaßen sie, dass sie gerade mal am Anfang der Verhandlung standen. Es lag nicht in seinem Naturell so schnell aufzugeben, und es wunderte ihn, dass Alex und Claire so reagierten, so kannte er die beiden gar nicht. Sorgfältig beobachtete er seinen ältesten Sohn. Die Sorgen standen ihm ins Gesicht geschrieben, aber auch wenn er niedergeschlagen aussah, hatte er das Funkeln in seinen Augen nicht verloren. Harry hatte den Eindruck, als würde Alex nur Kraft für die nächste Runde sammeln. Harry lächelte. Konnte es sein, dass Alex tatsächlich erwachsen wurde, und nicht mehr ohne nachzudenken durch jede Wand ging? Seine Tochter schien ihm so wichtig zu sein, dass er wirklich seinen Kopf zu benutzen schien. Und auf einmal sah Harry nicht mehr den zerstörten Vater, der sein Essen auf dem Teller hin und her schob, sondern er sah einen stolzen Mann, der sich seiner Kraft die in ihm ruhte bewusst war und mit Claire seinen ruhenden Pol an seiner Seite hatte. Er war bereit für den Kampf um seine Tochter, er würde nicht aufgeben, bis Sam wieder bei ihm war. Harry blickte auf die Uhr und mahnte die anderen zum Aufbruch.
Nachdem alle Beteiligten sich wieder im Gerichtssaal eingefunden hatten, eröffnete Richter Hamilton die nächste Runde. Es war nun an Daniel Gladstone Giselle Donaldson ins Kreuzverhör zu nehmen, mit einer emotionslosen aber bestimmten Stimme sagte er: „Mrs. Donaldson, ich habe nur eine Frage an Sie. Haben sie jemals, nach dem sie nach Melbourne gezogen sind Alexander Ryan gesehen oder gesprochen?" „Nein!" war die deutliche Antwort von Sam's Großmutter. „Dann können sie also gar nicht wissen, ob er seine Tochter nicht vermisste oder sich zu einem verantwortungsvollen jungen Mann entwickelt hat?" es war mehr ein Statement als eine Frage. Daniel setzte sich sogleich wieder und ließ eine etwas verärgerte Giselle Donaldson zurück. „Mr. Fallin?" Richter Hamilton wandte sich nun Nick Fallin zu. Der erhob sich und trat vor. "Ich habe auch nur eine Frage, Euer Ehren."
Nick drehte sich zum Zeugenstand, schaute der Zeugin fest in die Augen und fragte: „Mrs. Donaldson, haben Sie in den vergangenen zwei Monaten ihre Enkeltochter auch nur ein einziges Mal gefragt ob sie vielleicht lieber bei ihrem Vater sein möchte?" „Nein, aber sie weiß auch nicht was gut für sie ist, sie ist ja noch ein Kind." Bekräftigte Giselle Donaldson und merkte nicht wie sie genau die Antwort gegeben hatte, die Nick sich erhoffte hatte. Mit einer ausgesprochenen Liebenswürdigkeit bedankte sich der Anwalt: „Vielen Dank, Mrs. Donaldson!" Und setzte sich mit einem ausdruckslosen aber freundlichen Gesicht wieder neben seine Mandantin. Sam schaute ihn fragend an. „Die Fakten sind auf ihrer Seite, „ erklärte Nick, „also müssen wir versuchen uns auf emotionaler Ebene einen Vorteil zu verschaffen. Marc Wolves wird auch niemals deinen Großvater in den Zeugenstand rufen, er weiß, dass der viel zu kalt rüber kommen würde." Sam nickte nachdenklich, ja, die Erklärung leuchtete ihr ein, aber so ganz war ihr noch nicht klar, wie Nick und Daniel es schaffen wollten sie wieder zu Alex zu bringen.
Der Nachmittag verging wie im Flug. Marc Wolves rief noch ein paar Zeugen auf um die Position von Sam's Großeltern zu stärken, so unter anderem auch Uni-Professoren von Sam. Die Wissenschaftler lobten Sam über alle Maßen und bescheinigten ihr eine rosige Zukunft wenn sie ihre akademischen Studien durchzog. Marc Wolves schaffte es das Haus von Giselle und Mitchell als ideales Umfeld für Sam darzustellen, und bis zum Abend hatten weder Daniel noch Nick an diesem Bild rütteln können. Gegen Abend läutete Richter Hamilton das Ende des ersten Verhandlungstages ein. „In Ordnung, unterbrechen wir die Verhandlung an dieser Stelle bis morgen früh um 10. Dann ist Mr. Gladstone an der Reihe die Situation aus Sicht seines Mandanten zu schildern. Bis dahin verbleibt Samantha in der Obhut des Jugendamtes. Mrs. Evans? Kümmern Sie sich bitte um das Mädchen und sorgen sie dafür, dass sie morgen pünktlich hier erscheint. Damit ist die Sitzung für heute geschlossen." Er ließ den Holzhammer auf das Richterpult runtersausen.
Sam saß immer noch verwirrt neben ihrem Anwalt, als Nicole bei ihnen ankam. „Sam, ich habe gerade mit deinen Großeltern gesprochen. Wir können kurz bei ihnen vorbei fahren, damit du eine Tasche mit den notwendigsten Sachen packen kannst. Dann kommst du mit mir ins Jugendzentrum." Sam schauderte, ihr war das Jugendzentrum noch in zu schlechter Erinnerung. Die Räume waren sparsam eingerichtet und kalt. Sie verspürte keine sonderlich große Lust die Nacht dort zu verbringen. Bittend schaute sie Nick an, „Nick???" fragte sie zögernd. „Ja, Sam?" Der Anwalt schaute seine junge Mandantin an, ahnend was jetzt kommen würde. „Ich sehe ja ein, dass ich die Nacht weder bei meinen Großeltern noch bei Alex verbringen kann, aber im Jugendzentrum ist es so… so einsam und ungemütlich…" Sam nahm ihren ganzen Mut zusammen, „Nick, kann ich heute Nacht vielleicht bei Ihnen übernachten? Ich bin auch ganz pflegeleicht, ne Couch reicht mir!"
Nick seufzte, „Sam…so gerne ich würde…" es fiel ihm sichtlich schwer die Worte auszusprechen, „Ich halte das für keine gute Idee. Zum einen hat der Richter dich in die Obhut des Jugendamtes gegeben und nicht in meine. Und zum anderen, ich mag dich sehr, und ich denke, dass du ein großartiges Mädchen bist, aber ich habe viele Mandanten, und wenn ich mich zu sehr auf jeden einzelnen einlasse, würde mich das emotional zerstören. Verstehst du das?" Traurig und ein wenig besorgt schaute er das Mädchen an und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Es ging einfach nicht, er konnte nicht jeden auffangen, sich auf jeden Mandaten so einlassen, er konnte ihnen im Gerichtssaal helfen so gut es geht, aber mehr, nein, er würde sich nur selber zu sehr wehtun. Sam nickte enttäuscht, verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel, sie wollte nach Hause nichts anderes als nach Hause. Sie hasste das Jugendzentrum, sie hasste Melbourne, sie hasste die ganze Welt. Wieso musste bloß immer alles so schwer sein? Trotzig hob sie ihren Kopf, „Ist schon gut Nick, ist ja hoffentlich nur für eine Nacht. Das überleb ich schon!" sagte sie gespielt fröhlich als sie Alex auf sich zusteuern sah.
„Hey Sam, alles klar?" fragte ihr Vater. „Ja Dad!" es tat so gut ihn Dad zu nennen, es fühlte sich so richtig an, „Alles in Ordnung. Ich muss die Nacht im Jugendzentrum verbringen, aber morgen Abend kann ich dann bestimmt schon mit dir nach Hause!" sie lachte ihn an, auch wenn tief in ihr drin ein gewisse Traurigkeit herrschte, Alex sollte davon nichts mitbekommen. Alex musste über diese positiven Worte lächeln, doch er traute dem Braten nicht und zog seine Tochter ganz fest an sich heran und hielt sie einfach nur für einen Moment in seinen starken Armen. Dann gab er ihr einen liebevollen Kuss auf ihre Haare und hielt sie etwas von sich weg: „Ja mein Schatz, bald kommst du wieder nach Hause! Und jetzt mach Nicole keinen Ärger und geh brav mit ihr mit!" Sam bedachte ihn mit einem liebvollen Blick, der zugleich aber den Vorwurf deutlich machte, dass er sie wie ein kleines Kind behandelte. Aber sie wollte sich jetzt nicht darüber aufregen, also sagte sie nur: „Ich bin doch immer brav! Machs gut Dad, bis morgen früh!" Dann wandte sie sich an die anderen, die Alex gefolgt waren. „Schlaft gut Leute, bis morgen!" Sie lächelte alle noch mal kurz an und verschwand dann mit Nicole im Schlepptau. Abschiedsszenen waren nicht ihr Ding, also hatte sie sich möglichst kurz gehalten. Morgen würde sie die anderen ja wieder sehen.
Die blieben erstmal etwas verwundert zurück, dass Sam sie so kurz abgespeist hatte. Sie wirkte so erwachsen, als wäre sie in den vergangenen zwei Monaten älter geworden. Etwas bedrückt machten sie sich auf den Weg zum Hotel, es kam ihnen vor als wären sie am heutigen Tag keinen Schritt weiter gekommen. Sam war immer noch nicht wieder bei ihnen. Im Hotel angekommen rief Jodi erstmal auf Drover's an und informierte Meg über die Geschehnisse des Tages, anschließend konnte sie Claire berichten, dass auf Drover's alles in Ordnung war und Meg alles im Griff hatte. Nach einem gemeinsamen Abendessen zogen sich alle auch recht schnell auf ihre Zimmer zurück und jeder ging wie schon am Abend zuvor seinen Gedanken nach.
Sam und Nicole hatte auf dem Weg zum Jugendzentrum kurz bei Sam's Großeltern gehalten und eine Tasche mit Sam's Sachen gepackt, danach waren sie noch kurz was essen gefahren, bevor sie dann ihr Quatier für die Nacht ansteuerten. Als sie schließlich das Backsteingebäude betraten in dem Sam vor Monaten zum ersten Mal ihren Vater getroffen hatte, kam Sam sich ziemlich klein und einsam vor. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen zurückhalten, als Nicole sie zu einem der Zimmer führte, die mehr einer Gefängniszelle ähnelten, als einem Jugendzimmer. Nachdem sich Nicole von Sam verabschiedete hatte und ihr gesagt hatte, dass sie wenn irgendetwas sein sollte, unten im Betreuerzimmer zu erreichen sei, ließ sich Sam seufzend auf das kleine Bett plumpsen. Wieder eine Nacht nicht zu Hause, da sollte mal einer von stabilem Umfeld sprechen, dachte sich Sam etwas sarkastisch. Langsam kullerte eine Träne über ihre Wange. Sam legte sich auf den Rücken, zog die Decke bis unter das Kinn und ließ ihren Tränen freien Lauf, sie wollte und konnte ihre Traurigkeit und Hilflosigkeit nicht mehr länger unterdrücken. Sie fühlte sich so ohnmächtig, da saßen all diese erwachsenen Personen, die sich wer weiß wie wichtig vorkamen in einem Gerichtssaal und debattierten über ihre Zukunft. Über ihre Zukunft, als hätte sie kein Wort mitzureden. Dabei war sie schon 15, interessierte es denn niemanden was sie wollte? So langsam wurden ihre Tränen der Hilflosigkeit zu Tränen der Wut, man konnte sie doch nicht einfach ignorieren. Ja, sie würde morgen der schwarze Panther sein, der alles vernichtet was sich ihm in den Weg stellte, für Alex, und Claire und Hurricane, aber vor allem für sich selbst.
Als Nicole später noch mal nach Sam schaute, lag diese noch immer mit geballten Fäusten und in voller Montur in ihrem Bett und schlief. Vorsichtig zog Nicole ihr die Schuhe aus und steckte Sam's Füße ebenfalls unter die Decke. Wieso musste ein Kind so was mit machen? Das war einfach nicht fair. Nicole hoffte mit ganzem Herzen, dass alles sich so entwickeln würde, wie das junge Mädchen, das sie nun schon so viele Jahre kannte, es sich wünschte. Es musste einfach ein Happy End geben. Wenigstens für eines „ihrer" Kinder!
