Erinnerungen

Als Sam am nächsten Morgen aufwachte fühlte sie sich etwas steif. Nachdem sie an sich herunter geschaut hatte musste sie seufzend feststellen, dass sie in ihren guten Klamotten geschlafen hatte. Die konnte sie heute nicht mehr anziehen. Nach einer kurzen Dusche, zog sie Baggy-Pants, Skater-Schuhe, ein enges schwarzes Top und einige Fingerringe an. Dann holte sie eine Silberkette hervor, die sie vor Jahren von ihrer Mutter bekommen hatte, der Anhänger stellte einen Hufnagel eines Pferdes dar, ihr Glücksbringer. Jetzt fühlte sie sich wohl. Die Sachen gaben ihr ein Stück Sicherheit, als wäre sie darin unbesiegbar. Zwar wusste Sam, dass das nur eine Illusion war, aber es war gut für ihre Seele, und das war die Hauptsache!

Nicole zog bei Sams Anblick nur die Augenbrauen hoch. Ohne einen Kommentar nahm sie das junge Mädchen mit in ein kleines Café, in dem die beiden gemütlich frühstückten ohne ein Wort über die Sorgerechtsverhandlung zu verlieren. Sie lachten viel und ließen es sich schmecken.

Mit guter Laune verließen sie das nette Café und machten sich auf den Weg zum Gericht. Dort trafen sie auch schon auf Alex, Claire und die beiden Anwälte. „Guten Morgen!" Sam hüpfte fröhlich auf die Gruppe zu. Nick Fallin betrachtete sie nur kopfschüttelnd, „Konntest du dir nicht etwas anderes anziehen?" Sam grinste frech, „Nöö, konnte ich nicht!" Dann umarmte sie kurz Alex und Claire und strahlte in die Runde, „So Leute, dann machen wir sie jetzt fertig!" Mit einem Augenzwinkern Richtung Nick fügte sie hinzu, „Wie ein schwarzer Panther!" Mit diesen Worten marschierte sie in den Gerichtssaal und ließ die Erwachsenen erstaunt zurück. Alex und Claire tauschten einen ungläubigen Blick, dann legte Alex seinen Arm und Claire und zog sie grinsend mit in den Saal. „Na, wenn unsere Kleine das sagt, dann machen wir das mal!" Nicole, Nick und Daniel konnten nur verwundert mit dem Kopfschütteln, da hatte das Kind andere Klamotten an, und schon hatte sie eine derartig gute Laune, dass sie alle anderen damit ansteckte. Irgendwie erleichtert traten auch sie durch die große Flügeltüre. Die nächste Runde konnte beginnen.

Nachdem Richter Hamilton die Verhandlung wieder eröffnet hatte, trat Daniel nach vorne und rief als erstes Alex in den Zeugenstand. Obwohl er durchaus etwas verunsichert war, merkte man es Alex nicht an. Mit sicheren Schritten ging er nach vorne und setzte sich. „Schwören sie die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit so Gott Ihnen helfe?" „Ich schwöre!" „Mr. Ryan, bitte erzählen sie uns was sich zu der Zeit zugetragen hat, als Yve Donaldson schwanger wurde und wie sie ihre Tochter nach 14 Jahren zum ersten Mal trafen!" Daniel hatte Alex zwar vorher gesagt, was er fragen würde, hatte aber darauf verzichtet mit ihm die Antworten genau abzusprechen, wusste er doch, dass Alex sowieso aus dem Bauch heraus antworten würde. Ihm konnte man eine Antwort nicht aufzwängen. Er hoffte, dass sein Mandant genau mit dieser natürlichen Ehrlichkeit beim Richter Punkten würde. Erst etwas stockend, dann immer flüssiger erzählte Alex was sich vor fast 16 Jahren zugetragen hatte. Es war ihm, als würde er die ganze Sache nochmals erleben, und bei jedem seiner Worte zog sich sein Herz zusammen,

„Begonnen hat alles im Sommer kurz nach meinem 15ten Geburtstag, ich hatte in Gungellan ein Mädchen getroffen, Yve, sie war so wunderschön, ihre blonden Haare reichten ihr bis weit über die Schultern. Ich verliebte mich im ersten Moment in sie. Und sie anscheinend auch in mich. So wurden wir relativ schnell ein Paar. Nach einer Party landeten wir zu zweit im Schlafzimmer eines gemeinsamen Freundes, und eines führten zum anderen." Es war Alex etwas peinlich über diese Nacht zusprechen, bisher hatte er nur Claire davon berichtet, nicht mal seine Eltern wussten die genauen Umstände, und jetzt war auch noch Sam anwesend… Leise, fast ein wenig beschämt fuhr er fort: „Es ging alles so schnell, keiner von uns dachte an Verhütung. Drei Wochen später kam Yve mit verweinten Augen zu mir und gestand mir, dass sie schwanger sei. Für mich brach erstmal eine Welt zusammen. Sicher, ich war in Yve verliebt, aber ein Kind? In unserem Alter? Dafür fühlte ich mich einfach noch nicht bereit." Augenblicklich war Sam's gute Laune wie weggeblasen, Alex hatte sie wirklich nicht gewollt. Am liebsten hätte sie sich jetzt weinend in den Stall zu Hurricane verzogen. Aber eine Ryan weinte nicht. Sie wollte einfach nur weg. Rennen, bis sie nicht mehr konnte. Aber auf einmal merkte sie wie jemand sie anschaute, sie blickte auf und sah Claire an. Claire's stahlblaue Augen schienen ihr sagen zu wollen, dass alles gut werden würde. Mit ihrem Blick schaffte Claire es das junge Mädchen zu beruhigen. Sam wusste, dass sie Alex eine Chance geben musste, sie musste ihn zu Ende anhören. Lächelnd nickte sie Claire zu, sie hatte verstanden.

Claire erinnerte sich noch genau an die Zeit als Alex mit Yve ausging. Sie hatte es gehasst. Davor waren sie und Alex, oft auch in Begleitung von Nick, umhergezogen. Sie waren am Damm, ritten über Drover's und Killarney, zelteten im Nationalpark… Und auf einmal war alles vorbei. Eines Tages, sie waren am Damm verabredet, kam Alex nicht. Nick erschien alleine und sagte, dass Alex ein Date hatte. Den Nachmittag hatten sie schweigend, nebeneinander sitzend und auf das Wasser blickend verbracht. Auch in den folgenden Wochen bekamen sie Alex kaum zu sehen. Claire hatte es gehasst, sie wollte nur noch weinen, aber eine McLeod weinte nicht, sie wollte rennen, rennen bis sie nicht mehr konnte. Während der Zeit freundeten sie und Nick sich immer mehr an. Es war als hätte Alex sie beide betrogen. Und dann war Yve auf einmal weg. Und alles wurde noch schlimmer… Claire wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Alex zu.

„Trotzdem stand ich zu Yve, ich sagte ihr, dass wir das schon packen würden. Für beide von uns kam eine Abtreibung nicht in Frage, wir wollten uns unserer Verantwortung stellen. Das Baby konnte ja nichts für unsere Unvorsichtigkeit. Nachdem wir den Entschluss gefasst hatten kam die nächste Aufgabe auf uns zu, es unseren Eltern zu sagen. Wir beschlossen jeweils alleine uns ihnen zu stellen, um den anderen aus der Schussbahn zu bringen. Mein Vater tobte. Er meinte ich hätte mein Leben zerstört und sagte mir er würde sich um alles kümmern, ich hätte bis auf weiteres Hausarrest und er Verbot mir jeglichen Kontakt mit Yve." Alex Augen verkleinerten sich als er diesen Teil erzählte. Er wusste noch ganz genau wie er auf seinem Bett lag und sich Sorgen um Yve und das Baby gemacht hatte. Aber Harry war unerbittlich gewesen. „Soviel ich weiß, hat mein Vater Yve dann eine ordentliche Summe gezahlt, damit sie von mir weg blieb und entweder das Baby abtrieb oder keine weiteren Ansprüche stellte." „Einspruch, Hörensagen." Marc Wolves war aufgestanden. „Einspruch stattgegeben." Richter Hamilton gab ihm Recht und fügte hinzu, „Mr. Ryan, erzählen sie bitte nur, dass was sie selber erlebt haben." Alex nickte. Harry war bei Alex Worten zusammengezuckt. Im Nachhinein tat es ihm unendlich Leid, dass er seinen Sohn und sein ungeborenes Enkelkind so im Stich gelassen hatte. Aber zu dem Zeitpunkt hatte er seine Reaktion für das Beste gehalten. Entschuldigend blickte er zu seinem ältesten Sohn. Doch der war ganz in der Vergangenheit versunken.

„Das nächste was ich erfahren habe war, dass Yve mit ihren Eltern weggezogen war. Nach Sam's Geburt kam ein Brief. Intelligenterweise hatte Yve ihn an meine beste Freundin Claire McLeod adressiert und nicht an mich. Meine Eltern hätten nie zugelassen, dass ich ihn bekomme. Yve schrieb, dass wir eine Tochter bekommen hatten. Samantha Sophia. Sie hatte ein Foto beigelegt. Ich habe es immer noch in meiner Brieftasche. Ich hatte mich vom ersten Moment an in meine Tochter verliebt, es tat so weh sie nicht sehen, sich nicht um sie kümmern zu können." Claire hatte also recht gehabt. Sam blieb fast das Herz stehen, Alex hatte sie doch gewollt. Er liebte sie von Anfang an. Voller Zuneigung zu ihrem Vater hörte sie ihm weiter zu.

„Ich wäre fast wahnsinnig geworden und in den folgenden Monaten war ich auf einer Art Selbstzerstörungstrip, bis ich merkte, dass ich noch eine Familie und Freunde hatte…."

Claire erinnerte sich als wäre es gestern gewesen, Alex ging mit jedem Mädchen im Bezirk aus, und jedes Mal blieben sie und Nick alleine zurück. Alex ging auf jedes Rodeo, riskierte Kopf und Kragen, und dann kam Nick's Unfall. Danach war nichts mehr wie es war, schon zuvor hatte Claire immer das Gefühl, dass Alex ihr nicht alles erzählte. Sie hatte gedacht, dass er traurig war, weil Yve weg war. Aber auch das Verhältnis zu Harry war immer schlechter geworden. Und dann war Nick ins Krankenhaus gekommen, in den folgenden Monaten waren sie und Alex sich wieder näher gekommen. Es war fast wieder wie früher, nur das Alex ein Stück von seiner Fröhlichkeit verloren hatte, und Nick fehlte. Claire hatte immer Gedacht, dass das der Grund für Alex Stimmungsschwankungen war, nur in ganz seltenen Momenten schien es als würde noch etwas viel tiefer liegen, aber was für eine gewaltige Sache das war, hatte selbst Claire nicht geahnt. Jetzt war diese Sache 15 Jahre alt, und Claire wusste, wenn Alex seine Tochter nochmals verlieren würde, würde er wieder in ein Loch fallen, wie tief, das wusste niemand.

„Yve schrieb weiter, dass sie umgezogen waren, es ihnen gut ging und ich nicht versuchen solle mich bei ihnen zu melden. Unserer Tochter würde es an nichts fehlen. Sie hatte auf der Geburtsurkunde „Vater unbekannt" eingetragen. Es würde keinen Sinn haben sie zu suchen, sobald ihre Eltern davon Wind bekamen, würden sie wieder umziehen und dass wollte sie weder sich noch Sam antun. Das war das letzte Mal, dass ich von ihr hörte." Alex schluckte, er dachte an die Bilder von Yve die Sam in ihrem Zimmer hatte. Er hatte seine erste Freundin nie wieder gesehen, nie wieder mit ihr gesprochen… „Vor ein paar Monaten bekam ich dann einen Anruf, von Sam, meiner Tochter. Ich dachte die Welt würde stehen bleiben. Wie oft hatte ich diesen Moment herbei gesehnt, wie sehr hatte ich mich davor gefürchtet. Sie war jetzt schon ein Teenager, und ohne Mutter. Sie brauchte mich, mich ihren Vater. Auf dem Weg nach Melbourne versuchte ich Trauer über Yve's Tod zu verspüren, aber es gelang mir nicht, ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen. Und in dem Moment überragte die Aufgeregtheit meine Tochter zu treffen. Wie würde sie sein? Wie sah sie aus? War sie Yve ähnlich? Was waren ihre Interessen? Würde sie mich mögen? Als ich in Melbourne ankam war ich total verunsichert, und dann, da war sie. Sie sah so verloren aus, meine kleine, hübsche Tochter…"

Sam wäre am liebsten in den Boden versunken, sie hasste es wenn er so über sie redete und sie liebte es. Alex erzählte wie er Sam und ihr Pferd nach Drovers gebracht hatte und wie sie sich langsam einander gewöhnt hatten und Sam von Tag zu Tag mehr Mittelpunkt seines Lebens geworden war. Nachdem Alex mit seinem Bericht fertig war, fragte Daniel nach, „Mr. Ryan hatten sie in den vergangenen 2 Monaten Kontakt zu ihrer Tochter?" „Nicht direkt, Yve's Eltern wollten nicht, dass ich mit ihr sprach oder sie besuchte. Aber Sam hat mir Briefe geschrieben," antwortete Alex. „Wären Sie so gut und würden uns einen vorlesen?" bat Daniel ihn. „Ja, natürlich. Lieber Alex," Alex hatte einen Brief aus seiner Jackentasche gezogen und begann laut zu lesen. „jetzt bin ich schon seit drei Wochen weg. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Eigentlich komm ich ganz gut zurecht. Die Uni ist cool, und Tennis und Klavier machen mir wirklich sehr viel Spaß. Im Tennis bin ich richtig gut geworden. Ich wette, dass ich dich bald schlagen kann. Wenn ich wieder da bin müssen wir unbedingt mal spielen. Vielleicht können wir auch ein Doppel machen, ich und Nick gegen dich und Claire. Hihi, ich verspreche dir, ihr werdet den Bällen nur so hinterher schauen!!! Ich vermisse euch alle so sehr. Erinnere Jodi bitte noch mal daran, sich gut um Hurricane zu kümmern. Du weißt ja wie sie ist, wenn sie einen Typen im Kopf hat, vergisst sie alles anderen um sich herum." Jodi wollte sich laut empören, doch Becky griff grinsend in ihren Arm und beruhigte sie schnell wieder. Sam hatte ja Recht. „Ich hoffe, dass es Claire und dem Baby gut geht. Ich freu mich schon total auf mein Geschwisterchen. Kümmere dich ja gut um die beiden! … Ich vermiss euch so. Grüße an alle. Hab Dich lieb! Deine Sam." Alex faltete den Brief wieder zusammen und schaute Daniel an. Daniel dankte ihm und wandte sich an Richter Hamilton, „Ich behalte mir vor, den Zeugen zu einem späteren Zeitpunkt nochmals aufzurufen." Richter Hamilton nickte, „Gut, Mr. Wolves, haben Sie noch Fragen an den Zeugen?" Marc Wolves erhob sich, „Ja, Euer Ehren."