Ein harter Kampf

Marc Wolves wandte sich an Alex, „Mr. Ryan, wenn sie ihre Tochter in den vergangen Jahren so vermisst haben, wieso haben sie sich dann nicht bei Yve gemeldet als sie beide volljährig wurden? Ab diesem Moment hätten ihre Eltern doch nichts mehr unternehmen können?" Sam war es als würde ein eisiger Windhauch durch den Saal wehen, sie fröstelte. „Bis dahin waren ein paar Jahre vergangen, ich dachte tatsächlich kurzeitig daran, mich bei Yve zu melden." Antwortete Alex ruhig. „Aber zu einen wusste ich nur, dass sie damals nach Melbourne gezogen war, ich hatte weder eine Adresse noch eine Telefonnummer von ihr. Wer weiß wohin es sie inzwischen verschlagen hatte? Wir hatten jeder sein eigenes Leben aufgebaut, und ich hielt es nicht für richtig, diese Welt für uns zu zerstören. Yve wusste die ganze Zeit wo sie mich finden konnte. Ich war sicher, dass wenn sie gewollte hätte, sie sich schon längst bei mir gemeldet hätte. Also unterließ ich es nach ihr und meiner Tochter zu suchen."

„Sie hatten also nicht wirklich ein Interesse an ihrer Tochter." Schloss Marc Wolves und fuhr fort ehe Alex protestieren konnte, „Mr. Ryan, hat Samantha in der Zeit als sie bei Ihnen war, eine Universität oder irgendeine andere Weiterbildungsstätte besucht?" Alex hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde, dennoch traf sie ihn ziemlich hart, „Nein, aber…" Er wurde von dem Anwalt unterbrochen, „Danke das reicht. Antworten Sie bitte nur auf meine Fragen." Alex nickte ärgerlich, er hasste diese glatten Anwälte in ihren Anzügen. „Mr. Ryan, stimmt es zudem, dass Samantha bei Ihnen nicht unter demselben Dach wie Sie gewohnt hat, und lediglich ab und zu bei ihrem Bruder und Ihnen übernachtet hat?" „Ja, das stimmt." Alex musste sich zusammenreißen um nicht die Kontrolle zu verlieren. „Außerdem können Sie Samantha kein stabiles Umfeld bieten." Es war mehr eine Aussage als eine Frage. „Einspruch, euer Ehren!" Daniel versuchte die Angriffe auf seinen Mandanten etwas abzuschwächen. „Stattgegeben. Mr. Wolves, halten Sie sich bitte in ihren Schlussfolgerungen etwas zurück." Forderte der Richter den gegnerischen Anwalt auf.

„Ja, euer Ehren." Marc Wolves sah nicht sonderlich geknickt auf Grund dieser Ermahnung aus, im Gegenteil, er schien etwas Bedrohliches auszustrahlen.

„Ist es richtig, dass Sie in den vergangen Jahren mehrere kurzlebige Beziehungen hatten, und nun Vater eines ungeborenen Kindes sind, mit dessen Mutter sie nicht zusammen sind?" Aus dem Publikum hörte man einiges Gemurmel. Vor allem Nick empörte sich darüber, dass man so mit seinem Bruder umging. Ja, Alex war ein Aufreißer gewesen, aber erstens war er seit dem Sam aufgetaucht war nicht mehr auf Frauenjagd gewesen, und zweitens hatte er sich immer verantwortungsvoll um seine Freunde und seine Familie gekümmert. Genauso wie er es jetzt mit Sam und Claire tat. Nick konnte und wollte nicht verstehen, dass man seinen Bruder jetzt als verantwortungslosen Womenizer hinstellte. Es war Tess zu verdanken, dass er nicht die Kontrolle verlor. Für einen Moment war es ihr egal, ob die anderen von ihnen wussten. Sie nahm Nick's Hand und drückte sie beruhigend. Dankbar schaute Nick sie an, drückte ebenfalls ihre Hand und ließ sie dann wieder los.

„Ja, das ist richtig." Alex war kurz davor zu explodieren. Allerdings war er sich inzwischen nicht mehr so sicher ob er nur auf den Anwalt sauer war, der Salz in die offene Wunde streute, oder viel mehr auf sich selber, darauf, dass er sich in der Vergangenheit nicht gerade wie ein Gentleman verhalten hatte. Die Quittung für sein Verhalten bekam er jetzt, nur dass nicht nur er, sondern auch seine Tochter darunter zu leiden hatte.

Marc Wolves erlöste Alex vorerst von seinen Qualen, doch Daniel wollte versuchen, Alex Aussage noch etwas gerade zu rücken, sodass Alex den Zeugenstand noch nicht verlassen konnte. „Mr. Ryan, mit wie vielen Frauen hatten sie sexuellen Kontakt seit dem Sam bei ihnen ist?" Oh wie er es hasste, Alex wollte am liebsten im Boden versinken. Auch Sam starrte betreten vor sich hin, das waren Sachen die sie nicht unbedingt von ihrem Vater wissen wollte. Wer wollte schon wisse, was seine Eltern im Bett trieben… Nick Fallin beugte sich zu ihr und flüsterte grinsend: „Nimms mit Humor!" Sam rollte nur mit den Augen und schüttelte den Kopf.

„Nur mit einer." presste Alex seine Antwort zwischen den Lippen vor. „Claire McLeod, mit der sie jetzt ein Kind erwarten?", hakte Daniel nach. „Einspruch, Suggestivfrage!" Marc Wolves unterbrach. „Stattgegeben! Formulieren sie bitte anders, Mr. Gladstone." Richter Hamilton gab ihm Recht. Daniel seufzte unhörbar, „Wer ist diese Frau, Mr Ryan? Und was hat sich daraus ergeben?" Es fiel Alex sichtbar schwer Claire so ins Rampenlicht zu rücken, aber es musste wohl sein, sonst würde Daniel nicht fragen. „Claire McLeod, und sie ist schwanger von mir. Wir sind weiterhin beste Freunde, und wir sehen uns jeden Tag." Seine Antwort klang etwas abgehakt. „Sie kümmern sich also um Miss McLeod und ihr Kind?" fragte Daniel. „"Ja, natürlich!" Alex Antwort kam sofort. Im Publikum musste Claire lächeln, ja Alex kümmerte sich um sie. Nach ihrem Geschmack manchmal zu sehr.

„Und was ist mit Sam? Wie oft sehen sie sie? Wie können Sie sich um sie kümmern wenn sie nur teilweise bei Ihnen wohnt?" Daniel wusste, dass Alex diese genaue Befragung nicht behagte, aber wenn er seine Tochter wieder haben wollte, musste er jetzt alles geben was er hatte. Auch wenn dies hart war. Alex riss sich zusammen, jetzt war der Zeitpunkt gekommen um zu zeigen, dass Sam es wirklich gut bei ihm hatte. „Ich sehe Sam jeden Tag. Anfangs hatte ich sie auf Drover's Run bei Claire McLeod untergebracht, da ich nicht wusste wie meine Eltern auf Sam reagieren würden. Nachdem ich nach Wilgul zu meinem Bruder gezogen war, wollte ich Sam nicht aus ihrem neuen Zuhause rausreißen. Sie hatte schon genug durchgemacht. Auf Drover's ging es ihr gut, und da ich zusammen mit Claire ein Pferdetrainingszentrum dort leite, verbringe ich den ganzen Tag auf Drover's und damit auch bei Sam. Lediglich nachts bin ich auf der Nachbarsfarm, und Sam kann jederzeit wenn ihr danach ist, dort in ihrem eigenen Zimmer übernachten."

„Wie wir bereits erfahren haben ist Sam ein intelligentes Mädchen. Wie haben Sie sich ihre weitere Ausbildung vorgestellt? Und wieso hat sie die Monate bei Ihnen lediglich auf der Farm gearbeitet?" Daniel ging ohne Umschweife zum nächsten Thema über. Diese Antwort hatte Alex mit Daniel genau abgesprochen, da ihnen klar war, dass er sich dazu äußern musste. Sie hatten beschlossen, die Wahrheit hier etwas auszudehnen, schließlich konnte niemand wissen, was in Alex Kopf vorging. „Sam ist noch sehr jung und hat viel mit machen müssen, deswegen habe ich gedacht, dass es erstmal wichtig ist, dass sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnt, und einen Alltagsrhythmus entwickelt. Allerdings habe ich bereits mit der Privatuniversität in Galway gesprochen. Diese Universität ist speziell für Farmerkinder ausgerichtet und hat einen hohen Praxisanteil, ihr Programm bietet Sam die Möglichkeit Farmmanagement zu studieren und selber einen Schwerpunkt zu setzten. Sie haben Sam bereits ein Stipendium angeboten." Alex war zufrieden mit seiner Antwort, es hatte sich alles plausibel und positiv angehört. Nachdem Richter Hamilton ihn entlassen hatte. Ging er erleichtert zu seinem Platz neben Daniel zurück. Stand jedoch gleich wieder auf, da Richter Hamilton die Mittagspause verkündet hatte.

Die Drover's Mannschaft versammelte sich um den Tisch von Daniel und Alex. „Das war jetzt gar nicht so übel!" erklärte Daniel, „Allerdings werden wir noch einige Punke sammeln müssen um zu gewinnen." „Das stimmt, aber wir haben ja auch noch ein paar Joker in der Hinterhand!" Nick Fallin, der mit Sam hinzugetreten war, stimmte ihm zu. „Gut, dann lasst uns schnell Mittagessen gehen. Richter Hamilton will den Fall heute abschließen, also werden wir wohl einen längeren zweiten Teil erleben. Als nächstes werden wir Sam in den Zeugenstand rufen, und dann schauen wir mal wie es aussieht." „Kommt ihr diesmal mit uns Mittagessen?" Jodi schaute Nick Fallin mit einem Augenaufschlag an, sodass Sam anfing zu kichern. „Ja, Nick, lass uns mit den anderen essen. Inzwischen ist ja sowieso klar auf welcher Seite wir stehen." Auch Sam schaute Nick bettelnd an. Nick atmete laut aus, wer konnte schon zwei so hübschen jungen Damen widerstehen, „Jaja, ist ja schon gut. Hört auf so zu schauen. Worauf habt ihr Lust?" „Pizza!" Sams Antwort kam prompt. „Aber wir waren doch schon gestern beim Italiener…"wandte Nick ein, „Na und? Ich mag halt Pizza." Obwohl Sam lächelte, war es klar, dass sie keinen Widerspruch zulassen würde. Nick war einfach nur froh, dass seine junge Mandantin endlich wieder gut gelaunt war, sodass er einwilligte.

Auf dem Weg zum Restaurant lies sich Alex mit Daniel zurückfallen und fragte seinen Anwalt „Wieso rufen wir nicht Claire in den Zeugenstand? Sie würde alle mit links platt machen!" Daniel runzelte leicht die Augenbrauen, „Es ehrt Sie, dass sie Claire so hoch schätzen Alex. Aber sie haben selber mitbekommen, welchen unangenehmen Fragen man im Zeugenstand ausgesetzt ist. Und Marc Wolves wird unter Garantie Claire's Lebenswandel anprangern, dass sie eine allein stehende Frau ist, nicht gerade im Geld schwimmt und jetzt auch noch schwanger ist. Wollen Sie Claire und das Baby dem wirklich aussetzen?" Alex schüttelte bedrückt den Kopf, nein, das wollte er nicht. Claire konnte nicht noch mehr Stress gebrauchen. „Aber keine Bange Alex, wir schaffen es auch so!" Aufmunternd schlug er dem großen Mann auf die Schulter.

Beim Essen hatte die ganze Truppe ihren Spaß. Sam und Jodi steckten die ganze Zeit kichernd die Köpfe zusammen und schielten dann zu Nick Fallin herüber, der sich mit Nick, Tess und Nicole über das Leben in einer Großstadt unterhielt. Er war sich durchaus der Blicke der beiden Mädchen bewusst und auch Tess und Nick hatten ihr Verhalten bemerkt. Nick stieß ihm sanft mit einem amüsierten Grinsen den Ellbogen zwischen die Rippen, „Da haben Sie wohl zwei Verehrerinnen gefunden." Nick Fallin grinste zurück, „Ach so lange es nur zwei sind…" Tess schüttelte den Kopf, Nick schien auch noch stolz darauf zu sein, zwei Teenagern den Kopf zu verdrehen. Männer…, einfach unmöglich! Aber auch Tess genoss das gemeinsame Essen, es war schön wieder mit allen zusammen zu sitzen. Man konnte fast vergessen, dass die Verhandlung noch nicht vorüber war.

Vor allem Sam und Jodi verbreiteten unentwegt gute Laune. Jodi wurde von Minute zu Minute, angestachelt von Sam, vorwitziger. Sie flirtete inzwischen offen mit allen Männern am Tisch, und die Jungs gingen belustigt drauf ein. Für Alex und Nick war sie wie eine kleine Schwester, und so lange man es nicht übertrieb war ein wenig flirten schon in Ordnung. Außerdem waren sie sich bewusst, dass die McLeod-Schwestern sie schon zurückpfeifen würden, wenn sie über das Ziel hinaus schossen. Daniel Gladstone und Nick Fallin dagegen schienen fast ein wenig überfordert mit der Situation. Daniel hielt es für das Beste, die Flirtversuche der Mädchen zu ignorieren und vertiefte sich in ein Gespräch mit Nicole, Harry und Liz. Nick Fallin dagegen, folgte dagegen seinem Naturell, und erwiderte die flotten Sprüche der Mädchen.

Sie hatten soviel Spaß, dass sie fast den Wiederbeginn der Verhandlung verpasst hatten, sie konnten gerade noch rechtzeitig in den Saal huschen. Im Hineingehen neckte Sam Jodi: „Na, dir gefällt wohl mein Anwalt?" Grinsend gab Jodi zurück, „Bist wohl eifersüchtig? Mach dir nichts draus, wenn du älter bist, bekommst du noch genug Männer ab!" Und beide Mädchen mussten loskichern. Ach wie sehr hatte Sam doch diese unbeschwerten Stunden mit ihrer besten Freundin vermisst. Hoffentlich konnten sie bald wieder viel Zeit miteinander verbringen. Es ging jetzt darum die letzte große Schlacht zu gewinnen.