Die letzte Schlacht

Als Sam aufstand um zum Zeugenstand zu gehen musste sie sich kurz an dem hölzernen Tisch vor ihr festhalten. Es war als würden ihre Knie nachgeben und ihre Beine sie nicht mehr halten können. Sie dachte daran zurück wie es Alex ergangen war, es würde bestimmt nicht leicht werden. Aber jetzt hatte sie es wenigstens selbst in der Hand wie es mit ihr in der Zukunft weiter gehen würde. Flotten Schrittes legte sie die paar Meter auf die andere Seite des Richtertisches zurück.

„Samantha, da du noch nicht volljährig bist, wirst du noch nicht vereidigt. Du weißt aber, dass du hier die Wahrheit sagen musst. Und auch wenn man dich noch nicht strafrechtlich verfolgen würde, wenn nicht es stimmt was du sagst, so bitte ich dich dennoch, den Ehrenkodex einzuhalten und hier vor Gericht nicht zu lügen." Richter Hamilton redete sie mit seiner tiefen Stimme an und fügte noch hinzu, „Und sonst natürlich auch nicht!" Er lächelte das junge Mädchen an. „Ja, Sir." Antwortete Sam brav.

Obwohl der Richter sie sehr freundlich anschaute fühlte sie sich noch nicht so ganz sicher auf ihrem neuen Platz, mitten im Rampenlicht. Zwar hatte sie von hier aus den ganzen Saal im Blick, aber alle anderen konnten auch sie beobachten. Es war ihr, als könnte selbst das Publikum jede Regung ihres Körpers sehen. Sie ließ ihren Blick über die Reihen gleiten, bis sie an den Leuten von Drover's hängen blieb. In den Augen ihrer Freunde sah sie Zuversicht und Hoffnung aber zugleich auch Sorge. Ihr Blick wanderte weiter und traf den von Alex. Ruhig schaute ihr Vater sie an, es war als würde er ihr Mut zusprechen, und als er lächelte, fing auch Sam zögerlich an zu lächeln. Sie lehnte sich entspannt zurück und schaute Daniel an, der aufgestanden war und nun vor ihr stand.

„Sam, ich werde dich jetzt nicht erzählen lassen was sich in den letzten Jahren alles zugetragen hat, das haben dein Vater und deine Großmutter ja schon zu genüge getan. Ich werde dir einige Fragen stellen, und möchte, dass du sie mir so genau wie möglich beantwortest." Daniel fing an mit ihr zu reden. Sam war dankbar, dass er zuerst eine paar Sätze sprach bevor er Fragen an sie stellte und nickte zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte. „Ok, Sam, als du bei deiner Mutter gewohnt hast, wie oft hast du da deine Großeltern gesehen?" fing Daniel an zu fragen. „Ungefähr alle 2 Monate waren Mum und ich bei Ihnen zum Essen, und dann natürlich an den Feiertagen." Es war einfacher als Sam gedacht hatte.

„Hattest du das Gefühl, dass sie sich gut um dich kümmern?" hakte Daniel nach. „Hm, für mich waren es halt einfach meine Großeltern, sie haben uns auch immer Geld gegeben und ich hab immer Geschenke von ihnen bekommen. Und sie haben auch immer gefragt, wie es mir in der Schule geht und so. Also für Großeltern alles ganz normal, denk ich." Antwortete Sam ehrlich, sie brachte es allerdings nicht übers Herz zu erzählen wie ihre Großeltern ihr immer vorgeworfen hatten, sie sei für das Unglück ihrer Mutter verantwortlich. Sie wusste, dass sie die Wahrheit sagen musste, aber etwas verschweigen war nicht direkt lügen, und sie konnte ihre Großeltern einfach nicht schlecht machen.

Im Publikum stupste Jodi Tess an, „Wieso erzählt sie denn so nette Sachen über ihre Großeltern. Will sie nicht zurückkommen?" Tess schüttelte den Kopf und beugte sich leicht zu Jodi rüber, „Sie ist nur ehrlich!" Innerlich dachte sie sich, dass Sam halt doch ganz eindeutig Alex Tochter war, und das Claire's Einfluss sich deutlich bemerkbar machte. Lügen gab es in ihrer Welt nicht. Claire war zwar hart aber ehrlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Schwester je lügen würde. Und irgendwie wusste Tess, dass auch Sam sich von nun an ehrlich durchs Leben kämpfen wollte. Sie hatte in ihrem jungen Leben schon genug Schwierigkeiten gehabt, es war wohl Zeit für einen Neuanfang.

Ein paar Reihen weiter vorne fuhr Daniel fort: „Hattest du Kontakt zu deinem Vater, Alexander Ryan?" Sam schaute kurz Alex an bevor sie antwortete, „Nein, ich hatte keinen Kontakt zu ihm. Ich wusste noch nicht mal wie er heißt. Mum hat zwar ab und zu von ihm gesprochen, wenn auch nicht sehr positiv, aber sie hat nie seinen Namen genannt oder gesagt wo ich ihn finden kann. Sie hatte mir lediglich, ich muss so 5 gewesen sein, einen Zettel in die Hand gedrückt der mit Tesafilm zugeklebt war. Sie hat gesagt ich dürfte ich erst öffnen wenn ihr etwas zustoße und ich Hilfe bräuchte. Ich habe den Zettel in meinen Geldbeutel gesteckt, und habe ihn dort vergessen, ich hatte ja alles was ich brauchte. Nur einmal, an meinem neunten Geburtstag, ich hatte einen neuen Geldbeute bekommen und räumte die Sachen um…als mir der Zettel in die Hände fiel, habe ich einen Moment darüber nachgedacht ob ich ihn öffnen sollte. Aber letztendlich habe ich das erst in der Nacht von Mum's Tod gemacht und so erfahren wer mein Vater ist." Sam antwortete mit klarer Stimme, aber im Publikum erzeugte ihre Antwort dennoch Mitleid.

Vor allem Jodi war getroffen, wenigstens wusste sie wer ihr Vater war, auch wenn er nicht da war, Sam hatte bis vor kurzem nicht gewusst wo sie herkam. Jodi konnte nachfühlen wie es Sam ergangen sein musste, denn auch wenn sie selber die meiste Zeit nicht wirklich daran dachte, dass ihr Vater nicht da war, weil es einfach schon immer so gewesen war, so gab es dennoch Momente in denen man sich fragte wo der eigene Vater war, warum er nicht bei einem war, und wann man ihn wieder sah. Jodi schaute wieder nach vorne und beobachtete Sam wie sie zumindest äußerlich recht entspannt auf Daniel's nächste Frage wartete.

Daniel fragte dann auch sogleich: „Und jetzt? Wie kommst du mit deinem Vater aus?" Sam strahlte Daniel fast an. Es war als wäre die Sonne aufgegangen. Sam versprühte auf einmal so eine Ausstrahlung, dass es jedem im Saal, sogar ihren Großeltern, warm ums Herz wurde. „Mein Dad ist total klasse!" es sprudelte nur so aus Sam heraus, nun redete sie wie ein Wasserfall ohne über ihre Worte nachzudenken. Claire dachte sich nur, wie ähnlich die Kleine in diesem Moment ihrem Vater war. „Zuerst hatte ich etwas Schiss, ich hatte ihn ja noch nie gesehen. Aber er ist sofort gekommen, als ich ihn angerufen habe, und hat auch ohne zu zögern mein Pferd, Hurricane, mitgenommen. Das war schon ziemlich cool. Auch wenn ich es Anfang nicht so toll fand auf dem Land zu leben. Aber dort sind alle Leute nett zu mir, und ich bekomme jeden Tag was Warmes zu essen. Dad ist immer für mich da, und wir machen richtig viel zusammen. Um nichts in der Welt möchte ich ihn wieder eintauschen, auch wenn er mir manchmal nicht erlaubt auf eine Party zu gehen…" Sam stockte, sie hatte den Wandel in Daniels Gesicht bemerkt.

Ernst schaute der Anwalt sie an, „Du bekommst jeden Tag was warmes zu Essen? Hast du das vorher nicht bekommen?" Sam war verwirrt, „Ich… ja…nein…". Daniel hakte nach, „Sam, hat deine Mutter sich gut um dich gekümmert?" Sam zitterte, ihre Mutter hatte bestimmt viele Fehler und hatte nicht immer alles richtig gemacht, aber es war ihre Mutter, und sie hatte sie geliebt und sie vermisste sie. Sam konnte nur mit Mühe die Tränen unterdrücken, ihre Augen glänzten schon verdächtigt. Ihre Hände umkrampften die Stuhllehnen. Sie öffnete den Mund du was zu sagen, aber es kamen keine Worte raus. In ihrem Blick spiegelte sich Verzweiflung wieder. Sie wollte nichts Schlechtes über Mutter sagen.

„Sam?" Daniel versuchte sie aus ihrer Trance zu reißen, aber er kam nicht bei ihr an. „Stopp! Aufhören!" ertönte es auf einmal. Alex war aufgestanden. „Daniel, lassen sie es gut sein. Das können Sie nicht von ihr Verlangen!" Alex Herz hatte sich zusammengezogen, als er sah wie Sam litt. Das war die ganze Sache nicht wert, niemand sollte von einem Kind verlangen schlecht über seine Eltern zu reden. „Okay, ich ziehe die Frage zurück." Willigte Daniel ein, „Sam, du musst darauf nicht antworten." „Ich bitte um eine kurze Unterbrechung, Euer Ehren!" Nick Fallin war aufgestanden. Er war um das Wohl seiner Mandantin besorgt. „In Ordnung, 10 Minuten Pause!" Richter Hamilton gab seiner Bitte nach.

Nick stand auf und ging schnell zu Sam, die immer noch wie in Trance da saß. Als er bei ihr war legte er ihr beide Hände auf die Schultern. „Sam, es ist alles in Ordnung! Daniel wird so eine Frage nicht mehr stellen. Schau mich an! Sam, schau mich an!" eindringlich redete Nick auf Sam ein. Endlich hob sie die Augen und blickte in seine blauen Augen. „Ich vermisse meine Mum!" Trauer lag in ihrer Stimme. „Ja, ich weiß." Antwortete Nick verständnisvoll. „Sam, deine Mutter hatte dich bestimmt furchtbar lieb und wollte nur das Beste für dich!" Sam lächelte ihn schüchtern an, aber Nick sah ihr an wie die letzten Minuten sie mitgenommen hatten, und so redete er noch eine Weile beruhigend auf Sam ein bis die Verhandlung fortgeführt wurde.

Daniel hatte sich in der Zwischenzeit zu Alex gewandt, der am liebsten sofort zu seiner Tochter gelaufen wäre. Aber als er sah, dass Nick sich um Sam kümmerte wandte er sich Daniel zu und besprach mit ihm das weitere Vorgehen, allerdings nicht ohne ab und zu den Kopf zu heben um zu sehen, wie es Sam ging. Er war etwas sauer auf seinen Anwalt, dass er Sam in solche eine Situation gebracht hatte, aber er ließ sich überzeugen, dass es keine Absicht gewesen war sondern sich so aus der Situation heraus ergeben hatte.

Wie mit Alex besprochen, hatte Daniel nur noch eine Frage an Sam. Es war Alex Wunsch gewesen Sam so schnell wie möglich aus dem Zeugenstand zu holen. „Sam, wie denkst du, dass es sich auf dich ausgewirkt hat hast, dass du auf einmal bei deinem Vater gelebt hast?" Sam atmete tief ein, nicht mehr ganz so selbstbewusst wie zuvor aber immer noch mit klarer Stimme erwiderte sie: „Das ist eine blöde Frage, Daniel!" Aus dem Publikum hört man Gelächter und auch Richter Hamilton konnte sich ein Grinsen nicht verkeifen. „Ich kann mich doch schlecht selber beurteilten." Sam rollte scherzhaft mit den Augen. Ihr Humor half ihr den Anflug von Unsicherheit zu überwinden. „Aber was ich bemerkt habe, dass ich, hm, das schwierig zu formulieren, hm, ruhiger geworden bin. Vorher musste immer alles Action sein. Schule war keine Herausforderung für mich, ich habe mich gelangweilt und so habe ich mir andere Beschäftigungen gesucht die mir den richtigen Kick gaben. Als ich dann auf Drover's Run war, hatte ich zwar immer noch ab und zu das Bedürfnis auszubrechen, aber meistens war ich zufrieden. Auch wenn es natürlich immer wieder schwierige Phasen gab. Die Menschen um mich herum haben sich für mich interessiert, ich konnte viel Zeit mit Hurricane verbringen. Und ich habe viel gelernt, über Landwirtschaft, Tierhaltung, Natur, es gab immer was zu tun und was zu lernen. Ich weiß, dass es sich blöd anhört, vor allem für eine 15jährige, aber ich war mit mir im Reinen."

Sam seufzte bei der Erinnerung. „Danke Sam. Das war's von mir, aber ich bin mir sicher Mr. Wolves hat noch ein paar Fragen an dich." Daniel übergab das Wort an Marc Wolves. Der stieg auch sogleich ein, „Hallo Sam," er blickte sie zwar freundlich an, aber seine Worte waren scharf wie ein Fleischermesser, „du hast gerade sehr schön deine Entwicklung geschildert. Wie würdest du dein Leben bei deinen Großeltern beschreiben?" Sam dachte einen Moment nach bevor sie antwortete, „Ich glaube ich würde mein Leben als perfekt bezeichnen." Alex zuckte zusammen. Was machte Sam da? Ungläubig hörte er seiner Tochter zu. „Ich gehe auf eine Elite-Universität, ich spiele erfolgreich Tennis, und mein Klavierlehrer schwärmt von meinem Talent. Ich esse sogar nach einem Plan den die Ernährungsplanerin meiner Großmutter erarbeitet hat."

Alex entdeckte etwas Gefährliches in Sam's Augen, das Marc Wolves nicht sehen konnte. „Aber ich würde es nicht als „Leben" bezeichnen! Ich bin eingesperrt in einem Gefängnis aus Watte, das es mir verbietet mein Leben zu leben." Sam's Augen blitzen fast schon wütend auf. Und Marc Wolves brauchte ein paar Sekunden um sich von dem Schlag zu erholen, doch er hatte sich schnell wieder im Griff, „Ist das auch der Grund, warum du, kaum dass du nicht mehr bei den Großeltern bist wie ein Gangster rum läufst?"

Der Anwalt versuchte Sam zu provozieren, doch er hatte das Mädchen unterschätzt, Sam lachte leise auf und antwortete in einem gefährlichen Ton: „Mr. Wolves, sollte ich sie überschätzt haben? Sie wollen mir doch nicht wirklich ernsthaft erklären, dass sie die Menschen nach ihrem Äußeren beurteilen? Nur weil ich vielleicht Klamotten trage, die nicht ganz Ihrem Geschmack entsprechen, können Sie daraus wohl kaum auf meinen Charakter oder meine inneren Werte schließen."

Sam grinste den Anwalt an, von ihr würde er nichts Verwertbares bekommen. Alex konnte sich ein Lachen kaum verkneifen, die kleine Sam zählte den Anwalt nach Strich und Faden aus. Das war eine Show die er nicht so schnell vergessen würde. Und wohl auch sonst keiner der im Raum Anwesenden. Marc Wolves hatte genug gehört und entließ Sam aus dem Zeugenstand. Mit einem betont neutralen Gesichtsausdruck ging Sam zu Nick zurück, der nur lächelnd den Kopf schüttelte und mit der Hand auf den Stuhl neben sich klopfte.