Die Würfel sind gefallen
„Mr. Gladstone, rufen sie ihren nächsten Zeugen auf."
„Ich rufe Antoine Simps."
Neben Nicole erhob sich eine junge Gestalt, die nach Marc Wolves Ansicht wohl der Gansta-Rapper schlecht hin war. Sam hob überrascht den Kopf.
Twan? Das konnte nicht sein! Er würde doch niemals freiwillig…? Fragend schaute sie Nick an, der ihre stumme Frage flüsternd beantwortete,
„Nicole und ich haben einen Deal mit ihm gemacht, er sagt aus, und bekommt ein Platz in einem Programm „betreutes Wohnen" in Sydney, kann seinen Highschool-Abschluss machen, und mit einigen Stunden Sozialarbeit werden die ihm vorgeworfenen Straftaten nicht weiter verfolgt."
Kein schlechter Deal dachte sich Sam und schaute Twan an wie er sich die gleiche Belehrungen von Richter Hamilton anhörte wie sie.
„Die Befragung wird mein Kollege Nick Fallin durchführen." Daniel übergab das Wort an Nick, der aufgestanden war und vor Twan trat. „Antoine, du kennst Sam von früher?" „Ja, Sir."
Anscheinen beinhaltete dieser Deal auch Respekt und gutes Benehmen , dachte sich Sam lächelnd. Sie hatte Twan noch nie jemanden „Sir" nennen gehört. „Hast du sie vor ein paar Monaten in Melbourne wieder getroffen?" Nick fragte sehr gezielt. „Ja, Sir." Jetzt musste Sam fast grinsen. „Welchen Eindruck hast du da im Verhältnis zu früher von ihr bekommen?" Nick gab Twan nun etwas mehr Spielraum. „Äußerlich war sie die selbe geblieben, aber innerlich war sie auf einmal so ein Spießer!", erzählte Twan etwas verächtlich, aber dennoch auch mit etwas Bewunderung in der Stimme.
Sam konnte das Lachen kaum noch zurückhalten.
„Als hätte sie auf einmal ein Gewissen bekommen. Früher hätte sie jeden Scheiß mitgemacht, sie hatte sogar die absurdesten Ideen.
Und nun, nun hat sie etwas zu verlieren. Das wollte sie unter keinen Umständen aufs Spiel setzen. Für die Unterwelt war sie verloren." Berichtete Twan mit unverholenem Stolz auf seine Herkunft. „Danke, das war's schon." Nick nahm wieder neben Sam Platz und sah wie Marc Wolves anfing Twan zu befragen. „Antoine, du sprachst gerade von Unterwelt, was macht man denn so in der Unterwelt?" Er wollte die Zuverlässigkeit von Nicks Zeugen in Frage stellen. Dies sollte ihm gelingen.
„Ich bin ein wahrer Meister im Graffiti sprayen, Ladendiebstahl, ein paar Leute fertig machen…" unverblümt erzählte Twan von seinen Taten.
Auf Grund der umfangreichen Schilderung verzichtete Marc Wolves auf weitere Fragen. Twan's Abgang verstand keiner der anwesenden Erwachsenen, er ging auf Sam zu, schaute ihr in die Augen, machte ein Zeichen mit seiner rechten Hand, das unverkennbar aus der Gangsprache stammte und sagte, „Pass auf Dich auf, Star! Ich bin nicht immer da, um Dir aus der Patsche zu helfen!" Dann ging er mit einem Mann vom Jugendamt aus dem Saal. Aus der Patsche helfen? Fragte sich Sam. Ach, Twan, du hast mich eher tiefer in den Sumpf rein gezogen. Doch Nick schien ihre Gedanken erraten zu haben, „Er war ein wichtiger Zeuge für uns, vertrau mir!".
Sam atmete auf als sie Daniel verkünden hörte:
„Als letztes rufe ich Nicole Evans vom Jugendamt in den Zeugenstand." Man näherte sich also dem Ende. Das wurde aber auch Zeit, Sam langweilte sich langsam, außerdem war es ermüdend den ganzen Tag dem Juristen Gequassel zuzuhören. Daniel befragte Nicole nach fast allem was sie aus Sam's Leben wusste, doch es gelang Sam nicht mehr aufmerksam zuzuhören. Erst bei Daniel's Schlussfrage wurde sie wieder munter. „Wenn sie zu entscheiden hätten, bei wem würde Sam wohnen?" „Einspruch, Euer Ehren. Hypothetische Frage!" Marc Wolves war sofort dazwischen gegangen. „Stattgegeben. Mr. Gladstone, formulieren Sie neu!" Richter Hamilton achtete streng auf die korrekte Form, auch wenn er sich bewusst war, dass die Selbe Frage nur anders formuliert kommen würde.
„Mrs. Evans, wo ist ihrer sachverständigen Meinung nach Sam am besten aufgehoben?" Daniel stellte die Frage anders. Nicole wählte ihre Worte sorgsam bevor sie antwortete.
„Ich denke, dass so ein junges Mädchen vor allem Liebe, Verständnis und Aufmerksamkeit braucht. Und wenn Mr. Ryan es schafft eine vernünftige Ausbildung sicher zustellen, dann gehört Sam zu ihrem Vater. In den vergangen Monaten ist sie dort regelrecht aufgeblüht und hat sich zu einem verantwortungsvollen jungen Menschen entwickelt, wie ich es kaum für möglich gehalten hatte." Daniel reichte die Antwort und er bedankte sich bei Nicole. Marc Wolves konnte nicht viel mehr tun, als mit Nicole nochmals Sam's Ausbildungsmöglichkeiten und stabiles Umfeld bei ihren Großeltern durchzugehen. Aber da er nichts Neues hervorholen konnte, beendete auch er bald die Befragung. Richter Hamilton atmete sichtbar auf, als Nicole zu ihrem Platz zurückgekehrt war. Er würde die Verhandlung tatsächlich heute noch zu Ende bringen.
„Die Herren Anwälte, ich bitte um ihre Schlussplädoyers. Bitte fassen sie sich kurz, wir wollen alle noch heute nach Hause! Und tun Sie uns den Gefallen und wiederholen sie nicht noch einmal alle Argumente, ich habe durchaus ein gutes Gedächtnis und versichere Ihnen, dass ich keines vergessen habe."
Marc Wolves erhob sich. „Euer Ehren, wir sind hier um über die Zukunft einer jungen Dame zu entscheiden, über die wir eigentlich gar nicht mehr entscheiden müssten. Yve Donaldson hat in ihrem Testament festgelegt, dass sollte ihr etwas zustoßen ihre Tochter Samantha zu ihren Großeltern, Mitchell und Giselle Donaldson kommen soll. Zudem hatte Alexander Ryan bis vor kurzem keinen Anspruch auf seine Tochter erhoben, ja er hat noch nicht einmal die Geburtsurkunde unterschrieben. Eine Unterbringung eines Teenagers bei ihm scheint zudem eine gewagte Sache. Er kann Samantha kein stabiles Umfeld bieten, so hat Samantha noch nicht einmal ein festes zu Hause, sondern zwei Zimmer auf verschiedenen Höfen. Mr. Ryan hat wechselnde Frauenbekanntschaften und ist nicht fähig über längere Zeit eine Beziehung aufrecht zu erhalten.
Es ist wahrscheinlich, dass er schnell das Interesse an seiner Tochter verliert und sich ein neues Hobby sucht. So scheint er der Ausbildung seiner intelligenten Tochter nicht viel Beachtung zu schenken. Bei Mr. und Mrs. Donaldson dagegen bekommt Samantha eine fundierte Ausbildung an einer Elite-Universität, zudem wird auf eine gute Bildung in Musik und Kunst geachtet. Eine bessere Umgebung kann man sich für so einen viel versprechenden Menschen nicht wünschen. Samantha sollte deswegen zu ihrem eigenen Besten bei ihren Großeltern bleiben."
Mit diesen Worten setzt sich Marc Wolves und machte für Daniel Gladstone Platz.
Der Anwalt hatte während Marc Wolves's Plädoyer mehr damit zutun gehabt Alex zu beruhigen als der Rede seines Gegners zuzuhören. Nun musste er sich schnell konzentrieren und die vorbereiteten Worte in seinem Kopf zu Recht legen.
„Euer Ehren, wir haben hier einen jungen Mann und seine Tochter gesehen, die sich 14 Jahre lang nicht kannten. Sie haben es innerhalb kürzester Zeit geschafft sich aneinander zugewöhnen. In beeindruckender Weise hat Samantha es geschafft sich in ihrer neuen Umgebung zu Recht zu finden und ihr neues Leben zu lieben. Für ein junges Mädchen, die es in ihrem bisherigen Leben nicht leicht hatte, ist es besonders wichtig Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung zu bekommen. Und genau dieses bekommt Samantha von ihrem Vater Alex Ryan, von Claire McLeod bei der sie wohnt, und von ihren vielen neuen Freunden. Mr. Ryan wird sich in Zukunft auch um eine angemessene Ausbildung für seine Tochter kümmern, und so wie er die vergangenen Monate gemeistert hat, habe ich keine Bedenken, dass er auch dies schafft.
Seit dem Samantha bei ihrem Vater ist, hat sie sich menschlich so positiv entwickelt, dass sie für das Jugendamt von einem Problemfall zu einem positiven Beispiel für alle anderen Jugendliche geworden ist. Sie übernimmt Verantwortung nicht nur für ihr Pferd sonder auch auf der Farm und arbeitet sehr zuverlässig. Eine Entwicklung die äußerst erstaunlich ist, und zu einem großen Teil auch ihrem Vater zuzuschreiben ist. Erziehung heißt nicht nur für eine gute Ausbildung und anständiges Umfeld zu sorgen, sondern auch Werte zu vermitteln. Werte wie Verantwortung, Ehrlichkeit, Fürsorge, Vertrauen. Werte die Alex Ryan seiner Tochter vorlebt. Er liebt seine Tochter und Sam liebt ihn. Und deswegen gehört Samantha nirgendwo anders hin als zu ihren Vater!"
Mit einem Nicken bedeutete Daniel Nick, dass er nun an der Reihe wäre. Nachdem Nick aufgestanden war, ließ er seinen Blick von Sam zu Alex und zurück wandern. Er entschied sich nicht mehr viel zu sagen, alle Argumente waren genannte worden, es war jetzt vielleicht besser an das Herz des Richters zu appellieren.
„Euer Ehren, sie sehen hier einen Vater vor sich der seine Tochter aus ganzem Herzen liebt und das einzige worum er bittet ist, dass sein Kind, das ihm so viel bedeutet bei ihm aufwächst. Meine Mandantin hat 14 Jahre auf ihren Vater verzichten müssen, und jetzt, da sie ihn gefunden hat, soll er ihr wieder weggenommen werden? Das Leben hat es schon so nicht gut mit ihr gemeint, nehmen sie ihr nicht auch noch den Zugang zur väterlichen Liebe! Mit 15 ist Samantha auch kein kleines Kind mehr, sie sollte einige Entscheidungen selber treffen dürfen. Und Samantha möchte bei ihrem Vater sein. Dieser Wunsch sollte respektiert werden.
Als seine letzten Worte verhallt waren entstand ein kurzer Moment der Stille. Die Würfel waren gefallen, jedem war bewusst, dass nun niemand mehr auf Richter Hamilton Einfluss nehmen konnte. Er war jetzt der Mann der die Fäden in der Hand hielt.
„Wir unterbrechen für eine dreiviertel Stunde, danach werde ich meine Entscheidung bekannt geben."
Im Saal breitete sich eine Mischung von Erleichterung und ängstlichem Erwarten, wie die Entscheidung lauten werde, aus. Die Gruppe von Drover's Run traf sich mit ihren Anwälten bei einer Sitzgruppe vor dem Gerichtssaal. Jodi maulte rum, „Ich hab Hunger, können wir nicht was essen gehen? Außerdem muss ich dringend raus hier. Hier drin wird man ja total verrückt."
Nick Ryan legte ihr lächelnd eine Hand auf die Schulter, „Ich mach dir nen Vorschlag, wir zwei gehen ins nächste Café…" Jodi fing an zu strahlen, „und holen belegte Semmeln, Kuchen und Getränke für alle." Jodi's Strahlen erlosch wieder. „Na, gut." Stimmte sie missmutig zu und machte sich mit Nick auf den Weg. Die anderen hatten sich zusammengesetzt und Sam erzählte allen, dass sie keine Zweifel hätte, dass die Verhandlung gut ausgehe, doch sie wurde in ihrem Enthusiasmus von Nick Fallin gebremst,
„Sam, jetzt hol mal Luft. So gut sieht es auch wieder nicht aus. Zwar besser als zu Beginn der Verhandlung, aber deine Großeltern haben auch einige Punkte machen können!" „Was denken Sie denn, wie unsere Chancen stehen?" fragte Claire neugierig. „Hm, ich würde mal sagen, dass sie am Anfang vielleicht 80:20 gegen uns standen, inzwischen geh ich von 50:50 aus. Es liegt alles bei Richter Hamilton." Gab Nick Auskunft und Daniel stimmte ihm zu, „Ja, der Richter hat es jetzt in seiner Hand. Auch wenn es für uns so aussieht, als würden wir gewinnen, so ist Marc Wolves dennoch kein schlechter Anwalt. Er hat Alex eine harte Zeit gegeben und den jungen Antoine hat er auch nicht gerade gut aussehen lassen…" Wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen hing jeder für ein paar Minuten seinen Gedanken nach und wartete auf Jodi und Nick.
