Sieg oder Niederlage?
Richter Hamilton lies sich Zeit. Sam rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. Wie lange konnte es dauern, zu entscheiden, ob sie zu Alex durfte? Im wieder glitt ihr Blick zu der Tür hinter dem Richterpult. Obwohl es nur wenige Minuten waren, die sie warten musste kam es Sam vor wie Stunden. Doch als der Richter endlich den Saal betrat fühlte Sam keine Erleichterung. Eine Mischung aus Zweifel, Angst und böser Vorahnung überflutete sie. Sie musste an ein Zitat von Garth Nix denken: „When the future is hidden, who holds the key to destiny?" Wer den Schüssel in diesem Fall hielt war klar, Richter George Hamilton. Nur welche Tür würde er für Sam öffnen, und welche vielleicht für immer verschließen? Angespannt schaute Sam nach vorne. Der Richter ließ seinen Blick für einen Moment auf Sam ruhen, dann begann er zu sprechen:
„Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, beide Seiten haben sehr gute Argumente vorgetragen." George Hamilton zögerte, selten hatte er einen so schwierigen Fall gehabt. Es war seine Entscheidung, er bestimmte die Zukunft des Mädchens, und wenn er sich nun falsch entschieden hatte. Nein, er war sich eigentlich sicher, es gab nur eine Möglichkeit. „Samantha ist ein junges Mädchen, die in ihrem kurzen Leben schon viel erlebt hat. Um zu gewährleisten, dass sie sich in eine gute Richtung entwickelt, braucht sie ein stabiles, fürsorgliches Umfeld, dass ihr gleichzeitig genug Platz lässt sich selber zu entwickeln und dennoch immer für sie da ist und sie unterstützt. Bei ihren Großeltern wird ihr viel geboten, sie bekommt eine umfassende, ihren Potentialen angemessene Ausbildung, es wird sich sehr gut um ihr leibliches Wohl und ihre körperliche Fitness gekümmert. Ich bin sicher, dass es Samantha bei ihren Großeltern an nichts fehlen würde."
Alex zitterte, das konnte doch nicht war sein, er konnte Sam einfach nicht verlieren, das durfte einfach nicht passieren. Sein Herz krampfte sich zusammen, verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Niemand sollte sehen, wie Alex Ryan weinte. Versteinert richtete er seinen Blick wieder nach vorne. Auch Sam ging es nicht viel besser, eine Welt brach für sie zusammen, es fiel ihr schwer zu atmen. Sie bekam keine Luft mehr, langsam schwanden ihr die Sinne. Plötzlich merkte sie wie Nick an ihrem Arm rüttelte, „Sam! Beruhig dich! Atme! Hörst du? Atme tief ein! So ist es gut!" Sam schnappte nach Luft. Als Nick merkte, dass sie sich wieder gefangen hatte flüsterte er ihr leise zu: „Jetzt wart doch erstmal ab, er hat noch keine Entscheidung bekannt gegeben!" „Aber Sie haben ihn doch gehört! Er denkt ich wäre bei meinen Großeltern prima aufgehoben!" „Warte ab! Warte einfach nur ab!" Nick ließ sich nicht von Sam's Unruhe anstecken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Richter Hamilton.
„Alexander Ryan hatte bisher im Leben seiner Tochter nicht viel zu sagen. Allerdings hat er seine Sache in der kurzen Zeit in der Samantha bei ihm war sehr gut gemacht. Samantha liebt ihren Vater und fühlt sich wohl bei ihm. Wie man gesehen hat, tut ihr die Gesellschaft ihres Vaters gut, und auch wenn der junge Antoine vielleicht nicht gerade ein Musterzeuge war, er hat zusammen mit Nicole Evans deutlich gemacht wie positiv sich Samantha in der Zeit bei ihrem Vater entwickelt hat, trotz der nicht hundertprozentig idealen Bedingungen. Bei einem jüngeren Kind würde ich vielleicht sagen, Ausbildung geht vor. Aber Samantha ist 15. Einen jungen Menschen gegen seinen Willen irgendwo hinzuschicken kann übel enden. Ich denke, dass Samantha wenn sie eine entsprechende Ausbildung bekommt, dort am besten aufgehoben ist, wo sie gerne ist. Und deshalb lautet meine Entscheidung, dass Samantha Sophia unter der Bedingung, dass sie eine adäquate Ausbildung bekommt, die vom Jugendamt halbjährig kontrolliert wird, zu ihrem Vater Alexander Ryan kommt."
Seine letzten Worte gingen fast in dem Jubelgeschrei unter, der von den Bänken hinter Alex erscholl. Alex sackte vor Erleichterung etwas zusammen, bevor sich ein befreites Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und er zu Sam rüberschaute. Aber er erschrak als er seine Tochter sah. Sam sah nicht wirklich glücklich aus, zwar wirkte sie erleichtert und die Anspannung der letzten Tage war sichtlich von ihr abgefallen. Aber im Gegensatz zu ihren Freunden und ihrem Vater strahlte sie nicht. Sie saß nachdenklich neben Nick Fallin und war in ihren Gedanken versunken. Wieso freute sie sich nicht? Alex war verwirrt, aber es blieb ihm nicht viel Zeit darüber zu grübeln. Nachdem der Richter die Verhandlung für beendet erklärt hatte stürmten seine Freunde auf ihn und Sam ein. Freudestrahlend nahm er die Glückwünsche entgegen.
Sam saß immer noch still auf ihrem Stuhl als Jodi zu ihr kam. „Hey Sam! Freust du dich nicht? Du kannst zurück nach Drovers kommen!" Aus Jodi sprudelten die Worte enthusiastisch raus. Sam schaut zu Jodi auf, die vor ihr stand und nach ein paar Sekunden lächelte sie. „Doch, Jodi, ich bin froh. Ich bin sogar sehr froh." Immer noch lächelnd stand sie auf und wühlte sich durch das Getümmel in Alex Arme. Schweigend hielt Alex seine Tochter im Arm, er wollte sie nie wieder los lassen. „Es ist vorbei, Sam!" Leise antworte seine Tochter, „Ja, Dad, es ist vorbei!"
Nach einer Weile als sich der Trubel gelegt hatte kam Nick Fallin auf Sam zu. „Sam, ich habe mit deinen Großeltern und Nicole gerade abgemacht, dass wir zwei und Nicole gleich zu deinen Großeltern und ins Jugendzentrum fahren und deine Sachen holen. Deine Großeltern wollen Alex nicht im Haus haben. Danach fahren wir dich dann wohin du willst." Sam nickte und wandte sich dann an Alex der neben ihr stand, „Dad, können wir heute noch nach Hause fahren?" Alex zögerte erst einen Moment, es war schon späte, eigentlich hatte er sich auf ein kühles Bier und ein Bett gefreut, stimmte dann aber gerne zu.
Er freute sich, dass Sam so begierig zurück nach Drover's wollte. Jodi allerdings konnte sich keine sonderliche Begeisterung darüber abringen, „Aber ich dachte wir machen heute noch Party? Ich hab keinen Bock den Abend im Auto zu verbringen!" „Wir kommen schon noch zum feiern!" Claire war unbemerkt an die Gruppe herangetreten. „Wir machen das so, Sam holt mit Nick und Nicole ihre Sachen von ihren Großeltern und wir holen unsere Sachen aus dem Hotel. Und dann treffen wir uns alle im Jugendzentrum." Claire's Wort war wie immer Gesetz. Alex war zwar immer noch etwas beunruhigt, weil Sam nicht sonderlich enthusiastisch auf das Urteil reagiert hatte, aber es war wohl so am besten wie Claire es vorgeschlagen hatte, später war immer noch Zeit mit Sam zu reden.
