Wieder daheim

Nachdem Sam ihre restlichen Klamotten aus dem Zimmer bei ihren Großeltern geholt hatte, ging sie ins Wohnzimmer, wo Nick und Nicole mit ihrer Großmutter warteten. Sam stellte ihre Sachen auf den Boden und wandte sich an ihre Großmutter, „Oma…es tut mir leid!" „ist schon in Ordnung, mein Kind. Vielleicht ist es besser so!" antwortete die ältere Dame. „Wo ist Opa?" fragte Sam. Doch ihre Großmutter zuckte nur ahnungslos mit den Schultern, sie rechnete nicht wirklich mit dem Erscheinen ihres Mannes. Für ihn war es eine Demütigung gewesen vor Gericht von seiner eigenen Enkelin geschlagen zu werden. „Darf ich euch mal besuchen kommen?" fragte Sam weiter ohne weiter auf das Thema einzugehen. „Lass deinem Großvater erstmal etwas Zeit, und dann schauen wir mal, in Ordnung?" erwiderte Sam's Großmutter zögerlich. Sam nickte, sie hatte verstanden, all zu oft würde sie ihre Großeltern wohl nicht mehr sehen. Sie umarmte ihre Großmuter kurz und ging dann mit Nick und Nicole im Schlepptau zum Wagen.

Als sie im Jugendzentrum ankamen war von Alex und den anderen noch nichts zu sehen. Nicole begleite Sam und ihren Anwalt und verabschiedete sich dann um nach anderen Jugendlichen zu sehen.

Nick setzte sich auf Sam's Bett während Sam ihre Sachen in die blaue Sporttasche und in eine Plastiktasche stopfte. Nachdenklich beobachtete Nick das junge Mädchen. Die vergangenen zwei Tage waren nicht ganz spurlos an ihr vorüber gegangen. „Sam, geht's dir gut?" Sam schaute auf und blickte Nick an. „Ja Nick, mir geht's gut. Am Ende ist doch alles gut geworden, auch wenn es nicht so einfach ist meine Großeltern zurückzulassen wie ich gedacht habe, aber es geht mir gut." Sam wandte sich wieder ihren Sachen zu, für sie war Nick's Frage damit beantwortet. Auch Nick lies es darauf beruhen, aber er war sich bewusst, dass es nicht so gut war wie Sam ihm weiß machen wollte.

Nachdem Sam ihre Sachen fertig gepackt hatte setzte sie sich neben Nick, „Danke! Danke, dass Sie mir geholfen haben." „Schon gut, hab ich gern gemacht." Und Nick hatte ihr wirklich gerne geholfen, auch wenn er seiner Meinung nach nicht viel getan hatte. Aber Sam war es vor allem wichtig gewesen, dass jemand für sie da war, der vollkommen unvoreingenommen war, der sich für sie einsetzte. Schweigend saßen sie noch eine Weile neben einander bis sie schließlich in die Eingangshalle gingen um auf Alex und die anderen zu warten.

Nachdem Alex die Formalitäten mit Nicole erledigt hatte, und sie sich herzlich und auch ein bisschen wehmütig von Nick Fallin verabschiedet hatten, machten sie sich auf die Fahrt nach Drover's. Sie hielten nur noch kurz an einem Imbissstand um sich ein paar Hot Dogs und Cola zu kaufen. Sam saß zwischen Jodi und Becky auf der Rückbank von Claire's Pickup. Jodi schaffte es tatsächlich sich zwei Stunden lang ununterbrochen zu beschweren, dass sie schon nach Hause fuhren. Aber ausnahmsweise hörte noch nicht einmal Sam ihr zu. Claire war auf dem Beifahrersitz eingeschlafen und auch Becky hatte die Augen zu gemacht. Alex konzentrierte sich aufs Fahren und Sam ging ihren eigenen Gedanken nach. Irgendwann wurde auch Jodi müde und lehnte sich mit ihrem Kopf gegen Sam's Schulter. Eine tiefe Zufriedenheit befiel Sam als sie so von ihren Freunden umringt ihrem zu Hause entgegen fuhr.

Auf Drover's angekommen stürzte sich Sam als erstes in den Stall zu Hurricane. Der Hengst wieherte ihr freudig entgegen. Sam streichelte ihn, und das Pferd stupste sie sanft an. Nach einer Weile kam Alex herein, „Hey Sam." „Hallo Dad." Sam schaute kurz zu ihrem Vater und lächelte. Alex lehnte sich mit den Armen auf die Boxenwand, „Alles klar?" Sam seufzte, „Ja, ich bin froh wieder zu Hause sein. Es fühlt sich so richtig an!" „Ich bin auch froh, dass du wieder da bist. Ohne dich war es hier einfach nicht mehr das Selbe!" Und das meinte er auch so, er hatte sich nie träumen lassen, dass er seine Tochter einmal so sehr vermissen würde. Es war definitiv einfacher gewesen, als er sie noch nicht kannte. Aber um nicht in der Welt wollte er wieder zu diesem Punkt zurück. „Du, Dad?" Alex sah an Sam's Gesichtsausdruck, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste.

„Ja…" „Was haben sie mit Mum…also, nachdem Mum…" es fiel Sam schwer die Worte auszusprechen. „Wo ist Mum beerdigt?" „Soviel ich weiß hat deine Mutter noch kein Grab. Deine Großeltern haben ihre Asche in einer Urne…." Als Alex bemerkte wie sehr Sam dieses Thema belastete fragte er: „Soll ich sie mal fragen? Vielleicht können wir dann ja mal hinfahren…." Er würde es hasse mit Yve's Elern zu sprechen, aber für Sam würde er auch das tun. Sam nickte, „Ja, das wäre nett…" Alex sah wie müde seine Tochter war, „Kommst du bald rein? Die anderen sind schon ins Bett gegangen. Vielleicht können wir noch was trinken?" Alex schaute liebevoll seine Tochter an. Sam trat zu ihm, „Wenn es okay für dich ist, dann würde ich gerne noch etwas hier bleiben." „Ja, ist schon in Ordnung, wir sehen uns dann morgen beim Frühstück." Alex streichelte ihr über den Kopf und machte sich dann auf den Weg ins Gästezimmer. Als er schon in der Tür war hörte er wie Sam sagte: „Dad, es tut mir leid, dass wir uns damals so gestritten haben…wegen der Party…du weißt schon!" Alex drehte sich noch mal um, lächelte seine Tochter an und nickte verstehend.

Nachdem Alex gegangen war wandte sich Sam wieder Hurricane zu. Mit dem Kopf an seinem Hals flüsterte sie, „Oh Hurricane, ich hab dich so vermisst. Aber jetzt bin ich wieder da, und ich werde dich nie wieder alleine lassen, hörst du mein Kleiner." Sam kicherte, Hurricane war nun mal alles andere als klein, aber er würde immer ihr kleines Fohlen bleiben. Das Fohlen, das ohne Mutter so hilflos im Stroh lag und ihre Hilfe brauchte. Müde setzte sich mit dem Rücken an der Boxenwand in eine Ecke und betrachtete ihr Pferd, „Weißt du Hurricane, ich vermisse Mum. Kannst du dich noch erinnern, einmal hast du sie auch getroffen, an meinem 12ten Geburtstag. Mum war ausnahmsweise mal wirklich gut drauf, und hatte versprochen, dass der Tag mir gehöre und wir alles machen würden was ich wolle. Ich glaube, sie war etwas enttäuscht, dass ich ihr nur dich zeigen wollte und nicht ins Kino wollte oder so, aber sie mochte dich vom ersten Moment an. Etwas ähnlich waren wir uns halt schon… Es ist merkwürdig, aber mit Dad kann ich einfach nicht über Mum reden. Vielleicht werfe ich ihm innerlich immer noch vor, dass er sie damals alleine gelassen hat, obwohl er nichts dafür konnte, aber ich kann trotzdem nicht mit ihm über sie sprechen. Und du mein Lieber, du verstehst mich zwar, aber antworten kannst du auch nicht…"

Am nächsten Morgen fand Claire Sam schlafend in Hurricane's Box. Das hätte sie in Sam's Alter sein können, dachte sie sich. Claire war roh, dass Sam wieder da war, nicht nur dass Alex jetzt wieder viel ausgeglichener sein würde, nein, auch sie hatte den Teenager unheimlich vermisst. Es war einfach nur süß was für eine tolle Beziehung, das Mädchen zu ihrem Pferd hatte, als wären ihre Pferde wichtiger als Menschen. Aber es ging nicht, dass Sam in Hurricane's Box schlief, das war viel zu gefährlich. Claire wollte sie gerade aufwecken, als Sam sich streckte und zu ihr aufblickte, „Guten Morgen!" „Morgen Sam!" Claire öffnete die Boxentür für das Mädchen, „Ich weiß, dass du Hurricane liebst, aber du solltest trotzdem nicht bei ihm schlafen, das ist zu gefährlich. Wenn er sich hinlegt und aufsteht könnte er dich unabsichtlich mit seinem Körper treffen." Sam nickte, sie wusste, dass Claire Recht hatte. „Also kein Übernachten in der Box, in Ordnung?" Claire wollte sicher gehen, dass sie und Sam sich richtig verstanden hatten. „Ja, kein Übernachten in der Box." Seufzte Sam. „Gut, dann lass uns frühstücken gehen." Claire klopfte Sam freundschaftlich auf die Schulter.

Da die anderen noch schliefen machten sie sich schnell zwei Frühstücksteller zurecht und setzten sich auf die Terrasse. Sam genoss diesen friedlichen Augenblick, der nächtliche Nebel lichtete sich langsam über den Feldern, und die aufgehende Sonne ließ die zurückgebliebenen Wassertropfen wie Diamanten glitzern. Außer dem Gezwitscher der Vögel war nichts zu hören. Sam schaute zu Claire und wusste, dass sie genauso empfand. Es war ein vollkommener Augenblick.

Nach einer Weile fragte Sam leise, „Du Claire? Spürt man das Baby schon?" Claire lächelte, „Ja, es tritt schon ganz ordentlich. Alex behauptet immer, dass es der kommende Fußballstar wird." Beide lachten leise. Und Claire beantwortete Sam's stumme Frage, „Komm leg mal deine Hand hier hin, vielleicht fühlst du es ja." Vorsichtig, fast ehrfurchtsvoll legte Sam eine Hand auf Claire's gewölbten Bauch und Claire schob ihre Hand an die richtige Stelle. Sam strahlte, „Oh ja, es kickt ganz ordentlich!" Claire nickte, es war schön, dass ihr Baby mit einer älteren Schwester aufwachsen würde.

Am Abend bekam Jodi dann doch noch ihre Party, zwar nicht so wie sie es sich vorgestellt hatte, aber gefeiert wurde trotzdem. Alex und Claire hatten beschlossen Sam's Rückkehr mit einem Barbecue zu feiern. Und so trafen alle Bewohner von Drover's, Wilgul und Killarney nach getaner Arbeit im Garten von Drover's Run zusammen. Alex war glücklich, dass Sam endlich zeigte, dass sie sich freute wieder auf Drover's zu sein. Und das tat sie wirklich. Während sie an ihrer Cola nippte dachte sie selig an den Nachmittag zurück. Sie war auf Hurricane zusammen mit Alex und seinem Wallach über das Gelände der drei Höfe geritten, und morgen wollte sie mit Jodi lange ausreiten… Sie hatte diese Freiheit vermisst. So etwas gab es in der Stadt nicht. Zwar hatte sie dort andere schöne Sachen, aber es war nicht das Selber, nicht das wonach sie sich gesehnt hatte.

Glücklich schaute Sam sich um, alle Menschen die ihr wichtig waren hatten sich versammelt, jetzt war sie endgültig zu Hause.