Ein neuer Lebensabschnitt
In den folgenden Tagen genoss Sam es wieder auf Drover's zu sein, und brachte sich wie früher in die Arbeit ein. Sie kontrollierte zusammen mit Jodi die Zäune und schrubbte die Tröge, drenschte mit Becky die Schafe, half Tess die Alpakas einzufangen und unterstützte Claire, die von Alex zu Büroarbeit verdonnert worden war um das Baby zu schonen. Sam liebte es mit Claire über den Büchern zu sitzen, in den Momenten hatte sie das Gefühl wirklich gebraucht zu werden. Claire war zwar nicht schlecht in Buchhaltung, aber Sam liebte das Spiel mit den Zahlen und an der Uni hatte sie auch einiges in dieser Richtung gelernt, und war froh dieses Wissen nun einbringen zu können.
Ihren Schlafplatz wechselte sie in dieser Zeit wie ihre Unterwäsche, sie verbrachte höchstens zwei Nächte hintereinander auf Drover's oder auf Wilgul, ab und zu übernachtete sie sogar auf Killarney um etwas Zeit mit Harry und Liz zu verbringen, was die beiden sichtlich genossen. Sam fühlte sich einfach überall wohl, und da sie auf jedem Hof ein paar Sachen hatte konnte sie einfach abends mit Hurricane dorthin reiten wo sie schlafen wollte. Sie liebte diese Freiheit, ihre Arbeit, ihre Freunde und vor allem Claire und Alex. Sie hätte ewig so weiterleben können, und so war sie zuerst auch nicht wirklich hoch erfreut als Alex nach zwei Wochen zu ihr und Claire ins Büro kam und über ihr Studium sprechen wollte.
Alex setzte sich zu Claire und seiner Tochter, „Sam, ich hab mit der Uni in Galway gesprochen. Sie sind bereit dir ein Stipendium zu geben, aber sie möchten dich vorher persönlich kennen lernen." Sam nickte. „Wir haben am Mittwoch einen Termin dort. Dann können wir auch alles Weitere klären." Fuhr Alex fort. „Okay." Sam's Einsilbigkeit ließ Alex aufhorchen. „Sam, willst du überhaupt nach Galway?" fragte er besorgt. Sam bemerkte seine Sorge und ärgerte sich, dass sie so uninteressiert gewirkt hatte. „Natürlich will ich nach Galway, Dad! Die Uni ist toll, und Farmmanagement ist genau das was mich interessiert. Ich bin nur so gerne hier, und Galway ist so weit weg…" Alex lächelte, „Aber die Uni ist doch nur an 2 Tagen in der Woche, du wirst kaum merken, dass du weg bist!" Er beugte sich vor und legte eine Hand auf Sam's Arm.
Sam nickte und wandte sich wieder ihrer Kalkulation zu. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, dass konnte sie am Mittwoch immer noch.
Doch der Mittwoch kam schneller als Sam es sich gewünscht hätte. Sie und Alex machten sich morgens früh um halb sechs auf den Weg, bis Galway waren es 4 Stunden Fahrt, und sie hatten einen Termin mit dem Studienberater um 10 Uhr. Sam schlief den größten Teil der Fahrt und wurde erst kurz vor Galway wach. Der Studienberater stellte sich als netter Mann in seinen 40ern heraus. Zuerst unterhielt er sich mit Sam über ihr bisheriges Leben, bis Alex dazu stoß um Sam's akademische Laufbahn zu besprechen.
„Mr. Ryan, meine Name ist Benjamin Wood. Ich bin der Studienberater ihrer Tochter und während ihrer Zeit hier für sie verantwortlich." Alex schüttelte seinem Gegenüber die Hand und hörte ihm weiter zu. „Grundsätzlich ist es so, dass unsere Studenten eine allgemeine Ausbildung in Farmmanagement bekommen. Darin sind unter anderem die Bereiche, Buchhaltung, Marketing, Personalwesen, Tierhaltung, Nutzpflanzen und Kommunalpolitik enthalten. Zudem wählt sich der Student eine Wahlfachgruppe, nach der die Studenten in verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Sam möchte gerne Pferde Zucht und Ausbildung nehmen. Das würde bedeuten, dass sie Mittwoch und Donnerstag Unterricht hat, und zwar jeweils von 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr. Wir haben hier auf dem Campus Unterkünfte, dort würde sie dann ein Zimmer zu ihrer Verfügung zugeteilt bekommen, sodass sie entscheiden kann wie viele Tage sie in der Woche hier verbringen möchte. Sie müssten lediglich die Koste für die Unterkunft aufbringen, alle anderen Kosten wären in Sam's Stipendium enthalten."
Alex nickte, das hörte sich alles sehr gut an, und wenn es das war, was Sam wollte, war er auch damit einverstanden. Er schaute seine Tochter an und als diese nickte sagte er, „In Ordnung. Was müssen wir tun, damit das alles so funktioniert?" Ben Wood lächelte, „Wir werden gleich zusammen zur Verwaltung gehen, wo sie die notwendigen Formulare unterschreiben können. Da Sam noch nicht volljährig ist, werde ich ihre persönliche Ansprechperson hier sein." Er wandte sich an Sam. „Das heißt für dich, dass du dich wenn du Problem hast jederzeit zu mir kommen kannst. Allerdings musst du dich auch immer bei mir an und abmelden wenn du zur Uni kommst. Zudem werden wir alle zwei Wochen deine Ergebnisse zusammen besprechen."
Sam nickte, „Okay!" Ben Woods schien ein netter Mensch zu sein, und es konnte sicherlich nicht schade, wenn sie Ansprechperson hatte. Alex war erleichtert, man würde sich hier gut um Sam kümmern und sie war lediglich 2 Tage in der Woche nicht zu Hause. Er würde seine Tochter zwar vermissen, aber zum einen war Sam's Ausbildung eine Bedingung für das Sorgerecht und zum anderen war es auch wichtig, dass sie gefördert wurde. „So, lassen sie uns in die Verwaltung gehen." Ben Woods war aufgestanden, „Anschließend, schauen wir noch kurz bei unserem Direktor rein, der sie beide gerne kennen lernen möchte, und dann machen wir noch eine kurze Führung über den Campus, bevor ich Sam ihr Zimmer zeige."
Nachdem sie den schriftlichen Kram und den Antrittsbesuch beim Direktor hinter sich gebracht hatten, schlenderten sie über das Unigelände. Nach einem kurzen Abriss über die nicht allzu lange Geschichte der jungen Universität fragte Ben Wood: „So Sam, bleibst du heute gleich hier, oder fängst du nächste Woche an?" Sam schaute kurz zu Alex und antwortete dann, „Lieber erst nächste Woche!" „Gut, dann gehen wir gleich in der Mittagspause noch bei deinen Dozenten vorbei, die können dir dann das Lehrmaterial von dieser und letzter Woche geben, dass kannst du dann schon mal zu Hause durcharbeiten. Das solltest du allerdings auch wirklich tun, da die Vorlesungen schon letzte Woche begonnen haben und du ansonsten zu viel verpasst." Sam nickte, als sie gerade etwas antworten wollte hörte sie eine bekannte Stimme,
„Sam Ryan. Sie einer an, hast es dich auch hier her verschlagen?" Strahlend, schon jemanden zu kennen umarmte Sam Eli McNeill kurz. „Hallo Eli! Ist ja cool, dass ich dich hier gleich treffe." Alex hatte die freundliche Begrüßung zwar etwas Stirnrunselnd beobachtet, begrüßte seinerseits Eli dann aber auch, „Hallo Eli. Nochmals vielen Dank für deine Information, sie haben uns sehr geholfen." Eli nickte und Sam schaute ihren Vater fragend an.
Alex erklärte, „Ich habe Eli vor der Verhandlung angerufen um Informationen über die Uni zu bekommen, nachdem Nick Fallin mir davon berichtet hatte." Sam lächelte Alex war ihr zu liebe über seinen Schatten gesprungen und hatte einen McNeill um Hilfe gebeten. „Ich muss weiter, sonst bekomm ich nichts mehr zu essen!" entschuldigte sich Eli, „Aber wir sehen uns dann ja bestimmt öfter!" „Ja, ganz sicher. Bis bald Eli!" Sam war unendlich froh ihn getroffen zu haben und auch Ben Woods schien zufrieden. „Das ist ja gut, dass du schon einen Kommilitonen kennst. Eli ist zwar ein Semester über dir, aber er wird dir viel zeigen könne. So, dann lass uns mal dein Lehrmaterial holen." Er steuerte auf ein Gebäude zu, und Sam und Alex folgten ihm.
Die Dozenten, die Sam kennen lernte waren ihr gleich sympathisch. Und auch das kleine Zimmer gefiel ihr, es fehlten zwar noch ein paar persönliche Assesoires, aber die konnte sie nächste Woche mitbringen, und dann würde es das Zimmer für die paar Nächte die sie hier verbrachte auch tun. Nachdem sie sich von Ben Woods verabschiedet hatten und in der Stadt eine Pizza gegessen hatte, machten sich Alex und Sam wieder auf den langen Heimweg. Nach dem sie ein paar Minuten schweigend nebeneinander gesessen hatten lächelte Sam, „Ich glaube, dass mit der Uni wird ziemlich cool!"
Auch Alex lächelte, „Es freut mich, dass du so einen guten ersten Eindruck hattest. Mir hat es auch gut gefallen." Sam kuschelte sich entspannt in ihren Sitz, „Das ist gut…. Ich muss dann nur noch schauen, ob es eine Busverbindung gibt, damit du mich nicht immer fahren musst." So viel Rücksichtnahme konnte seine Tochter fast nur von Yve geerbt haben. Alex konnte sich nicht erinnern in ihrem Alter schon so umsichtig gewesen zu sein. „Mach dir da mal keine Sorgen, nächste Woche fahr ich dich auf alle Fälle. Dann können wir auch noch ein paar Sachen für dein Zimmer mitnehmen." Sam nickte, und den Rest des Heimweges verbrachte sie damit sich ihr Uni-Leben in schillernden Farben auszumalen.
