Der Streit

Als Sam ihre Hände hoch hob, hielt sie ein kleines Hundebaby in ihren Armen. „Oh, wie ist das süß!" Tess war total verzückt. Auch die anderen waren hin und weg von dem kleinen Welpen. Lediglich Claire stand etwas Abseits und beobachte die Szene nachdenklich.

„Was für eine Rasse ist der Kleine?" fragte Becky interessiert. Alex schaute sie an, „Das ist ein Chesapeake-Bay Retriever." Sein Blick wanderte zu Sam, die den kleinen Hund mit dem leicht gewellten, dunkelbraunen Fell liebevoll auf dem Arm hielt. „Sam, bitte denk daran. Es ist ein Arbeitshund, und kein Kuscheltier!!!" „Ja klar!" Sam war überglücklich endlich einen eigenen Hund zu haben. „Weißt du schon wie du ihn nennen wirst?" Jodi freute sich fast ebenso sehr wie Sam. Und auch wenn sie in ihrem Herzen einen kleinen Stich Eifersucht verspürte, war ihr doch klar, dass der Welpe bei Sam besser aufgehoben war, als bei ihr. „Er heißt ‚Skip'. Ich wollte schon immer einen Hund haben, und es gibt einfach keinen anderen Namen den ich mir vorstellen könnte." Sam war so selig, dass sie erst nach einer Weile bemerkte, dass Claire Alex bei Seite genommen hatte. Vorsichtig versuchte sie dem Gespräch zu lauschen, ohne dass die anderen etwas davon mitbekamen. Es roch irgendwie nach Ärger.

Claire sagte leise zu Alex in einem leicht erregten Ton, „Du weißt, dass das ein Jagdhund ist?" „Ja, weiß ich. Genauer gesagt ein Jagdhund für Enten und Gänse. Wieso?" fragte Alex ahnungslos nach. Plötzlich stand ihm eine wütende Claire gegenüber, Alex wusste erst gar nicht wie ihm geschah. „Sag mal, spinnst du?" Claire erhob ihre Stimme und so langsam wurden auch die anderen auf die beiden aufmerksam. „Du kannst doch nicht deiner 15-jährigen Tochter, die zudem noch auf einer Farm wohnt einen Jagdhund schenken!!!" „Wieso denn nicht?" Alex begriff immer noch nicht worauf Claire hinaus wollte. „Alex, ein Jagdhund!!! Der muss ausgebildet werden, er muss ständig beschäftigt werden, sonst wird er gefährlich!" Claire stemmte die Hände in die Hüfte. Aber nun fing Alex an dagegen zu halten. „Jetzt mach mal halblang Claire! Chessies sind ausgesprochen intelligente und ausdauernde Arbeitstiere. Sam hat doch schon bewiesen, dass sie gut mit Tieren umgehen kann. Schau doch mal wie klasse sie mit Hurricane zu Recht kommt. Und außerdem hat sie ja jede menge Hilfe. Der Hund wird schon gut erzogen werden, mach dir da mal keine Sorgen."

„Und ob ich mir das mache!" Claire war kaum noch zu halten, „Sam ist 15, sie hat ein Pferd, geht zur Uni, arbeitet hier auf Drover's mit, hilft auf Wilgul, und dann soll sie auch noch einen anspruchsvollen Hund erziehen???" „Ja, wieso denn nicht?" Alex begriff immer noch nicht so richtig was Claire eigentlich wollte. „Alex, jetzt sei doch mal vernünftig. Du bist Sams Vater, du sollst ihr helfen und nicht noch mehr auflasten. Sam hat schon genug um die Ohren. Diese Sache ist total verantwortungslos!" „Ach, darauf läuft das jetzt hinaus. Ich bin kein guter Vater? Glaubst du das wirklich?" Alex wirkte verletzt, Sam wollte noch dazwischen gehen, doch es war zu spät, Alex stieß die Worte die den Himmel auf Drover's verdunkeln sollte geradezu heraus, „Du gönnst Sam einfach nicht das Glück. Das einzige was du willst ist das sich alles um dein Baby dreht. Du hast das Baby lieber als Sam!" Zornig stapfte er zu seinem Wagen und brauste davon.

Zurück blieb eine verletzte und traurige Claire. Ihr Körper bebte. Wie konnte er nur so etwas behaupten. Mit starrem Gesicht und Augen aus denen der pure Schmerz sprach blickte Claire zu Sam. „Claire!" Doch Claire reagierte nicht, sie drehte sich nur um und ging Richtung Haus.

Der Streit zwischen Claire und Alex beeinflusste das Leben aller. Alex kam nicht mehr nach Drover's um beim Training der Pferde zu helfen, sodass die anderen noch mehr zu tun hatten. Jodi und Sam hatten das Pferdetraining unter Claire's Aufsicht vollständig übernommen. Sie saß meistens in einem Liegestuhl unter einem Sonnenschirm neben der Reitbahn und gab den beiden Mädchen genaue Anweisungen. Keiner wagte es mit Claire über den Vorfall zwischen ihr und Alex zu sprechen. Schon früher hätte sich das höchstens Tess getraut. Aber jetzt, da Claire im letzten Schwangerschaftsdrittel war wollte sie niemand mehr reizen oder unter zu großen Stress setzen. Der kleine Skip lag meistens neben ihr oder tollte mit Roy herum. Nachts musste der Welpe trotz Sam's Protesten die ihn lieber in ihrem Zimmer gehabt hätte in einem Hundkorb neben Roy schlafen. Claire konnte zwar in ihrem schwangeren Zustand nicht mehr viel machen, aber sie wusste dennoch sich zu stellen das der junge Chessie nicht zu sehr verwöhnt wurde.

Sam wurde von Tag zu Tag verzweifelter. Sie hasste es, dass Claire und Alex nicht mehr miteinander redeten, Sie hasste es, dass Alex nicht mehr nach Drover's kam. Und sie hasste es, das keiner der beiden mit ihr darüber reden wollte. Letztendlich war sie nur noch froh, als die Woche vorbei war und sie wieder zur Uni musste. Da Claire und Alex nicht mit einander redeten hatte sie leichtes Spiel. Dienstagabend nach getaner Arbeit sattelte sie Hurricane, packte ihre Unisachen und ein paar Sachen zum Wechseln in die Satteltaschen und machte sich auf den Weg zu Eli.

Eli hatte den Weg gut eingeschätzt. Nach einem zügigen Ritt und 1,5 Stunden später erreichte sie die McNeill-Farm. Zu ihrer Überraschung nahmen sie Eli's Eltern sehr nett auf. Alex musste eine seltsame Phobie gegen diese Leute haben. Anders konnte sie sich sein Missfallen gegenüber den McNeills nicht erklären. Sam bekam das Gästezimmer neben Eli's Raum. Nach einer schnellen Dusche ging sie bald ins Bett, es war schon spät und sie musste am nächsten Morgen früh aufstehen.

Auf der Fahrt nach Galway schlief Sam die meiste Zeit. Auch die 2 Tage an der Uni verliefen ereignislos. Sam genoss es lediglich, dass sie nicht ständig Alex oder Claire begegnete und an den Streit erinnert wurde. Aber am Donnerstagabend auf der Heimfahrt wurde ihre Stimmung wieder bedrückter.

Eli der ihre schlechte Laune bemerkt hatte drehte das Radio leiser und fragte besorgt, „Sam? Ist alles in Ordnung?" Sam schaute ihn nachdenklich an, was würde es schon schaden mit ihm zureden. Leise fing sie an zu erzählen war vorgefallen war. Schließlich endete sie ihren Bericht, „Ich weiß einfach nicht was ich tun soll. Ich hab beide so sehr lieb. Ich weiß schon gar nicht mehr wo ich schlafen soll. Wenn ich auf Drover's übernachte hab ich das Gefühl ich lasse meinen Dad im Stich, und bin ich nachts auf Wilgul hab ich ein schlechtes Gewissen Claire gegenüber. Ich kann Streit einfach nicht abhaben, ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch." Sagte sie mit einem leichten Augenrollen.

Eli seufzte, „Dann schlaf doch einfach wo anders. Bei deinen Großeltern zum Beispiel…" „Bei Harry und Liz? Nein, ich bin zwar gerne bei ihnen, aber nicht die ganze Zeit, das halt ich nicht aus. Zu viel Aufmerksamkeit…" entgegnete Sam mit einem verschmitzten Lächeln. „Wenn du willst kannst du diese Nacht noch bei uns bleiben. Meine Eltern haben sicherlich nichts dagegen, und morgen früh ist es bestimmt auch angenehmer den ganzen Weg zu reiten als heute Abend…" Sam schaute Eli fragend von der Seite an, dann stimmte sie seinem Angebot nickend zu. Im Moment war ihr alles lieber als in den Streit zwischen Claire und Alex mit hineingezogen zu werden.

Aber das Asyl bei Eli hielt nur für eine Nacht, am nächsten Abend stand Sam wieder vor demselben Dilemma. Claire und Alex redeten immer noch nicht miteinander, und Sam wusste einfach nicht wo sie schlafen sollte. Unentschlossen starrte sie in die Gegend bis ihr plötzlich eine Idee kam.