Zwischen den Fronten

Vorsichtig schaute sie sich um, es war niemand zu sehen. Claire war schon im Bett, Jodi, Meg und Becky hatten sich zurückgezogen und Tess war wer weiß wo. Leise ging Sam in die Küche und machte sich eine Thermoskanne Tee und ein paar Sandwichs. Dann ging sie in ihr Zimmer, packte warme Klamotten und ein Buch zu ihrer Verpflegung in einen Rucksack und schnappte sich einen Schlafsack. Nachdem sie sich noch eine dicke Jacke angezogen hatte schlich sie sich zu Hurricane in den Stall und sattelte ihn.

Behutsam um niemanden auf sich aufmerksam zu machen führte sie den Hengst von den Gebäuden weg bevor sie aufstieg. „Na los mein Kleiner, suchen wir uns ein Quartier für die Nacht!" Flüsterte sie ihrem Pferd ins Ohr und trieb ihn zu einem flotten Trab an. Als sie an dem See, der genau auf der Hälfte des Weges zwischen Drover's und Wilgul lag, angekommen waren hielten sie an. Sam sattelte Hurricane ab und ließ ihn laufen. Dann machte sie es sich unter einem großen Baum bequem, entfachte ein kleines Feuer, kuschelte sich in ihren Schlafsack und holte ihr Buch hervor. Sie liebte die Ruhe die sie umgab, es war eine friedliche Stille, nicht eine unheilvolle wie in der Gegenwart von Claire oder Alex.

Am nächsten Morgen wurde Sam von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Verschlafen rieb sie sich die Augen und richtete sich auf. Nachdem sie die Sandwichs gegessen und etwas getrunken hatte vergewisserte sie sich, dass das Feuer vollständig war und pfiff nach Hurricane der gerade aus dem See trank. Schnell verstaute sie noch den Schlafsack und ein paar Klamotten in einer Astgabel des Baumes bevor sie sich auf den Weg nach Drovers machte.

Dort angekommen traf sie auf Meg, die die Hühnereier einsammelte. „Wo kommst du denn her?" Fragte die Haushälterin erstaunt.

„Hab auf Wilgul übernachtet." Gab Sam kurz Auskunft und verschwand dann im Haus um sich was Frisches anzuziehen.

Sam verbrachte die ganze Woche ihre Nächte im Freien. Als sie am nächsten Dienstagabend Eli davon erzählte lachte dieser ungläubig, „Du hast die ganze Woche in keinem Bett geschlafen? Und niemand hat es gemerkt?"

Sam putzte gerade Hurricane noch mal über und hielt inne um zu Eli zu schauen, der sich lässig an die Boxenwand lehnte, verschmitzt und gleichzeitig nachdenklich meinte sie, „Tja, das kommt davon wenn die Leute nicht miteinander reden. Ich bin gespannt wie lange es dauert bis ich auffliege und was dann passiert…"

Eli grinste, „Ach, das ist dein Plan… Hättest du dir nicht etwas weniger Aufwendigeres und Komplizierteres einfallen lassen können?" „Neeeee!" Sam's Augen blitzten auf als sie Eli anlachte.

Nachdem sie von der Uni wiedergekommen waren, setzte Sam ihr Spiel fort. Es dauerte bis Sonntagabend bis sich etwas änderte. Nick war mit seinem Motorrad auf dem Nachhauseweg von einem heimlichen Rendezvous mit Tess, als er die Silhouette eines Pferdes nahe dem See sah. Verwundert fuhr er näher heran und war überrascht Hurricane zu finden, der neben der lesenden Sam wachte. Das junge Mädchen war so in ihr Buch vertieft, dass sie ihn nicht hatte kommen hören.

Nick stellte sein Motorrad ab und ging zu seiner Nichte hinüber, als er kurz vor ihr stand blickte sie erschrocken auf. Dann lächelte sie, „Hallo Nick!",

„Hallo Nick? Mehr hast du nicht zu sagen?" antwortete Nick lächelnd. Er war etwas verwirrt Sam hier zu finden. Fragend schaute er sie an und setzte sich dann neben sie.

Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gesessen hatte fragte Nick vorsichtig, „Ziemlich ätzend wenn Erwachsene sich streiten, hm?"

„Yep!" Mehr vermochte Sam nicht zu antworten, sie kämpfte damit ihre Tränen zurückzuhalten. „Komm her!" Nick öffnete seine Arme und Sam rettete sich in sie. Den Kopf an seiner Brust versteckt, konnte sie endlich all die Emotionen rauslassen die sich in den letzten Wochen in ihr angesammelte hatten. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. In diesem Moment war sie einfach nur ein verletzliches 15-jähriges Mädchen. Nick gab ihr die Geborgenheit, um ihre Maske fallen zu lassen. Nach einer Weile bemerkte Nick wie ihr Schluchzen nachließ und sie sich näher an seinen Oberkörper kuschelte. Er ließ ihr noch ein paar Minuten Zeit bevor er sie sanft an den Schultern etwas von sich wegdrückte und mit seinen Daumen die Tränen aus ihrem Gesicht wischte.

„Die beiden kriegen sich schon wieder ein. Das sind Claire und Alex, sie sind einfach so, schon immer…" Sam nickte, aber wirklich überzeugt war sie nicht. „Wollen wir uns auf den Heimweg machen?" fragte Nick. Doch Sam schüttelte nur stumm den Kopf. Nick seufzte, das würde wohl eine lange Nacht werden. Sanft strich er dem jungen Mädchen über die Haare. „Wie lange schläfst du eigentlich schon hier draußen?"

„1,5 Wochen." Sam war nicht gerade gesprächig. Nick sah ein, dass er so nicht weiter kommen würde. Er nahm das Buch, das neben Sam lag und lass den Titel laut vor „'Anna Karenina'…. Tolstoi, hm?"

„Les grad nen paar Klassiker…" erklärte Sam. Nick zog Sam wieder zu sich ran, lehnte sie mit ihrem Rücken gegen seine Brust und legte seinen linken Arm um sie. Dann schlug er das Buch auf der Seite mit dem Lesezeichen auf und fing an mit sanfter Stimme vorzulesen. „Was für Wronskij fast ein ganzes Jahr lang der einzige Wunsch seines Lebens gewesen war und alle anderen Wünsche in den Hintergrund gedrängt hatte, was Anna als ein undenkbares, schreckliches, aber deshalb um so leidenschaftlicher ersehntes Glück erschienen war - dieser Traum war erfüllt….."

Nach einer halben Stunde bemerkte er wie Sam in seinen Armen einschlief. Er deckte sie mit ihrem Schlafsack zu, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baum und schloss die Augen.

Als Nick am nächsten Morgen erwachte, sah er Sam wie sie ein paar Meter weiter die Arme um Hurricane's Hals geschlagen hatte und ihren Kopf in seiner Mähne vergrub. Vorsichtig trat er an sie heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Sam, wir sollten uns vielleicht auf dem Heimweg machen." Sam seufzte und drehte sich zu ihm um, „Nick, können wir das hier noch eine Weile für uns behalten?" bat sie ihn.

„Ich weiß nicht…" Nick zögerte, doch als er in Sams bittende Augen sah nickte er, „In Ordnung, ein paar Tage noch. Aber auf Dauer geht das nicht. Du brauchst ein ordentliches Bett!"

„Okay!" antwortete Sam erleichtert, „Danke Nick!" Lächelnd fuhr Nick seiner Nichte durchs Haar und ging zu seinem Motorrad.

Am nächsten Abend war Sam überrascht, als Nick wieder auf seinem Motorrad angefahren kam und seinen Schlafsack neben ihr ausbreitete. Doch er gab keinen Kommentar dazu ab, sondern setzte sich, wie am Abend zuvor neben sie, nahm ihr Buch und begann ihr vorzulesen bis Sam eingeschlafen war.

Als Sam Eli auf dem Weg zur Uni von Nick erzählte, schüttelte er nur ungläubig den Kopf, „Die Sache war schon verrückt genug, und jetzt macht dein Onkel dabei auch noch mit. Ihr seid schon eine verrückte Familie."

Sam lachte nur als Antwort. Nach einer Weile des Schweigens meinte Eli, „Ich mag verrückt." Sam schaute etwas verwirrt zu ihm hinüber. Doch er konzentrierte sich auf die Straße, so dass ihr nicht ganz klar wurde was er meinte. Nachdenklich lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, genoss das vertraute Schweigen zwischen ihnen und versuchte Eli's Kommentar zu vergessen.

Nicht nur Sam konnte den Streit zwischen Alex und Claire nicht vertagen. Am meisten litten die beiden selber darunter. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag lag Alex lange wach und dachte nach, früh morgens hatte er dann den Entschluss gefasst mit Claire zu reden. Er sattelte sein Pferd und machte sich auf den Weg nach Drovers. In der Nähe des Sees stutzte er, dass war doch Hurricane, der da unter einem großen Baum stand und ganz offensichtlich Wache hielt. Schnell ritt Alex zu dem großen Hengst hinüber und staunte nicht schlecht als er seine Tochter und seinen Bruder dort schlafend vor fand. Er stieg vom Pferd und weckte die beiden.

„Könnt ihr zwei mir mal erklären was das soll?" fragte er. Betreten schauten sich Sam und Nick an.

„Dad, ich…" fing Sam an. Doch Nick schnitt ihr das Wort,

„Sam übernachtet seit zwei Wochen hier draußen weil du und Claire solche Dickköpfe seid und keine Rücksicht auf eure eigenen geschweige denn auf die Gefühle anderer nehmt!" Nick war ernsthaft sauer auf seinen großen Bruder. Während Sam und Nick ihre Sachen zusammen packten erzählten sie Alex die Einzelheiten. Alex hörte relativ gelassen zu, was allerdings hauptsächlich daran lag, dass er von der schlaflosen Nacht total übermüdet war.

„Wie werden sehen was Claire dazu sagt!" war sein einziger Kommentar bevor sie in Richtung Drover's aufbrachen. Sam grinste, Was Claire dazu sagt… Also würde er wieder mit ihr sprechen. Es würde alles gut werden, man musste nur daran glauben.