Bester Freund

Und so vergingen die nächsten Monate wie im Flug; Tess sah man die Schwangerschaft von Woche zu Woche mehr an; und nicht nur Tess Bauch wuchs, auch Charlotte wurde von Tag zu Tag größer. Entgegen Alex geheimsten Befürchtungen entstand zwischen Charlotte und ihrer älteren Halbschwester keine Rivalität. Im Gegenteil, Sam liebte ihre kleine Schwester abgöttisch und kümmerte sich rührend um sie, und Charly schenkte ihr bei jeder Gelegenheit ein Lächeln. Ihr Verhältnis wurde so gut, dass Jodi schon scherzhaft spottete, Charly's erstes Wort werde nicht „Mum" oder „Dad" sein, sondern „Sam". Zum Glück konnten auch Alex und Claire darüber nur lachen. Ihnen erschien es wie ein unmögliches Glück, dass sie mit den Menschen die sie liebten so gut zusammenleben konnten.

Und so überraschte es auch niemanden, als 4 Monate nach Charlotte's Geburt Claire verkündete, dass sie wieder schwanger sei. „Ihr könnt wohl nicht genug von einander bekommen!?!" neckte Sam ihren Vater, bevor sie ihn und Claire umarmte. Jodi seufzte, „Ich versteh das nicht, wie kann man sich das nur freiwillig noch mal antun. Windel wechseln, nachts nicht schlafen können…" und rollte dabei mit den Augen.

„Weil Kinder das schönste Geschenk auf der Welt sind." Meg zog ihre Tochter an sich, und rubbelte ihr spielerisch in den Haaren. Entnervt floh Jodi so schnell sie nur konnte. Sie wollte niemals Kinder haben. Allein diese Schmerzen bei der Geburt, nein da konnte sie sich etwas Besseres vorstellen.

Doch Sam verkraftete diese Neuigkeit nicht so gut wie es zuerst den Anschein gehabt hatte. Natürlich freute sie sich auf das neue Geschwisterchen. Aber alle so vertraut miteinander zu sehen weckte auch eine tiefe Traurigkeit in ihr. Sie wollte auch eine Mutter haben. Ja, Claire füllte diese Rolle im Prinzip schon aus, aber es war nicht dasselbe. Noch war sie nicht bereit „Mum" zu ihr zu sagen. Nachdenklich ging sie in Richtung Stall. Als auf ihrem Weg dorthin auf Becky traf, sprach sie das ältere Mädchen an, „Becky, ich reite mal eben zu Eli. Weiß noch nicht ob ich heute zurückkomme. Kannst du Alex und Claire Bescheid sagen, sie sollen sich keine Sorgen machen!"

Becky runzelte die Augenbrauen und schaute Sam fragend an, aber ihre innere Stimme hinderte sie daran nachzufragen und so nickte sie nur zustimmend. Flink sattelte Sam ihren schwarzen Hengst und ritt los. Sie wusste nicht wieso, aber sie wollte einfach ein bisschen Abstand von Drover's bekommen, und bei Eli fühlte sie sich wohl. Es war ihr Glück, dass Hurricane erkannte wo sie hin wollte. Denn das junge Mädchen war so in Gedanken versunken, dass sie nicht auf den Weg achtete und überrascht war, als Hurricane auf der Hofeinfahrt der McNeill's stehen blieb. Seufzend stieg Sam ab und führte Hurricane in den Stall. Während sie den Hengst absattelte und versorgte begrüßte sie die anwesenden Farmarbeiter mit einem Nicken und fragte dann nach Eli.

Sie fand ihn schließlich in der Nähe der Farm, als er dabei war einen Zaun zu reparieren. Schweigend half sie ihm bei der Arbeit und setzte sich dann auf einen umgefallenen Baum um ihm dabei zu zusehen wie er die letzten Handstriche anlegte. Nachdem sie sich kurz begrüßt hatten, hatten sie beide kein Wort mehr gewechselt. Eli hatte die merkwürdige Stimmung in der Sam sich befand gespürt und drängte sie nicht zu einem Gespräch. Und durch sein Schweigen wusste Sam, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Der blonde Junge war ihr bester Freund. Nachdenklich beobachtet sie ihn, am Anfang hatte sie ihn für einen arroganten Schnösel gehalten, und jetzt war er so wertvoll für sie…

Nachdem Eli den letzten Nagel ins Holz geschlagen hatte, setzte er sich neben Sam und sie schauten gemeinsam in den Sonnenuntergang. Aber Sam konnte noch nicht darüber sprechen, zuerst musste sie ihre Gedanken in ihrem Kopf ordnen. Nach einer Weile stand Eli auf, „Komm!" forderte er sie auf und nahm ihre Hand. Im Haus angekommen, holte er eine Matratze aus dem Keller und schleppte sie in sein Zimmer. „Hast du Hunger?" fragte er Sam, nachdem er ein Bett neben seinem fertig gemacht hatte. Wieder nickt Sam nur. Im Stillen fragte sie sich, was Eli's Eltern und Alex und Claire wohl dazu zu sagen hätte, dass sie alleine in einem Zimmer schliefen. Doch Eli's Eltern schienen nicht zu Hause zu sein, und Alex und Claire… was sie nicht wissen macht sie nicht heiß….

Sie machten sich ein paar Sandwichs und setzten sich dann vor Eli's Playstation. Doch Sam war nicht so ganz bei der Sache und so hörten sie bald wieder auf zu spielen und machten sich Bett fertig. Aber als sie im Bett lagen fiel es beiden schwer einzuschlafen. Sam weil sie so viele Gedanken im Kopf hatte, und Eli weil er sich Sorgen um Sam machte. Trotzdem genoss Sam es, dass Eli schräg über ihr in seinem Bett lag, es gab ihr ein Gefühl der Sicherheit. Nach einer Weile sagte Sam in die Dunkelheit hinein.

„Claire und Alex bekommen noch ein Baby." Unsicher wie er reagieren sollte antwortete Eli, „Das ist doch was Gutes, oder nicht?"

„Ja schon…" Sam setzte sich auf, während sie die richtigen Worte suchte.

„Es ist nur…" es fiel ihr schwer darüber zu sprechen, „ich hatte gedacht, ich hätte noch mehr Zeit…" „Zeit wozu?" Eli setzte sich nun auch in seinem Bett hin. „Zeit um mich daran zu gewöhnen, dass Claire meine Mum ist. Ich meine sie ist es ja irgendwie schon, aber mit einem neuen Baby wird unsere Familie noch vollständiger, und dann hab ich irgendwann keine wirkliche Wahl mehr. Aber ich vermisse doch meine Mum…" Ihre Stimme zitterte. Schnell setzte sich Eli runter auf die Matratze neben Sam und legte einen Arm um sie.

„Aber das ist doch vollkommen in Ordnung. Ich bin mir sicher Claire versteht das. Und wenn du nicht willst, dann musst du sie auch nicht als deine Mutter ansehen." „Aber ich will es doch! Ich kann nur nicht…" sie schuchzte auf, Eli zog sie noch näher an sich heran. Sam konnte die Tränen nun nicht mehr zurückhalten, sie versteckte ihren Kopf in Eli's Brust, „ich vermisse Mum so sehr…"

„Schsch… Ist ja gut" Eli hielt Sam so fest er nur konnte. Als er merkte dass sie sich etwas beruhigt hatte drückte er einen Kuss auf ihre Haare. „Es verlangt ja auch niemand, dass du deine Mum nicht vermisst. Ich wäre ehrlich gesagt entsetzt, wenn du sie nicht vermissen würdest."

Dankbar hob Sam den Kopf und lächelte ihn an. „Mach es einfach so wie du dich fühlst. Das wird das Richtige sein, und Claire und auch Alex werden es verstehen." Sam wischte sich nickend die Tränen aus den Augen, leise lachend meinte sie „Schau was ich mit deinem T-Shirt gemacht habe. Jetzt ist es ganz nass!" und blickte zu Eli auf. Plötzlich bewusst wie nahe sie sich waren wischte Eli mit den Fingern unsicher die letzten Tränen von Sam's Wange. „Das macht nichts, ich hab noch mehr…"

Er lächelte sie an, hauchte einen Kuss auf Sam's Stirn und zog sie noch mal an sich heran. Dann stand er auf um sich aus dem Schrank ein trockenes Shirt zu holen. Noch ganz verwirrt von der unerwarteten Nähe beobachte Sam wie Eli sein Shirt aus zog. Sein nackter, braungebrannter und durchtrainierter Oberkörper schimmerte im durch das Fenster hereinfallende Mondlicht. Als Eli Sam's Blick bemerkte schaute er ihr in die Augen während er sich langsam wieder anzog. Zögernd ging er zu seinem Bett hinüber und legte sich wieder hin. Am liebsten hätte er sie noch einmal in den Arm genommen, aber er wusste nicht, ob er dann noch kontrollieren konnte was geschah. Der Blick, den sie getauscht hatten war so voller Nähe, Verständnis und Zuneigung gewesen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen hatte den Raum förmlich zum Knistern gebracht. Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt für romantische Gefühle gewesen…

„Eli?" „Mhm?" „Würdest du, ich meine könntest du vielleicht mit mir zu Mum's Grab fahren?" Eli zögerte, „Ich glaube es wäre besser wenn du das mit Alex machst, das ist eure Sache, das müsst ihr zusammen machen! ... Schlaf jetzt."

Es fiel ihm schwer Sam einen Wunsch auszuschlagen, vor allem jetzt, da ihn seine Gefühle für sie vollkommen verwirrten. Sam war nicht wie die anderen Mädchen, sie schmiss sich ihm nicht an den Hals. Nicht, dass ihn das bei den Mädels sonst störte, und er nutzte diese Situationen oft genug auch gerne aus. Was sollte man ansonsten von einem fast 18-jährigen Jungen erwarten. Aber mit Sam ging das nicht. Er konnte und wollte sie nicht ausnutzten, mal ganz davon abgesehen, dass sie das kaum zulassen würde, war sie nicht einfach nur eine Affäre für ihn, sie war Sam…Es dauerte noch eine Weile bis Eli es schaffte einzuschlafen.

Und auch Sam fiel das nicht leicht. Eli hatte so gut ausgesehen wie er da im Mondlicht gestanden hatte. Und er war für sie da, er wusste was er sagen musste und wann ein Schweigen mehr wert war als 100 Worte. Ihr war immer noch ganz warm von seinem Blick, wie er sie angeschaut hatte… als wäre sie eine Prinzessin, oder besser noch ein Schatz, den er begehrte, aber den er Angst hatte zu zerbrechen. Sie zitterte, dass konnte doch nicht war sein, sie konnte sich doch nicht in ihren besten Freund verliebt haben. Vor allem nicht jetzt, wo sie sowieso so viel um die Ohren hatte…Erst lange nach Eli fiel auch sie in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen taten beide so als wäre in der Nacht nichts geschehen. Allerdings mieden sie unsicher jeden Körperkontakt, und Sam verabschiedete sich recht bald nach dem Frühstück. Sie standen beide neben Hurricane und blickten verlegen auf den Boden.

„Danke für alles!" War das einzige was Sam über die Lippen brachte bevor sie sich in den Sattel schwang. Eli nickte ihr kurz zu, legte dann eine Hand auf ihr Bein als wollte er noch etwas sagen, zog sie dann aber schnell wieder zurück und nickte Sam nochmals zu bevor er zurücktrat. Mit einem letzten Blick auf ihren besten Freund gab Sam ihrem Pferd die Zügel frei und trabte davon. Es blieb lediglich ein Brennen an der Stelle an der Eli sie gerade eben noch berührt hatte zurück.