Angekommen

Wieder auf Drover's angekommen wurde Sam von einer nicht gerade begeisterten Claire und einem noch weniger begeisterten Alex begrüßt. „Wo warst du?" fragte Alex in einem scharfen Tonfall.

„Die Frage ist nicht wo ich war, sonder wo ich hin will!" gab Sam etwas abwesend zurück. Einen Moment später merkte sie jedoch wie arrogant sie mit ihrem Vater gesprochen hatte und fügte hinzu, „Hat Becky euch nicht erzählt, dass ich zu Eli geritten bin?"

„Doch, hat sie." Antwortete Claire, „Aber das nächste Mal wäre es vielleicht besser, wenn du uns das mitteilen würdest anstatt einfach so zu verschwinden." Fügte sie in einem besorgten Tonfall hinzu.

„Sorry, aber ich musste nachdenken…"Sam schaute zögernd Alex an,

„Dad?"

„Ja, Kleines?" Sam rollte mit den Augen, wie sehr sie es doch hasste so genannt zu werden. „Ich würde gerne zu Mum's Grab fahren…" Alex schluckte, er hatte gewusst, dass dieser Moment eines Tages kommen würde, aber irgendwie war es trotzdem merkwürdig. „Ja, natürlich, ich fahr dich."

„Na, dann komm!" Sam stiefelte in Richtung Alex Auto. Ihr Vater runzelte verdutzt die Stirn und schaute Claire an, „Ich hatte das eher grundsätzlich verstanden, aber ich werde wohl eine Weile weg sein…." Er blickte seine Freundin liebevoll an, „Kommst du klar?" „Ja, fahr du nur. Das ist wichtig für Sam. Und Charlotte und ich haben hier ja genügend Leute die für uns da sind." Alex zog Claire zu einem innigen Kuss heran bevor er zu Sam in den Wagen stieg und davon brauste.

Sie waren schon eine Weile unterwegs bevor Sam bemerkte, dass sie nicht in Richtung Melbourne fuhren. Fragend schaute sie ihren Vater an, „Wohin fahren wir?" „Deine Mutter wurde nicht in der Stadt beerdigt sondern in ihrer Heimat, nicht weit von hier. Wir fahren vielleicht noch 40 Minuten." Sam nickte und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Den Rest der Fahrt verbachten Vater und Tochter schweigend.

Der Friedhof der kleinen Stadt war nicht sehr groß, dennoch mussten sie ein paar Minuten suchen bis sie das Grab von Yve gefunden hatten. Alex biss sich auf die Lippe, nach so vielen Jahren stand er vor dem Grab seiner ersten großen Liebe, der Mutter seiner über alles geliebten Tochter. Innerlich dankte er Yve dafür, dass sie Sam trotz ihrer widrigen Lebensumstände zu einem verantwortungsbewussten Teenager erzogen hatte. Er strich sanft über die Inschrift auf dem Grabstein „Yve Michaela Donaldson geliebte Tochter und Mutter",

„Sam, ich warte im Auto auf dich, okay? Lass dir Zeit!". Sam nickte nur. Das blonde Mädchen hatte sich vor das Grab ihrer Mutter gesetzt. Sie hatte sich so viel zurechtgelegt was sie sagen wollte, und jetzt fielen ihr die Worte nicht mehr ein. Langsam rollte eine Träne über ihr Gesicht. „Mum?" Sam's Stimme war fast ein Wispern, aber in der Stille des Friedhofes dennoch klar zu vernehmen. „Mum, ich vermisse dich!"

Sam schluchzte auf, unter Tränen sprach sie weiter, „Aber Mum, es geht mir gut, ich bin jetzt bei Dad, er passt auf mich auf, und Hurricane auch. Und Claire…" Sam machte eine Pause bevor sie weitersprach. „Claire ist Dad's Freundin. Sie ist echt nett, vielleicht kennst du sie noch von früher. Claire McLeod, von Drover's Run. Sie ist wie eine Mutter für mich. Keine Angst, du wirst immer meine Mum bleiben. Aber weißt du, du bist nicht mehr da, und ich dachte, dass vielleicht… ich wollte dich fragen, ob es okay ist, wenn ich Claire ‚Mum' nenne. Weißt du, ich hab jetzt eine kleine Schwester, Charly, und Dad und Claire bekommen noch ein Baby, und ich will doch auch dazu gehören. Ich weiß, dass ich das auch so tue, aber es ist halt nicht das gleiche. Und ich hab dich trotzdem lieb, hörst du Mum!"

Sam's Tränen versiegten so langsam, „Jaja, ich rede wieder wirres Zeug, aber du weißt schon was ich meine. Soll ich dir noch ein bisschen von meiner neuen Familie erzählen?..." Und so saß Sam noch eine gute halbe Stunde vor dem Grab und berichtete ihrer Mutter von ihrem neuen Leben, von Becky und Jodi, von Claire und Charly, und von Eli. Irgendwann begann sie zu frösteln. Es war ein kalter Wind aufgezogen, so dass sie beschloss wieder zu Alex zu gehen. Sam hauchte einen Kuss auf ihre Hand, drückte ihn auf den Grabstein und verharrte so für einen Moment. Dann wischte sie sich mit beiden Händen über das Gesicht um die Spuren ihrer Tränen zu verwischen und ging zu Alex zurück.

Lächelnd stieg sie ins Auto, „So, jetzt können wir nach Hause fahren!" Glücklich seine Tochter nicht mehr in dieser nachdenklichen Stimmung zu sehen strich Alex ihr über den Kopf. Auf dem Heimweg machten sie noch im Gungellan-Pub halt um etwas zu essen, und etwas Vater-Tochter-Zeit für sich zu haben.

Wieder auf Drover's angekommen machte sich Sam auf die Suche nach Claire, sie fand sie schließlich im Pferdestall beim Füttern. Sam kletterte auf Hurricane's Boxenwand und schaute Claire bei der Arbeit zu. „Wie war es bei deiner Mutter?" fragte Claire das junge Mädchen. Doch ohne auf ihre Frage einzugehen erwiderte Sam, „Kann ich dich was fragen?"

„Ja klar!" Claire schaute auf und ging ein paar Schritte auf Sam zu, die Hurricane zwischen den Ohren kraulte. „Du bist ja jetzt mit Alex zusammen…"

„Jaa…?" Claire wusste nicht so recht worauf Sam hinaus wollte.

„Und Alex ist mein Vater…"

„Jaa…" So langsam dämmerte es Claire, welche Richtung dieses Gespräch nahm. Es entstand eine kurze Stille, Claire wollte Sam nicht drängen, und Sam musste erst allen Mut zusammen nehmen. Was wäre, wenn Claire sie doch zurückwies? Sam atmete tief ein und presste schnell zwischen ihren Lippen hervor

„Darf ich dich Mum nennen?". Claire schaute Sam ins Gesicht, doch diese versuchte ihrem Blick auszuweichen. Schnell schloss Claire die Lücke zwischen ihnen, hob Sam's Kopf und zwang sie ihr in die Augen zusehen. Zitternd blickte das Teenager-Mädchen in die blauen Augen der Frau, die sie so sehr bewunderte, die ohne zu fragen zu ihr und Alex gehalten hatte, die immer für sie da war und wartete auf eine Antwort. „Es wäre mir eine Ehre, Samantha Sophia Ryan!"

Vor Erleichterung schossen ihr ein paar Tränen in die Augen, sie rutschte von der Boxenwand herunter direkt in Claire's Arme. Die junge Frau hielt sie für einige Augenblicke fest umschlossen. Mehr Worte und Gesten waren nicht nötig. Schweigend fütterten die Beiden die Pferde zu Ende.

Anschließend ging Claire zu Alex, der sich schon mit einem Bier auf die Terrasse zurückgezogen hatte. Lächelnd näherte sie sich ihm und berichtete ihm von der Begegnung mit Sam. Erleichtert nahm Alex seine Freundin in die Arme, „Das ist gut, das ist sogar sehr gut. Jetzt scheint sie endlich wirklich hier angekommen zu sein!"