400 Meter
Die folgenden Wochen bereitete Sam sich und Hurricane in ihrer Freizeit auf das Rennwochenende bei den McNeills vor. Sie hatte das Gefühl, dass nichts schief gehen konnte. Schließlich hatte sie eine Familie, die sie liebte und die hinter ihr stand. Die 12 000 Meter machten ihr keine Sorgen, die 400 Meter schätzte sie dagegen als bedeutend schwieriger ein. Eine Viertel Meile, das war die ideale Distanz für ein Quarter Horse, aber Hurricane war kein reiner Quarter. Sein Körper war zwar dem eines Quarters ähnlicher als dem seiner Warmblut-Mutter, aber trotzdem schätzte sie Sandstorm stärker ein. Durch ihr zusätzliches Vollblut-Blut hatte die kleine Stute von Eli die idealen Voraussetzungen für die kurze Distanz.
Das Einzige was Sam und Hurricane in der Vorbereitung störte, waren Tess und Jodi. Ständig wurde über die Farbe der Kleider für die Brautjungfern, für die Blumen, für die Tischdecken usw. diskutiert. Als Sam sich bei Meg darüber beschwerte bekam sie nur zur Antwort: „Wenn es mal bei dir soweit ist, wirst du dich nicht anders benehmen. Das ist so ein Frauending, das passiert einfach automatisch, sei nett zu den beiden, sie freuen sich doch so sehr!" Und als sie daraufhin zu Claire ging, bekam sie auch nur ein Schulterzucken und tröstende Worte: „Lass sie, du kannst sie nicht ändern, und es bedeutet Tess sehr viel. Also spiel mit!"
Tatsächlich verwandelten Tess und Jodi Drover's Run in ein reines Tollhaus, dabei war die Hochzeit noch über zwei Monate hin. Aber Claire hielt alles mit einer erstaunlichen Gelassenheit aus. Meg und Alex hatten unterschiedliche Theorien über den Grund. Alex meinte, dass es daran läge, dass er jetzt mit Claire zusammen und sie deshalb viel ausgeglichener sei. Meg behauptete dagegen, dass es eher mit Claire's Erfahrungen als junge Mutter und der erneute Schwangerschaft zu tun hätte. Sam stimmte insgeheim eher Meg zu, aber das sagte sie ihrem Vater natürlich nicht.
Um den ganzen Stress zu entgehen suchte sich Sam immer die am weitesten entfernten Arbeiten aus und genoss die Zeiten an der Uni. Zusammen mit Eli freute sie sich auf das bevorstehende Pferderennen. In den gemeinsamen Autofahrten redeten sie sich gegenseitig heiß; den Abend zusammen in Eli's Zimmer erwähnten sie allerdings mit keinem Wort. Sie verabredeten, dass Sam und Hurricane in der Woche des Rennens nach der Uni nicht nach Hause reiten, sondern bis zum Wochenende auf dem Hof der McNeills übernachten würden. Alex war von dieser Idee überhaupt nicht begeistert, aber Sams Drängen konnte er nicht wieder stehen. Und so bezog Sam nachdem die beiden Teenager von der Uni zurückgekommen waren, das Gästezimmer der McNeills.
Am Freitag trafen dann die Teilnehmer von weiter weg ein. Viele campten auf dem Hof der McNeills. Etwas nostalgisch erinnerte Sam sich bei diesem Anblick an ihr erstes Rennen. Aber dennoch war sie froh, dieses Mal in einem Bett übernachten zu können. Neben dem Training mit Hurricane half sie den McNeills bei den letzten Vorbereitungen. Sam fand es klasse wie nett Eli's Eltern zu ihr waren, und das obwohl sie eine Ryan war. Das ließen diese Sam niemals spüren, im Gegenteil sie ließen Sam sich in jedem Moment willkommen fühlen. Und Sam verstand von Minute zu Minute weniger was Alex und auch Claire gegen diese Leute hatte… Aber sie würden bestimmt ihre Gründe haben, oder nicht?
Das Rennen über 400 Meter war am Samstagabend für 19:00 Uhr angesetzt, dann würde es nicht mehr so heiß, aber immer noch hell genug sein. Alex, Claire, die restliche Drover's Gang und natürlich auch Nick, Harry und Liz trafen, nachdem sie die tägliche Farmarbeit erledigt hatten, am späten Nachmittag ein. Sam erwartete sie schon sehnsüchtig. Strahlend lief sie ihren Eltern entgegen, „Na, endlich! Hab euch schon vermisst! Ich will euch doch unbedingt noch alles zeigen bevor ich zu Hurricane muss!" Mit diesen Worten hängte sie sich bei ihren Eltern ein und zog sie mit fort, um sie über das Gelände zu führen. James McNeill hatte wirklich keine Kosten gescheut und einen halben Jahrmarkt errichten lassen. Das Prunkstück war allerdings eine Tribüne neben dem Zieleinlauf. Sam genoss es sichtlich ihrer Familie alles zu zeigen und vergaß dabei fast die Zeit, und so war sie auch sichtlich überrascht als Eli auf einmal vor ihr stand,
„Komm schon Cowgirl, es wird Zeit die Pferde zu satteln!" Sam nickte, drückte sowohl Alex als auch Claire einen Kuss auf die Wange bevor sie mit Eli in Richtung Pferdeställe verschwand.
„Cowgirl? …hm, und außerdem, seit wann holt man seine Konkurrenten vor dem Rennen ab?" Alex grummelte vor sich hin, sodass Claire über ihn lachen musste. „Sie sind Freunde, Alex! Weißt du nicht mehr wie wir in ihrem Alter waren?"
„Das ist es gerade was mir Sorgen macht!" grummelte Alex weiter. Und Claire musste noch mehr lachen, „Ach komm schon, Alex, ich war damals nicht so dumm auf dich hereinzufallen und Sam wird nicht auf Eli reinfallen." Liebevoll blickte Alex zu Claire, „Vielleicht wärst du besser schon damals auf mich hereingefallen…" grinste er schelmisch, nur um seine schwanger Freundin an sich zuziehen und sie zärtlich zu küssen. „Wann sagen wir es ihr?"
„Heute Abend, nach dem Rennen, ganz in Ruhe. Und jetzt lass uns Tess finden, Charlotte hat bestimmt Hunger, und so lange ich noch die Milchkuh bin sollten wir Tess nicht zu lange mit ihr alleine lassen." Und damit machten sich die beiden auf den Weg, Tess zu suchen.
Sam und Eli waren inzwischen im Stall angekommen und striegelten ihre Pferde. Jetzt, da eine Menge anderer Pferde und auch anderer Hengste da waren hatten sie Hurricane etwas Abseits untergebracht, trotzdem roch der schwarze Hengst seine Rivalen und war dem entsprechend unruhig. Folglich war Eli auch deutlich schneller mit dem Putzen fertig als Sam. Da er aber noch etwas Zeit hatte bevor er Sandstorm satteln musste, schaute er noch auf einen Sprung bei Sam vorbei. „Hey du, na nervös?"
„Wieso sollte ich nervös sein, ich hab das schnellste Pferd!" antwortete Sam, doch dann erinnerte sie sich daran, wer da vor ihr stand, nicht irgendjemand den sie nicht kannte, sondern Eli. Sie schaute zu ihm auf,
„Ja, schon ein bisschen. Die 400 sind nicht gerade unsere Stärke und Hurricane ist total aufgedreht. Es wird mir schon schwer fallen ihn unter Kontrolle zu halten…" berichtete sie Eli von ihren Sorgen. Der blonde Junge trat auf sie zu und legte ihr eine Hand beruhigend auf die Schulter.
„Das wird schon werden Sam! Ihr seid ein super Team, ihr schafft das schon!" „Hm, die Konkurrenz ist hart…" Sam grinste Eli schelmisch an. „Da ist so eine kleine Stute…" Aus Eli's Kehle kam ein tiefes Lachen, „Nun dann Konkurrentin, viel Glück!" Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und verschwand aus dem Stall. „Dir auch!" konnte Sam ihm nur noch hinter her rufen bevor er um die Ecke bog.
Noch etwas verwirrt wandte sie sich Hurricane zu, „Na, mein Kleiner, das wird wohl alles etwas kompliziert. Und ich glaube nicht das es Dad gefallen wird…"Es fiel dem jungen Mädchen schwer sich auf ihr Pferd und das bevorstehende Rennen zu konzentrieren, ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Eli. Und plötzlich war sie sich gar nicht mehr sicher ob sie das Rennen überhaupt gewinnen wollte. Bei diesem Gedanken zuckte sie erschrocken zusammen, nicht gewinnen? Nein, sowas gab es nicht, der Sieg musste immer das Ziel sein. Okay, wenn Eli gewinnen sollte würde sie sich für ihn freuen, aber wenn sie selber nicht gewinnen wollte, dann brauchte sie gar nicht erst anzutreten. Energisch riss Sam sich zusammen und führte Hurricane auf den Abreiteplatz.
Schon der Weg dorthin wurde zum reinsten Spießrutenlauf, Hurricane hörte nicht auf rumzutänzeln, die Leute waren laut, die anderen Pferde führten sich ähnlich nervös auf wie der schwarze Hengst. Hier wollte sie nicht bleiben, schnell schaute Sam auf die Uhr, noch 45 Minuten bis zum Start. Flink schwang sie sich auf den Rücken ihres Pferdes und drehte von der Menschenmenge ab. Als sie freie Bahn hatten trieb Sam Hurricane in einen schnellen Trab, und nach relativ kurzer Zeit verschwanden die beiden hinter einer Baumgruppe und erreichten eine große Koppel. Zu ihrer Überraschung waren Eli und Sandstorm auch dort. „Zu viel los!" murmelte Sam in Richtung Eli. Der nickte zustimmende und konzentrierte sich dann wieder auf seine Stute. Abseits von dem ganzen Trubel wärmten die beiden Teenager konzentriert ihre Pferde auf.
Währenddessen wurden sie jedoch schmerzlich vermisst. Alex war nun schon 20 Minuten über das ganze Gelände gelaufen, ohne jedoch eine Spur von Sam und Hurricane zu finden. Erschöpft kam er bei Claire und den anderen an. „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt! Sie kann doch nicht einfach so verschwinden!" Nick versuchte seinen Bruder zu beruhigen, „Ganz ruhig, Alex, nur weil alle anderen ihre Pferde auf dem Abreiteplatz warm machen heißt doch noch lange nicht das Sam, das auch tun muss. Du siehst doch was hier los ist, ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich ein ruhigeres Plätzchen gesucht hat. Sie kennt sich hier doch aus, und Eli ist auch nirgends zu sehen…"
„Na noch besser!!!" Alex grummelte mal wieder vor sich hin, so wie eigentlich immer wenn er Eli's Namen hörte. Er schloss sich dann aber den anderen an, die sich einen guten Platz auf der Tribüne sichern wollten.
Ein paar Minuten später ertönte die Stimme von James McNeill aus den Lautsprechern, „Meine Damen und Herren, im Namen meiner ganzen Familie möchte ich sie recht herzlich zu dem diesjährigen großen Rennwochenende willkommen heißen. Wir freuen uns, dass sie so zahlreich den Weg hierher gefunden haben. Ich will sie auch nicht lange aufhalten, sondern gleich den Höhepunkt des heutigen Tages ankündigen, das Quarter-Mile-Rennen. 12 Pferde wurden hierfür genannt. Und hier sind sie: mit der Startnummer 1, Don Warner mit seinem 1,46m kleinen Hengst Kings Dun It Right gezogen von…., die Nummer 5 trägt Eli McNeill auf seiner Stute Sandstorm, die hier auf dem Hof gezogen wurde, Vater ist Sandokan, Mutter Bird in a Storm, mit der Nummer 6…., auch die Nummer 10 dürfte ihnen nicht unbekannt sein, Sam Ryan mit ihrem Hengst Hurricane, gezogen wurde er von Tom Simpson, Vater ist Hurry Up, seine Mutter Oklahoma…. „
Nacheinander kamen die 12 Teilnehmer auf ihren allesamt prachtvollen Tieren hereingeritten. Die 400 Meter würden so schnell vorbei sein, dass ihnen kaum Zeit zum Taktieren blieb. Sam blickte kurz zu Eli hinüber, er saß ganz ruhig auf Sandstorm, nur die gerade Rennstrecke im Blick. Doch schien er ihren Blick bemerkt zu haben, er schaute auf und lächelte ihr zu, kurz lächelte Sam zurück. Doch sie hatte alle Hände voll mit Hurricane zu tun.
Der Hengst war auf einmal kaum zu bändigen. Sam betete nur noch, dass es endlich losgehen möge. Die Reiter wurden nun gebeten, ihre Pferde in die Startmaschine zu dirigieren, Hurricane schnaubte empört als sich die Klappe hinter ihm schloss, er tobte. Sam standen die Schweißperlen auf der Stirn, jetzt wollte sie das Rennen einfach nur noch hinter sich bringen.
Alex und Claire beobachteten die Szene mit wachsender Unruhe. Claire hielt auf dem einen Arm Charlotte, mit dem Anderen klammerte sie sich an Alex. Sam's schwarzer Hengst führte sich wie ein Wilder auf. So kannten sie den Schwarzen gar nicht. Es war das erste Mal, dass sie sahen, dass Sam mit ihm Probleme hatte. Aber es war halt ein Rennen, Pferderennen waren immer gefährlich, und dann auch noch mit mehreren Hengsten am Start. Hoffentlich würde alles gut ausgehen. Bevor sie sich weitere Gedanken machen konnten ertönte der Startschuss.
