Eine große Ehre
Für einen Moment schloss Sam die Augen, sie spürte wie Hurricane sich unter ihr zusammen zog und dann mit einem riesigen Satz nach vorne schoss. Als sie die Augen öffnete sah sie, über den Hals des prächtigen Hengstes gebeugt, die Rennbahn unter sich wegfliegen. Sie atmete tief ein und probierte sich zu orientieren. Direkt neben ihnen war kein anderes Pferd zu sehen, aber weiter links schienen einige auf Augenhöhe zu sein. Zum Glück schien Hurricane die anderen Hengste vergessen zu haben und rannte nur noch, trotzdem hatte Sam kein gutes Gefühl, es war als würde sie nur auf ihm drauf sitzen und nicht wie sonst eine Einheit mit ihm werden. 400 Meter waren nicht weit, schon sah Sam das Ziel schnell näher kommen.
Sie beugte sich noch ein paar Zentimeter weiter nach vorne und feuerte Hurricane an, und tatsächlich legte der Hengst noch einen Gang zu. Nachdem sie das Ziel passiert hatten, setzte sie sich im Sattel zurück und nahm die Zügel auf, doch Hurricane reagierte nicht, er lief einfach weiter. Besorgt schaute Sam auf, auf der linken Seiten erspähte sie eine Lücke zischen den Menschen, irgendwie gelang es ihr den Hengst dort hindurch zu lenken. Auf freiem Feld versuchte sie nun das Pferd wieder unter Kontrolle zu bekommen. Beruhigend sprach sie auf ihren Hengst ein und gab gleichzeitig die entsprechenden Hilfen, doch erst nach ein paar weiteren hundert Metern wurde das Tier langsamer.
Als Hurricane schließlich schnaubend zum Stehen kam, keuchte Sam vor Anspannung auf. War das ein Höllentrip gewesen. Nach ein paar Sekunden tauchte Eli auf Sandstorm neben ihnen auf. „Alles in Ordnung Sam?" Sam konnte nur nicken. Eli lenkte seine Stute neben sie und nahm ihre zitternde Hand. „Beruhige dich! Was war denn los?"
„Ich weiß es nicht!" Mit einem Anflug von Panik schaute Sam Eli an. „Ich hab ihn nicht mehr halten können, er war wie ausgewechselt…"
„Aber jetzt ist wieder normal?" fragte Eli besorgt.
„Ja, scheint so…" Eli drückte ihre Hand fester, „Er ist auch nur ein Tier, und letztendlich hat er ja auf dich gehört. Hurricane liebt dich, er würde dich nie absichtlich in Gefahr bringen!"
Sam stutzte, „Ich war auch nicht in Gefahr, er wollte einfach nur weg von da. Es war ja nicht so, als ob er mich runter schmeißen wollte oder so, da war irgendwas!" Mit diesen Worten lies sie Eli's Hand los und sprang auf den Boden. Erst streichelte sie Hurricane am Hals, dann kontrollierte sie seine Beine. An seinem linken Hinterbein blieb sie stehen,
„Ich hab was Eli, schau mal!" Auch Eli sprang von seinem Pferd und ging zu Hurricane. „Oh scheiße, das muss eine Wespe oder eine Biene gewesen sein, sein ganzes Bein ist dick. Komm, wir müssen zurück und das kühlen. Und am besten du zeigst das dem Tierarzt!" Sam nickte zustimmend. Die beiden Teenager führten ihre Pferde zurück zum Zieleinlauf. Mit einem Seitenblick auf Eli fragte Sam, „Wer hat eigentlich gewonnen?" „Keine Ahnung!" antwortete Eli schulterzuckend. „Wir waren alle ziemlich nah beieinander, also wir zwei und Don mit King. Nase an Nase, mal schauen was man uns im Ziel sagen kann."
Wieder bei den Anderen angekommen, besorgte Sam sich erstmal kalte Umschläge für Hurricane's Bein während Eli versuchte rauszubekommen wer gewonnen hatte. Keuchend kam Eli zurück, „Zielfotoentscheidung, es gibt ne Zielfotoentscheidung!... Wie geht's Hurricane?" „Der wird wieder, der Tierarzt meinte es wär nicht so
schlimm!" antwortete Alex für Sam. Erst da bemerkte Eli Sam's Familie und Freunde.
„Gut,… das ist gut… Ähm, ich geh dann mal wieder zu Sandstorm…. Sam?" irgendwie war ihm die Situation unangenehm. „Ja?" Sam schaute von Hurricane's Bein zu ihm auf, „Bring Hurricane doch in den Stall, sobald das Ergebnis da ist, sag ich dir Bescheid!" „Okay, danke!" antworte Sam und führte Hurricane weg, im Schlepptau Alex und Claire mit Charlotte.
Nachdem das Mädchen ihren Hengst abgesattelt und ihm eine Abschwitzdecke übergezogen hatte, wechselte sie die kühlenden Verbände und gesellte sich dann zu ihren Eltern. „Am Anfang war es gar nicht der Stich, den muss er erst in der Startbox bekommen haben, vorher war er zwar sehr hibbelig, aber dann auf einmal war er nicht mehr zu halten…ich hatte schon Angst, dass er so richtig abgeht…"
Insgeheim machte Sam sich Sorgen, dass Alex ihr jetzt Hurricane wegnehmen würde, aber diese Furcht war vollkommen unbegründet. Alex hatte sich zwar Sorgen um seine Tochter gemacht und sich Hurricane ganz genau angeschaut, aber er wusste genau, dass Sam ohne dieses Tier nur unglücklich wäre. Und solange der Hengst Sam nicht absichtlich gefährdete, sah er das Ganze recht locker. Was ihn viel mehr beunruhigte war die Nähe seiner Tochter zu dem McNeill-Sprößling.
„Hey, es geht euch beiden gut, dass ist die Hauptsache! Und bis morgen ist der Stich hoffentlich soweit abgeschwollen, dass ihr starten könnt." Sam nickte gedankenverloren. „Wollt ihr nicht schon mal zu den anderen rausgehen?" Sam hatte aus irgendeinem Grund das Bedürfnis alleine zu sein. Alex runzelte die Stirn, erwiderte dann aber mit einem Lachen, „Wir öffnen schon mal die Sektflaschen!"
Sam schwieg einen Moment, dann antwortete sie ruhig, „Ich habe nicht gewonnen." Ihre Eltern schauten sie fragend an, „Woher willst du das wissen?" fragte Claire nach. „Ich weiß es einfach, oder besser gesagt, ich wüsste wenn ich gewonnen hätte." Claire nickte, Sam hatte recht, vermutlich konnte man wirklich innerlich fühlen, ob man der Sieger war oder nicht.
„Wir öffnen trotzdem schon mal den Sekt!" gab Alex zurück und ging mir Claire im Arm aus dem Stall.
Sam blickte ihnen lächelnd hinterher, ja, so war ihr Dad, immer in Feierstimmung, auch wenn es gar nichts zu feiern gab. Besorgt wandte sie sich wieder ihrem Pferd zu. Sie konnte wirklich nur hoffen, dass Hurricanes Bein bis zum nächsten Tag wieder in Ordnung war. Sie würde kein Risiko eingehen, die Gesundheit ihres Lieblings stand an oberster Stelle.
„Hey, was schaust du so besorgt? Wie geht es ihm?" Eli schlüpfte zu Sam und Hurricane in die Box.
„Soweit geht's ihm ganz gut, denke ich. Ich glaube das war nur der erste Schreck nach dem Stich, weswegen er so ausgetickt ist." Sam beobachtete Eli wie er Hurricane über den Hals strich. „Du hast gewonnen, nicht wahr?"
Eli konnte ein glückliches Lächeln nicht verbergen, „Ja. Woher weißt du das?" Sam zuckte mit den Schultern, „Ich weiß nicht, zum einen hatte ich es im Gefühl, und zum anderen hab ich es dir irgendwie angesehen."
Sie machte einen Schritt auf Eli zu und umarmte ihn, „Herzlichen Glückwunsch. Ihr zwei habt es echt verdient!"
„Danke, du hättest es aber auch verdient gehabt." Als sie sich wieder von einander lösten wurde ihnen erst bewusst, wie nah sie einander waren. Ihre Köpfe waren nur
Zentimeter von einander entfernt. Sam fiel es auf einmal schwer zu atmeten, ihr liefen heiße Schauer durch den Körper. Sie blickte direkt in Eli's blau-grüne Augen, ihr Herz schien stehen zu bleiben. Eli kam immer näher. Sam befeuchtete mit der Zunge ihre Lippen. Auf einmal stoppte Eli und trat ein Schritt zurück und riss die beiden damit aus der Trance in der sie gefangen gewesen waren.
Sam musste schlucken, dass war knapp gewesen. Sie konnte nicht einfach ihren besten Freund küssen, das ging einfach nicht. „Don ist zweiter geworden, du und Hurricane seid auf drei. Tut mir leid." Eli schaute Sam schon wieder in die Augen, aber diesmal um ihre Enttäuschung abschätzen zu können. Doch zu seiner Überraschung schien sie nicht sonderlich von der Niederlage getroffen.
„Ist schon okay, morgen ist unser Tag!" antwortete Sam,
„Ja, da hast du Recht! Wenn es nicht wieder meiner und Sandstorm's Tag wird" gab Eli lächelnd zurück.
„Eli?"
„Ja?" Eli zögerte, er wollte sich nicht im Überschwang der Freude über den Sieg zu etwas Unbedachten hinreißen lassen, ja, er wollte Sam küssen, mehr als alles andere auf der Welt. Aber sie war seine beste Freundin, das setzte man nicht so leicht aufs Spiel. Was wenn sie seine Gefühle nicht erwiderte, könnte er damit umgehen? Oder wenn sie doch zusammenkämen, und es dann nicht funktionieren würde? Die Gedanken tanzten in Eli's Kopf. Aber Sam wollte in diesem Moment etwas ganz anderes von ihm.
„Kann ich vielleicht eines von euren Pferden auf der Siegerehrung reiten? Ich will da nicht ohne Pferd aufkreuzen…"fragte ihn das hübsche Mädchen. „Ja klar! Nimm dir doch Addison, mein Vater hat sicher nichts dagegen wenn du sie reitest, aber du musst dich beeilen, es geht gleich los!" Er drückte Sam's Oberarm und ging in Richtung Festplatz.
Seufzend lehnte sich Sam gegen Hurricane. Tief im Inneren wusste sie, dass sie keine Chance mehr hatte, Eli war mehr geworden als nur ein Freund, aber sie konnte es noch nicht akzeptieren, es vor sich selber zugeben, es sich eingestehen. Als könnte sie Gefühle wegwischen, wischte sie sich mit den Händen über das Gesicht und ging Addison satteln.
Auf der kleinen braunen Stute genoss Sam die Siegerehrung und freute sich für Eli über dessen ersten Platz. Trotzdem hoffte sie am nächsten Tag an seiner Stelle zu stehen. Nach dem die Zeremonie vorüber war und die Tiere wieder gut versorgt waren ging man in die abendlichen Feierlichkeiten über. Lediglich die Reiter, die am Sonntagnachmittag an den Start gingen hielten sich mit dem Alkoholgenuss zurück.
Man hatte eine kleine Tanzfläche errichtet, ein DJ legte die Musik auf und auch das obligatorische Lagerfeuer fehlte nicht. Es wurde getanzt, gelacht, getrunken und gefeiert. Alex nickt Claire zu, es war die perfekte Gelegenheit sich Sam zu greifen. Schweigend hängten die beiden sich rechts und links bei ihrer Tochter unter und führten sie zu einer, etwas abseits stehenden Bank. Verwirrt schaute Sam fragend von rechts nach links. „Wir waren gestern beim Arzt um Claire's Schwangerschaft kontrollieren zu lassen," fing Alex an.
„Und wie geht es dem Baby? Es ist doch alle in Ordnung, oder?" fragte Sam besorgt nach. Die ganze Sache kam ihr etwas merkwürdig vor.
„Babies!" korrigierte Alex. Sam blickte Claire um eine Erklärung flehend an, „Babies?", „Ja, Babies! Wir bekommen Zwillinge. Ein Mädchen und einen Jungen um genau zu sein," Claire lächelte das Teenager-Mädchen an, „Du bekommst einen
Bruder und noch eine Schwester." So langsam sickerten ihre Worte in Sam's Gehirn durch, ungläubig strahlend wiederholte sie, „Einen Bruder und eine Schwester. … cool!"
Sam umarmte erst Claire und dann ihren Vater. „Und, habt ihr schon Namen für die beiden?" fragte Sam neugierig. Stumm wechselten Claire und Alex einen Blick, bis Claire schließlich antwortete,
„Ja, haben wir. Allerdings musst du versprechen, dass du sie niemanden weiter sagst. Es bringt Unglück wenn man die Namen des Kindes oder in diesem Fall, der Kinder schon vorher bekannt gibt."
Sam nickte. Sie fühlte sich geehrt, dass sie trotzdem schon die Namen ihrer Geschwister erfahren durfte. „Klaro. Versprochen! Keine Sterbensseele erfährt ein Wort!" „Also," fing Alex an und ließ eine kunstvolle Spannungspause folgen, sodass Sam ihrem Vater in die Rippen boxte.
„Autsch, ist ja schon gut. Also, dein Bruder wird James Alexander heißen. Wir dachten, dass wir ihn ‚Jack' rufen." „Oder Jamie!" fiel Sam dazwischen.
„Schaun wir mal." Gab Alex zurück. Aber für Sam stand fest, sie würde ihren Bruder ‚Jamie' nennen.
„Und deine Schwester," fuhr Claire fort, „ soll Sophie Elizabeth heißen, wenn das für dich okay ist." Sam wurde es ganz heiß, ihre Schwester sollte nach ihrem zweiten Vornamen benannt werden. Eine größere Ehre konnte man nicht bekommen, dafür verzichtete sie auf jeden Sieg wenn man das von ihr verlangen würde. Verlegen nickte sie.
„Ja, natürlich. Jamie und Sophie. Das sind zwei wunderschöne Namen!" Mit diesen Worten zog Sam Claire und Alex an sich heran und drückte sie so fest wie sie konnte.
