Vollkommen unverständlich
Minuten, vielleicht auch Stunden. So genau wusste er das nicht und auch wenn die Uhr an seinem Handgelenk ganz nah war, wollte er sie gar nicht erst konsultieren und es erfahren. Die Realität konnte an solchen Tagen außen vor bleiben, wenn sie sich ihm schon so grausam und unausweichlich vor seinen Augen präsentierte.
Das Klinikleben raste wie im Zeitraffer an ihm vorbei, während sich alles in jenem Patientenzimmer nur wenige Meter von ihm entfernt in Zeitlupe abzuspielen schien. Hätte er nicht hier gestanden und die Verworrenheit von Zeit und Geschwindigkeit selbst beobachtet, hätte er sie als pure Fiktion abgetan. Einbildung, Projektion, was auch immer.
Pillen und Ärzte und mehr Pillen und mehr Ärzte. Schwestern, Verbandswechsel und ein paar verirrte Besucher, während die Konstante in Form eines unangenehm wirkendenden Aufpassers über allem wachte. Und House wachte noch eine Ebene darüber, war die Unnahbarkeit in Person, die jeder bemerkte, aber keiner ansprach.
Alles und jeder schien auf den Mann in dem beengten Bett einzureden und House fragte sich, wie genau die verlorenen Worte lauteten, die unerkannt durch den Raum schwebten und an den Wänden, den Fenstern und der Glastür in tausend Fragmente zersprangen, um danach achtlos liegengelassen zu werden.
Irgendwann—ob nun nach Stunden oder Minuten—lief er los, das Ziel fest vor Augen und eine zerknüllte Notiz in der Tasche, die er endlich losließ. Es waren nicht nur seine angespannten Finger, die es ihm dankten, sondern auch die seit geraumer Zeit erstarrten Muskeln in seinem rechten Bein, die den Dank jedoch in Form eines pulsierenden Schmerzes loswurden.
Es überraschte House nicht, dass der Wachmann aufstand, als er sich der Tür näherte. Zu sehr musste er wie jemand gewirkt haben, der hier nicht hingehörte und womöglich lag er mit dieser Einschätzung ganz richtig. Doch ein grimmiger Blick und der Hinweis auf Dr. Cuddy ließen ihn schneller und reibungsloser passieren, als anfangs gedacht.
Fast schon vorsichtig schob er die Tür auf und erwartete das Trümmerfeld aus Wortfragmenten, das es zu überwinden galt. Doch es sah aus wie in jedem Patientenzimmer, der gleiche Geruch, die gleiche Stille, die gleiche Schwere, die die Luft durchflutete. Unter seinen Füßen nichts als steriler, ebener Fußboden. Er schloss die Tür leise hinter sich.
"Wie viele Psychotherapeuten hat dieses verdammte Krankenhaus?", fragte der Patient mit einem erschöpften Stöhnen und schloss die rotumrandeten Augen, um der Welt zu entkommen, die auf ihn einprasselte und ihn nicht einfach sein ließ.
"Zu viele, wenn Sie mich fragen", antwortete House und blieb ganz nah an der Tür stehen. Seine Augen nahmen neugierig jedes Detail auf, das sich ihnen bot und das sie so nicht bereits aus der Ferne eingehend studiert hatten. Wie zwei Raubtiere auf der Suche nach Beute wanderten sie stumm durch den Raum.
"Wenigstens gibt es einer zu. Sind Sie auch einer von denen? Verschwenden Sie besser nicht Ihre Zeit."
"Ich denke, ich kann an meine ohnehin schon beträchtliche Zeitverschwendung von heute auch noch zehn Minuten dranhängen."
Misstrauisch beäugte der Mann House und es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, bis sein Blick an seinem Stock hängenblieb. Seine Augen wanderten auf und ab, suchten nach Hinweisen und Erklärungen, doch House war keiner, der Dinge so leicht preisgab. Starr und stur stand er vor dem Fußende des Bettes und war mit seiner ganz eigenen Analyse beschäftigt.
"Was ist mit Ihrem Bein passiert?"
"Bein?", fragte House abgelenkt und kniff die Augen zusammen, um die Gesichtszüge des Mannes wie die eines Außerirdischen zu studieren. "Nichts. Diese Stöcke sind das Modeaccessoire des Jahres, aber das muss ich Ihnen ja wohl nicht sagen."
"Wer sind Sie?", wollte der Mann argwöhnisch wissen und eine erboste Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen.
"Nennen wir es mal Schaulustiger", gab House zurück und angelte sich die Patientenakte vom Bett. "Freaks haben schon immer neugierige Blicke angezogen. Ich dachte, das wäre Ihnen vielleicht recht."
"Ich bin kein Freak", erwiderte der Mann mit düster werdenden Gesichtszügen und streckte seinen Arm aus. "Was hält mich davon ab, jetzt den Knopf zu drücken und nach Dr. Cuddy zu verlangen?"
House zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. "Nichts, denke ich. Nur sollten Sie wissen, dass es sich auf die Befriedigung meiner Libido eher nachteilig auswirkt."
Irritiert ließ der Mann von dem Notrufknopf ab. "Was soll das heißen?"
"Für einige Angestellte hält Dr. Cuddy auch nach Arbeitsschluss noch ein Unterhaltungsprogramm bereit. Rundumservice sozusagen." Mit einem Blick versicherte sich House kurz und folgerte, dass der Patient den Knopf nicht drücken würde. Dazu war das Interesse an seinem Bein und die unbefriedigte Neugier, die sich quer über sein Gesicht spannte, viel zu groß.
Seine Augen wanderten weiter hinab auf die Krankenakte. Therapie reihte sich an Therapie, Gutachten an Gutachten, Unterschrift an Unterschrift. Fasziniert blätterte House durch die Seiten und bekam einen ungefähren Eindruck von dem, was man nur Leidensweg nennen konnte, obwohl dem Patienten rein rational gesehen nichts fehlte. Und genau da lag das Problem.
"Alle denken, ich sei verrückt", sprach der Mann—sein Name war Oscar, wie die Patientenakte verriet—verhalten.
"Ich auch", gab House unumwunden zu, "aber keine Bange, ich weiß, wie es sich anfühlt."
"Sie wollten aber nicht auch Ihr Bein loswerden, oder?", fragte Oscar spöttisch und schon wieder musterten seine Augen wissbegierig den Stock und die etwas steife Gestalt seines Gegenübers.
"Im Gegenteil. Ich wollte es ganz gerne behalten."
Oscar stieß einen leisen, langgezogenen Seufzer aus und schloss resignierend die Augen. "Es muss keiner verstehen, ich will nur, dass mir jemand hilft."
"Hippokrates ist von der Art von Hilfe, die Sie wollen, wohl nicht sonderlich begeistert", mutmaßte House und schnappte ein paar Sätze psychologischer Gutachten auf.
"Ich dachte immer, Ärzte stellen ihr Leben in den Dienst der Menschlichkeit, doch anscheinend tun sie das nicht."
"Auch Ärzte haben unterschiedliche Motivationen", stellte House klar.
"Klingt so, als wissen Sie, wovon Sie reden. Was ist Ihre Motivation?"
"Im Moment?", wollte House überspitzt wissen. "Faszination."
"Schön, dass meine Freakshow Sie unterhalten kann."
House schlug die Akte zu und ging wieder dazu über, den Mann eindringlich zu studieren. Nicht das kleinste Zucken seines Mundwinkels entging ihm, nicht die geballte Faust über der Bettdecke, nicht die pulsierende Ader, die angestrengt an seinem Hals hervortrat. Er kannte diese Ventile—kannte sie zu gut—und das war ganz gewiss ein großer Teil der Faszination.
"Ich habe mir das nicht ausgesucht", sagte Oscar mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme, die House bei fast jedem anderen Patienten in die Flucht geschlagen hätte. Heute war es vielleicht gerade sie, die ihn hier hielt. "Ich wurde mit diesem Drang, dieser Sehnsucht geboren. Es ist ein Wunsch, den ich rational nicht erklären kann, aber er ist da."
"Und für diese kleine Holzfälleraktion sind Sie extra nach Princeton gezogen?", erkundigte House sich und dachte an die Seiten der Krankenakte zurück, die einem Reisebericht durch das halbe Land gleichkamen. "Hätten Sie doch auch in Albuquerque oder an einem der anderen zwanzig Orte machen können, an denen Sie gelebt haben."
"So zu tun, als ob ich behindert wäre, hat mir Erleichterung verschafft. Sobald es drohte aufzufliegen oder die Menschen zu viele Fragen gestellt haben und die Scham immer größer geworden ist, bin ich in eine neue Stadt gezogen", erklärte Oscar und ballte seine Faust fester zusammen, bis die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. "Wann immer ich versucht habe, mich selbst zu verstümmeln, musste ich ohnehin weggehen. Keiner möchte mit so einem Irren noch etwas zu tun haben."
"Ich liebe die Irren, die selbst realisieren, wie irrsinnig sie sind."
"Ich weiß, es klingt total verrückt", fuhr Oscar fort, "aber ich fühle mich mit Bein behindert. Ich kann erst komplett sein, wenn es nicht mehr da ist. Es macht mich krank und es kostet mich all meine Kraft."
House stand mit steinerner Miene vor ihm und regte sich nicht. Er versuchte sich einzureden, dass die Schmerzen in seinem Oberschenkel nur von der langen Zeit kamen, die er draußen auf dem Gang gestanden hatte, nicht von dem, was er hier in den letzten Minuten gesehen und gehört hatte. Doch sich selbst zu belügen, war noch nie eine seiner Stärken gewesen und vielleicht hatte er deshalb schon immer lieber seine Auswege in Verdrängung und Betäubung gesucht.
"Wollen Sie noch etwas dazu sagen?"
"Was soll ich sagen?", fragte House schulterzuckend und wusste wirklich nicht, was es noch zu erörtern gab. Die Gedanken in seinem Kopf rasten so sehr, dass sie am Ende verschwammen, undeutlich wurden und nicht mehr greifbar waren. Sie rissen sich selbst aus ihrem Zusammenhang und irrten umher.
"Sie müssen denken, ich bin ein furchtbarer Mensch. Sie wünschen sich wahrscheinlich, ein gesundes Bein zu haben und ich will mein gesundes Bein grundlos loswerden." Schon wieder landete Oscars Blick mit einer fast schon neugierigen Bewunderung auf dem Stock, den House fester umklammerte als gewöhnlich. Er realisierte es und entspannte seine Hand unauffällig.
"Sie haben doch Gründe genannt, also ist es nicht grundlos. Außerdem ändert Ihr Schicksal nichts an meinem. Wir sind in einem freien Land, Sie können sich denken und wünschen, was Sie wollen."
"Nicht frei genug."
"Darüber lässt sich streiten", antwortete House simpel und fuhr mit seiner freien Hand flüchtig über die angestrengten Muskeln seines rechten Beins, die unter der Berührung kurz und schmerzlich zuckten.
Es entstand ein Moment der Stille, in dem sie sich ansahen, bis keiner den Blick des anderen mehr ertragen konnte. Auf dem Boden suchte House wieder nach den verlorenen Worten und fand jetzt seine eigenen dort vor. So recht wusste er nicht, was er hier eigentlich machte, doch dass es über bloße Faszination hinausging, war ihm inzwischen klargeworden.
"Ich beneide Sie", bekannte Oscar tonlos und sah aus dem Fenster hinaus auf die Welt, die ihn nicht verstand.
"Sollten Sie nicht."
"Vielleicht, aber ich kann mir nicht helfen."
House folgte seinem Blick hinaus auf die Welt, die auch ihn so oft nicht verstanden hatte, doch nicht immer wollte er das überhaupt. "Ich weiß nicht, ob Ihnen jemand anderes dabei helfen kann."
"Vielleicht", wiederholte Oscar gedankenverloren. "Vielleicht auch nicht." Er drehte seinen Kopf zur Seite, ließ die immer noch angestrengte Faust leicht fröstelnd unter der Bettdecke verschwinden und schloss wieder die Augen. "Kennen Sie Verzweiflung? Echte, qualvoll bittere, Geist und Körper verzehrende Verzweiflung?"
House setzte sich in Bewegung, umfasste seinen Stock wieder etwas fester und ging in Richtung der Tür. "Ich bin nicht der Patient hier", stellte er ohne Gefühlsregung fest.
"Schon klar", bemerkte Oscar und wieder war es ein wenig Spott, der zwischen den kargen Silben zum Vorschein kam. "Ich sehe mich auch nicht als Patient. Nur als Gefangener in einem Körper, der nicht der ist, den ich akzeptieren kann."
"Was auch immer", murmelte House und streckte seine Hand in Richtung der Tür aus. Die Luft hier drinnen schien dünn und verbraucht, fast so als wäre sie unter der Last der Worte zusammengebrochen. Seine Finger fanden den Griff und seine Muskeln die Kraft, um die Tür aufzuschieben.
Hinter ihm räusperte sich der Patient. "Es sind psychische Schmerzen. Ständige, nicht enden wollende, ermüdende Schmerzen. Mit den Schmerzen und der Verzweiflung kommt die Depression. Das müssten Sie doch verstehen."
House hielt einen Moment lang inne. "Woher wollen Sie wissen, ob ich das verstehe?"
"Weil ich Ihre Gesten genauso gut kenne, wie Sie wahrscheinlich meine."
"Sie wissen gar nichts über mich", argumentierte House und brachte es nicht Oscar entgegen, sondern der Glasscheibe direkt vor ihm, in der er die vagen Umrisse seiner selbst erkennen konnte. Er dachte an zuckende Mundwinkel, geballte Fäuste und pulsierende Adern, geflutet von pulsierenden Schmerzen.
"Das gleiche könnte ich zu Ihnen sagen." Er wartete einen Moment ab. "Ich will nur frei sein, endlich ich, glücklich. Es fällt mir schwer zu glauben, dass das Sehnsüchte sind, die niemand sonst nachvollziehen kann—so schwer verständlich meine Störung letztendlich wohl auch ist."
"Vielleicht, vielleicht auch nicht", repetierte House ebenso gedankenverloren wie Oscar vorhin und seine Hand schob die Tür langsam auf.
"Wie ist Ihr Name?", fragte Oscar aus dem Hintergrund, und fast klang es, als wolle er sich an irgendetwas festhalten, sich an die letzten Strohhalme der wankenden Hoffnung klammern.
Doch die Antwort blieb aus, die Blicke zurück auch. House ging davon und schüttelte den Kopf über sich und die Welt, doch auch das konnte seine Gedanken nicht in die gewohnten, geordneten Bahnen lenken, die er von sich sonst kannte.
