Vollkommen ausgeschlossen
"Wie mir im Laufe des Tages von mehreren Seiten zugetragen wurde, kann man das, was du heute gemacht hast, nicht wirklich arbeiten nennen", beschwerte sich Cuddy missbilligend, aber mit einer gewissen Portion Humor im Augenwinkel und stützte ihre Hände auf der Küchenzeile ab.
"Beobachten ist Teil meines Jobs", argumentierte er und ließ sich nicht davon abbringen, den Toast mit noch mehr Erdnussbutter zu bestreichen.
"Ich würde dir recht geben, wenn es sich dabei um deinen Patienten handeln würde, aber stundenlang vor dem Zimmer eines Patienten herumzulungern, der nicht deiner ist, ist definitiv Vernichtung von Arbeitszeit."
"Ich hätte meine Arbeitszeit auch mit Pornovideos auf meinem PC vernichten können, aber ich wette, das würde dich noch weniger begeistern", hielt er dagegen und versuchte es mit einem versöhnlichen Gesichtsausdruck, der zumindest wohlwollend von ihr aufgenommen wurde.
Als er sich wieder seinem Essen widmete, spürte er ihren Blick auf sich und wie sie versuchte, die stummen Gefühle aus ihm herauszuziehen, so wie er in der letzten Nacht versucht hatte, ihr die Wörter zu entlocken. Sie genoss es wahrscheinlich genauso wie er und er hasste es genauso wie sie. Manchmal glaubte er, sie seien wirklich perfekt füreinander.
"Ich weiß, ich bin dein Posterboy No. 1, aber könntest du vielleicht etwas anderes anstarren und mit deinem Blick ausziehen? Diese Reduktion auf meine körperlichen Reize kränkt mich."
"Was ist das Rätsel, das du bei dem Typen zu lösen versuchst?", fragte Cuddy mit einem verstehenden Lächeln und schon wieder wusste House, dass er den Kampf verloren hatte. Trug er seine Gefühle mehr als sonst spazieren oder hatte die Welt um ihn herum nur dazu gelernt und konnte seine kleinen Zeichen nun so gut lesen, wie er die aller anderen?
Der Rest des Tages nach dem Gespräch mit Oscar war wie ein Zug an House vorbeigerauscht, lautstark und mit einer betäubenden Intensität. Irgendwann war es nur noch das Ende, das er sehen konnte, ohne zu wissen, wie der Anfang des Zuges überhaupt aussah. Der Fahrtwind durchfuhr seine Haare und wirbelte die Gedanken immer wieder aufs neue durcheinander.
"Es gibt kein Rätsel", erklärte er monoton und begann bereits zum dritten Mal, die Erdnussbutter glattzustreichen. "Er ist krank, das ist alles."
"Seit wann interessiert dich nur eine Krankheit? Krankheiten und Patienten, die dich interessieren, kommen immer inklusive Rätsel."
"Ich liebe es, wenn du versuchst Rätsel über mein Rätsellösen zu lösen. Deine Erfolgsquote ist nur leider lächerlich gering." Er nahm seinen Teller an sich und stahl sich an ihr vorbei in Richtung Wohnzimmer. "Aber deshalb bist du ja auch Verwaltungschefin und nicht brillanter Diagnostiker."
"Ich liebe es, wenn du mit all diesen Komplimenten um dich wirfst", erwiderte Cuddy amüsiert und folgte ihm stur und unnachgiebig ins nächste Zimmer. "Aber ich vermute ja, die Dunkelziffer meiner Treffer ist sehr viel höher, als du zugeben willst."
"Diese Dunkelziffer muss ziemlich dunkel sein", mutmaßte er und ließ sich auf der Couch nieder, die Füße dabei strategisch auf dem Beistelltisch platziert, was sie in den richtigen Momenten zur Weißglut bringen konnte. "Mir ist sie jedenfalls noch nicht aufgefallen."
Sie ließ nicht ab, verfolgte ihn weiter, bohrte, drängte, erdrückte ihn—und das alles nur mit ihrer bloßen Präsenz. Wieder dachte er an die letzte Nacht zurück, als sie sich schließlich neben ihm niederließ und von Sekunde zu Sekunde näher zu rücken schien. "Also?", fragte sie voller Erwartungen und ließ keinen Millimeter Luft zwischen ihnen.
"Schon mal was von persönlichem Raum gehört?"
Sie lächelte und wieder war es eine Form von Triumph, die darin mitschwang. "Wenn es um deinen persönlichen Raum geht, bist du bereit, dieses Konzept zu verteidigen. Wenn es um andere geht, eher nicht." Sie zog sich überraschend etwas zurück und ließ ihn so mit dieser simplen Aussage allein.
Als er realisierte, wie verwirrt und gedankenverloren er sie ansah, war es schon längst zu spät. Jetzt feierte sie still und leise, ließ das Lächeln auf ihrem Gesicht ohne jede Zurückhaltung noch größer werden und ein wenig Zufriedenheit glänzte unverhohlen in ihren Augen.
Seine Abwehrmechanismen fuhren automatisch noch höher. "Ich hasse dich", murmelte er und klang dabei trotzdem nicht so harsch, wie es die bloßen Worte vielleicht vermuten ließen. Es war vielmehr Niederlageneingeständnis und unbeholfene Liebeserklärung in einem.
Ihr Lächeln konnten die drei Worte nicht vertreiben. "Leider liebst du mich auch", stellte sie nüchtern fest. "Blöd gelaufen."
"Du sagst es", brummte er und wollte am liebsten gar nichts mehr dazu sagen. Sie hatten das ganze Spiel so weit getrieben, dass er schon gar nicht mehr wusste, worum es am Anfang eigentlich ging, und erst ein stechender Schmerz in seinem Bein erinnerte ihn unmissverständlich daran. Er überlegte, wo die nächste Ibuprofen-Tablette auf ihn wartete und wie er sie am unauffälligsten erlegen konnte, so wie der Jäger auf der Pirsch.
Sie blieb unterdessen stur und mit dem Lächeln der Gewissheit neben ihm sitzen. "Wenn es kein Rätsel ist, das dich ans Patientenbett fesselt, dann in der Regel doch eine Geschichte, die dir menschlich etwas bedeutet", sinnierte sie und sprach mehr mit sich selbst, als direkt mit ihm.
Er stieß einen gequälten Seufzer aus und stopfte sich etwas von dem trockenen Toast in den Mund. Geduldig kaute er und hoffte, sie würde ihre Ausführungen zu einem Ende bringen, bis er seine Stärkung verdrückt hatte. Doch heute ließ sie sich nichts vorschreiben und verstummte einfach kurzerhand. Wieder spürte er ihren intensiven Blick auf sich. Er wünschte sich insgeheim, ihre Rache für die letzte Nacht hätte nachher leidenschaftlich zwischen den Laken stattgefunden und nicht hier mit einer offenen Konfrontation auf dem Sofa.
"Gestern hast du noch versucht, dieses ganze Thema seiner Existenz zu berauben, damit mein kleines, zartes Herz nicht aufgerüttelt wird. Und heute? Heute kannst du von nichts anderem reden. Was ist passiert?", wollte er genervt wissen.
"Sag du es mir", forderte sie ihn einfach nur auf und deutete dieses kleine Schulterzucken an, das er manchmal liebenswert, manchmal einfach nur zum verrückt werden fand. Es fiel ihm nicht schwer zu entscheiden, welche der beiden Richtungen es gerade einschlug.
"Kann ich mein großes, dunkles Geheimnis wenigstens gegen Sex eintauschen?", fragte er ablenkend und versuchte mit prominenter werdenden Schmerzen im Bein aufzustehen, um in der Küche nach Einsamkeit und auf dem Weg zurück in seiner Jackentasche nach Erlösung zu suchen.
Sie ließ ihn nicht gewähren. "Alles in Ordnung?", wollte sie mit unüberhörbarer Besorgnis in der Stimme wissen und hielt ihn so gekonnt am Arm fest, dass die elektrisierenden Impulse, die sie aussendete, es ihm unmöglich machten, einfach zu gehen.
"Ja", bestätigte er wortkarg und es klang so falsch wie ihre versuchte Beschwichtigung von gestern. Sie spielten ihr Spiel mit vertauschten Rollen und jeder beherrschte die Rolle des anderen bis zur Perfektion. Und genau das machte es unmöglich, den anderen hinters Licht zu führen.
Sie ließ ihn los und nickte kurz, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. "Wenn du darüber reden willst, dann sag Bescheid", bot sie ihm sanft und ohne den Druck von gerade eben noch an. Dann wandte sie ihren Blick endlich von ihm ab und ließ ihn so auch symbolisch gehen. Er war frei.
Zögerlich stand er auf und erwartete eine Rückbesinnung, doch sie hielt ihr stummes Wort und sagte nichts mehr. Er lief in die Küche, stellte seinen Teller auf dem Tisch ab und schloss seine Augen einen Moment lang, um nur für ein paar Sekunden die Ruhe zu haben, zu verstehen, was zur Hölle mit ihm los war. Doch alles, was ihn die Kontemplation spüren ließ, waren die müden Lieder, die sich schwer über seine Augen legten und nach Schlaf verlangten, den er wahrscheinlich nicht finden würde.
Er füllte sich ein Glas mit Wasser, leerte es hastig in einem Zug und suchte dann nach der erhofften Erlösung in der Tasche seiner achtlos liegengelassenen Jacke im Flur. Schon als er die kleine Pille umklammerte, die ihn an gute wie an schlechte Tage zugleich erinnerte, war ihm klar, dass sie nichts besser machen würde. Ein klein wenig mildern vielleicht, aber nicht helfen.
Von seinem Platz im Flur aus konnte er sie auf dem Sofa sitzend erkennen. Wie zur Bestätigung, dass sie das Thema tatsächlich fallenlassen konnte, hatte sie den Fernseher eingeschaltet und wanderte nun ziellos durch die zahlreichen Programme, die sie hatte, seitdem er ihr ungefragt Kabelfernsehen bestellt hatte. Es amüsierte ihn ein wenig.
Vielleicht war es tatsächlich ihre Art, sich für sein unsensibles Verhalten am letzten Abend zu revanchieren, und vielleicht war es auch ihre Art, ihm zu zeigen, was sie sich von ihm gewünscht hätte—Einlenken statt Weiterbohren. Ihre Lektionen waren in der Regel subtil aber spürbar, nicht die polternden Denkzettel, die er üblicherweise verteilte.
Die Ibuprofen-Pille hastig geschluckt, machte er sich wieder auf den Weg zu ihr und ließ sich mit sicherem Abstand neben ihr auf dem Sofa nieder. Vielleicht könnten sie sich ja irgendwo in der Mitte treffen, dort wo jeder Zugeständnisse machen musste und trotzdem seinen sicheren Ausgangspunkt im Rücken hatte. Er räusperte sich und verlagerte seine Position ein wenig in ihre Richtung.
"Es gibt einen Chirurgen in Oregon, der es machen würde", erklärte er nach kurzer Bedenkzeit.
"Was?", fragte sie, doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeigte ihm, dass sie keinesfalls unwissend war.
"Du weißt, was ich meine", erwiderte er daher störrisch und war gleichzeitig froh darüber, es nicht explizit aussprechen zu müssen, solange das Ibuprofen noch nicht wirkte.
Nicht weniger störrisch starrte sie auf den Fernseher. "Denk nicht mal daran."
"Warum? Es ist doch seine Entscheidung, welche Körperteile er für den späteren Gebrauch noch als nützlich erachtet und welche nicht." Sein Schulterzucken hatte nichts von der Nonchalance, die er sich gewünscht hatte. Stattdessen breitete sich wieder eine Schwere aus, die nicht nur den Abend sondern noch viel mehr mitzureißen drohte.
Ihre Gesichtszüge verdunkelten sich. "House, lass uns nicht wieder dahin gehen", bat sie eindringlich und sah ihn kurz an, ohne den Blickkontakt mehr als ein paar Millisekunden lang aufrecht zu erhalten.
Verdutzt versuchte er einen Moment lang zu verstehen und musste—nachdem ihm das spärliche Licht endlich aufgegangen war—feststellen, dass sein Gehirn heute auf Sparflamme lief. Sie meinte ihn, sein Bein, seine Entscheidung und ihre unglückliche Verwicklung in dem ganzen Drama von damals. Sie meinte Hanna, ihr Bein, ihre Entscheidung und das furchtbare Ende, das es genommen hatte.
"Das meinte ich nicht", stellte er klar, doch die Worte schienen nicht mit der Ehrlichkeit aus seinem Mund zu kommen, die er versuchte in sie hineinzulegen. Manchmal schien es einfach aussichtslos, so sehr er sich auch bemühte.
Sie seufzte leise und schüttelte ein wenig mit dem Kopf, ganz so, als sei auch sie inzwischen müde von dem ganzen Spiel. "Es gibt Vermutungen, dass die Störung entsteht, wenn Gehirnregionen im Parietallappen geschädigt sind. Wenn das so ist, dann ist es eine neurologische Störung und man kann den Betroffenen vielleicht anders helfen."
Sie hatte ihre Hausaufgaben genauso wie er gemacht und es beeindruckte ihn ein wenig, denn es zeigte, dass das auch für sie kein normaler Fall mehr war. Trotzdem glaubte er nicht, dass sie verstand—dass sie wirklich verstand. "Diese Theorie gibt es schon seit Jahren, aber niemand hat bislang konkrete Erkenntnisse dazu", konterte er und dachte an die zahlreichen ausgedruckten Artikel, die seinen Rucksack draußen im Flur füllten.
"Dann könnten wir die Ersten sein, die etwas Handfestes herausfinden. Ich habe Morgan aus der Neurologie gebeten, sich den Fall anzusehen."
"Klar, unser kleiner Holzfäller wird sicher begeistert sein, wenn er noch mehr Tests über sich ergehen lassen—ich meine, noch mehr Tests genießen darf. Dafür scheint er zu leben. Nicht für ein ganz normales, marginal glückliches Leben", setzte er ihr lapidar entgegen.
Sie begegnete ihm mit einem bedeutungsschweren Blick und er sah in ihren Augen, dass sie sich die Frage stellte, wie viel genau er von sich selbst in Oscar sah und wie glücklich er mit sich und seinem Leben im Moment war. Sie sagte kein Wort, aber sie ließ ihn jeden ihrer Gedanken fast schon qualvoll spüren.
"Wir sind da, um ihm zu helfen, nicht um ihn zu verstümmeln", bemerkte sie nach ein paar Momenten der vielsagenden Ruhe.
Doch was, wenn Helfen in diesem Fall Verstümmeln war? Die Worte mäanderten unentwegt durch seinen Kopf, als sie aufstand, ihn kurz betrachtete und sich dann zu einem flüchtigen Kuss zu ihm hinunter beugte. "Versprich mir, dass wir erst weitere Tests abwarten", fügte sie bittend hinzu.
"Ja", antwortete er kaum verständlich. Er roch nach Reue und schmeckte nach Unwahrheit. Sogar er konnte das allzu deutlich spüren.
