Vollkommen anders
Es war ganz anders als vor zwei Tagen. Anders, weil die neuerliche Notiz in seiner Hosentasche nicht schon seit Stunden angestrengt zusammengeknüllt wurde, weil seine Augen nicht müde waren vom Beobachten, weil sein Bein es ihm dankte, dass er direkt und schnellen Schrittes in das Zimmer ging, um den Worten wieder Bedeutung zu geben. Anders, weil er einen ganzen Tag lang darüber gegrübelt und anders, weil er endlich verstanden hatte.
Es war flüssig, mühelos, ganz ohne Stocken und nichts hielt ihn mehr zurück.
Nichts, bis zu jenem Punkt, an dem er merkte, dass er sich nur noch selbst im Weg stehen könnte. Es war der Moment, in dem er kurz zögerte, bevor er die Tür langsam schloss. Ein kurzer Blick über die Schulter auf das Bett des schlafenden Patienten sagte ihm, dass es einen Ausweg gab, dass er zurück gehen und so tun könnte, als wäre das hier nie geschehen. Doch er wusste auch, dass die Gedanken ihn nicht in Ruhe lassen würden und dass die Flucht fast nie den gewünschten Ausweg darstellte.
Er musste es einfach tun, soviel stand unmissverständlich fest. Auch wenn, obwohl oder vielleicht gerade weil er sich bewusst war, was alles auf dem Spiel stand. Für ihn und für einen Menschen, den er nicht einmal richtig kannte.
Also drehte er sich um, überbrückte die wenigen Meter bis zu einem Stuhl neben dem Bett und ließ sich ohne ein Geräusch darauf nieder. Sogar sein Atem war flach und lautlos, doch es gab keine Notwendigkeit für tiefe Atemzüge, denn die Luft hier drinnen hatte sich verändert. Die Schwere war immer noch da und lag wie ein gewichtiger, samtener Vorhang über dem Geschehen, doch es war, als hatte House zumindest ein wenig frische Luft von draußen mit hereingebracht.
Er betrachtete den schlafenden Mann eine Weile, bis seine Augen nur noch verschwommene Umrisse ausmachten und die Bilder stattdessen in seinem Kopf entstanden. Er dachte an Cuddys friedvolle Silhouette in dieser Nacht zurück, als es noch die spärlichen Lichter der frühmorgendlichen Straßenszenerie waren, die den Raum zaghaft erhellten.
Er hatte kaum Schlaf gefunden und musste sich entsprechend zusammenreißen, um nicht die Nacht damit zu verbringen, sich von rechts nach links und wieder zurück zu rollen und damit ungewollt ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Stattdessen hatte er starr in seiner Position verharrt, gegen die Verkrampfung ab und an mit einer bedächtigen Bewegung seiner Arme oder Beine angekämpft und seinen Blick immer wieder minutenlang über sie hinweg schweifen lassen.
Ihm war eigenartig klar, dass sie seine Entscheidung nicht mögen würde. Eigenartig, weil es sich anders als sonst anfühlte, wenn er etwas tat, das sie nicht guthieß. Eigenartig vielleicht auch, weil es der Tropfen sein könnte, der nach stetigem Widerstand der vergangenen Monate das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Und trotzdem gab es nur diesen einen Weg für ihn, der sich alles andere als schnurgerade den Berg hinauf schlängelte.
Als sich Oscar regte, erwachte auch House aus seinen Gedanken. Starr und steif blieb er jedoch sitzen und wartete, bis die erste Reaktion von seinem Gegenüber kam.
Mit müden Augen fixierte Oscar House und schien irritiert von der plötzlichen Nähe, die House nicht einmal einen Meter von ihm entfernt ausstrahlte. Er drehte sich auf den Rücken, richtete hinter sich kurz das Kopfkissen und ließ die unverhohlene Neugier zurück auf sein Gesicht kriechen. "Was wollen Sie hier?", fragte er zurückhaltend.
Stumm verharrte House in seiner Position und ließ seinen Blick über Oscars Gesicht schweifen, studierte die kleinen Regungen, die seinen Ausdruck fast im Sekundentakt von Neugier zurück zu Irritation und von Ablehnung hin zu zaghafter Hoffnung wechseln ließen.
"Wenn Sie nichts zu sagen haben, schlage ich vor, Sie suchen sich eine andere Sitzgelegenheit. Ich hörte, hier gibt es wunderbare Wartezimmer."
Ein paar Sekunden vergingen. "Ich räume meinen Schreibtisch auf", platzte es dann wirr und unverständlich aus House heraus, doch in seinem Kopf war es der erste Schritt, um alles wieder in die gewohnten Bahnen zu lenken. Es war der Anfang der Ordnung des Chaos, in dem ihn die ganze Situation zurückgelassen hatte, und vielleicht war es sogar mehr als das. Ein kleiner, zufriedener Ausdruck formte sich auf seinem Gesicht.
"Interessant", erwiderte Oscar und betrachtete ihn wie einen Geisteskranken.
House griff ohne eine Miene zu verziehen in seine Hosentasche und holte den kleinen Notizzettel heraus, faltete ihn sorgsam auseinander und strich ihn fast schon mit Hingabe glatt. Dann reichte er ihn an Oscar weiter, dessen Hand das Stück Papier zögerlich entgegennahm. "Das habe ich dabei gefunden", erklärte House lapidar. In Wirklichkeit aber erklärte er rein gar nichts.
"Was ist das?", fragte Oscar noch bevor sein Blick auf die Buchstaben gefallen war.
House gab ihm einen kleinen Moment, bevor er antwortete. Einen Moment, der vielleicht schon reichte, um zu verstehen und um verstehen zu geben. Zumindest hoffte er das, denn die Wörter in seinem Kopf ließen sich nicht so einfach über seine Zunge schieben. "Sieht aus wie ein Name. Und wie eine Telefonnummer", sagte er dann und spielte selbst den Überraschten.
Oscars Augenbrauen zogen sich zusammen fragend zusammen. "Wer ist das?"
"Rufen Sie ihn einfach an", forderte House ihn auf, doch trotz der Dringlichkeit in seiner Stimme blieb sein Ton ungewohnt sanft. Sein Blick fiel einen Moment lang auf die dramatische Szenerie der Wolken draußen vor dem Fenster, die alles hier drinnen so unbedeutend wirken ließ.
"Wird er mir helfen?", wollte Oscar plötzlich wissen und die Regungen voll zaghafter Hoffnung blitzten wieder auf seinem Gesicht auf. "Wird er es tun?"
"Nein", erwiderte House stoisch und sah, wie die kleine Seifenblase der Hoffnung zerplatzte, als sein Blick zurück zu Oscar wanderte.
"Warum sollte ich ihn dann anrufen?"
"Machen Sie es einfach", befahl House etwas forscher.
"Warum?"
"Machen—Sie—es—einfach", wiederholte House ganz langsam und betonte dabei jedes einzelne Wort, legte die Bedeutung in die Silben hinein, die es zu brauchen schien, um Oscar zu vermitteln, was er nicht einfach so sagen wollte und konnte. Die Wolken zogen unterdessen weiter, schnell und ohne Halt, weil der pfeifende Wind sie vorantrieb, bis sie sich irgendwann auflösten und dem strahlend blauen Himmel Platz machten. Irgendwo, bloß nicht hier.
"Ist er Psychiater?", bohrte Oscar weiter und es war immer noch keine verstehende Regung, die über sein Gesicht huschte. "Die können mir nicht helfen."
"Er ist Chirurg", erklärte House wortkarg.
"Aber Sie sagten doch, dass er es nicht tun wird. Wieso sollte ich ihn anrufen?"
Es war das letzte bisschen Gewicht, das es brauchte, um den Faden zum Reißen zu bringen. House stand auf, schob den Stuhl dabei unfreiwillig mit einem schrill quietschenden Geräusch ein wenig nach hinten und stand einen Moment lang orientierungslos im Raum. "Wie viele Fragen wollen Sie noch stellen, verdammt noch mal? Rufen Sie ihn einfach an!", rief er resolut und verlieh seiner Aufforderung mit einem drängenden Blick Nachdruck.
Er lief instinktiv zum Fenster und suchte eine Art Beruhigung in der gleichmäßigen Bewegung der dichten Wolken. Sonne, Meer, Wasserdampf, Wolken, Wind, jede Menge Wind, Regen, Schnee, Hagel. Irgendwann fängt alles von vorne an. Für einen Moment lang verlor er sich darin und genoss die Stille, die den Raum erfüllte, bis er sich fragte, ob er gar allein darin zurückgeblieben war. Doch umdrehen, das wollte er sich nicht.
"Was ist mit Ihrem Bein passiert?", fragte Oscar nach einer Weile verhalten und erinnerte daran, dass es ihn noch gab.
"Akuter arterieller Verschluss", antwortete House ganz ohne Umschweife und beobachtete, wie die ersten Regentropfen aus den Wolken fielen. "Muskelinfarkt", fügte er irgendwann gedankenverloren hinzu.
"Tat es weh?", wollte Oscar unsicher wissen und der Ton seiner Stimme deutete an, dass er nicht wusste, ob es sich überhaupt gebührte, das zu fragen.
"Zweitschlimmster Schmerz meines Lebens", ließ House ihn wissen.
"Was war der schlimmste?"
"Vieles von dem, was danach kam." Er wusste nicht, mit wem er überhaupt sprach—einem Unbekannten, sich selbst, dem verdammten Schicksal oder niemandem. Er wusste nicht einmal, wie er im Moment zu all dem stand, wie er zu sich stand und ob es hier überhaupt wichtig war. Er spürte, wie seine Gedanken wieder im Wind verwirbelten und das befriedigende Gefühl der allmählichen Ordnung beiseite drängten. Alles hätte anders sein sollen, doch stattdessen schien er ständig auf den gleichen Punkt in seinem Leben zurückzufallen. Er hasste es.
Es blieb ein Weilchen still, doch irgendwann sprach Oscar wieder: "Wollen Sie mir deshalb helfen?"
"Nein." Sein Blick blieb starr, hinaus gerichtet auf die dramatische Dichtung der Natur.
"Okay."
"Was hat Ihre Geschichte mit meiner zu tun?", fragte House in erster Linie sich selbst und wusste nur zu gut, dass es da eine Antwort gab. Eine Antwort, die im Moment nicht greifbar schien, aber wie ein vergessener Gedanke auf seiner Zunge lag. Es war viel mehr als nur ein Bein, da war er sich sicher.
Doch Oscar verstand es als Frage an ihn. "Ich weiß es nicht", gab er zu.
"Ja, ich auch nicht", echote House sein Sentiment.
"Ich werde ihn anrufen", erklärte Oscar und es klang wie das unbeholfene Trösten eines Kindes. Es wirkte falsch, weil er doch eigentlich der Patient hier war, der nach Linderung suchte, doch es klang auch richtig, weil es das war, was House von ihm wollte.
House nickte bedächtig und es wurde wieder still. Wie vorgestern hätten Minuten auch Stunden sein können. Die Zeit schien einfach in einem Vakuum zu verschwinden, das lautlos auf die Ohren drückte und so dumpf daran erinnerte, dass das Konzept zumindest noch existiert. "Ich glaube, das Wetter war damals wie heute", gab er schließlich zu Protokoll und erinnerte sich an seine eigene Geschichte zurück. "Dramatische Wolken und alles."
"Sie glauben?"
"Ich habe nicht viele Erinnerungen außer an Schmerzen und sterile Räume. Alles ein bisschen verschwommen."
"Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es war, als ich die Säge angesetzt habe", erklärte Oscar in einem ganz ähnlichen Tonfall. "Nur der furchtbare Schmerz ist noch präsent. Dabei hatte ich gehofft, da wäre gleich so etwas wie Erleichterung."
House versuchte, den Gedanken zu greifen, der plötzlich wie ein Flipperball durch die Ecken seiner Psyche wirbelte. Schmerz. Schmerz. Irgendetwas löste das Wort in ihm aus, das über das bloße Gefühl eben jener Qual hinausging. Er wusste, dass es die fehlende Verbindung zu dem vergessenen Gedanken war, der seine Zunge lähmte, die Antwort auf die Fragen, die sein Gehirn blockierten.
Es dauerte einen Moment, aber es passierte.
Er drehte sich um und betrachtete Oscar mit der Gewissheit, nun wirklich verstanden zu haben. Noch mehr als nur ganz und gar, wenn es das überhaupt gab. "Sind Sie sich sicher, dass Sie das tun wollen?", fragte er scharf, als wolle er den Patienten in eine Ecke drängen. Doch in erster Linie wollte er sehen, was passierte, wenn er sich selbst weiter und weiter drängte.
"Ja", gab Oscar erst leicht perplex zurück und richtete sich dann noch einmal auf, bäumte sich gegen alles auf, was die Menschen nicht verstanden und was ihn doch nicht einfach losließ. "Ja", wiederholte er bestimmt und selbstsicher, "ja."
"Gut", entgegnete House und wusste: Alles wird anders sein danach—so wie für ihn alles anders war.
Das hier war sein Versuch, alles umzukehren. Wo bei ihm erst der akute Schmerz den chronischen auslöste, sah das Experiment nun vor, den chronischen Schmerz mit einem akuten abzulösen. Einem schmerzlichen Schritt so irrwitzig, dass ihm schon klar war, warum es keiner außer ihm so gut verstand. Keiner außer dem, der den für ihn so irrwitzig erscheinenden Schritt damals nicht gehen wollte und es heute bereute.
