Vollkommen schonungslos
Er hatte sich hierher geflüchtet. Anders konnte er es nicht nennen.
Der Schlüssel war im Schloss umgedreht, das Handy auf lautlos gestellt, doch ihr energisches Hämmern gegen das Holz der Tür zu seinem Apartment ließ sich irgendwann nicht mehr einfach ignorieren. Er stand auf und machte sich auf das gefasst, was unweigerlich folgen würde, doch zu gewinnen gab es dabei nichts mehr. Rien ne va plus. Sie hatten ihre Einsätze getätigt.
Er kannte diese Gesichtszüge, als er die Tür schließlich öffnete und trotz des Dranges wegzusehen, grimmig in ihre Augen blickte. Er sah diesen Ausdruck nicht zum ersten Mal, doch diesmal war es anders. Persönlicher.
"Was fällt dir ein, mich hier einfach stehenzulassen?", wollte sie erbost wissen, doch er wusste, dass sie keine Antwort erwartete, weil sie sich diese ohne großes Nachdenken auch selbst geben konnte.
"Schönheitsschlaf", erwiderte er trotzdem und erntetet noch mehr Ablehnung, die ihre Augen direkt in seinen Kopf hinein zu drücken schienen. Und so wich er zurück, weil es keine Alternative gab. Zwar war da dieser winzige Moment, in dem sie ins Zimmer trat, er die Tür schloss und daran dachte, das Haus einfach zu verlassen, doch wie weit würde er schon kommen?
Er wollte es nicht diskutieren.
"Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast", polterte sie ungehalten los und sprach dabei nicht einmal direkt mit ihm. Eher mit einem verzweifelten Ich, dem sie in den vergangenen Monaten versucht hatte einzureden, er könne ihr gegenüber mit offenen Karten spielen und sich zurücknehmen, wo es um ihrer Beziehung willen angebracht war. Doch brutal ehrlich war nun brutal nach hinten losgegangen.
"Es ist nicht dein Krankenhaus, in dem es passiert, und es ist immer noch seine Entscheidung", betonte er ruhig und versuchte, das Gespräch so wenigstens zu zähmen, wenn es sich schon nicht mehr vermeiden ließ.
"Du gibst ihm die Nummer von diesem Chirurgen in Oregon, interessierst dich einen Dreck für das, was du mir vorher noch versprochen hast und verschanzt dich dann hier. Wie feige."
Er konnte in ihrer Stimme hören, dass es vor allem der Vertrauensbruch war, der sie gerade so reagieren ließ, wie sie es tat. Ihr Unverständnis über sein Verständnis des Patienten war immer noch da, doch es wurde von dem überlagert, was für sie viel persönlicher war. Er ließ sich vorerst nicht darauf ein. "Es ist viel feiger, ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen, nur weil es der einfache Weg ist."
Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und fing dann an, unruhig auf und ab zu gehen, ohne ihn dabei direkt zu konfrontieren. Und gerade das machte ihn besonders verrückt.
Er blieb bei der Tür stehen und rollte genervt mit den Augen. "Sag' schon, was du zu sagen hast."
Sie kam wieder zum Stehen und richtete ihren anklagenden Blick auf ihn. "Du setzt den Ruf der Klinik und meinen Job aufs Spiel, das ist dir klar, oder? Das Ganze befindet sich am Rande des medizinisch Legalen. Von moralisch angebracht will ich gar nicht erst anfangen."
"Er wird nichts sagen und es gibt nichts, das gegen mich oder die Klinik verwendet werden könnte. Ich habe nicht gesagt, dass der Typ ihn operieren würde." Er fing an, sich über ihre wenig verständnisvolle Wut zu ärgern. Insbesondere, weil er dachte, sie hätte bei ihrem letzten Gespräch darüber zumindest ein klein bisschen davon verstanden, was in seinem Kopf vorging—es in seinen Augen gesehen. "Ich bin nicht blöd", stellte er klar und eigentlich war jedes Wort davon überflüssig.
"Wie rücksichtsvoll von dir", schnaubte sie nur ironisch.
Er schüttelte mit dem Kopf. "Ich habe keine Lust, so mit dir darüber zu reden." Mit diesen Worten nahm er seine Jacke, versicherte sich kurz, dass die Ibuprofen-Dose in der Tasche noch gut gefüllt war, und begann die Tür zu öffnen.
Er wurde von ihrem Arm abgehalten, der die Tür unsanft wieder schloss und ihm gleichzeitig den Weg in die trügerische Freiheit versperrte. In ihrem Gesicht: noch mehr Wut. "Vor nur ein paar Monaten hast du noch verzweifelt versucht ein Bein zu retten und dabei unmissverständlich klargemacht, dass du hier wohl der einzige bist, der weiß, was so ein Bein wert ist", erinnerte sie ihn, obwohl es keiner Rückbesinnung an die Momente des Verlusts bedurfte. "Und jetzt? Ich verstehe es einfach nicht."
Er lachte bitter und ganz und gar nicht amüsiert. "Ja, genau das ist das Problem. Du verstehst es einfach nicht. Es geht nicht um das verdammte Bein!" Der letzte Satz war nicht geschrien, aber zumindest so laut, dass sie ein Stück zurückwich.
"Damals ging es um ein verdammtes Bein."
"Jetzt nicht mehr", räumte er immer noch lautstark ein. "Ich lag falsch damals. Ist es das, was du hören willst? Ich lag falsch." Seine Stimme war rau und mit der Anklage behaftet, die sie gerade noch für sich beansprucht hatte. Es waren Bilder, die er nicht mehr sehen wollte, die unterdessen in seinen Kopf zurückfanden. Bilder, die er nicht vergessen, aber zumindest verdrängen und tief in sich drinnen vergraben wollte.
Es waren Hannas flehende Augen, in die er immer wieder blickte. Flehende Augen, die mit dem kollidierten, was er in diesem Moment damals begriffen hatte. Es gab keine Rettung mehr, egal was er auch machte.
Cuddy schüttelte mit dem Kopf und ihre Gesichtszüge entspannten sich etwas. "Um was geht es heute?"
"Den Schmerz. Das Gefühl gefangen zu sein."
Sie atmete frustriert aus und ließ von ihm ab. Einen Moment lang glaubte er, sie würde gehen, doch nach einer kurzen Auszeit suchte sie wieder seine Augen. "Kannst du mir eine ehrliche Antwort auf eine ernstgemeinte Frage geben?", wollte sie wissen und da war auch ein gewisses Flehen in ihren Augen, das es ihm nicht leichter machte.
"Ob ich nun ja oder nein sage, ich habe schon verloren, oder?"
"Hör auf, immer abzulenken."
Er blieb stumm und gab ihr zu verstehen, dass sie die Gelegenheit besser nutzen sollte. Sein Blick blieb unterdessen an dem kleinen, nervösen Zucken ihres Mundwinkels hängen.
"Hat es etwas damit zu tun, Frieden mit dem zu schließen, was dir passiert ist?", fragte sie vorsichtig nach und das Zucken erstarb nicht gleich.
Er wusste schmerzhaft genau, was sie meinte, als sich ihre Worte in seinem Kopf mit denen von Hanna damals verbanden. Worte gesprochen unter den Trümmern gelebter Existenzen. Ob die Welt so funktioniere, hatte sie ihn gefragt. Ob die guten Dinge zu einem zurückfänden, wenn man selbst das Richtige tat, andere gut behandelte. Karma, oder so. Ausgleichende Gerechtigkeit, vielleicht.
Es war nicht sein Konzept, nicht so, wie er die Welt sah, die für ihn keinem rigiden Mechanismus oder irgendeiner Gesetzmäßigkeit folgte. Doch er hatte es nach Mayfield versucht, sich darauf eingelassen, daran geglaubt und dann einsehen müssen, dass es nicht funktionierte. Nicht für ihn zumindest.
Und dann kam sie in jener verhängnisvollen Nacht in sein Badezimmer gestolpert und vielleicht musste er seine Meinung jetzt schon wieder revidieren.
"Was passiert ist, ist passiert", erklärte er nur und versuchte, ihrem Blick standzuhalten.
"Ja, ich weiß. Aber es ist nie zu spät dafür, Dinge im Nachhinein anders zu sehen oder für sich abzuschließen."
Er legte seine Jacke wieder beiseite und drehte sich von ihr weg, um in die Küche zu gehen. Oder zu flüchten, wenn man es so nennen wollte. Sie ließ ihn gehen, aber sie ließ ihn nicht davonkommen und er merkte, wie ihre Präsenz ihn verfolgte.
"Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann dich nur verstehen, wenn du mit mir redest und mir erklärst, was in dir vorgeht." Ihre Stimme war sanft und versöhnlich, doch er konnte auf dieses Spiel verzichten.
"Das habe ich vorgestern versucht", konterte er gereizt. "Und dann hast du das Thema doch wieder nur abgetan. Neurologische Störung, und so weiter." Die geöffnete Kühlschranktür diente als neuer Schutz zwischen ihnen, hinter dem er sich verschanzen konnte, doch es machte keinen Sinn, ewig in ein paar fast leere Fächer zu starren.
"Du hast recht. Tut mir leid", gab sie zu, doch es klang nicht vollends überzeugend.
"Willst du was essen?", fragte er lustlos und wusste, dass er schon wieder Kommentare in Sachen Ablenkungsmanöver provozierte.
Doch sie war schlauer als das. "Willst du mir aus Luft und Liebe ein Drei-Gänge-Menü zaubern?"
Er versuchte, sein Lächeln über ihre Kenntnis seiner selbst zu verbergen, doch er glaubte auch, dass es ihm nicht ganz gelang. Und es ärgerte ihn ungemein. "Hat ja schon einmal funktioniert."
"Es waren zwei Gänge", korrigierte sie ihn mit einem eigenen, kleinen Lächeln, das von freudigen Erinnerungen durchzogen wurde.
Zu leugnen, dass die Erinnerungen an den Tag auch bei ihm etwas angenehm Erquickendes auslösten, war dann aber doch nicht möglich und so trat sein Lächeln jetzt erst recht hervor.
Sie schloss die Kühlschranktür sanft vor seiner Nase und berührte ihn dann vorsichtig am Arm. "Es tut mir leid, was damals mit Hanna passiert ist. Ich weiß, dass dich ihr Schicksal bewegt hat. Aber du redest nie wirklich darüber." Es war nicht die Anklage, die ihre Stimme sonst so häufig bei diesen Themen durchzog—es war vielmehr ein Ausdruck von Hilflosigkeit, der sich offenbarte.
Was sollte er schon sagen? Dass sie es nicht verdient hatte? Dass er es war, der unter den Trümmern seines Schicksals und all der Fehler, die ihm folgten, hätte liegen sollen? Doch Cuddys harsche Worte hatten ihm damals klargemacht, dass er es längst war, der dort an ihrer Stelle lag.
Er hatte sie nicht gerettet—er hatte sich nicht gerettet. Und jetzt unternahm er den nächsten Rettungsversuch, der vielleicht genauso zum Scheitern verurteilt war.
"Ich will nicht darüber reden", gestand er sich und ihr leise ein.
"Ich weiß", sagte sie und tätschelte seinen Arm.
Sie schien auf ihn zu warten, doch es gab keine weiteren Worte, die seinen Mund verließen. Er starrte auf ein paar alte Rechnungen, die an seinem Kühlschrank hafteten, und ließ sie im Regen zurück.
"Ich hätte das damals nicht zu dir sagen dürfen. Dass du nichts in deinem Leben hast, meine ich. Es ist nicht das, was ich von dir denke."
Er schüttelte ungläubig mit dem Kopf. "Du hättest es nicht gesagt, wenn du es nicht auch irgendwie gedacht hättest."
"Ich war wütend. Mehr noch auf mich, als auf dich. Als du mir vor ein paar Jahren an den Kopf geworfen hast, dass ich eine schlechte Mutter wäre und es besser sei, dass die künstlichen Befruchtungen fehlgeschlagen sind, hast du das wirklich gemeint?"
"Nein", antwortete er ohne nachzudenken und sah sie plötzlich vor sich, wie sie mit dem glühenden Kind unter der eiskalten Dusche saß.
"Ich habe damals zu Wilson gesagt, dass du verletzend sein kannst, weil du ganz genau weißt, in welchen wunden Punkt du den spitzen Stock rammen musst. Ich war an dem Tag, als es um Hanna ging, nicht viel besser und es tut mir leid."
Er zuckte mit den Schultern, als wäre es nicht von Bedeutung, doch das war es durchaus. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, ehrlich zu sich selbst zu sein.
"Wahrscheinlich hast du recht", bekannte er schließlich zögerlich. "Ich versuche, mir zu helfen, indem ich ihm helfe." Er sah peinlich berührt auf den Boden. "Ich kann seine Gefühle nachvollziehen."
"Das ist gut", ermutigte sie ihn. "Ich glaube, du bist derjenige, den er braucht, aber ich hätte es begrüßt, wenn du mit mir gesprochen hättest, bevor du ihm einfach die Nummer gibst. Wir hätten einen gemeinsamen Weg gefunden. Ich mag keine gute Ärztin sein, aber ich bin sicher nicht die Schlechteste darin, dich den besten Arzt sein zu lassen, der du sein kannst."
"Dann lass mich solche Entscheidungen allein treffen, auch wenn du sie nicht magst."
"Es ist kein Einzelkampf mehr, House", stellte sie ein wenig streng klar und wandte ihren Blick von ihm ab. Es schien sie mehr getroffen zu haben, als er es beabsichtigt hatte.
"Hey, es hat nichts mit dir—nichts mit uns—zu tun", versicherte er ihr ein wenig tröstend.
"Sicher?"
"Okay, es hat etwas mit dir zu tun", gab er dann doch zu. "Aber nur in der Hinsicht, dass ich hoffe, Oscar kann vielleicht auch ein kleines bisschen Glück finden."
Er sprach nicht aus, dass er sie mit seinem eigenen bisschen Glück meinte, aber ihr milder werdender Blick sagte, dass sie verstanden hatte.
Doch etwas gab es für ihn trotzdem noch zu klären: "Ist Versöhnungssex jetzt noch eine Option?", fragte er verschmitzt und wartete, bis sich das Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete.
