Vollkommen fehl am Platz

Die Decken waren hoch, die Wände kahl. Seine ungleichmäßigen Schritte hallten durch die angespannte Luft des Ganges und irgendwie erinnerte ihn all das an einen Ort, den er hinter sich lassen wollte und nicht konnte. Mayfield.

Er fühlte sich verloren und ganz so, als gehörte er hier nicht hin. Doch er musste es einmal mit eigenen Augen sehen und vielleicht endgültig begreifen.

Die Schritte schmerzten hier drinnen mehr als noch gerade eben vor der Tür, wo der Frühling sich unaufhaltsam durch die wärmer werdende Luft kämpfte und die Knospen sprießen ließ. Hinter der Tür wirkte alles eher wie ein vergessenes Relikt des Winters. Kalt, dunkel, trostlos.

Er blieb einen Moment lang stehen, um das drückende Pochen unter der Oberfläche der Narbe mit ein paar gezielten Griffen zu lindern und gleichzeitig zu überlegen, was genau es war, das ihn hier erwarten würde. Er hatte die letzten Nächte mit diesen und ähnlichen Überlegungen verbracht und sich doch um eine wirkliche Antwort gedrückt.

Das war auch Cuddy nicht verborgen geblieben, die es anfangs mit mitfühlendem Verständnis für ein ihr wieder einmal verborgen gebliebenes Problem versucht hatte und nach einiger Zeit doch einfach dazu übergegangen war, ihm den Freiraum zu geben, den er zu brauchen schien. Und so war es seine eigene Couch, auf der er die letzten Nächte hauptsächlich verbracht hatte, wenn er vor dem Fernseher eingeschlafen war, der den beruhigenden Soundtrack für die Dunkelheit bot.

Während er dastand und die Anspannung aus seinem Bein zu massieren versuchte, waren es zum ersten Mal seit dem Betreten des Hauses nicht seine eigenen Gedanken, die er hörte. Gedämpfte Stimmen drangen aus der Ferne aus einem Zimmer hinaus auf den Gang und erregten seine Aufmerksamkeit. Er richtete seinen Blick geradeaus und erspähte in einiger Entfernung eine nicht ganz geschlossene Tür. Durch den Spalt hindurch drang ein wenig des Sonnenlichts, das draußen den Tag zum vielleicht ersten richtig schönen des Jahres machte.

Er lief los und war darauf bedacht, möglichst keine Geräusche dabei zu machen. Doch schon nach dem ersten Schritt musste er feststellen, dass das mit seinem Stock und den gerade so präsenten Schmerzen gar nicht machbar war. Also versuchte er zumindest mit möglichst langsamen Bewegungen zu vermeiden, dass jemand von ihm Notiz nahm.

Die Tür und der verirrte Sonnenstrahl kamen näher und näher.

Als er am Ziel angekommen war, wagte er einen vorsichtigen Blick in das Zimmer. Er konnte ein paar Stühle ausmachen, Menschen, die gespannt, mitfühlend und interessiert in eine Runde schauten und darunter auch ihn—Oscar. Nachdem seine Augen sein Gesicht identifiziert hatten, wanderten sie unaufhaltsam nach unten. Weiter und weiter und weiter, bis er mit ein bisschen Schock, ein bisschen Erleichterung und jeder Menge Verwirrung feststellen musste, dass es da wirklich nur noch einen Fuß gab, der den Boden berührte.

Ein plötzlicher Schmerz durchfuhr sein eigenes Bein, doch diesmal wusste er, dass es keinen Handgriff gab, um diesen zu mildern. Es war die Konfrontation mit dem Unglaublichen und der eigenen Vergangenheit, die ihn auslöste und womöglich war er sogar viel mehr psychisch als physisch. Er stand einfach nur da und versuchte ruhig zu atmen, den Schmerz gehen zu lassen und sich auf das zu konzentrieren, was aus dem Raum an seine Ohren drang.

"Ich habe schon länger nicht mehr daran gedacht, das alles das nichts wert sein könnte, aber es gibt immer noch schwere Tage", hörte House jemanden sagen, den er jedoch nicht sehen konnte. Er beobachtete stattdessen Oscars Gesichtsausdruck, der von anteilnehmend zu milde wechselte.

"Hat noch jemand solche Erfahrungen gemacht in den letzten Wochen?", fragte jemand, der für House nach dem Leiter der Gruppentherapie klang.

Oscar hob vorsichtig die Hand und blickte in die Runde.

"Erzähl uns davon, Oscar", wurde er aufgefordert.

Er räusperte sich. Behutsam, bedächtig, besonnen. Und in der Tat fielen die Sonnenstrahlen so durch die großen Fenster, dass er direkt an dem Punkt zu sitzen schien, wo sie alle zusammentrafen. "Ich habe in der letzten Woche so etwas wie Lebensfreude gespürt", gab er leise von sich und räusperte sich noch einmal. "Ich glaube, es ist der Frühling."

House sah ein paar andere vage lächeln. "Das ist gut", ermutigte der Gruppenleiter wieder. "Wie lange ist die Operation jetzt her?"

Oscar überlegte, doch House sah ihm an, dass er den Moment wahrscheinlich auf die Minute genau benennen konnte. "Drei Monate etwa. Ich gewöhne mich an die Krücken."

"Willst du den Neuen in der Gruppe noch einmal kurz erzählen, was passiert ist?"

Oscar nickte. "Klar. Ich hatte vor drei Monaten einen akuten, arteriellen Verschluss, der dazu geführt hat, dass Teile des Muskels in meinem Unterschenkel abgestorben sind. Das Bein musste amputiert werden."

Die Worte trafen House wie ein Schlag direkt vor die Brust, nahmen ihm einen Moment lang die Luft zum atmen. Fast schon ein wenig erschrocken wich er einen Schritt nach hinten und trat aus der Sonne zurück in die Dunkelheit. Sein Stock hinterließ dabei ein quietschendes Geräusch auf dem gewienerten Boden.

Es war nicht irgendeine Geschichte; es war seine. Vielleicht nicht ganz, aber nah genug dran, um zu wissen, dass es so war. Er hatte nicht das Recht, sie zu nehmen und zu seiner eigenen zu machen, auch wenn es die Verbindung ihrer Schicksale war, die House die ganze Zeit gesucht hatte.

Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür weiter, ließ noch mehr Sonne in den verlassenen Gang, und ein Mann Mitte dreißig blickte House neugierig entgegen. Er brauchte nicht lange, bis auch sein Blick an dem Stock in seiner Hand festhing, so wie Oscar ihn damals bei ihrem ersten Aufeinandertreffen sofort fixiert hatte.

"Wollen Sie vielleicht reinkommen?", fragte der Mann freundlich lächelnd.

House zögerte länger, als es angebracht erschien. "Nein."

"Sie können auch nur zuhören, wenn Sie mögen." Er drehte sich um und lief zurück zu seinem Platz, ließ die Tür hinter sich aber weit geöffnet. Es war eine Einladung, die House verstand, aber nicht annahm.

Auch Oscar hatte ihn inzwischen entdeckt. Leicht beschämt senkte er einige Sekunden lang seinen Blick und suchte dann doch wieder den Kontakt. Sie zogen sich an, wie zwei verwirrte Magneten. Trotzdem blieb House in sicherer Entfernung vor der Tür stehen, die ihm nun noch mehr Einblick gewährte. Sein Blick war eisern.

Die Gespräche gingen unterdessen weiter und ließen Worte durch den Raum tanzen, die House nicht wirklich hörte. Seine Augen interessierten sich nur noch für etwas, was mal war und jetzt einfach verschwunden schien. Er wusste bevor er hier hergekommen war, dass es so sein würde, doch es zu sehen, war etwas anderes. Er wusste nicht, ob sein momentaner Schmerz eine Reaktion auf den physischen Verlust des Beins eines anderen war, oder auf das, was hätte sein können—auch für ihn.

Irgendwann bewegten sich die Stühle geräuschvoll über das Linoleum, so wie sein Stock es vorhin getan hatte. Zehn, zwölf Leute standen auf und bahnten sich ihren Weg an ihm vorbei. Wie erstarrt blieb House hingegen vor der Tür stehen und versuchte Oscar zwischen all den Menschen nicht aus den Augen zu verlieren. Als der Strom der Vorübergehenden erstarb, stellte er fest, dass es nur noch Oscar gab, der zurückgeblieben war. Er saß auf seinem Stuhl, die Krücken immer noch auf dem Boden, und machte keine Anstalten zu gehen.

Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte und House war selbst Teil des Raumes. "Das ist meine Geschichte, mit der Sie da hausieren gehen", sagte er und versuchte, den strengen Blick aufrecht zu erhalten.

"Ich weiß", gab Oscar zurück. "Sehen Sie es als kleine Hommage."

"Hommage hat etwas mit Respekt zu tun, oder?"

"Wollen Sie mir Respekt jetzt als Ihr neues Credo verkaufen?", fragte Oscar und musste schmunzeln. "Ich kenne Sie nicht wirklich, aber das finde ich jetzt doch ein wenig weit hergeholt."

"Sie sind unter falschem Vorwand hier."

"Das hier ist eine Behindertengruppe", erklärte Oscar. "Ich bin behindert, ob man es nun in Form des Beins sehen will oder in Form dessen, was ich vorher empfunden habe. Aber ich möchte die Menschen hier mit meiner tatsächlichen Geschichte nicht verletzen."

House schaute sich in dem kargen Raum um und musste die Augen zusammenkneifen, als die Sonne dabei in seinen Augen brannte. "Warum Gruppenkuscheln, wenn Sie das haben, was Sie immer wollten? Oder besser gesagt, wenn Sie es nicht mehr haben."

Oscar deutete ein Kopfschütteln an. "Es ist nicht einfach automatisch alles gut. Es gibt immer noch Herausforderungen, aber ich fühle mich besser als zuvor. Es war ein Befreiungsschlag."

"Vielleicht sollten Sie ein bisschen weniger fröhlich wirken, wenn Sie hier sitzen. Sonst wird es makaber", sprach House und visierte einen freien Stuhl an, auf den er sich dann doch nicht setzte.

"Vielleicht kann mein Optimismus ja einigen sogar helfen, besser mit ihrer Situation klarzukommen", mutmaßte Oscar und zuckte mit den Schultern.

Ein Moment gefüllt mit betretenem Schweigen wurde von der Realisierung abgelöst, dass die Erde sich immer noch drehte. Nicht nur um sie beide herum, sondern mit ihnen.

Der Stuhl war keine Option, die Tür dagegen schon. House warf einen letzten Blick auf das abgesteckte Hosenbein, kämpfte eisern gegen die grelle Sonne an, bis es nicht mehr weh tat und machte sich dann auf den Weg. "Sie gehören hier nicht hin", rief er Oscar über die Schulter zu, als er den Raum verließ.

"Sie auch nicht", konterte Oscar. "Noch eine Sache, die wir gemeinsam haben."

House hätte schwören können, dass er ein Danke hörte, als er über den Gang zurück zum Ausgang lief. Doch diesmal war es wieder sein Stock, der mit seinen Geräuschen auf dem glänzenden Boden die Umgebung übertönte, nicht die Gedanken in seinem Kopf. Es war erstaunlich ruhig in ihm drin.

Als er nach draußen trat und die Sonne unmittelbar auf seine Haut traf, um die letzten Gefühle des Winters zu vertreiben, sah er sie schon von weitem vor seinem Motorrad stehen. Ihr Auto stand gleich daneben.

"Woher wusstest du, dass ich hier bin?", fragte er verwirrt, als er vor ihr zum Stehen kam.

"Ich habe einen Zettel mit der Adresse und Uhrzeit in deiner Hosentasche gefunden und nachgesehen, was es ist", erklärte sie schulterzuckend, als sei es das Normalste der Welt.

"Du schnüffelst in meinen Sachen herum?"

"Schon mal erlebt, was ein unbedeutender Zettel oder ein zurückgelassenes Papiertaschentuch einer ganzen Ladung Wäsche antun kann? Wenn ja, dann wirst du verstehen, dass ich lieber alle Taschen einmal checke, bevor die Sachen in die Maschine wandern. Wasch deine Wäsche selbst, wenn du es vermeiden willst."

Er sah ihr an, dass sie nicht bereit war, sich auf irgendwelche Machtspielchen einzulassen und verwarf seinen spontanen Plan, ihr die Hölle heiß zu machen. "Du wolltest doch nur klären, ob ich hinter deinem Rücken Blondinen oder doch einen Haufen heißer Rothaariger treffe."

"Das auch", gab sie trocken zu Protokoll.

Er deutete ein verschmitztes Lächeln an und wartete, bis sie ihm den Helm gab, mit dem sie ihre Hände beschäftigt hatte.

"Wie geht's ihm?", wollte sie etwas ernster wissen.

"Gut, glaube ich."

"Und dir?"

"Auch gut."

Ihre Augenbrauen zogen sich argwöhnisch zusammen. "Glaubst du?"

"Weiß ich."

Sie lächelte kurz, ohne ihre Augen von ihm zu nehmen, und trat dann einen Schritt beiseite, um ihn an das Motorrad zu lassen. "Willst du irgendetwas unternehmen?"

Sein Blick wanderte ins Innere des Autos, wo Rachel auf der Rückbank saß und mit großen Augen auf die Welt nach draußen blickte.

"Ich fürchte, Strip-Club ist keine Option", ließ Cuddy ihn wissen.

Er nickte. "Eiscreme vielleicht? Ein paar Blocks weiter gibt es tolles Eis und noch bessere rotblonde Bedienungen."

Ihr kleiner Klaps sagte, das hättest du wohl gerne, doch eigentlich hatte er alles, was er wollte, heute schon gefunden. Es war ein Gefühl, das er festhalten wollte, als er ihr hinterher mit dem Motorrad davonbrauste und die Frühlingsluft über sein zufriedenes Gesicht streifte.

ENDE