-at-Frozen
Keine Angst, ich bin nicht beleidigt, böse oder sonst irgendwas. Wenn man eine Sprache gut genug beherrscht, ist das Original immer das beste. Und da sogar Klaus Fritz´ Übersetzungen nicht unfehlbar sind, brauch ich mich ja auch eventueller Fehler nicht zu schämen. Obwohl ich doch hoffe, dass du keine findest.;) Guckst du hier: dickes Dankeschön auch an alle andren, die so lieb waren, mir ein Review zu schreiben! Kürbisplätzchen hinstell

2. Ruinen

Zum Glück für Harrys schwächelnden Orientierungssinn verließen die Lehrer geschlossen das Festmahl und begaben sich in das Lehrerzimmer. Es sah den Gemeinschaftsräumen der Schüler sehr ähnlich, nur war es größer und statt in den Hausfarben in violett und grau dekoriert.

Viele aus dem Kollegium schickten sich bereits an, zu Bett zu gehen – es war jetzt beinahe Mitternacht und Harry war nicht der Einzige, der eine lange Reise hinter sich hatte – doch andere schienen es sich im Gemeinschaftsraum eine Weile bequem machen zu wollen. Charlie und Sofia hatten bereits ein Schachbrett in der Nähe des größeren Kamins aufgestellt, und lieferten sich ein hartes, schnelles Spiel voller Triumphschreie und empörtem Zischen.

Harry konnte hören, wie Hagrid sich verabschiedete, und lungerte an der Tür zum Korridor herum, weil er mit ihm sprechen wollte. Zu Harrys Überraschung führte Hagrid ein langes, leises Gespräch mit Malfoy, bevor er ihn mit einem Lachen und einem seltsamen Klaps auf den Unterarm verließ.

„Ah, ich werde nie vergessen, was das für ein Wunder war, als wir Draco an einem Stück zurückbekommen haben", sagte er zu Harry und nickte Richtung Malfoy, der sich nun freundschaftlich mit Professor Lupin unterhielt. Harry wünschte, Malfoy würde außer Hörweite verschwinden, damit er Hagrid fragen konnte, ob sie denn alle verrückt geworden waren.

„Harry", sagte Hagrid liebevoll. „Jetzt, wo du zurückgekommen bist, wird sich das alte Schloss sicher wieder wie ein Zuhause anfühlen. Wünschte fast, ich könnte bleiben. Aber ich muss Charlie vertrauen, dass er sich gut um die Tiere kümmert, und du dich gut um dich selbst." Er packte mit einer riesigen, zitternden Hand Harrys Unterarm, wie er es bei Malfoy gemacht hatte. „Is´ die Art, wie meine Leute einen echten Gefährten grüßen", sagte er stolz. „Pass auf dich auf, Harry, und wenn alles gut geht, seh´ ich dich kommenden Sommer."

Harry sah traurig zu, wie Hagrid seine Abschiedsrunde beendete und ging. Dann blickte er sich nach Hermine um, aber sie zog Malfoy zu einem Sofa, das unter einer gewaltigen Basrelief-Karte von Nordengland stand; sie unterbrachen ihre Diskussion nicht, als sie sich setzten. „Dann ist es vielleicht an der Zeit, das Häuser-System ganz abzuschaffen", sagte sie und Harry klappte die Kinnlade herunter.

Harry war überrascht, als er hörte, wie Malfoy, der sonst so bemüht darum war, alles zu ändern, was Hogwarts zu Hogwarts machte, widersprach: „Du sagst keine Häuser, Mine, aber in der Praxis hieße das, dass die ganze Schule ein einziges großes Haus wäre, das nur Ravenclaw-Magie unterrichten würde oder nur Gryffindor-Magie."

„Du denkst immer…", begann sie, aber Malfoy unterbrach sie: „Oder nur Slytherin-Magie, das tut nichts zur Sache. Der Punkt ist, dass es viele verschiedene Arten von Zauberern gibt, die unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und das Häusersystem..."

Offensichtlich würde Harry keine Gelegenheit bekommen mit Hermine zu reden, solange Malfoy anwesend war. Seltsam, wie er sich zu Schulzeiten viel zu gut für sie gewesen war und jetzt gar nicht genug von ihr bekommen konnte.

Wahrscheinlich wäre er am besten ins Bett gegangen, aber seine innere Uhr hatte entschieden, dass es früher Nachtmittag war. Nach einem Augenblick der Unentschlossenheit, goss er sich eine Tasse Tee aus der selbstfüllenden Kanne auf der Anrichte ein und suchte sich ein anderes Sofa. Kurz darauf ließ sich Professor Lupin neben ihm nieder.

„Du siehst gut aus, Harry", sagte er.

Harry rührte energischer als nötig in seinem Tee; diese Bemerkung begann ihn anzuöden. „Sie auch, Professor", sagte er. „Es tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht öfter geschrieben habe." Er zuckte innerlich zusammen, als er sich an all die Male erinnerte, in denen er die Briefgans weggeschickt hatte, ohne die Post, die sie gebracht hatte, auch nur anzurühren; unwillig, seinen zerbrechlichen Frieden durch Nachrichten von zu Hause stören zu lassen.

„Remus bitte. Und das ist schon in Ordnung, ich verstehe es", antwortete er sanft und nahm einen Schluck von seinem eigenen Tee. Harry befürchtete, dass er alles zu gut verstand, und wich Lupins – Remus' – scharfen Blicken aus.

Hinter dem Sofa hingen mehrere Lagen violetter und grauer Vorhänge, aber sie rahmten nichts weiter als fugenlosen Stein. „Ist das die übliche Art, die Quartiere der Lehrer zu schmücken? Vorhänge an einer Steinwand?"

Remus lächelte traurig. „Es war einmal ein Fenster", sagte er. „Alle Fenster wurden zugemauert, hast du es nicht bemerkt?"

Harry hatte es nicht. „Zu welchem Zweck?"

„Um den Fluch aufzuhalten, natürlich." Remus sah ihn eigenartig an. „Aber ich nehme an, du warst in diesem ersten Herbst außer Dienst, und zu der Zeit, als wir die Schule wieder eingenommen und die Todesser beseitigt haben, warst du in Amerika." Er stand auf, nur um sich gleich darauf wieder auf das Sofa zu setzen.

Muss eine lange Geschichte sein, dachte Harry.

„Es hat alles mit einer Erstklässlerin angefangen, die…"

„Sogar im St. Mungos haben wir von Lark Brown gehört." Seine Stimme klang schneidender als beabsichtigt, und er verzog entschuldigend das Gesicht, aber Remus nickte nur.

„Ja, wenn ein Fluch ein kleines Mädchen auf ihrem Weg zur Hauswahlzeremonie tötet, dann ist anzunehmen, dass die Welt davon erfährt. Und ihre Tante war eine deiner Klassenkameradinnen, wenn ich mich richtig erinnere."

Harry hatte Lavender ein Kondolationsschreiben senden wollen, aber selbst wenn er gewusst hätte, was er sagen sollte, wurden Eulen in St. Mungos noch immer missbilligt. Genau wie Schreibfedern, übrigens.

„Dann hast du von den anderen Angriffen gehört?"

Harry blinzelte, dann schüttelte er den Kopf.

„Für den Tod der kleinen Brown wurden Todesser verantwortlich gemacht, die dem Gesetz entkommen waren, und schlussendlich hat Medusa Macallan gestanden. Das Ministerium... tja, niemand könnte behaupten, sie wären nicht sehr darauf bedacht gewesen, sicher zu gehen, dass allen verdächtigten Todessern ihre Vergehen auch nachgewiesen wurden."

Harrys Blick streifte Malfoy, der sich, wild gestikulierend, zu Hermine lehnte, die Wangen gerötet, nicht im Mindesten so aussehend, als stünde er unter irgendeiner Beweislast. Sofern es überhaupt möglich war, Malfoy irgendetwas nachzuweisen, was er bezweifelte.

„Aber", fuhr Remus fort, „sogar nachdem die Schule geschlossen wurde, wurden die Arbeiter, die die Kriegsschäden beseitigten, durch Angriffe verwundet. Es hat keine Rolle gespielt, wie viele Todesser festgenommen wurden... am nächsten Tag gab es Explosionen, Feuer und Verletzungen."

„Die plausibelste Theorie, die sich anbot, bestand darin, dass immer noch irgendetwas irgendwo auf dem Gelände war und von einem versteckten Bollwerk aus Flüche aussendete. Zuerst hat es das Ministerium damit versucht, immer mehr Sicherheitspersonal in den Außenanlagen zu postieren. Als das Problem so nicht zu lösen war, haben wir die Fenster in der Hoffnung zugemauert, so den Innenraum schützen zu können."

„Wir haben die ganze Nacht in Gruppen gearbeitet, jedes Fenster versiegelt, das wir finden konnten", sagte Remus. „Das war im November, kurz nachdem der letzte Dementor vernichtet worden war, und wir haben noch gedacht, wir könnten die Schule verspätet öffnen und das Jahr beenden. Und am Morgen sind wir zurückgekommen und..."

Remus holte Luft, dann stellte er seine Tasse samt Untertasse mit vorsichtiger Präzision auf den Tisch. „Sirius ist als aller erster angekommen, wie jedes Mal, weißt du, und er hat immer seinen Stock benutzt, um die Tür aufzustoßen..."

„Oh nein." Harry schloss die Augen. Als er sie öffnete, starrte Remus auf seine ineinander verkrampften Hände. „Seine Verletzungen waren nicht so schwer", sagte Harry leise. „Jeder war sich so sicher, dass er sich erholt, und das nächste, was ich gehört habe..."

„Minerva hat seinen Stock in Stein verwandelt und über die Tür gehängt, siehst du ihn? Er ist das neuste der neuen Mahnmäler." Remus sah mit einem exzentrischen Lächeln auf. „Er hat immer gesagt, er werde Cornelius Fudge etwas Unaussprechliches damit antun."

Ein langes Schweigen folgte. Harry konnte undeutlich hören, wie Hermine und Malfoy noch immer über irgendetwas stritten, wie McGonagall ihnen Gute Nacht zurief, während sie eine der gewundenen Treppen hinauftrippelte, wie Sofia selbstgefällig „Schachmatt" rief.

Kat, dachte Harry, würde mit den Augen rollen. „Entspann dich und umarm den Kerl schon, Har. Ihr könntet beide eine Umarmung brauchen." Er lehnte seine Schulter gegen Remus', und Remus lehnte sich kurz gegen ihn und seufzte.

„Wer war es?", fragte Harry schließlich. Remus zuckte nur die Schultern. „Sie haben niemanden erwischt?"

„Sie haben sehr, sehr viele erwischt. Im Großen und Ganzen zu viele, sagen manche. Aber keiner konnte je die Angriffe in Hogwarts erklären."

„Bist du davon überzeugt, dass es sicher ist, wieder zu öffnen?" Über Harrys Nacken kroch eine Gänsehaut. Er hatte gedacht, er wäre damit durch, mit dieser verdammten, ohnmächtigen Sorge...

„Nein", sagte Remus frei heraus. „Aber da Durmstrang dauerhaft geschlossen bleibt, und Beauxbatons so voll gestopft ist, dass sie nicht einmal für alle Schüler Stühle haben, und alle möglichen skrupellosen Zauberer sich als Privatlehrer niederlassen... nun ja, Minerva war der Meinung, dass mit einer bestehenden Schließung ein größeres Risiko verbunden ist als mit der Wiedereröffnung."

Hogwarts wurde nach wie vor als der sicherste Platz der Welt angesehen.

Nach einem langen Augenblick sagte Harry fröhlich: „Gut. Ich bin seit fast sechs Stunden zu Hause und noch ist nichts schief gegangen."

Es gab keine plötzliche Explosion. Er entschloss sich, das als gutes Omen zu werten.

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Die Tür zu Harrys Zimmern wurde von dem Gemälde eines sehr hübschen, jungen Milchmädchens bewacht, das errötete und stotterte, als Harry sich vorstellte. Zu seiner Überraschung tauchte sie auch wieder auf einem Gemälde auf, das an der Innenseite der Tür hing, von wo aus sie auf sein Geheiß hin Besuchern die Tür öffnen konnte.

„Dein Türhüter ist bezaubernd", sagte Remus, was das Mädchen wieder erzittern und erröten ließ. „Meiner ist ein Irish Setter, was erahnen lässt, dass Albus Dumbledores Sinn für Humor nicht ganz aus Hogwarts verschwunden ist." Er schnalzte mit seinem Zauberstab, um ein paar Kerzen im Wohnzimmer zu erzünden. „Minerva hat mich gebeten, die Zimmer zu entschuldigen... die in den oberen Stockwerken sind interessanter, aber keines der freien ist augenblicklich in einem gute Zustand."

„Oh, nein", sagte Harry. Das Wohnzimmer war geräumig und gemütlich, mit einem prasselnden Feuer im Kamin und einem breiten, weichen Sofa. Unter den zugemauerten Fenstern befand sich eine Studienecke mit einem wuchtigen Schreibtisch und einer Wand voller Bücherregale. Dahinter konnte Harry durch eine offene Tür ein Bett mit leuchtend blauen Vorhängen ausmachen. „Es ist wunderschön. Aber wie wird Hedwig..."

Bevor er die Frage beenden konnte, ertönte ein klickendes Geräusch, und Harry sah, dass eine Ziertafel über der Eingangstür in Wirklichkeit eine kleinere Tür war, die gerade die richtige Größe für eine Eule hatte. Hedwig begrüßte Remus mit einem freundlichen Haarzupfen, dann ließ sie sich auf ihre Sitzstange nieder und steckte ihren Kopf unter ihren Flügel.

„Eulen sollten nachtaktiv sein", wunderte sich Remus. „Sind sie portlag-anfällig?"

„Keine Ahnung", sagte Harry und gähnte ausgiebig. „Menschen sind es jedenfalls." Er schloss die Augen. Er brauchte einige Sekunden, bevor er sie wieder öffnen konnte.

Remus lächelte. „Ich finde selbst hinaus."

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Sobald er das Schloss sah, nachdem er weitestgehend wach war, verstand Harry, warum McGonagall besorgt darüber war, die Ausbildung der nächsten Zauberergeneration fortzusetzen. Hogwarts war ein ziemliches Chaos.

Seine eigenen Räume waren bis auf die zugemauerten Fenster normal. Aber gegenüber seiner Tür – es war ihm schleierhaft, wie er es die Nacht zuvor hatte übersehen können – war ein Korridor mit magischen und weltlichen Absicherungen abgeriegelt. Schwarzes Band wand sich durch den schwachen Schimmer eines Absperrungszaubers. Und dahinter konnte er erkennen, dass eine Treppe einfach fehlte und nichts außer einem kleinen Stück vom alten Geländer zurückgeblieben war, das ins Nichts hinaufführte.

Schüler wie Lehrer des Zirkels waren gelegentlich dazu aufgefordert worden, Opfer von Racheflüchen zu behandeln oder das mal de ojo von einem Kleinkind zu nehmen, doch Harry hatte in den letzten fünf Jahren beinahe nur mit gutartigeren Formen der Magie zu tun gehabt. Er hatte beinahe das unangenehm schlüpfrige Gefühl vergessen, das die böseren Flüche in der Luft hinterließen, bis er es jetzt fühlte. Er kehrte dieser Empfindung schnell den Rücken zu, die Anspannung in seinem Nacken ignorierend.

Er rieb seine Stirn, um die Kopfschmerzen zu lindern, die ihn immer noch verfolgten, und ging durch das verlassene Lehrerzimmer. Kaum war er durch die Tür, blieb er stehen und versuchte, sich an den Weg zur Großen Halle zu erinnern. Links beim ersten Korridor, dann rechts beim dritten... oder war es links beim dritten und dann rechts beim ersten? Oder ganz anders?

„Geradeaus zum Portrait von Usher, dem Unordentlichen, Mr. Potter", ließ sich ein vertrautes Spotten vernehmen. „Danach rechts, rechts, links... Sie müssen aufmerksam sein, Mr. Potter. Ich hatte gehofft, dass wenigstens Sie einige Fortschritte darin gemacht hätten, diese grundlegende Fähigkeit zu beherrschen..."

„Professor Snape?" Harry wirbelte herum, stolperte fast über seine Robe, und zuckte zusammen, als er seine Stimme quietschen hörte.

Die Tür zum Lehrerzimmer war in der letzten Nacht geöffnet gewesen. Jetzt, da sie geschlossen war, konnte Harry die Statue sehen, die über sie wachte: der ehemalige Meister der Zaubertränke in grauem Stein, 9 Fuß hoch und mit seinem höhnischsten Lächeln eingefangen.

„Ich sehe schon, Ihr Gespür für das Offensichtliche ist nach wie vor einmalig." Die Statue hielt einen Kessel in der Hand, und eine steinerne Haarsträhne fiel über ihr linkes Auge. Wie Dumbledores Geist war Snapes Statue weniger vom Krieg versehrt als er selbst, als Harry ihn zum letzten Mal lebendig gesehen hatte, aber dennoch nicht weniger gebieterisch. Ein Robenärmel war hochgeschoben und enthüllte die oberflächliche Verätzung des Dunklen Mals. Man kann es mit dem Realismus auch zu weit treiben, dachte Harry mit einem Widerwillen, der an Abscheu grenzte.

„R-rechts, in Ordnung", stammelte er. „Usher der Unordentliche, rechts, rechts, links..."

„Unterhalten wir uns wieder mit leblosen Objekten, Potter?" Malfoy rauschte in einem Wirbel eisblauer Roben durch die Tür. Er sah aus, als hätte er eher zwölf als vier Stunden geschlafen. Harry fuhr sich durch seine widerspenstigen Haare. Malfoy neigte seinen Kopf in einer angedeuteten Verbeugung vor Snapes Statue und setzte seinen Weg den Gang hinunter fort.

Die Lippen der Staue zuckten, doch sie gab keine weitere Bemerkung ab. Nach kurzem Zögern unterdrückte Harry das absurde Bedürfnis „Kann ich jetzt gehen, Professor?" zu sagen und ging zum Speisesaal.

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Es war noch verhältnismäßig früh, und die Schülertische waren leer, bis auf drei Hufflepuffs, die offensichtlich glaubten, so etwas wie einen zu frühen Start in den Tag gäbe es nicht. Am Lehrertisch saßen Remus und Michelle Verte Seite an Seite und warfen sich immer wieder flüchtige Blicke zu, so als ob sie sich unterhalten wollten, aber nicht wüssten, wie sie anfangen sollten.

Harry steuerte das andere Ende des Tisches an, wo er Hermine ausmachen konnte, die mit einer Hand gebratenen Speck aß und mit der anderen die Seiten des Zauberkunstbuches der ersten Klasse durchblätterte.

„Du bist früh auf", sagte sie, als er sich neben sie setzte und sich von dem ersten Räucherhering nahm, den er seit fünf Jahren gesehen hatte.

„Mein Hirn denkt, es ist gestern Nachmittag", sagte er. „Und mein Kopf tut weh. Vielleicht sollte ich Sofia um ein Portlag-Mittel bitten."

„Oh nein, Harry", sagte Hermine und schloss ihr Buch. „Portlags gehören zu den unheilbaren Krankheiten, genau wie ein Kater, kannst du dich nicht erinnern? Sie wird dir nur eine Mütze Schlaf verordnen und eine Gardinenpredigt. Nicht, dass du nicht eine gebrauchen könntest. Eine Mütze Schlaf, meine ich... wenn Gardinenpredigten bei dir helfen würden, hättest du schon vor Jahrhunderten eine bekommen müssen."

„Sei still", sagte er lächelnd und bei diesen Worten klang sein Akzent genau wie Kats. Als nächstes würde er sich dabei erwischen, das „r" zu rollen, wenn er nicht aufpasste.

Jetzt, da die besonderen Festtischdecken verschwunden waren, konnte er sehen, dass die Kante des Tisches vor ihm zerkratzt und splittrig war. Er sah sich in der Halle um, und fühlte, wie sich seine Brust zusammenzog, als er überall die Spuren der Zerstörung entdeckte.

Die meisten Tische waren zerschrammt oder angeschlagen, und ein paar waren in der Mitte auseinandergebrochen und wieder zusammengeflickt worden. In der Wand hinter dem Lehrertisch waren riesige Löcher, als ob etwas mit hoher Geschwindigkeit dagegen geschleudert worden wäre, und die Spuren auf dem Boden sahen aus, als wären sie von Krallen verursacht worden…

Er fragte sich, wie es wohl ausgesehen haben musste, bevor das Kollegium den Sommer damit verbracht hatte, aufzuräumen.

Auch hier war die Luft seifig von den Überresten Dunkler Magie; so sehr, dass Harry sich wunderte, ob es allein von alten Flüchen herrührte. Er sah über seine Schulter.

„Erwartet, einen alten Feind zu sehen, Potter? Du hast Glück", sagte Malfoy und fegte an ihm vorbei, um sich auf Hermines andere Seite zu setzen. Nur durch pure Willenskraft, sprang Harry nicht von seinem Stuhl auf.

Hab ein bisschen Stolz, Potter, sagte er zu sich selbst. Der Kerl ist immer noch ein eingebildetes Frettchen, aber das ist kein Grund, so nervös zu sein. „Hör zu, Malfoy", sagte er. „Hermine mag dir vertrauen, aber ich habe mein Urteil noch nicht gefällt."

Malfoy zog nur eine Augenbraue hoch. „Noch zu keiner Entscheidung gekommen, Potter? Nun, wie wäre es mit einer leichten für den Anfang", sagte er. „Wenn du von deiner Heimkehrstimmung zu bewegt bist, um zu essen, werde ich dir den Bratapfel abnehmen, den du in der Hand hast."

„Hör auf zu schnorren, Draco." Hermine schlug auf seine Hand, als diese sich an ihr vorbeischleichen wollte. „Harry braucht alles, was er an Essen bekommen kann. Hast du in Amerika überhaupt irgendwas gegessen? Du bist ausgemergelt."

„Es geht mir gut", sagte Harry zum gefühlten hundertsten Mal.

Der Lärmpegel im Raum schwoll an, als mehr Schüler hereinströmten. Harry hasste es, sie an den demolierten Tischen sitzen zu sehen. Das Unterrichten würde eine Herausforderung werden, aber er schwor sich, so viel Zeit wie möglich in die Restauration Hogwarts´ zu stecken.

„Sind deine Zimmer schön, Harry?", fragte Hermine. „Ich bin im vierten Stock. Penelope wird mir dabei helfen, den Zauber zu finden, den sie für die Decke hier drin benutzt haben, denn wenn ich die Wände verzaubern kann, werde ich Ausblick auf den See haben..."

Auf einmal ertönte ein Schrei von den Schülertischen. Harry sah gerade rechtzeitig auf, um mitzubekommen, wie eine der jungen Slytherins mit einem seltsam gebrochenen Heulen, samt Stuhl, nach hinten umkippte.

McGonagall erreichte sie zuerst, Malfoy dicht hinter sich. „Ich will nichts mehr von diesem abergläubischen Unsinn hören", sagte sie streng, als Harry dazukam.

„Aber, Professor, Crabbes Stuhl…"

„Niemand sitzt jemals..."

Malfoy kniete neben dem Mädchen, deren Fersen auf den Boden trommelten. „Petrificus Totalus", sagte er und sie erstarrte. Er sah zu McGonagall auf. „Kitty, schaffst du diese blutrünstigen kleinen Irrwichte aus dem Weg, während ich..."

McGonagall hielt die Schülerherde zurück, als Malfoy mit weicher, undeutlicher Stimme zu murmeln begann. Harry verspannte sich, doch dann erkannte er die Worte als die eines Verwandlungsspruches – Malfoy ließ den Stuhl zu einer Bahre werden. Er sprach seine Zauber immer noch wie ein Muttersprachler aus, mit lauter Elisionen und verschluckten Endungen. Harrys Zauber erfüllten voll und ganz ihren Zweck, aber verglichen mit Malfoy hatte er immer das Gefühl gehabt, als lese er die Worte aus einem Buch ab.

Die Augen des Mädchens waren nach wie vor geöffnet, bewegten sich hektisch, und an ihren Armen und Händen und ihrem Kiefer konnte Harry sehen, wie die Muskeln gegen den Zauber kämpften. Sein Blick fiel auf ein gekochtes Ei, dessen Schale noch nicht aufgeschlagen worden war. Er schnappte sich das Ei, kniete sich an die andere Seite des Mädchens und führte es leise murmelnd über ihr Gesicht; ein schwaches Prickeln ließ seine Fingerspitzen vibrieren. Tyndall de Soto, der Spezialist für lateinamerikanische Magie des Zirkels, hatte ihm beigebracht, eine Verzauberung in einem Ei zu bannen und anscheinend funktionierte der Zauber sogar, wenn es sich dabei um ein gekochtes Frühstücksei handelte.

Schemenhaft nahm er Malfoy auf der anderen Seite des Mädchens wahr, der nach wie vor den Stuhl mit seinem Zauberstab berührte und dabei vor sich hin murmelte. Der Bahre begannen Räder zu wachsen, dann Bänder, um die Arme und Beine des Mädchens zu fixieren. Ihre Verspannung löste sich in dem Moment, in dem Malfoys letztes Wort ihre ziemlich geschmacklose Kette in ein Kopfkissen verwandelte.

Harry legte das Ei in Malfoys Hand. „Sag Sofia, dass es gekocht wurde. Sie wird vielleicht trotzdem in der Lage sein, das Eigelb auszuwerten. Wenn sie es vorher noch nie gemacht hat, kann ich ihr helfen, sobald wir Herr dieses Massenauflaufs hier geworden sind."

„Na also", pfiff Cypherus Summs anerkennend, als ein Vertrauensschüler Malfoy zu Hilfe eilte und sie die Bahre wegrollten. „Das nenne ich Teamwork."

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McGonagall erklärte den Slytherin Gemeinschaftraum zum sichersten Platz für die Schüler. Der Raum lag unterirdisch und Schutzzauber über Schutzzauber waren darüber verhängt worden, aber Harry war dennoch um ihre Sicherheit besorgt.

„Isch ´abe den Petrificus entfernt und durch einen Consopium ersetzt… ein magisches Koma", erklärte Sofia Harry in ihrem weichen Akzent, als er später zur Krankenstation kam. „Isch konnte die Krämpfe nischt anders stoppen, und isch hatte Angst, dass sie sisch selbst verletzt. Aber, ´Arry, isch weiß nischt, was isch mit diese Ei anfangen soll."

Der Rest des Kollegiums versammelte sich in einem Kreis um Harry, als er das Ei in ein Glas Wasser schlug, aber offensichtlich funktionierte dieser Teil von Tyndalls Curanderismo nur mit einem rohen Ei; er konnte nichts aus der Form des Dotters herauslesen, ganz gleich, aus welchem Winkel er ihn anschielte.

„Harry, singst du?"

Verschämt schloss er seinen Mund und schüttete die Mixtur aus Wasser und weichgekochtem Ei in das Waschbecken der Krankenstation. Hermine sah ihn immer noch erwartungsvoll an.

„Cherokee-Gesang", erklärte er ihr. „Soll deinen Manito zu dir rufen... deine Kraft, deine Magie, was auch immer. Sundays schlechte Angewohnheit, es bei der Arbeit zu summen, hat auf alle abgefärbt. Eine Zaubertränke-Stunde im Zirkel ist wirklich ein Hörerlebnis."

„Arbeitest du immer ohne Stab?", fragte Charlie, und Harry bemerkte, dass sein Stab noch in seinem Ärmel steckte.

„Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Florida habe ich Dr. Bokor dabei geholfen, einen Fluch mit einem Pfannenwender aufzuheben. Danach habe ich verstanden, wofür Stäbe gedacht sind."

McGonagall beugte sich über das Bett des Mädchens. „Ich befürchte stark, das ist der gleiche Fluch, der Argus Filch getroffen hat, als er versucht hat, den Zaubertränke-Flügel zu öffnen", sagte sie.

Filch hatte den Krieg überlebt, aber der Zustand der Schule veranschaulichte nur zu deutlich, dass er nicht länger als Hausmeister arbeitete. Harry hatte angenommen, er wäre schlicht in Rente gegangen. „Was ist mit ihm passiert?"

„Poppy hatte eine kleine Menge Nervalitum, einen starken Nervenerneuerungstrank. Severus hat ihn erfunden", sagte McGonagall. „Solange sie Argus das verabreichen konnte, wurden seine Anfälle in der Schwebe gehalten und sein Körper konnte sich selbst heilen. Als es zur Neige ging..."

„Ihr konntet nicht mehr davon herstellen?"

„Man benötigt pulverisierten Narrwalstoßzahn dafür", sagte Madeleine Aerie, „der unmöglich aufzutreiben ist, jetzt, wo das Ministerium ihn neu eingestuft hat. Wir konnten nicht an Professor Snapes Vorräte gelangen, und keiner von uns hat seine zwielichtigen Kontakte, was noch viel bedauerlicher ist."

„Ironischerweise", fügte McGonagall hinzu, „begann Argus deswegen mit dem Zaubertränke-Flügel, weil wir Severus´ Unterkunft nach Büchern, Aufzeichnungen und Zutaten durchsuchen wollten, die wir nirgendwo sonst herbekommen konnten." Sie seufzte. „Poppy hielt Argus zehn Monate lang mit Animaserum am Leben, einem gebräuchlicheren systemischen Stärkungsmittel, aber er krampfte kontinuierlich und sein Körper siechte dahin."

„Wo ist Madam Pomfrey überhaupt?", fragte Harry.

„Tot", bemerkte McGonagall knapp.

Sie starrte auf die Stelle, an der das Fenster hätte sein sollen, mit einer Hand ihren Nacken reibend. Sie sah unglaublich verbraucht aus.

Schließlich fragte Harry sie: „Was war das mit dem Stuhl?"

„Das war Victor Crabbes Stuhl und die dümmeren Schüler glauben, er wäre verflucht", sagte sie.

Sie hatte Malfoys Verwandlung des Stuhls schon rückgängig gemacht. Er stand in der Ecke und sah haargenau so aus wie jeder andere gewöhnliche Stuhl.

„Wir haben jeden gefragt", sagte Charlie, „und es gibt keine Anzeichen für irgendetwas Ungewöhnliches. Sie hat sich hingesetzt, sie hat geschrieen, mehr wissen wir nicht."

McGonagall starrte den Stuhl an. „Irgendetwas", sagte sie, „ist hier faul."