Auf den ersten Blick
Miss Granger lag am hintersten Krankenbett und war durch mehrere schwebende Vorhänge vor neugierigen Blicken geschützt. Severus erkannte Potter und Weasley sowie eine kleinere zierlichere Gestalt am Bett stehen. Vermutlich Miss Weasley, er sah sie öfters mit Miss Granger zusammen. Er blieb einige Meter vor dem Bett stehen und fühlte sich auf einmal wie ein Eindringling.
Potter und Miss Weasley hielten jeweils die Hand von Miss Granger. Die blutgetränkten Laken von der Nacht davor waren gewechselt worden.
Severus beobachtete die Gruppe und fühlte eine leichte Schwermut aufkommen. Er erinnerte sich an seinen Krankenflügelaufenthalt im sechsten Jahr. Dabei hatte er sich nach einem Streich von den Rumtreibern verletzt. Wenn Miss Granger aufwachen sollte, würden ihre Freunde bei ihr sein und ihr den Trost und die Sicherheit spenden, die Severus damals verwehrt blieb. Er wachte, wie seitdem an jeden Morgen, alleine auf.
Er spürte jemanden hinter sich und bemerkte den Schulleiter, der ihn neugierig anblickte.
Severus sammelte sich geschwind und ließ sich nichts von seinen Gedanken anmerken.
Er wollte sich umdrehen und gehen, brachte es jedoch nicht über sich. Irgendetwas behielt ihn hier, irgendetwas ließ es nicht zu, dass er sich abwendete.
Dumbledore zeigte ein belustigtes Glitzern in seinen Augen, welches Severus sofort mit einem Augenverdrehen konterte und machte sich auf den Weg zu den Freunden. Er sprach einige aufmunternde Worte und hörte sich jene Geschichte vom Vorabend vermutlich schon zum fünften mal an.
Severus stand noch immer wie angewurzelt da und ließ seine Gedanken unfreiwillig in die Vergangenheit schweifen. Er erinnerte sich an die Einsamkeit die er fühlte, die er immer noch fühlte.
Er fand sich irgendwann mit seinem Schicksal ab und benutzte die unerwiderte Liebe zu Lilly als Schutz vor weiteren Enttäuschungen. Liebe und Hoffnung führten nur unweigerlich zu Schmerz und Enttäuschung und davon hatte er bereits genug in seinem Leben erfahren müssen.
Er merkte nicht wie sich die Gruppe vor ihm auflöste und an ihm vorbei schritt. Als er von seinem Tagtraum erwachte fand er sich alleine mit Miss Granger wieder.
Er ging zu ihr, wenn er sich selbst fragen würde warum, hätte er keine Antwort für sein Verhalten. Er war wie hypnotisiert. Als er an ihrem Bett ankam, erschrak er. Die Narben waren nicht verschwunden, im Gegenteil, im fahlen Tageslicht, welches durch die großen Fenster strömte, leuchteten sie in einem noch aggressiveren rot als in der Nacht zu vor. Severus studierte ihr Gesicht und befand, dass die Narben ihrer Schönheit nicht abträglich war. Er erschrak vor seinem eigenen Gedanken und schollt sich.
Er stand hier und starrte unverfroren auf ein schutzloses, verletztes Mädchen und befand sie zu allem Überfluss auch noch für schön. Severus ärgerte sich über sich selbst, brachte es jedoch immer noch nicht über sich, zu gehen.
Er stand wie zuvor im Gang angewurzelt da und genoss die Nähe. Man konnte es genießen nennen. Wie jeder andere Mensch auch verspürte Severus den Drang nach menschlicher Nähe. Jedoch ging die meist mit Vorteilen, Erwartungen, Gerede und zu guter Letzt Boshaftigkeit einher . Doch jetzt konnte er die Nähe ohne Blicke, ohne Rechtfertigung genießen.
Severus wusste nicht wie ihm geschah und er nahm ihre Hand sanft in seine. Der Kontakt verströmte ein solches Glücksgefühl in Severus Körper, dass er diesen nicht beenden konnte. Er fühlte wie sein Herz schneller schlug, seine Magenregion warm wurde und atmete tief ein. Er weigerte sich die Situation zu analysieren, kostete das Gefühl voll aus und schloß seine Augen.
Auf einmal spürte er einen Druck in seiner Hand und öffnete seine Augen.
Miss Grangers Augen bewegten sich unruhig und öffneten sich langsam. Sie blinzelte und blickte benommen umher. Als sie ihn bemerkte sah sie ihn direkt an.
Es fühlte sich an, als würde sie ihn zum ersten mal richtig sehen. Ohne Furcht oder Misstrauen, ohne Ehrgeiz oder Wissensdurst. Sie sah ihn einfach an. Severus war erstarrt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Als er hinter sich einen Lärm hörte erwachte er aus seiner Starre und ließ ihre Hand los als hätte er sich verbrannt. Der Verlust des Kontaktes war sofort spürbar. Severus fühlte, wie sein Körper nach dem Kontakt gierte.
Er schritt zurück und drehte sich zu Madame Pomfrey um „Oh Miss Granger, es ist so gut Sie wach zu sehen! Wie geht es Ihnen!? Sie haben uns einen riesen Schreck eingejagt!" Hermine wandte ihren Blick von Severus ab und antwortete mit schwacher Stimme. Madame Pomfrey wuselte geschäftig um sie herum. Sie warf einen Blick zu Severus und bat ihm dem Schulleiter Bescheid zu geben, dann wandte sie sich wieder Hermine zu. Severus brauchte einen Moment um sich abzuwenden und zu gehen.
