Die innere Schwäche

Wenige Tage vergingen, die immer mit dem selben Vorsatz begannen.

Severus nahm sich jeden Morgen vor, Hermine nicht im Krankenflügel zu besuchen. Zumindest solange bis er wusste, was mit ihm geschehen war. Jeden Abend stand der vor den Türen des Krankenflügels und haderte mit sich selbst. Jedes mal entfernte er sich ein paar Schritte, jedes mal hielt er an, seufzte resignierend und schritt schnellen Schrittes zurück und trat in den Krankenbettessaal ein.

Er wusste wie viele Schritte er brauchte, um zu ihrem Bett zu gelangen.

Er wusste um welche Uhrzeit ihre Freunde bei ihr waren.

Er wusste wann Madame Pomfrey nach ihr sah.

Er wusste all das, weil ihn seine Beine unzählige male am Tag zu diesem Ort trugen.

Er wusste nur nicht, warum all das geschah. Professor Babbling hatte immer noch keine Antwort für ihn.

Der Schulleiter fragte ihn ständig über sein Befinden aus, natürlich wusste der alte gerissene Mann was geschah, doch Severus gönnte ihm die Bestätigung nicht.

Er konterte stets mit der selben eintönigen Antwort „Ich hasse diesen Ort und alles was sich darin befindet. Jeder Tag ist eine Qual. Darf ich nun bitte weiter leiden?"

Severus gestand ihm das Wissen nicht zu. Nicht bevor Dumbledore ihm die Wahrheit über den Zauber sagte. Doch dieser lachte jedes mal über Severus sarkastische Antwort und hüllte sich wieder in Schweigen.

Jeden Abend fragte ihn Hermine warum er hier sei. Jedes mal tischte er ihr die selbe Lüge vor

„Der Schulleiter hat mir diese ehrenvolle Aufgabe geschenkt, die Prinzessin von Gryffendor zu bewachen."

Dabei betonte er gekonnt gewisse Worte und verlieh somit der Aussage eine schneidende Note. Hermine sah ihn mit dem selben offenen und furchtlosen Blick an, erwiderte jedoch nichts darauf. Sie schwiegen sich an und Severus schätzte jede Sekunde.

Obwohl sich sein Körper danach verzehrte, berührte er sie nicht. Insgeheim hoffte er, dass sie bei wenigstens einem seiner Besuchen schlafen würde. So konnte er wieder ihre Hand halten. Jedoch schien sie jedes mal in seiner Nähe aufzuwachen, ungeachtet wie leise oder vorsichtig sich Severus ihr näherte.

Am vierten Tag jedoch hielt er es bis in die Nachtstunden aus und schlich im Mondlicht an ihr Bett. Sie hatte die Augen geschlossen und sein Herz schlug schneller. Er war beinahe belustigt als er sich vorstellte, wie die Szene wohl für einen Beobachter aussehen musste.

Er griff langsam nach ihrer Hand und verspürte bei der Berührung das bekannte Glücksgefühl.

Es durchströmte seinen ganzen Körper und er schloss automatisch seine Augen um das Gefühl noch mehr genießen zu können.

Jegliche Vorsätze, jegliche Logik und Selbstbeherrschung waren dahin. Severus war es nicht gewohnt machtlos zu sein und er hasste es. Seit Jahrzehnten baute er an einer undurchdringbaren Mauer um sich und vor allem sein Herz. Er gab nie einfach seinen Trieben nach, er hatte sich immer unter Kontrolle. Und gerade das war, was er gerade nicht besaß. Er hatte keine Kontrolle über sich selbst, und das machte ihm Angst.

Wie war es dazu gekommen? Er brauchte Antworten. Er nahm sich vor den Schulleiter ein letztes mal damit zu konfrontieren und -wenn nötig - Konsequenzen anzukündigen. Schließlich konnte er sein Doppelleben nicht unter diesen Umständen führen.

Aber zuerst genoss er noch für ein paar Minuten die Berührung. Schließlich wusste er ja nicht, wann die nächste Gelegenheit kam. Und es machte nun auch keinen Unterschied mehr. Severus ärgerte sich tief im inneren erneut über seine Schwäche, jedoch schüttelte er den Ärger schnell ab.