Severus lag in seinem Bett. Hellwach. Es war mitten in der Nacht und er fühlte sich erschöpft und müde- dennoch wollte der ersehnte Schlaf nicht kommen. Severus Gedanken waren im Krankenflügel und er vermochte es nicht sie zu etwas anderem zu lenken. Er wollte nichts lieber als sofort zu ihr zu gehen, zumindest in die Nähe, aber seine Sturheit hatte die Oberhand. Noch.
Er weigerte sich noch immer dem Gefühl nachzugeben. Wie sollte das für ihn enden? War seine Erfahrung mit Lily nicht genug, musste er sich noch einmal beweisen, dass er keine Liebe verdiente? Selbst wenn Hermine so empfinden würde wie er, und sie aus unerklärlichen Gründen ihre Zeit mit ihm verbringen wollen würde, er würde etwas tun oder sagen was sie vergrault. Und dann wäre er wie zuvor alleine, nur mit gebrochenem Herz.
Außerdem-
Sollte er der vierte im Bunde sein und gemeinsam mit Potter und Weasley umher ziehen und den dunklen Lord bekämpfen? Severus erschauderte bei dem Gedanken. Ehe würde er sich das Leben nehmen. Abgesehen davon würde ihn das Gryffendor Trio nie aufnehmen. Zu tief saß das Misstrauen und der Hass- beides hatte er selbst geschürt und er konnte gut damit leben.
Dennoch – der Gedanke, dass Hermine ihn hasste oder ihn misstraute gefiel ihm nicht. Vielleicht sollte er zumindest in Richtung Krankenflügel gehen. Severus ertappte sich dabei schwach zu werden. Nein er würde liegen bleiben und wenn es die ganze Nacht dauern sollte.
Eine Stunde später stand Severus Snape voller Selbsthass vor den Toren des Krankenflügels. Regungslos debattierte er mit sich selbst, ob er hinein gehen sollte. Schließlich befand er, dass es nun keine Rolle mehr spielte und schritt vorsichtig durch das Tor. Wie die Nächte zuvor schlich er lautlos bis ans Ende des Raumes fand ein leeres Bett vor. Severus erstarrte und seine Augen suchten den Raum ab. Wo war sie hin? Panik kroch in ihm hoch, wo war sie? Er stand noch einige Minuten in den leeren Raum und starrte auf das unberührte Bett.
Die Angst wurde durch Ärger ersetzt. Warum musste sie unbedingt heute entlassen werden. Warum konnte sie nicht warten? Niemand konnte sich nach so einer Attacke so schnell erholen, aber natürlich musste die junge Gryffendor ihren Mut oder ihre Dummheit wieder einmal unter Beweis stellen.
Severus verdrehte entnervt die Augen. Die Enttäuschung war körperlich spürbar. Er machte sich auf den Weg zurück und kam sich noch lächerlicher vor . Als er vor seinem Quartier ankam, bemerkte er eine Gestalt die vor seinem Portrait stand. Es war Hermine. Anscheinend sah sie ihn in der Dunkelheit, denn sie blickte ihn direkt an. Er hatte den einen oder anderen schneidenden Kommentar auf den Lippen, brachte es aber nicht über sich einen davon auszusprechen. Er war zu erleichtert für jegliche Boshaftigkeit und genoss die Nähe. Hermine wartete noch einige Momente und sprach schließlich auf. „Madame Pomfrey hat mich heute entlassen. Ich wartete vor dem Krankenflügel aber Sie kamen nicht. Also bin ich hier her gekommen."
Sie sagte dies als wäre das das Selbst-verständlichste auf der Welt. Sogar eine Spur vonVorwurf schwang mit- ER kam nicht. Severus nahm ihre Wörter auf und überlegte fieberhaft was er darauf entgegnen sollte.
Er öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Hermine zog eine Augenbraue fragend hoch. Severus ärgerte sich über seine Unbeholfenheit und spürte den Zorn in ihn hochsteigen. Wie kam sie dazu anzunehmen, dass er sie wie ein Hund aufsuchen würde? Severus wusste tief im inneren, dass er nur eine Ausrede suchte um sie nicht in seine Nähe zu lassen, jedoch gewann sein Trotz die Oberhand. „Ich informiere Sie darüber Miss Granger, dass ich als Lehrer dazu verpflichtet bin die Sicherheit jedes Schülers zu gewährleisten. Ich weiß nicht was Sie sich eingebildet haben für mich zu sein, aber ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, dass Sie sich irren. Bitte entfernen Sie sich nun von meinen Quartieren bevor ich Punkte abziehe."
Severus versuchte so viel Kälte und Abscheu wie er aufbringen konnte in die Worte zu packen, er hatte nur nicht damit gerechnet wie schwer es ihm fallen würde. Jedes Wort schmerzte ihn und er brauchte seine ganze Selbstbeherrschung den Satz ungebrochen zu ende zu führen. Hermine sah ihn an und er konnte sehen, dass sie die Worte getroffen haben. Er wusste nicht wann er sich das letzte mal so elend gefühlt hatte. Er hoffte sie würde gehen und ihn fortan hassen, damit er sich in Ruhe seinem Selbsthass hingeben konnte, gleichzeitig raubte ihm der Gedanke daran den Atem.
Als sie keine Regung zeigte, wurde er unsicher und stieg von einem Fuß auf den anderen. Als er sie musterte fiel ihm auf, dass sie nur einen Schlafanzug trug. Er spürte die Kälte obwohl er einen Mantel anhatte. Der Gedanke, dass ihr kalt sein könnte war für Severus so unerträglich, dass er schließlich handelte.
Er räusperte sich und nahm seinen ganzen Mut zusammen „Wollen Sie." Seine Stimme versagte, Severus raunte auf und ärgerte sich über sich selbst. „Wollen Sie?" Er deutete auf das Portrait und hoffte Sie würde ihn verstehen. Auf einmal fiel ihm auf wie aufdringlich und zweideutig diese Frage klang. Bevor er sich erklären konnte sagte Hermine „Gerne." und ging einen Schritt zur Seite. Severus atmete erleichtert auf, anscheinend hatte sie seine Frage richtig verstanden. Er murmelte das Passwort und die Türe öffnete sich. Severus durchzog erneut eine Unsicherheit, noch nie hatte er weiblichen Besuch. Nicht einmal Mcgonnagal war in seinem Quartier zu Gast. Er beobachtete Hermine und versuchte die kleinste Spur von Unbehagen zu erkennen, diese schritt jedoch sofort zu den raumhohen Bücherregalen und strich mit ihrer Hand andächtig über den einen oder anderen Buchrücken. Severus beobachtete sie wortlos und überlegte was er nun tun sollte, was sie von ihm erwartete.
Als Hermine sich zu ihm umdrehte und sah wie er nervös mit seinen Fingern spielte musste sie unweigerlich lächeln. Er hatte alles von seiner kalten, furchteinflößenden und sarkastischen Art verloren und wirkte viel mehr wie ein Teenager als ein erwachsener Mann. Severus sah ihr Lächeln und versuchte etwas boshaftes darin zu erkennen, als er nichts als Aufrichtigkeit fand erwiderte er ihr Lächeln auf seine eigene Art mit einem schiefen Grinsen. Severus fand neuen Mut und erzählte Hermine von den Aufzeichnungen die er gefunden hatte. Als er ihre Begeisterung für die alten Schriftstücke und die Anerkennung für die Übersetzung bemerkte, beschloss er Professor Babbling nicht zu erwähnen. Sobald er das Thema angefangen hatte, führten sie eine angeregte Unterhaltung. Severus genoss Hermines Ergänzungen und Fragen. Er genoss es, dass sie keine Probleme hatte seinen Gedankengängen zu folgen. Gleichzeitig fühlte er sich durch ihre Nähe in einen Hochzustand versetzt und vergaß sofort seine zuvor verspürte Müdigkeit.
Hermine erzählte ihm, dass sie sich stärker fühlte und die Kälte die sie eigentlich plagen sollte, nicht empfand. Er merkte, dass sie ihm nicht alles erzählte, sagte jedoch nichts.
Sie redeten bis zum Morgengrauen und Severus wusste, dass sich ihre Wege bald trennen würden. Seine Stimmung wurde trüber und er fühlte sich müde. Zu seiner Überraschung wirkte Hermine hellwach und ausgeruht. Die Narbe zeigte ein weniger aggressives rot und ihre Haut hatte einen gesunden Braunton. Als er ihren Magen knurren hörte, bat er sie schließlich hinaus. Kurz überlegte er ob er einen Hauselfen bitten sollte, Essen für Hermine in seine Kammern zu bringen. Jedoch verwarf er den Gedanken. Als Hermine aus dem Portrait hinausschritt und sich verabschiedete, verspürte Severus die ihm mittlerweile gut bekannte Leere. Er fühlte sich allein und ihm war kalt. Er rekapitulierte die vergangene Nacht und ging die Unterhaltungen immer wieder in seinem Kopf durch. Severus würde es vermutlich niemals zugeben aber es war eine der schönsten Stunden die er seit einer sehr langer Zeit erlebt hatte. Er stand auf und ging ins Badezimmer, er spritzte sich kaltes Wasser in sein Gesicht und sah sich im Spiegel. Warum jemand wie Hermine auch nur eine Sekunde mit so jemanden wie ihm verbringen wollen würde, war ihm ein Rätsel. Dennoch war es eines der wenigen Rätsel die Severus nicht beabsichtigte zu lösen.
