Ehe er sich versah, spürte er einen Zug in seinem Bauch und seine Umgebung verschwamm. Er konnte gerade noch Potter wahrnehmen, der auf ihn zulief- eher dieser ebenfalls zu einem Farbengewirr wurde und verschwand.
Als seine Umgebung wieder klare Züge annahm, spürte er wie seine Beine unter ihm nachgaben. Er wappnete sich für den Aufprall, der jedoch nicht kam. Etwas hielt ihn fest. Jemand hielt ihn fest. Hermine hielt ihn fest. Obwohl er sich an ihre stärke eigentlich gewöhnt hatte, wurde er immer wieder davon überrascht. Sie hielt sein Gewicht mit einer Mühelosigkeit die aufgrund ihrer zierlichen Statur fast komödiantisch wirkte.
Severus durchzog ein Gemisch von Gefühlen. Er spürte den Schmerz von Dumbledores Verlust, die Verzweiflung von seine Tat aber auch pures Glück und Erleichterung. Sie war zu ihm zurückgekehrt. Sie hatte ihn nicht verlassen. Sie war sogar soweit gegangen, sich zwischen ihn und ihrem Freund zu stellen und hatte sich offensichtlich für ihn entschieden- obwohl er sie weggeschickt hatte.
Severus klammerte sich noch immer an Hermine fest. Er hatte angst, sollte er sie loslassen, würde sie verschwinden und er würde aufwachen. Auf der kalten und feuchten Wiese vor Hagrids Hütte.
Er konnte nicht anders als hoffen, dass Potter nicht so blind vor Trauer war und etwas dummes tat. Doch bevor er sich damit befassen konnte, musste er mit Hermine wieder alles ins Lot bringen. Er dachte fieberhaft nach, was er ihr sagen sollte. Wie er sich erklären sollte. Vielleicht wusste sie nichts von den Ereignissen auf dem Turm. Severus packte die gleiche Angst wie einige Nächte zu vor. Nur diesmal würde er nicht feige davon laufen. Er würde sich Hermine öffnen und dann ihre Entscheidung abwarten und diese akzeptieren. Die vergangenen Wochen lehrten ihn- es gibt kein Leben ohne sie. So furchtbar klischeehaft das auch klingt, dachte er und unterdrückte ein Seufzen. Er räusperte sich und setzte zum sprechen an als sie ihn unterbrach.
"Dumbledore hat es mir erzählt, viel mehr geschrieben. Warum das passieren musste, was geschehen ist. Ich weiß es." Severus war starr. Er wusste nicht was er sagen sollte. In dem Moment fühlte er eine Welle der Dankbarkeit und der Trauer über sich kommen. Dumbledore hat sich vor einem Ende noch der Situation angenommen und dafür gesorgt, dass Hermine wieder bei ihm war. Severus verspürte den Verlust des alten Mannes mit einer Wucht die ihm den Atem nahm. Er konnte nicht mehr richtig atmen und schon gar nichts sagen. Hermine schien dies zu bemerken und tat das einzige, was man in so einer Situation tun konnte. Sie legte ihre Arme ganz um ihn in eine feste Umarmung. Severus Körper schmiegte sich sofort an ihren und er vergrub sein Gesicht in ihre Locken. Er spürte wie der Stress und der Druck von seinen Schultern genommen wurden. Wie zwei Puzzleteile passten sie zu einander, dachte sich Severus und musste sofort unweigerlich den Kopf über sich selbst schütteln. Er benahm sich um nichts besser als die verliebten vertrottelten 4 Klässler, die händchenhaltend durch die Gänge hüpften. Nach einigen Momenten löste er sich aus der Umarmung und sah sie an. Sie hatte sich nicht verändert, nur ihre Augen wirkten müde und traurig. Severus atmete tief durch und tat etwas, was er seit Jahrzehnten nicht getan hatte. Er entschuldigte sich.
"Es tut mir leid, dass ich ein alter grantiger verbitterter Mann bin. Ich wollte nicht, dass du gehst- ich dachte es wäre... zu deinem besten.. Weil ich ein verliebter Idiot bin.." Severus biss sich selbst auf die Zunge. Er wartete gebannt ab ob sie seinen Ausrutscher bemerkte. Sie reagierte erst nicht, und er atmete auf. Dann formte sich ihr Mund zu einem selbstgerechten Grinsen und er fluchte innerlich. Sie hatte es gehört. "Ich weiß." War das einzige was sie ihm entgegnete. Severus verdrehte die Augen und grinste schief.
Das erste mal nahm er seine Umgebung wahr und erkannte, dass sie sich in einer Wohnstraße befanden mit einer Reihe von ident aussehenden Häuser. Hermine machte einen Schritt zur Seite und ließ Severus los. Dieser hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihn die ganze Zeit über gestützt hatte und fing an zu wanken. Severus raunte innerlich. Der verfluchte Potter und sein Fluch hatten ihn doch härter getroffen als er dachte. Hermine bemerkte sein Wanken sofort und huschte erneut an seine Seite. Sie nahm seinen Arm und legte ihn über ihre Schultern. Severus beobachtete sie und genoss den Kontakt. Von weiten würden sie aussehen wie ein Liebespaar, welches einen Spaziergang im Mondlicht machte. Severus kommentierte seinen Gedanken mit einem Augenrollen.
Hermine steuerte auf ein bestimmtes Haus zu, welches einen unbewohnten Eindruck machte. Sie sperrte die Haustür auf, sagte ein paar Worte und bugsierte ihn vorsichtig hinein.
Das innere des Hauses bestätigte Severus Annahme. Es war bis auf ein paar Polster auf dem Boden komplett leer. Er sah Hermine fragend an. "Das ist das Haus meiner Elter, oder besser gesagt war. Als die Muggel Attacken auf die Eltern der Schüler anfingen, überzeugte ich sie nach Australien zu gehen."
"Aber warum haben sie dann gleich das ganze Haus ausgeräumt?"
"Weil ich davor ihre Erinnerung an mich gelöscht habe." Severus konnte den Schmerz und die Wehmut hören, die in ihren Worten mitschwang. Er festigte seinen Griff um sie und legte seine Wange an ihren Kopf. Sie drückte seine Hand und löste langsam den Kontakt. Severus wusste, sie wollte dieses Thema jetzt nicht bereden.
Als sie die Treppen hinaufgingen, fand Severus zu seiner Überraschung in eines der Zimmer ein großes überzogenes Bett vor. Sie setzte ihn darauf ab und er spürte die Müdigkeit wie eine Welle über ihn zusammenbrechen. Severus konnte nicht anders als sich hinzulegen und ihm fielen sofort die Augen zu. Er kämpfte noch einige Minuten mit sich selbst, jedoch zehrte der wochenlange Schlafentzug und die Aufregungen der Nacht dermaßen an Severus, dass er den Kampf bald verlor. Hermine versorgte einstweilen seine Wunden, die zum Glück sofort heilten. Als sie sein gleichmäßiges Atmen bemerkte, legte sie eine Decke um ihn. Sie überlegte ein paar Sekunden und legte sich schließlich neben ihn. Sie rückte so vorsichtig wie möglich an ihn ran und legte eine Hand auf sein Herz. Es schlug langsam und gleichmäßig vor sich hin. Hermine atmete auf. Die vergangenen Wochen hatten auch sie sehr mitgenommen und sie fiel nach wenigen Minuten in einen ruhigen Schlaf.
